Josef Hoffmann und die Wiener Werkstätte

Von Daniel Thalheim

 

Österreich-Ungarn war eines der Epizentren, wovon die Beben der Moderne über ganz Europa ausliefen. Was in Frankreich Art Nouveau gennant wurde, war in der königlich-kaiserlichen Doppelmonarchie die Wiener Werkstätte. Der Architekt und Designer Josef Hoffmann war einer der wichtigsten Protagonisten einer Bewegung, die sich die Arts-&-Crafts-Strömung in England zum Vorbild nahm und zu neuen Ufern führte.

 

Das Fin-de-Siècle in Wien als Vorhof der Moderne im 20. Jahrhundert

„Visionär“ dürfte der richtige Begriff sein für das, was seit den 1880er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg an Entwicklungen in Architektur, Kunst, Literatur und Theater einsetzte. Mitten in diesem Zeitgeist, der so neu und anders war als zuvor, stand die Wiener Werkstätte. In der österreichischen Hauptstadt sehen wir noch die Zeugnisse dieses ästhetischen Neuanfangs: Secessionsgebäude (Joseph Maria Olbrich 1897/98), Majolikahaus (Otto Wagner 1888-1900), Postsparkassenamt (Otto Wagner 1905) usw. Die Klarheit der Architektur, der Form, die Zurücknahme des Dekors standen im krassen Gegensatz zu dem, was offizielle Kunsträson war: neo-barocke Pracht, bombastisches Zierat, funktionslose Deko-Elemente. Was u.a. die Wiener Architekten und Designer mit ihren Ideen konkret in die Wiener Secession 1903 münden ließen, war ihr Anspruch auf die funktionalistische, bzw. nützliche Ausrichtung von Architektur und Design. Das „Einfache, Praktische“ sollte laut Otto Wagner im Vordergrund stehen, nicht das Nutzlose und der Tand. Der Architekt erfand auch den Begriff „Naissance“ zur Umschreibung dessen, was man unter dem Bruch mit den Traditionen verstehen sollte. Wer die Bauwerke um 1900 in Wien erblickt, nimmt die Scharnierzeit einer echten Umwälzung im Kunstempfinden wahr. Nicht nur in Wien greift ein neues Zahnrad der Zeit in das Getriebe von Mode- und Zeitgeschmack ein. Aber Wien darf ruhig als Ausgangspunkt für eine Umwälzung kontinentalen Ausmaßes betrachtet werden. Was Vertreter der Wiener Werkstätte an Formen und Design erfanden, sollte noch in den Zwanzigerjahren Gültigkeit besitzen, und nach der Wiederentdeckung der ersten modernen Strömung im ausgehenden 20. Jahrhundert, immer noch Nachhall finden. Noch immer steht Funktionalismus und Rationalität im Vordergrund des Designs: angefangen von der Kaffeetasse bis hin zur Anbauwand mit integrierter Playstation-Kommode. Doch vieles wird auch verwechselt und mit vagen Begriffen definiert, wenn es um das Aussehen der Werkstätten- bzw. in Deutschland gebräuchlichen Werkbundkunst geht. Art Decó ist so ein Sammelbegriff für den Trödelmarktgebrauch, der stellvertretend für das Design der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts stehen soll, aber eher eine Zuspitzung für eine 1925 stattgefundene Pariser Großausstellung zu den einzelnen Strömungen seit 1900 ist. Dass daraus ein Kunstbegriff wurde, zeugt eher von der Selbstherrlichkeit einiger, v.a. deutscher, Kunsthistoriker, die die Wortherkunft und ursprünglichen Sinn dieses – erst in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts eingeführten – Begriffs ignorieren und vergessen, welche Fabelwelt aus Design, Material und Farbe entstand; mitunter mit chimärenhaften Zügen aus Barockanklängen und antiken Ornamenten.

