Guido Reni vs. Darth Vader – Italienische Künstler übermalen Alte Meister

Von Daniel Thalheim

Emmanuele Taglietti und Riccardo Mayr übermalen Alte Meister. Weil das Restaurieren Alter Meister zu teuer sei, tummeln sich Star-Wars-Figuren in den Bildern von Guido Reni & Co. Diese Aktion war im Januar 2018 Gegenstand eines Beitrags im Südwestrundfunk. Auch das Monopol-Magazin berichtete darüber. Was für den Künstler Riccardo Mayr ein toller Joke ist, lässt Kunsthistoriker und Restauratoren die Fußnägel hochrollen. Aus Alten Meistern wurde zeitgenössische Kunst. Sie wird noch im Februar in der Galerie 30 South in Pasadena gezeigt.

Aus Witz wird Ernst

Die Story klänge wie ein Witz, wenn sie nicht so ernst wäre. Riccardo Mayr ist ein zeitgenössischer Künstler aus Italien. Man könnte meinen, mit seiner Herkunft besäße er eine besondere Sensibilität und Affinität für die Alten Meister Italiens des 17. und 18. Jahrhunderts. Auf dem Landsitz seiner Familie in Ferrara fand er alte Zeichnungen und Gemälde von Franz Kaisermann (1765-1833) und von der „Ferraneser Schule“. Die Schule brachte bedeutende Namen wie Lorenzo Costa (1460-1535) und Dosso Dossi (1489-1542) hervor. Die Ferraneser Schule war ausschließlich im 15. und 16. Jahrhundert prägend, weil sie der Malweise des Malers Cosimo Tura (1430-1495) folgte, besitzt aber auch Ausläufer im 17. und 18. Jahrhundert. In dieser Zeit entstanden die Dachbodenfunde, die nun einigen Staub aufwirbeln. Ein Guido Reni (1575-1642) gehört zweifelsfrei nicht zu dieser Schule. Der Bologneser Maler wurde von Deny Calvaert (1540-1619) und Lodovico Carracci (1555-1619) beeinflusst – Künstler, die ihre Einfüsse einerseits aus der manieristischen Bologneser Schule von Antonio Correggio (1489-1534), Parmigianino (1503-1540) und Pellegrino Tibaldi (1527-1596) sowie andererseits aus Vertretern der venezianischen Schule, u.a. Tizian (1488-1576), Tintoretto (1519-1594) schöpften. Franz Kaisermann sticht in der Sammlung heraus. Der Schweizer wurde v.a. als Landschaftsmaler bekannt, der ab 1797 sich dauerhaft in Neapel niederließ.

Riccardo Mayr, 
Arc of Constantine and Star Destroyer After Franz Kaisermann, 1765-1833, Etchings with hand coloring, 297×422 mm (Copyright: Gallery 30South 2018 / Press)
Riccardo Mayr, 
Arc of Constantine and Star Destroyer After Franz Kaisermann, 1765-1833, Etchings with hand coloring, 297×422 mm (Copyright: Gallery 30South 2018 / Press)

„Weil die Originalbilder in den meisten Fällen nicht professionell gelagert wurden, haben sie über die Jahrhunderte einen Schaden erlitten, dessen Behebungskosten den eigentlichen Wert der Gemälde übersteigen. So werden hier nicht nur klassische Gemälde mit zeitgenössischem Pop gemischt, sondern Fragestellungen zur Konservierung von Kunstwerken werden auch relevant“, meint der Künstler Riccardo Mayr (*1970) zu seiner Idee,  anstatt der in den Sujets tummelnden Gestalten, Star-Wars-Figuren hinein zu malen. Er tat sich mit seinem Kollegen Emanuele Taglietti (*1943) zusammen, um sein Vorhaben umzusetzen.

