Zwischen Weltkarten und Wissenschaft – Die Kartografie Palästinas im Hinblick auf die Siedlungspolitik der deutschen Tempelgesellschaft

Von Daniel Thalheim

 

Wer sich mit der Kartografie Palästinas beschäftigt, stößt auf eine Geschichte, die biblische Ausmaße zu haben scheint. So zumindest öffnet der Historiker Dr. Hans Fischer vor hundert Jahren in seinem Beitrag zur Kartografie Palästinas uns den Blick auf eine Zeit als das Land zwischen Mittelmeer und dem Gebirgszug von Kanaan noch nicht vom heutigen Staatsgefüge Israels begrenzt war und der Landstrich noch zu Syrien gehörte. Seine historische Wurzelsuche geht ins 9. vorchristliche Jahrhundert zurück und weitet sich auf die historischen Weltkarten aus, die bis ins Mittelalter sinnstiftend das Weltverständnis der Herrschenden waren. Die geografische Kenntnis änderte sich mit dem Zuwachs an naturwissenschaftlicher Neugier mit der Renaissance. Mit dieser Neugier wuchs auch das historische, wirtschaftliche und militärische Interesse an den Karten und somit auch für eine möglichst genaue Detailtreue der Topographie und Geographie der Landschaften und Regionen in der immer mehr globalen Zusammenhängen verstandenen Welt. 

Palästina im Spiegel der deutschen Geschichtsforschung im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert zur Schwelle des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich verschiedene Gelehrte mit der Erforschung Palästinas. In seiner Abhandlung zur Kartographierung des heiligen Landes zählt der Schweizer Topograph Prof. Fridolin Becker (1854-1922) bedeutende Archäologen wie Dr. Gustav Dalman (1855-1941) vom Deutschen Archäologischen Institut in Jerusalem, das britische Palestina Exploration Fund und der Schweizer Dr. Emil Pestalozzi-Pfyffer (1852-1929) auf. Der Wunsch, Palästina kartographisch zu erfassen, wuchs. Auch der bedeutende Historiker Reinhold Röhricht (1842-1905) gehört zu den Fachleuten, die sich eingehend mit der Geschichte, Topo- und Geographie des Heiligen Landes beschäftigten. Seine Abhandlungen zur Kartenwerkgeschichte Palästinas, unter Berufung von Autoren wie den römisch-antike Geschichtsschreiber Tacitus und den italienischen Kartograph der Kreuzfahrerzeit, Marino Sanudo d.Ä. (1260-1338), stellen wichtige Verknüpfungspunkte zur historischen Quellenlage zum Heiligen Land und Jerusalem dar. Die Veränderung der Sicht auf das Heilige Land wird mit dem Studium der alten Kartenwerke deutlich. Haben wir es anfangs mit christo-zentrischen „mappae mundi“, bzw. Mappae Terrae Sanctae – etwa zu Pilgerfahrtzwecken – zu tun, tritt im Lauf des Mittelalters der militärische Zweck von Kartenwerken in den Vordergrund, später auch der wirtschaftliche Aspekt. Auch antike sowie frühneuzeitliche Reiseberichte, wie Martinus Seusenius’ Reise in das Heilige Land im Jahr 1602/03 und Eusebius’ Reisebeschreibungen nach seinem Onomasticon, werden zum Studium herangezogen, um Palästina historisch zu begreifen. Zu den Quellen gehört auch die bedeutende Reisebeschreibung in das Heilige Land von Bernhard von Breitenbach (1440-1497). Der Politiker und Domstiftsherr unternahm 1483 eine Pilgerfahrt nach Jerusalem. Ergebnis war eine Art „Reiseführer“ wie Pilger sich in Palästina zu verhalten haben. Gleich tat es ihm Heinrich der Fromme Herzog von Sachsen (1473-1541) 1498. Wichtige Orts- und Landmarkenangaben aus diesen Werken wurden von Röhricht mit den vorherrschenden geografischen Bezügen verglichen und in Zusammenhang mit historischen Begebenheiten gestellt. 