Ludwig Heinrich Jungnickel: Design for the animal frieze in the children’s bedroom in the Palais Stoclet, c. 1908-1909 (TASCHEN Presse 2017)
Ludwig Heinrich Jungnickel: Design for the animal frieze in the children’s bedroom in the Palais Stoclet, c. 1908-1909 (TASCHEN Presse 2017)

Warum Josef Hoffmann ein Vorreiter der Moderne war

Weiße Flächen, die von vertikalen Ziegelstreifen unterbrochen werden, der klassizistische Fassadenschmuck ist verschwunden, wie eine Siegessäule erhebt sich ein Zikkurat ähnliches Türmchen, das von Figuren flankiert und einem Küppelchen bekrönt wird – das Palais Stoclet in Brüssel (1905-1911) gilt als Hauptwerk des Secessionismus, und auch das von Josef Hoffmann (1870-1956). Er selbst nannte sich „Entwerfer“, heute würde man Designer zu seinem Beruf sagen. Josef Hoffmann war einer der Mitbegründer der Wiener Werkstätte, jener Sezession, die nach Vorbild der englisch-schottischen Arts-&-Crafts-Bewegung und dem französisch-belgischen Art Nouveau neue Formen wagten und mit ihre Bauwerken neue Wege beschritten – mitten hinein in die Moderne.
Josef Hoffmann war der Stararchitekt Wiens der Jahrhundertwende. Die ästhetische Durchgestaltung des gesamten Architekturraums war sein größter Anspruch. Schönheit war sein höchstes Ziel. Auf der anderen Seite erinnert sein Verhalten eher dem eines störrischen Eigenbrötlers und Notorikers, wie wir ihn aus Filmen wie „Aviator“ und „Besser geht’s nicht“ kennen. Fremde Hände bei Begrüßungen zu geben, war ihm ebenso zuwider wie das Betrachten von fleckigen Zeichnungen. Er soll sich sogar geweigert haben, sich in seinem Stammlokal aufzuhalten, weil dort eine künstliche Palme aufgestellt wurde. Seine Marotte ging so weit, dass er rot lackierte Fingernägel nicht sehen konnte. Auf der anderen Seite galt Hoffmann als Gentleman, seine Vorlesungen waren von Frauen überfüllt. Sein Wesen wird als freundlich und aufgeschlossen beschrieben, aber er soll auch sehr schüchtern gewesen sein. Abgesehen von seinen Marotten galt er als Avantgardist der Moderne. Wer seine wenigen Schriften studiert hat, weiß, dass der Designer ein Vertreter der Empfindsamkeit war. Gefühl solle das künstlerische Geschick leiten, nicht aber überbordende Intelligenz und Wissen. Doch auch er griff auf seine Erfahrungen zurück, die er mit seiner Beschäftigung mit der englisch-schottischen Arts-&-Crafts-Bewegung erwarb. Seine frühen Arbeiten stehen unter dem Einfluss von Charles Rennie Mackintosh (1868-1928), jenem schottischen Baumeister, der sich wiederum von asiatischen Stilen und modernen Strömungen beeinflussen ließ. Josef Hoffmann galt für Österreich und Deutschland als der Architekt, der das Handwerkliche und das Ornament den Vorzug gab. Erst im ausgehenden 20. Jahrhundert wurde er wiederentdeckt als Architekten sich vom puren Funktionalismus abwandten. So wurde Hoffmanns Stellung als Avantgardist der Moderne erst richtig bewusst gemacht.

 

August Sarnitz
Hoffmann

Dieser schmale Band ist eine übersichtlich aufgearbeitete Monografie, die als Reihe zur Betrachtung wichtiger Architekten und Designer der Moderne nach Fortsetzung schreit. Zwar erschienen in dieser „Kleinen Reihe“ einige herausragende Monografien über Künstler und Architekten. Doch der Verlag sieht aber derzeit kein Interesse an ähnlich gearteten Monografien, obwohl zahlreiche Urheberrechte ablaufen und die Wiederauflage von wichtigen Werken der Moderne und die Porträts ihrer Apologeten notwendig erscheint.