Auf diese Weise erscheint plötzlich Star-Wars-Oberbösewicht Darth Vader an der Stelle des biblischen Josefs in Guido Renis Gemälde „Flucht nach Ägypten“. Der Roboter R2D2 mutiert als Begleiter des heiligen Franziskus. In den Aquarellen von Franz Kaisermann tummeln sich Raumschiffe und Riesen-Roboter. Dass diese Aktion tatsächlich ernst ist, demonstriert der Weg von scheinbar „wertlosen“ Gemälden Alter Meister, die, laut Mayr, selbst teuer und aufwändig restauriert, keinen Gewinn erwirtschaften würden hin zur moderner Kunst mit Marktwert. Von 7000 bis 30000 Dollar würden die „überarbeiteten“ Bilder nun erzielen. Die bedeutungsvollen Namen der Ferraneser Schule wurden mit diesen vandalistischen Eingriffen ausradiert. Nun haben wir es mit den Stücken mit zeitgenössischer Provenienz zu tun.

In der Ausstellung „Religious Paintings of an Expanded Galaxy“ werden die Stücke bis Ende Februar 2018 ausgestellt. Dort wird uns erklärt, dass die von Taglietti und Mayr eingesetzten Star-Wars-Motive sich stil- und formecht in die Bilder einfügen würden und dass diese Form des „Restaurierens“ eine neue Form des „Recyclens“ wäre.

Riccardo Mayr 
Escape From Gliese 832c After Guido Reni, 17th century (The Escape to Egypt) Oil on canvas, 125x175cm (Copyright: Gallery 30South 2018/Presse)
Riccardo Mayr 
Escape From Gliese 832c After Guido Reni, 17th century (The Escape to Egypt) Oil on canvas, 125x175cm (Copyright: Gallery 30South 2018/Presse)

Moralisch dickes Fragezeichen und dekadente Respektlosigkeit

Die Aktion von Taglietti und Mayr erinnert an den Diskurs um den „Salvator Mundi“ von Leonardo da Vinci. Das umstrittene Gemälde wurde Ende 2017 in London komplett neu restauriert ausgestellt und befindet sich heute im New Louvre in Abu Dhabi. Bedeutende Kunsthistoriker stellten fest, dass das Produkt des restaurativen Eingriffs zu sehr die Handschrift der Restauratorin tragen würde und wir nun ein zeitgenössisches Werk vor uns sehen. Was sagen uns aber die „restaurativen“ und „künstlerischen“ Eingriffe durch Restauratoren und Künstler in unserem Umgang mit der Geschichte der Alten Meister, ihrer Provenienz und Lagerung?

Zunächst erzählen Bilder als Überreste von juristischen Handlungen, wie Verträge und Aufträge, über die Zeit und den Geschmack der Menschen, die zur Entstehungszeit der künstlerischen Werke gelebt haben. Selbst wenn die Kunstwerke stark beschädigt seien, hielten sie doch wichtige Informationen für die Kunstforschung bereit: Herkunft, Material, Zustand. Alles das macht Kunstgeschichte lebendig und erfahrbar. Mit den Überformungen der beiden italienischen Künstler sind die Grafiken und Gemälde aus ihren historischen Kontexten enthoben und für die Forschung wertlos gemacht worden.

So sieht es auch die Leipziger Künstlerin Mimi Vanderhoff. Ihrer Meinung nach, wollen die Künstler sich mit der Aktion über die Meisterschaft anderer erheben. Dabei entwerten sie die Alten Meister mit Banalem und verfälschen so die ursprüngliche Ikonographie der dargestellten Inhalte. Für die Künstlerin, die es persönlich als falsch empfindet, dass Kunstwerke von anderen Künstlern zu PR-Zwecken und zum Selbstzweck verfremdet und verfälscht werden, schmücken die beiden Italiener sich mit fremden Lorbeeren.

Es gäbe ihrer Meinung nach auch andere Lösungsansätze, wie man mit Dachbodenfunden umgehen könnte. Vielleicht hätten die Künstler zunächst überlegen sollen, Kopien der Originale anzufertigen, oder die Sujets künstlerisch in ganz neue Bilder zu bringen und so in neue Kontexte zu stellen.

