Visionärer Romantiker – Warum Thomas Cole ein Avantgardist war

Von Daniel Thalheim

Seine Landschaften geben Ideale wider, streben der Schönheit zu und sind voller Phantasiereichtum. Was der englische Maler Thomas Cole in seiner Lebenszeit schuf, lässt sich in eine allgemeine europäisch-amerikanische Strömung der Romantik einordnen, verlässt diese aber zugleich. Die National Gallery in London zeigt aktuell Arbeiten des Malers, der wie kein anderer Grenzen in Richtung Moderne verschob, aber zeitgleich alten künstlerischen Traditionen nachging. 

58 Gemälde hat die Londoner Nationalgalerie zusammengetragen, um den Besuchern die einzigartigen und wundersamen Landschaften von Thomas Cole (1801-1848) zu zeigen. Sie sind Glorifizierungen der nordöstlichen Gegenden der USA des frühen 19. Jahrhunderts. Cole verstand es, wie auch andere Genremaler zuvor, nicht nur die Realität zu abzubilden, sondern sie inhaltlich mit Mythen und Geschichten zu füllen. Er steht sowohl anderen britischen Malern wie William Turner (1775-1851) und John Constable (1776-1837) nahe, aber auch niederländischen Malern des Goldenen Zeitalters. Er streckt seine Fühler auch zur deutschen Romantik aus, wo Philipp Otto Runge (1777-1810) und Caspar David Friedrich (1774-1848) überhöhte Landschaften auf Leinwand schufen. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass Cole Maler wie Runge und Friedrich kannte, so steht er ihnen nahe. Einflussgebend waren eher Künstler wie Turner und Constable. Weil er als Brite in die junge USA überwechselte trug er sozusagen die Romantik in die Neue Welt europäischer Prägung. Was er suchte war die Schönheit. Den Einzug der Moderne und die Industrialisierung kritisierte der Vater der US-amerikanischen Landschaftsmalerei, weil die im 19. Jahrhundert einsetzenden Entwicklungen den Mensch von der Natur und von der Religion zusehends entfernen. Seine Allegorien setzen sich daher mit der Bedrohung der Natur durch den Menschen auseinander, und die Bewahrung der Natur durch die Kunst. 

Ausstellungskurator Christopher Riopelle sagt, dass Cole in den USA nicht so bekannt ist, obwohl er dort seine bekanntesten Arbeiten schuf. Er sagt weiter, dass das Hauptaugenmerk der Ausstellung auf die Emigrationsbewegung in die USA läge und dass ein Emigrant wie Thomas Cole aus den USA zurück nach Europa reist, um die europäische Landschaftsmlerei zu studieren und in die USA zurück gekehrt die Entwicklung der US-amerikanischen Landschaftsmalerei zu forcieren. Cole erweiterte so seinen Horizont. Er knüpfte u.a. Freundschaften wie mit dem britischen Landschaftsmaler John Constable, dessen Werk ‚Hadleigh Castle, The Mouth of the Thames – Morning after a Stormy Night‘ (1829, Yale Center for British Art, New Haven) er in London sah. Auch William Turner besuchte der aufstrebende Maler in seinem Atelier. Mit seiner Reise nach London verband Cole auch die Hoffnung, in der englischen Landeshauptstadt eine Ausstellung mit seinen nordamerikanischen Landschaften ausstellen zu können. Doch das elitäre Gebaren seiner ehemaligen Landsleute frustrierte ihn. Er reiste daraufhin nach Florenz. Dort 1831 angekommen, verbrachte Thomas Cole acht Monate mit Skizzieren, Zeichnen und mit dem Studieren der italienischen Malerei. In Florenz existierte zur damaligen Zeit eine kleine US-amerikanische Community mit der er in Verbindung trat. Seine Reise führte ihn u.a. nach Rom und Tivoli, sowie in die Region Kampanien, die eine beliebte Gegend für viele europäische Maler war, u.a. auch für Carl Blechen (1798-1840). Inspiriert kehrte er nach Florenz in sein Atelier zurück und schuf die beiden Werke ‚A View near Tivoli (Morning)‘ (1832, The Metropolitan Museum of Art, New York) und ‚Aqueduct near Rome‘ (1832, Mildred Lane Kemper Art Museum, Washington). In seine Heimat nahm er  Inspirationen für viele weitere Gemälde mit, aber auch Freundschaften. In den folgenden fünf Jahren malte Cole in New York wahrscheinlich seine stärksten Arbeiten. Auf Basis seiner Skizzen und Zeichnungen komplettierte er bspw. ‚The Course of Empire‘ und das Bild ‚The Oxbow‘. Bevor er plötzlich im Alter von 47 Jahren im Jahr 1848 verstarb gründete er die erste Amerikanische Schule für Landschaftskunst. Generationen von Malern und Künstlern folgten Thomas Coles Vision, die Natur wiederzugeben. Größen wie Frederic Edwin Church (1826-1900) und Asher Brown Durand (1796-1886) schufen in direkter Nachfolge von Thomas Cole eindrucksvolle Werke, die stark in Erinnerung an ihren Lehrer stehen. Ed Ruschas (*1937) Zyklus „Course Of Empire“ arbeitet sich an Thomas Coles Gemäldereihe „The Course Of Empire“ inhaltlich und mit zeitgenössischer Diktion ab. Der Direktor der National Gallery in New York, Dr. Gabriele Finaldi, schält die Bedeutung Thomas Coles als passionierter Einflussgeber für die Landschaftsmalerei in den USA heraus. Sein Werk stünde für einen Neubeginn der US-amerikanischen Malerei, die von europäischer Malerei inspiriert sei. Er lässt aber aus, dass Coles Arbeit noch stark europäischen Traditionen nachging, wenngleich auch nordamerikanische Landschaften und seine Vision eines nordamerikanischen Edens in seiner Arbeit große Rollen spielen. Natürlich dürften Gabriele Finaldis Ausführungen zufolge Coles Bilder auch für seine Skepsis gegenüber der industriellen Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft stehen. Thomas Cole dürfte mit dieser Position aufgrund der wachsenden Skepsis gegenüber der aufkommenden Digitalisierung der Gesellschaft auch als Avantgardist gelten.

 

Die Ausstellung Eden To Empire von der National Gallery in London läuft noch bis zum 7. Oktober. Begleitend wird die Schau „Course Of Empire“ von Ed Ruscha gezeigt.

 

Abbildung: Thomas Cole, The Course of Empire: The Consummation of Empire, 1835–6. Öl auf Leinwand, 130,2 x 193 cm,  im Besitz der New-York Historical Society. Digital image created by Oppenheimer Editions (National Gallery London Press 2018)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s