Der Deutsche Palästina-Verein und die Besiedlung des Heiligen Landes durch die Deutsche Tempel-Gesellschaft

1891 unternahm der Schweizer Kartograph Rudolf Leuzinger (1826-1896) den Versuch, die Topographie Palästinas in eine Karte zu gießen. In den folgenden Jahren fiel die geografische Erfassung immer detaillierter aus. Namen wie Friedrich Wilhelm Leopold Hermann Guthe (1849-1936), ein Leipziger Theologe und Kartograph, und Gottlieb Schumacher (1857-1925), Architekt und Ingenieur, zeichnen sich durch große Verdienste in der Kartographie Palästinas aus. Doch der Anspruch auf Genauigkeit im Hinblick auf die ständig sich verändernden kulturellen und ethnischen Verhältnisse und ihrer „Grenzverläufe“ stellte sich schon damals als Schwierigkeit heraus. Palästina war ständiger Veränderung unterworfen. 

Dr. Hans Fischer (1860-1941) stellte in seiner 1913 erschienenen Schrift über die „moderne Topographie, Siedlungs- und Verkehrsgeographie Palästinas“ für die Zeitspanne von 1910 bis 1912 diese Problematik heraus. Der Leipziger Kartograph hob aber auch die Bedeutung der deutschen und jüdischen Kolonien hervor, die teilweise das Aussehen der Landschaft vollständig geändert hatten. Die Bevölkerung der sieben damals erfassten deutschen Kolonien, deren älteste, im Stadtteil von Jaffa ansässig war, wurde 1869 gegründet und zählte zu diesem Zeitpunkt nicht einmal 2.000 Einwohner. Für die Palästina- und Orientforschung galt Fischer als Meister. 

1898 empfing eine Delegation von deutschen Siedlern, worunter auch der Kartograph und Architekt Theodor Sandel (1845-1902) sich befand, das deutsche Kaiserpaar, das damals eine Orientreise absolvierte. In Jaffa wurde Kaiser Wilhelm II. u.a. von dem Gemeindevorsteher und Bürgermeister der deutschen Gemeinde in Jerusalem im Rahmen einer Audienz mit den Tempelgemeinden empfangen. Theodor Sandel selbst war seit den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts als Kartograph für die Deutsche Tempelgesellschaft tätig gewesen, dessen finanzieller Gönner u.a. ein russischer Baron namens Plato von Ustinov (1840-1917) war.

Seiner Aktivität ging die Gründung des Deutschen Palästina-Vereins voraus. Dessen Mitgliederverzeichnis weist eine Bandbreite des um 1900 existierenden kulturellen und gesellschaftlichen Lebens im Deutschen Reich auf und reicht von Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) sowie anderen Hochadeligen bis hin zu Rabbinern, Professoren, Buchhändlern und Ärzten. 

Dieser Gründung gingen wiederum zwei Ereignisse voraus – zum einen die Öffnung Palästinas gegenüber den europäischen Industriestaaten und zum anderen dem seit den Napoleonfeldzügen um 1799 gewachsenen Interesse in Europa an der Maghreb und den fruchtbaren Halbmond in Nordafrika. Doch eine dritte Entwicklung, die der einsetzenden Missionen und Siedlungen württembergischer Katholiken seit den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts führten wohl auch zur Verstetigung der Entwicklung hin zur Öffnung Palästinas. Außerdem setzte seit den 1880 Jahren eine verstärkte Zuwanderung von Menschen jüdischen Glaubens ein. Die „Erste Einwanderungswelle“ von 1882 bis 1914 lässt sich auf knapp 100.000 neue Bewohner jüdischen Glaubens beziffern. Dagegen mutet die Zahl christlicher Zuwanderer mit ein paar Tausend Siedler marginal an. Ihre Einrichtungen dienten den „Westmächten“ als wirksame Instrumente in der „orientalischen Frage“. 

Einen wesentlichen Schub in Richtung „Attraktivität“ Palästinas für ausländische Siedler führte unwillentlich der Gouverneur der Provinz Ägypten herbei. Anstatt seinen Bündnisgenossen den Sultan von Ägypten, Muhammad Ali (1805-1848), für seine Rolle im griechischen Unabhängigkeitskrieg angemessen zu entschädigen, ließ er ihn mit leeren Händen ziehen. Im Gegenzug eroberte der Sultan 1831 Palästina und installierte nach französischem Vorbild eine Verwaltung. Gleichzeitig legte Muhammad Ali eine liberale Haltung gegenüber der nicht-muslimischen Bevölkerung und Ausländern an den Tag. Die Ägypter öffneten auch für die Europäer die Tore. 

