Bezaubernde Exotik – Wie der dänische Künstler Kay Nielsen 1001 Nacht illustrierte

Von Daniel Thalheim

Er gehörte zu den Pionieren der Druckgrafik der Jahrhundertwende um 1900. Kay Nielsen schuf gemeinsam mit anderen Künstlern eine Technologie, wie Grafiken und Gemälde x-beliebig vervielfältigt werden konnten. Außerdem arbeitete er mit dem US-amerikanischen Disney-Konzern zusammen. Aber sein schönstes Werk ist wahrscheinlich sein illustriertes „1001 Nacht“.

Der Geist aus der Flasche

Als Kay Nielsen (1886-1957) starb hinterließ er einen Schatz. Der Künstler, der in Paris an der Académie Julian und an der Académie Colarossi von 1904 bis 1911 studierte, dann in England von 1911 bis 1916 lebte, besaß eine große Kiste. Sie war fest verschlossen als dürfte der Schatz nie an die Außenwelt gelangen. Vierzig Jahre lang hat Kay Nielsen diesen Schatz gehütet. Was nach seinem Tod 1958 in seinem Domizil in Los Angeles gefunden wurde, verschlug den Findern die Sprache. Bislang unveröffentlichte Illustrationen zu „1001 Nacht“ fanden sie darin. Die Blätter stammten aus Nielsens Phase zwischen 1917 und 1919. Der Fund galt als einzige vollständige Serie an Originalen aus erster Hand. Die Truhe war licht- und luftdicht verschlossen. So erhielten sich die Farben, bleichten nicht aus. Diese Illustrationen gelten für Experten als Basis für Nielsens weitere Bildsprache in der Illustrationskunst. So hat es Nielsen auch öffentlich zu Lebzeiten kommentiert. So sieht es auch die Kunsthistorikerin Cynthia Burlingham in einem Aufsatz für das aktuelle Buch, das Kay Nielsens Werk zu „1001 Nacht“ im Fokus hat. Für ein bereits schon 1919 geplantes Buch, wo die Geschichten der „1001 Nacht“ mit den wertvollen Grafiken angedruckt werden sollten, waren eine dänische, eine englische sowie eine französische Version geplant. Das Projekt fruchtete nie und versank in einen Dornröschenschlaf.
Die Blätter gelangten 1958 über eine behördliche Zwangsversteigerung von Nielsens und seiner Frau Besitz in Privathand. Der übrige Nachlass, der sich in seinem Landhaus in Dänemark befand, wurde billig verkauft, verschenkt oder einfach verbrannt. Sechzig Jahre nach dieser traurigen Episode gelangen die in Los Angeles geborgenen Blätter wieder an die Öffentlichkeit – in Form eines prachtvollen Bandes, der mit Repliken der Originalgrafiken bestückt ist. Die Geschichte von Kay Nielsen ist ein Lebenslauf eines Mannes, der zu den begabtesten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts gehörte und mit seinen eigentümlichen, düsteren und wunderschönen Arbeiten seine Spuren hinterließ.

Eine junge Frau und ihre Schatztruhen (Courtesy of the Collection of the UCLA Grunwald Center for the Graphic Arts, Hammer Museum)
Eine junge Frau und ihre Schatztruhen (Courtesy of the Collection of the UCLA Grunwald Center for the Graphic Arts, Hammer Museum)

Wer war Kay Nielsen?

Der Künstler war ein Kind einer Schauspielfamilie. Seine Mutter Oda Nielsen (1851-1936) galt zu Lebzeiten als eine gefeierte Schauspielpersönlichkeit. Nach seinem Studium in Paris und seinem Englandaufenthalt hielt Nielsen sich während der Schlussphase des Ersten Weltkriegs in Dänemark auf. Schon vor dem Weltkrieg schuf er bemerkenswerte Illustrationen von Märchengeschichten, darunter „In Powder and Crinoline, Fairy Tales Retold“ von Sir Arthur Quiller-Couch (1863-1944), Illustrationen für eine Kinderkollektion „East Of The Sun And West Of The Moon“ und Geschichten von Charles Perrault (1628-1703). Auch die Geschichte von Jeanne d’Arc (1412-1431) wurde von ihm damals illustriert. Er malte aber auch Landschaften. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte er sich ausschließlich wieder der Illustration zu. 1924 wurden seine Bebilderungen in einer Auflage von Hans Christian Andersens (1805-1875) Märchen veröffentlicht. Er wagte sich auch an die Märchen der Gebrüder Grimm. 1939 verließ Nielsen Dänemark und wanderte nach Kalifornien aus. Dort arbeitete er bis 1941 für verschiedene Hollywood-Firmen, vorrangig für Walt Disney (1901-1966). Er wirkte an der 1940 erschienenen Produktion von „Fantasia“ mit, einer Adaption des Stoffes „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Modest Mussorgski (1839-1881). Auch die erst 1989 umgesetzte Produktion „Arielle, die Meerjungfrau“ trägt Nielsens Handschrift. Auch diese Story ist eine Entdeckungsgeschichte. In den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts, während der Produktionszeit des Zeichentrickfilms, stieß das Produktionsteam auf die Illustrationen und die Originalstory von Kay Nielsen, die er Ende der Dreißigerjahre für Disney schuf, aber so nie verwirklicht wurden. Nach seinem USA-Aufenthalt kehrte er nach Dänemark zurück. Sein – nun vorrangig malerisches – Schaffen war auf Schulen und Kirchen beschränkt.

Beitragsbild oben: Scheherazade kniet vor dem König, Wasserfarbe auf Papier (Courtesy of the Collection of the UCLA Grunwald Center for the Graphic Arts, Hammer Museum)

Kay Nielsens Tausendundeine Nacht

Noel Daniel, Cynthia Burlingham, Margaret Sironval, Colin White

Hardcover mit 21 Kunstdrucken, 42 x 42 cm, 144 Seiten

€ 250

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