Fernöstliche Romantik – Young Ju Yim dringt ins Innerste vor

Von Daniel Thalheim

Wer „Cloverfield“ hört, denkt sofort an den gleichnamigen Streifen, wo Außerirdische in New York die Menschen dem Boden gleichmachen. Dabei ist ein Kleefeld doch ein Ort, wo Hummeln und Grillen sich „Guten Tag“ sagen. Für den Koreaner Young Ju Yim ist „Cloverfield“ ein Platz des inneren Rückzugs, eine Blase, wo das Ich sich ausleben und zu sich selbst finden kann. In Leipzig bestreitet der produktive Koreaner derzeit seine dritte Einzelausstellung in der Galerie Potemka.

Kulturelle Transmissionen

Es ist einer dieser Tage Anfang September, die den Herbst ankündigen. Sonnig zwar, aber nicht mehr so heiß wie in den Vormonaten. In der Aurelienstraße wird gebaut. Gasleitungen werden verlegt. Bagger und Laster rumpeln. Mitten in diesem Baulärm baut die Galeristin Lu Potemka eine Ausstellung auf, die es in sich haben könnte. An den weiß getünchten Wänden hängen Gemälde, deren Sujets förmlich zu explodieren scheinen. Ein Regen aus unreiner Farbe, scheinbar zunächst auf die Leinwand gekratzt, geklatscht, getropft oder gespritzt, aus denen Figuren entstehen, sich ganze Landschaften mit ihren räumlichen Tiefen vor unseren Augen ausbreiten. Die Gemälde werden von schwarzen Hasen, Fabelwesen und Menschen bevölkert. Aus einem Reigen von schwebenden Larven erhebt sich das auf Golgatha stehende Kreuz mit Jesus als Märtyrer für einen werdenden christlichen Glauben. Die Galeristin erklärt, womit dieses Motiv, aus Sicht des Künstlers, korreliert: die Larven streben die Perfektion an, die der aus Seoul stammende Künstler in Jesus Christus sieht. Er, als gläubiger Christ, steht aber auch mit seinem anderen Bein tief in der fernöstlichen Philosophie und in der Verarbeitung ostasiatischer Mythen, die wir bspw. u.a. aus modernen Filmen, die sich mit zum Beispiel japanischen Wassergeistern und anderen Geistererscheinungen beschäftigen, kennenlernen. Denn, was wir in den Hasen als Fruchtbarkeitssymbol sehen würden, wird im ostasiatischen Raum als Sinnbild für das Dämonische angesehen. Sein Spiel mit sich spiegelnden Oberflächen weist Parallelen zum Shintoismus auf, wobei die auf der Wasseroberfläche gespiegelte Welt die anstrebenswerte sein soll, die hiesige Welt – die Realität – so etwas wie die Hölle darstellt, weil alles nicht perfekt ist, wir hingegen die Perfektion anstreben sollten. Gleichzeitig erinnern einige von Young Ju Yims Motive stark an dem was wir von Neo Rauch kennen, obwohl der Künstler nie bei dem nachgeborenen Spätromantiker studiert hat: verdunkelte und trübe Farben, sowie rätselhafte Bildinhalte, die jedem Kunsthistoriker eine Menge an Interpretationsmöglichkeiten anbieten. 

Was hat das aber alles auf sich?

Wenn der Schüler von Sighard Gille und Annette Schröter von seiner neuen Bilderreihe, die von September bis Oktober in der Galerie Potemka in der Leipziger Aurelienstraße gezeigt wird, von der Verdeutlichung eines Ist-Zustandes und seiner gleichzeitiger Verirrung spricht, dann nähert sich der inzwischen in Leipzig lebende Künstler der Romantik. Seine Gemälde drücken das aus, was er – verkürzt – mit dem Wort „Delirium“ beschreibt und sich auf diffuse Erinnerungen bezieht, Vorstellungswelten, die wir haben könnten und auch Wünsche. Diese uns als irrational angesehenen Vorstellungen als Teil unserer Existenz zu sehen und anzuerkennen, will er mit seinen aktuellen Arbeiten herausschälen. Das schafft er erneut mit träumerisch schwelgenden Sujets, wo irrlichternde Farbpunkte das Dunkel durchbrechen, Oberflächen aufgeblättert werden, uns rätseln lassen, was wo sich spiegelt und reflektiert. „Unser Leben in “Cloverfield” ist nicht so rational, wie wir es uns vormachen; es ist chaotisch, unordentlich, die Beziehungen zu Anderen sind zerstört und die Selbstentfremdung und der Überfluss des Egos liegen obenauf“, sagt der Künstler zu seinen neuesten Werken.

Er sieht die Welt als Verzerrung ihrer selbst, weil alles das was für uns zählt, „Image“ und „Oberfläche“ ist. Mit dieser Auslegung seiner neuen künstlerischen Reflexion über unsere Gesellschafts- und Kultursysteme nähert er sich einer Kritik an ihnen, weil Young Ju Yim hinter der Jagd nach dem „Schönen“ und „Materiellen“ eine liegende Unreife und das ungepflegte Innere, das nach Außen tritt, sieht und die als Gegeben hingenommen werden. Der Mensch lebe ihm zufolge nicht mehr in der Realität, sondern in einer allgemeinen Struktur, in der er sich mehr oder weniger gut eingeordnet hat. Man muss ergänzen, dass diese Strukturen sich inzwischen aufzulösen scheinen, immer haltloser werden, wo in ihnen eine unkontrollierte Gier „regiert“, die uns allen das Leben schwer macht. Zu erkennen, was richtig und falsch ist, was uns antreibt und festigt, was dagegen uns geboten wird und als „System“ vorgegaukelt wird und wir zu leben müssen, weil sonst es uns allen schlecht gehen würde, dürfte die Frage nach einem neuen Gesellschaftsentwurf sein, der die seit langem uns vorgesetzte Antwort der materielle Befriedigung als Ende von finanzieller Not und Armut, die nur durch „Arbeit“ und „Konsum“ zu lösen sei, ein Ende setzen könnte. Somit sind Young Ju Yims Gemälde auch als Fragen zu verstehen, wo der Betrachter beim Anschauen auch in sich selbst nach dem schöpferischen Ich suchen kann und sich von der Hülle der systematisierten Persönlichkeit befreit, die innerlich ausgehöhlt erscheint – ob aus Angst oder Zwang. Er selbst sagt: „Mein malerischer Ort ist ein persönlicher Ist-Zustand, der sich richtig anfühlt (…), ich lasse nichts aus, weder das Chaos, noch die Ordnung und hoffe, meine Bilder vermögen es zu berühren und zu zeigen, wo wir stehen und wo wir stehen könnten.“

 

Young Ju Yim, Gedächtnislücke, Öl auf Leinwand (Foto/Bild courtesy by Y.J. Yim & Galerie Potemka Presse 2018).

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