Nicht ohne Grund, wie ein kurzer Blick in die Vergangenheit aufklärt: unter der osmanischen Herrschaft befand sich Palästina wirtschaftlich am Boden. Um die Wirtschaft anzukurbeln, wurde die liberale Politik unter den Ägyptern vorangetrieben. Diese Politik diente in den folgenden Jahrzehnten als Grundlage für die Zuwanderungs- und Besiedlungspolitik durch Christen und Juden. Diese Politik war aber auch die Ausgangslage für einen innereuropäischen Zwist zwischen Frankreich auf der einen Seite und Großbritannien, Russland, Österreich-Ungarn und Preußen auf der anderen Seite. 

Plötzlich stand Palästina wieder im Fokus der europäischen Mächte. Deutschlands Interesse am Heiligen Land in der Zeit erscheint aber nur groß. Die Arbeit des heute noch existierenden Deutschen Palästinavereins und die der heute noch tätigen Deutschen Tempel-Gesellschaft um 1900 blieb im internationalen Zusammenhang nur ein „Steckenpferd“ und wurde im Lauf der Zeit vergessen. Der Palästina-Verein erfuhr seine Zäsur während des Zweiten Weltkriegs. Die Bibliothek in der Leipziger Dependence wurde infolge eines Bombenangriffs 1943 zerstört. Nach der Neugründung beschäftigt der Vereins sich weiterhin mit biblisch-geschichtlichen Forschungen.

 

Planen und Bauen im Heiligen Land – Wer Theodor Sandel war

Im Schatten der Klassischen Moderne versteckt sich eine andere Geschichte der Architektur zum Heiligen Land. Als Israel noch nicht existierte, wurde auch gesiedelt und gebaut. Die Migrantenströme aus Europa und Russland setzten seit den 1880er Jahren eine Entwicklung in Gang, die unter Protektion von Großbritannien zum heutigen israelischen Staat führte. Vor seiner Gründung 1947 siedelten nicht nur Menschen jüdischen Glaubens in der ehemaligen syrischen Provinz Palästina, sondern auch Deutsche. Einer unter ihnen war Theodor Sandel (1845-1902). Durch seine Mutter Klara Sandel geb. Hardegg stand er seinem Großvater Georg David Hardegg nahe. Er war der Mitbegründer der Deutschen Tempelgesellschaft. Sandels Sohn Benjamin Sandel (1877-1941) wirkte in Palästina als Architekt für Wohn- und Siedlungsbauten. Auch sein Bruder Georg David Sandel war als Architekt tätig. Theodor Sandel selbst war als Vermessungsingenieur nach Palästina gekommen. Er baute jedoch nicht im Verständnis der Klassischen Moderne, wie wir es in der White City sehen können, einem heterogen erbauten Quartier mit sehr individuellen Architekturcharateristika, sondern im Sinne eines auf Bibel- und Archäologieforschungen fußenden, religiös intendierten Historismus. Der Architekt hatte zuletzt in Jerusalem die Funktion als Baurat inne.

Der Weg von Deutschland nach Palästina

Theodor Sandel, Architekt von Tempelsiedlungen in Palästina (Copyright: WikiCommons)
Theodor Sandel, Architekt von Tempelsiedlungen in Palästina (Copyright: WikiCommons)

