Der Kaleidoskopmaler – Wie Pieter Bruegel d.Ä. die Zeit einfror

Von Daniel Thalheim

2019 jährt sich der Todestag von Pieter Bruegel d.Ä. zum 450. Mal. Das Kunsthistorische Museum in Wien widmet diesem Meister der nordalpinen Frühmoderne derzeit eine große monografische Ausstellung, die so umfangreich wie nie zuvor das Werk einem großen Publikum vorstellt. Unabhängig zu dieser Ausstellung erschien 2017 auch eine gewaltige Werkmonografie aus dem Haus TASCHEN.

Pieter Bruegel d.Ä. – Touristischer Magnet und Faszinosum für Künstler

2003/04 in Wien. Ich verbrachte während meines Studiums der Kunstgeschichte in Leipzig ein Semester in dieser Stadt. Doch anstatt die Vorlesungen und Seminare zu besuchen, wanderte ich durch die Stadt. Neben dem Belvedere, Schloss Schönbrunn und den zahlreichen Kirchen war auch das Kunsthistorische Museum mein Hauptziel, v.a. in den Wintermonaten. Mich faszinierten die Arbeiten von Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel d.Ä., die Hofkunst der Habsburger, die Werke von Albrecht Dürer und den Cranachs in dieser Zeit ganz besonders. Damals verband ich mein Studium der Kunstgeschichte, und insbesondere die Rudolfinische Periode in Prag, mit den Fragen rund um das Haus Habsburg im 16. und 17. Jahrhundert am Historischen Seminar in Leipzig. Dieses interdisziplinäre Denken fand v.a. an den Kunsthistorischen Instituten in Leipzig und Wien wenig Widerhall, währenddessen Historiker meinem Ansatz mehr Begeisterung entgegenbrachten. Oft, wenn ich im KHM zu Besuch war, sah ich Künstler mit ihren Staffeleien hinter den Absperrbändern vor den Bruegel-Werken stehen und beobachtete wie sie diese Werke in kleinere Formate übertrugen – und als ich mich erkundigte, in Öl auf Leinwand zum Verkauf an Touristen. Pieter Bruegels Popularität ist weiterhin ungebrochen. Wenn auch nur knapp über 40 Gemälde sowie einige Grafiken und Zeichnungen des Alten Meisters erhalten blieben, wovon ein Großteil ohnehin der Sammlung des KHM gehört. Was ihn immer noch so populär macht, sind seine gewagten, figurenreichen und vielschichtigen Kompositionen, die feine Maltechnik, die Kleines uns ganz groß erscheinen lassen würden. Nähmen wir bspw. eine Lupe und würden seine Gemälde untersuchen, so stellten wir fest, wie detailreich der Meister sogar im Kleinsten arbeitete. Diese Präzision ist bis heute unerreicht. So öffnen seine Bilder ein Kaleidoskop an Themen und geben auch einen Blick auf die Persönlickeit des Künstlers frei.

Was Ausstellung und die Werkmonografie zeigen

Viele seiner Holztafeln wurden selten bis nie der Öffentlichkeit gezeigt. Wir kennen sie höchstens aus der Fachliteratur und älteren Fotoaufnahmen. Wir können nun – sowohl in der bis Januar 2019 dauernden Ausstellung als auch in der riesigen Werkmonografie – auf kurzem Weg Vergleiche in seinem Werk anstellen, und u.a. das vor Originalen. Bruegels „Turmbau zu Babel“ in seiner „Wiener“ und „Rotterdamer“ Fassung zum Beispiel. Das KHM will die künstlerischen Techniken des niederländischen Meisters auch Laien begreifbar machen und zoomt, wie die Werkmonografie der beiden Kunstwissenschaftler Jürgen Müller und Thomas Schauerte,  so in zahlreiche pittoreske Details seiner Werke, zeigt so in welcher Art und Weise verschiedene Geschichten in Bruegels Bildern verquickt sind. Bemerkenswert sind seine Sujets aus dem bäuerlichen Leben in jener Zeit. Fast erscheinen uns Bilder wie die „Bauernhochzeit“, „Flusslandschaft mir einem Sämann“, seine Wimmel- und Jahreszeitenbilder wie eingefrorene Zustände, als hätte Bruegel einen besonders scharfen Zoom auf die Lebenswirklichkeiten seiner Mitmenschen gerichtet.

Bruegel - Das vollständige Werk (Umschlagsabbildung der englischen Edition, Foto: TASCHEN 2018/Presse)
Bruegel – Das vollständige Werk (Umschlagsabbildung der englischen Edition, Foto: TASCHEN 2018/Presse)

Dass er vor Fantasiereichtum strotzte zeigen auch seine Werke rund um alt- und neutestamentarische Szenen aus der Bibel. Auch sonst schien, wie aus der neuen Monografie hervorgeht, Bruegel ein echter Hans Dampf gewesen zu sein, der durch derbe Späße auffiel. In einer bereits 1604 erschienenen Biografie über den Meister beschrieb der Autor Karel van Manders (1548-1606), dass Bruegel seinem Kollegen Hans Vredeman de Vries (1527-1609) zotige Szenen in einem seiner Bilder hinein malte. Dass seine Bauernbilder so lebensecht wirken, hat die Nachwelt der Neugierde des Malers zu verdanken. So besuchte er als Bauer verkleidet Kirmesfeste und Bauernhochzeiten auf und unterzog sie proto-soziologischen Studien, die in seine augenzwinkernden Bilder mündeten. In gewisser Weise machte sich Bruegel über seine Zeitgenossen lustig.
Doch auch in der Landschaftsmalerei setzte Bruegel Maßstäbe. Seine Beobachtungsgabe ließ ihn realistisch getreu nach der Natur erscheinende Bilder produzieren; ein Anspruch, den bereits auch Meister der südalpinen Renaissance besaßen. Die Autoren des Monografiebatzens über Bruegel, Jürgen Müller und Thomas Schauerte, öffnen unseren Blick auf die neuste Forschungsliteratur, gehen quellenkritisch alten Werkaufzeichnungen nach und weiten unseren Horizont auf Bruegels humanistisch und künstlerisches Umfeld aus. Beide Autoren gehen Bruegels Biografie Stück um Stück nach, beleuchten seine Einflüsse, seine Auftraggeber und seine Nachfolger. Der Dürer-Spezialist Thomas Schauerte und der Dresdner Kunsthistoriker Jürgen Müller gehen akribisch Bruegels Sinnhaftigkeiten in dessen Wimmelbildern nach und schälen u.a. den damals schwärenden Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten heraus, aber auch die verschiedenen Aspekte des Volkstümlichen. Neben den kunstwissenschaftlichen Betrachtungen erhält der Leser einen umfassenden und analytischen Bildteil sowie vollständige Kataloge seiner Gemälde und Zeichnungen. In Gänze und im Detail ist die Werkmonografie über Pieter Bruegel d.Ä. ein sehr lesenswertes Buch, das noch in 20 Jahren seine Gültigkeit besitzt.

 

Abbildung oben: Pieter Bruegel d.Ä., Bauerntanz (auch: Kirchweih), um 1568 Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie – Copyright: © Kunsthistorisches Museum, Vienna, (Photo: Luciano Romano)

Der Weg zur Werkmonografie von Jürgen Müller und Thomas Schauerte

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