Riccardo Mayr, 
The Long Lost Hologram Message Ferrarese School, 17th Century, St. Francis of Paola, Oil on canvas, 80×65 cm. (Copyright: Gallery 30South 2018 / Press)
Riccardo Mayr, 
The Long Lost Hologram Message Ferrarese School, 17th Century, St. Francis of Paola, Oil on canvas, 80×65 cm. (Copyright: Gallery 30South 2018 / Press)

Dabei hätten die Künstler Originale und Repliken bzw. Interpretationen der Originale gegenüberstellen und die Alten Meister der Forschung überstellen sollen. So wäre auch eine behutsame Restaurierung über Sponsoring und Drittmittel im Sinne des Erhalts des Originals möglich gewesen. Durch die Übermalungen seien die Gemälde in 500 Jahren vielleicht überhaupt nicht mehr im ursprünglichen Kontext lesbar und komplett aus diesem enthoben. Sie fragt, was die Künstler unternehmen würden, wenn sie zufälligerweise einen Tintoretto oder Raffael in die Hände bekommen hätten. In der Zukunft würden demnach Anhänger des „Star-Warismus“ vielleicht glauben, Jesus stamme von der Action-Filmfigur Darth Vader ab. Oder Judas wäre gar ein Yoda. Er selbst würde, so vernunftbegabt und weise wie er in den Star-War-Streifen dargestellt wird, vielleicht selbst sogar sagen: „Sowas ein Künstler nicht machen soll.“

Auch der Chefrestaurator des Museums der bildenden Künste in Leipzig, Rüdiger Beck, ist nicht sehr angetan von der künstlerischen Aktion der beiden Italiener. „Ich kann es mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Besitzer eines wirklich echten „Alten Meisters“ wie z.B. Reni oder Bassano diese Bilder übermalen. Das wäre in der Tat nicht nur Frevel und dekadente Respektlosigkeit, sondern auch ein finanzielles Fiasko. Diese Gemälde sind sehr preisintensiv, sie würden, abgesehen vom kunstwissenschaftlichen Verlust, extrem an Wert verlieren. Sollten die Übermalungen irgendwann mal wieder entfernt werden, dann wird es richtig teuer. Die Übermalungen auf den Kunstwerken auf Papier sind meistens irreversibel, d.h.die Arbeiten sind verloren.“ Er öffnet aber noch weitere Betrachtungsebenen. „Die abgebildeten Gemälde sind nicht von sonderlicher Qualität, solche Bilder gibt es relativ preiswert auf den internationalen Kunstmärkten. Oft sind es auch Kopien großer Meister oder sie stammen aus geschliffenen Kirchen (und) Andachtsräumen.“

Dass solche Gemälde zu restaurieren seien, ist aus Rüdiger Becks Sicht als Restaurator in jeder Hinsicht möglich. Es stelle sich für den Eigentümer jedoch die Frage, wie weit der Restaurator gehen soll, aber auch was ein Kunde von einer Restaurierung erwartet und erhofft. Er sagt aber auch: „Die ethische Einstellung zur Restaurierung hat sich auch in unserer Branche grundlegend geändert: so viel wie nötig und nicht so viel wie möglich lautet heute die Devise. Prävention und Konservierung, darauf sollten die Schwerpunkte liegen. Das muss nicht immer teuer sein. Somit teile ich die Meinung der Aktivisten nicht. Es sei denn, der Restaurator wird mit dem ganzen Programm beauftragt, wie z.B. Firnisabnahme, Abnahme alter Übermalungen und Retuschen, Fehlstellen schließen usw., dann kann es bei solchen Gemälden schnell umkippen, d.h. der Wert des Bildes und die Kosten der Restaurierung stehen in keinem Verhältnis mehr. Ich nehme an, dass meinen die Künstler damit. Anders verhält es sich bei wirklich guten, qualitätsvollen und namhaften „Alten Meistern“, da stehen die Kosten einer notwendigen Restaurierung eher im Hintergrund.“

Diese Aktion mag für die Künstler sicherlich eine lustige Idee sein, „Alte Meister“ zu entthronen zu entfremden, so der MdBK-Restaurator weiter, mehr sei dies auch wirklich nicht. „Die Privateigentümer von solchen Bildern und Zeichnungen können im Prinzip damit machen was sie wollen, gesetzlich ok, moralisch ein dickes Fragezeichen, ich finde es despektierlich und lehne es ab.“

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