Bevor sein Lebensweg ihn ins Heilige Land führte, wohnte Sandel in der Tempelsiedlung Kirschenhardthof im Rems-Murr-Kreis. Als Enkel des Gründers der Deutschen Tempelgesellschaft war er dieser Organisation verpflichtet. In dieser Tempelsiedlung muss er demzufolge eine behütete und angeleitete Kindheit und Jugend verbracht haben. Denn dort begann er 1858 seine Lehre als Steinmetz. Von 1863 bis 1866 studierte er Architektur und Vermessungstechnik am Polytechnikum in Stuttgart, wurde recht bald Referendar beim Bau der Eisenbahn im oberen Donautal. 1870 erfolgte sein Umzug nach Jaffa. Sandel kartografierte dort im Auftrag des russischen Adeligen Plato von Ustinov sowohl Stadt als auch das Sumpfgebiet des Wadi el-Musrara (heutige israel. Stadt Ajalon). 1873 zog Sandel nach Jerusalem in die dort gegründete Templersiedlung Rephaim und wurde deren Bürgermeister. Er wirkte in den 1870er Jahren als Architekt und Kartograph für verschiedene Templersiedlungen und andere Bauprojekte in Haifa, Jaffa, Jerusalem und der Ackerbaukolonie Sarona (heute Teil von Tel Aviv) mit. 1899/1900 wurde Sandel – wie als kröndender Abschluss seiner Karriere – zum Kgl. Württ. Baurat in Jerusalem ernannt. Wenn Sandel als planender Architekt wirkte, orientierte sich sein Schaffen und sein ästhetischer Anspruch an der mittelalterlichen Templerarchitektur, bzw. der historistischen Vorstellung wie diese auszusehen hatte, wie am Bsp. des ehem. Krankenhauses Scha‘arei Zedeq abzulesen ist: das Innere des Gebäudes ist vom Wechsel aus Natursteinböden und -profilen, weiß geputzten Flächen geprägt, über die Tonnengewölbe in den Fluren und z.T. bemalte Decken in den Innenräumen gespannt sind; das Äußere von einer Rhythmik von Rundbogenfenstern, rund abgetreppten Stützprofilen sowie grob bearbeiteten und fein geschliffenen Natursteinfassaden charakterisiert. Hinzu kommen Details wie von Zinnen bekrönte Türprofile und der Romanik nachempfundene Lochmaßwerkfenster. 

Weitere Werke

Theodor Sandel wirkte an vielfältigen Bauprojekten mit. Er kartograpierte die Siedlung Ajalon 1870/73, für Gaza entwarf den Bau der Missionsstation der Templer 1878/79, in Haifa kartographierte er die Lage und Ausrichtung von Templersiedlungen im selben Zeitraum. Auch für Jaffa fertigte der Architekt 1870/73 Siedlungspläne an. Um 1878/79 war Sandel am Bau der Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem maßgeblich beteiligt. In Jerusalem baute er 1885-86 das Hospiz der katholischen Palästina-Mission vorm Jaffa-Tor, um 1897 das Krankenhaus Scha‘arei Zedeq 1881-85 das Haus Fruitiger, um 1890 das Haus Mahamaim II und 1902 die Lämel-Schule. Das von Sandel 1891 entworfene Hotel Howard wurde erst nach seinem Tod 1907 fertiggestellt. Die 1891-96 entstandene Weihnachtskirche in Betlehem, das im selben Zeitraum entstandene Kaiserswerther Hospital (heute Auguste-Viktoria-Hospital), das 1898-1910 geschaffene Lepraheim „Jesus-Hilfe“ sind Zeugnisse von Sandels spätem Schaffen. In Sarona, einem Stadtteil von Tel Aviv, steht das noch heute bekannte Theodor-Sandel-Haus. In den neunzigerjahren des 19. JAhrhunderts beaufsichtigte er die Bauarbeiten des heutigen Biqqur-Cholim-Krankenhauses, hatte die Bauleitung der von Heinrich Renard (1868 -1928) entworfenen Dormitio-Abtei des Benediktinerordens gemeinsam mit seinen Söhnen Benjamin Sandel und Georg David Sandel inne, die nach Sandels Tod bis 1910 das Entstehen des Bauwerks beaufsichtigten. 

 

Oben stehender Beitrag war für den Tagungsband „100 Years Of Planning“ (2018) bestimmt. Weil die Redaktion nach anderthalb Jahren (April 2018-Dezember 2019), großen Kommunikationslücken, nicht für eine ursprünglich angebotene englische Übersetzung sorgen wollte und auch dem Verfasser dieser Zeilen kein Angebot unterbreitete, zog er in seiner Funktion als Autor diesen Beitrag am 5. Februar 2020 wegen unprofessionellen Verhaltens der Tagungs- und Redaktionsleiter aus dem Tagungsband zurück und untersagt des Weiteren eine redaktionelle Verwertung der eingereichten Schriften und dieser Online publizierten Zeilen. Leipzig, 7. Februar 2020.

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