Kollektiviert und gesichtslos – Wie der Architektenberuf verschwindet

Von Daniel Thalheim

Der Regisseur Peter Kahane drehte einen der letzten Kinofilme für die DEFA. „Die Architekten“ beleuchtet das Leben eines Familienvaters und Baumeisters in der späten DDR. An den dargestellten Lebensumständen wird das Verschwinden des Architekten in einem Kollektiv deutlich. Der Autor Tobias Zervosen stellte den architektonischen Identitätsverlust in der DDR in einem Buch dar. Dass diese Entwicklung nun nahezu 30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Arbeiter- und Bauernstaats erneut einsetzt, beschreibt ein Buch von dem Architekt Ekkehard Drach.

Die Hauptfigur in Peter Kahanes 1990 erschienenen Streifen, Daniel, ist 38 Jahre alt und ist bislang nur als Erbauer von Trafostationen, Bushaltestellen und Kaufhallen in Erscheinung getreten, zusammen in einem Kollektiv. Seine prämierten Wettbewerbsbeiträge wurden nie gebaut und er steht für ein Großprojekt einem anderen Kollektiv vor. Der Zuschauer findet sich inmitten von Plattenbauwüsten und Sandhalden wieder. Die sozialistische Vision der kollektivierten Stadt aus Punkthochhäusern, Betonblöcken, Kaufhallen und Gaststätten erscheint aus heutiger Sicht anachronistisch. Die Verlagerung der Stadt an einem zersiedelten und zugebauten Stadtrand ohne Identität steht dem Verfall der geschichtserzählenden Innenstädte diametral gegenüber. Die Ablehnung des Individualismus geht mit dem damaligen Baustoffmangel Hand in Hand. Dazu kommt die sozialistische Parteidoktrin, die in alle Lebens- und Verwirklichungsbereiche eindringt. Die „Typisierung“ endete in der DDR in einer Farce der Einheitlichkeit. Der Architekt als Individualist erscheint gebrochen, findet sich in Projektgruppen wieder und taucht aus ihnen nicht wieder auf. Nur dass damals das digitale Zeitalter noch nicht angebrochen war, bzw. noch in den Kinderschuhen steckte. In dem Werk „Das Verschwinden des Architekten – Zur architektonischen Praxis im digitalen Zeitalter“ beschreiben Architekten und Architekturtheoretiker die Entwicklung des Selbstverständnisses von Architekten – von der Renaissance bis zur Neuzeit.

Erschien 2016 beim transcript-Verlag: Das Verschwinden des Architekten.
Erschien 2016 beim transcript-Verlag: Das Verschwinden des Architekten.

Die Autoren Harmen Thies, Gunnar Schulz, Rikke Lyngso Christensen, Carolin Höfler, Manuela Irlwek, Ole W. Fischer, Jörg H. Gleiter, Angelika Schnell und Gernot Weckherlin diskutieren in neun Beiträgen die Frage, welche Auswirkungen das Verschwinden des Architekten auf Form und Aussehen der heutigen Architektur hat. Was übernehmen heute Computerprogramme, was stammt tatsächlich vom Bauwerkentwerfer selbst? Die Kontrolle über einen Entwurfsprozess übernehmen Computerprogramme. Der Architekt als Autor, der mit seinem Gestaltungswillen ein Bauwerk vom Keller bis zum Dach, vom Treppengeländer bis zum Fenster prägt, tritt zurück. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf das ästhetische Gepräge von Bauwerken? Ersetzen formalisierte und systematische Prozesse aus der digitalen Welt den Architekturberuf, bzw. inwieweit verändern sie diesen? Braucht es eine Entwurfszeichnung noch?

Der aus einer 2014 in Innsbruck unternommenen Tagung hervorgegangene Tagungsband spürt die Genese des Architekturberufs von der Renaissance bis in die Moderne auf, hinterfragt sie und stellt sich kritisch dem digitalen Einzug in die Architektur. Dass der Weg zur Digitalisierung von Bauwerken, bspw. im Wohnungsbau, ein langer ist, zeichnet der Tagungsband ebenfalls nach. Was im 20. Jahrhundert unter „Typisierung“ und „Standardisierung“ Entwurfsprozess verstanden wurde, scheint im digitalen Zeitalter sein Pendant gefunden zu haben. Dass aber auch in der Antike, im Mittelalter und in der Frühneuzeit „Bautypen“ angewendet wurden, zeigen heute noch die Kolonnadenruinen in Italien und Griechenland, die Zisterzienserklöster in Mitteleuropa, die Kirchen und Palazzi in Frankreich und Italien.

Der Architekt als kunstwerkprägender Individualist trat aber v.a. in der Moderne auf, als Baukünstler wie Adolf Loos, Bruno Taut, Frank LLoyd Wright, Hans Scharoun, Tadao Ando, Clemens Holzmeister, Oscar Niemeyer und Le Corbusier als Repräsentationsfiguren und identitätsstiftende Baumeister auftauchten und Architektur zu einem individuellen Gesicht verhalfen. Dass die Entwicklung hin zu Architektenkollektiven, die mit digitalen Technologien ganze Städte entwerfen können, in denen der individuelle Charakter verwischt, ist anhand der aktuellen Entwicklung v.a. im Wohnungsbau festzustellen. Formen sind formalisiert, werden modulartig lediglich variiert. Der Architekt ordnet sich der Norm und den Standards unter, ganz so wie wir es schon von den Architekturkollektiven in den Warschauer-Pakt-Staaten kennen. „Das Verschwinden des Architekten“ ist eine lesenswerte Lektüre für Menschen, die wissen wollen, was um sie herum geschieht – und v.a. der Frage nachgehen, warum. Für Kunst- und Architekturhistoriker und Architekten ist dieses Buch so spannend, weil darin Architektur in ihrer Entwicklung erfasst wird und neue Denkanstöße zum Verständnis zur Baukunst und ihrer Verfasser gegeben wird.

Ekkehard Drach (Hg.)
Das Verschwinden des Architekten
Zur architektonischen Praxis im digitalen Zeitalter

2016-09-19, 242 Seiten
ISBN: 978-3-8376-3252-1

29,99 EUR

3 Antworten auf “Kollektiviert und gesichtslos – Wie der Architektenberuf verschwindet”

      1. Ah, Mist, da habe ich mich doch geirrt. François Valentiny, bei dem ich mal studiert habe, erzählte viel von Prof. Holzbauer, bei dem er wiederum studierte. Deshalb habe ich die beiden dann wohl verwechselt.

        Gefällt 1 Person

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