Hoffmann August Sarnitz, Peter Gössel Hardcover, 21 x 26 cm, 96 Seiten
Hoffmann August Sarnitz, Peter Gössel Hardcover, 21 x 26 cm, 96 Seiten

Warum ist es so wichtig, dass Experten an die Materie ran müssen, die in der klassischen Buchform erschienen sollten? Im Zeitalter von besserwisserischen und stümperhaft verfassten Laienwissenslexika wie Wikipedia erscheint die in Buchform gepresste Aufklärung immer noch die angenehmste Vermittlungsmethode von Wissen zu sein.
Diese Monografie von Josef Hoffmann gehört zweifelsohne zu den Lichtblicken im hart umkämpften Fachbuchmarkt. Informationsgehalt und Schreibstil, Kürze und Bebilderung sind in diesem kleinen Bändchen in hoher Qualität zusammengeführt worden.
Der Autor August Sanitz, seines Zeichens nach Architekturprofessor, überblickt Leben und Werk in knappen und reichhaltigen Artikeln, spürt Schritt für Schritt in einer Werkaufzählung detektivisch nach, warum Josef Hoffmann eigentlich die Inkarnation der Wiener Werkstätte ist.
Und dazu noch absolut lesenswert und besser als jeder Wikipedia-Artikel zu diesem Thema, außerdem günstig zu haben. Besser kann man die Quintessenz zu diesem Künstler, der mit anderen Designern an der Schwelle zur Moderne stand, bzw. wichtige Impulse setzte und im Grunde genommen ein Avantgardist war, nicht in Worte gießen.

Hoffmann
August Sarnitz, Peter Gössel
Hardcover, 21 x 26 cm, 96 Seiten
€ 9,99

 

 

Angelika Taschen / Gabriele Fahr-Becker
Wiener Werkstätte

 

Ineinander verschränkte „W“ bilden das Markenzeichen für den Zusammenschluss von innovativen Avantgardisten Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Wiener Werkstätte gilt als einer der wichtigsten Strömungen der Moderne. Dieses Überblickswerk fasst alles

Wiener Werkstätte Gabriele Fahr-Becker, Angelika Taschen Hardcover, 24 x 31,6 cm, 240 Seiten
Wiener Werkstätte Gabriele Fahr-Becker, Angelika Taschen Hardcover, 24 x 31,6 cm, 240 Seiten

zusammen, was im Zusammenhang mit dieser Avantgarde steht: Gründungsmythos, 92 Biogramme der Protagonist_Innen, die wichtigsten Bauwerke und Designobjekte aus der Zeit vor und kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Wie sehr der japanische Einfluss in den Entwürfen und Zeichnungen Egon Schieles und Gustav Klimt zum Tragen kam, wird ebenso deutlich wie der japanische Einfluss in den Bauwerken von Josef Hoffmann und den Interieurs eines Eduard Josef Wimmer-Wisgrill (1882-1961). Manchmal erscheinen uns die in diesem Band abgebildeten Entwürfe und Designobjekte befremdlich, wenn nicht sogar hässlich. Aber sie geben uns das Ästhetikempfinden von Künstlern wieder, die die Jahrhundertwende um 1900 als Zäsur in eine neue Zeit verstanden. Dieses Empfinden ist mit dem vergleichbar, welches Menschen mit der Einführung des Internets, dem Erodieren von Urheberrechten im Internet und der klassischen Medienvermittlungsform und den damit einhergehenden Berufszweigen und der Technologisierung des Alltags verbunden mit einem futuristischen Design, der uns nur vorgaukelt „up-to-date“ zu sein, haben. Dennoch sind die Entwicklungen tiefgreifend, wobei man sich fragen muss, welcher Nachhall stärker in uns vordringt: die Ästhetik einer modern möblierten Küche oder das Design des neuesten iPhone?

Wiener Werkstätte
Gabriele Fahr-Becker, Angelika Taschen
Hardcover, 24 x 31,6 cm, 240 Seiten
€ 19,99

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