Architektur und Design des Fin-de-Siècle – Ein Streifzug durch die Modernen Europas

Von Daniel Thalheim

Das ausgehende 19. Jahrhundert und sein bis zum Ersten Weltkrieg anhaltender Sog fasziniert uns noch immer. Sei es wegen des Siegeszuges der Fotografie, des Films, des Automobils, oder auch wegen der Kunst und Architektur. Gewundene Ornamente, zackige Formen und geschwungene Blüten lösten in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts das ab, was wir als Historismus kennen. Architekten und Designer wandten sich von den zuvor stilprägenden klassischen und klassizistischen Formen ab, wandten sich sozialreformerischen Ideen und der Bewahrung handwerklicher Arbeitsmethoden und Techniken zu, um gänzlich neue Formensprachen zu entwickeln: Arts & Crafts, Wiener Sezession, Art Nouveau, Werkstätten- und Werkbundbewegung, Reformarchitektur und Gartenstadt – eine Vielzahl von Modernen.

Aller Anfang ist in England und in Schottland

Während der zunehmenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert fanden immer mehr Befürworter des langsamen Lebensstil Gefallen an der Handwerkskunst und natürlichen Materialien. In einer Zeit als Fortschritt direkt mit einer Mechanisierung der Arbeitswelt verbunden war entwickelten Designer, Künstler und Architekten einen Gegenentwurf zu dieser Moderne. Soziale Ideen des Wohnens und Bauens fanden Eingang in die Philosophien. Der Erhalt der Handwerkskunst sowie philosophische Fragen der persönlichen Existenz und wer der Mensch eigentlich sei spielten ebenfalls Rollen, warum vermehrt Künstler in die Vergangenheit blickten. In England nannte man dies in der Viktorianischen Epoche Gothic Revival. Aus diesem Sud kochte die St. George’s Art Society das auf, was mit dem Rückgriff auf alte kunsthandwerkliche und künstlerische Traditionen Geschichtliches neu interpretiert wurde. Auch in der Malerei übertrug sich dieses Ansinnen mit den sogen. Präraffaeliten. Vor allem die Gartenstadtbewegung schien sich dieser nach Natur sehnende Geist samt seiner Ablehnung gegenüber dem Industriellen eine spätromantische Entsprechung gefunden zu haben, wenngleich auch industrielle und hochmoderne Produkte, wie Stahl und Gußeisen, in den Gestaltungskanon aufgenommen wurden. Doch den damaligen Designern und Architekten ging es um die Verknüpfung verschiedener Werkstoffe und ihrer Ästhetik, was nicht besser als in übersteigerten Formen, rauschhaften Farben und ineinander verschlungenen Ornamenten ausgedrückt werden konnte.

„Die Architektur der Jahrhundertwende zeigt eine enge Verbundenheit mit organischen Formen…“, beschreibt der Fotograf Keiichi Tahara in seinem Vorwort die Neuartigkeit des Designs in Kunsthandwerk und Architektur in Abgrenzung zur klassischen Design- und Architektursprache, die seit der Renaissance immer anders interpretiert wurde. Das Vokabular der Arts-&-Crafts-Bewegung und der europäischen Sezessionen war so neu und anders, dass dieser schöpferische Impuls ins 20. Jahrhundert überdauerte, wenngleich die geschwungenen und arabesken Formen von der strengen Linie von Bauhaus und Postmoderne abgelöst wurden, und heute nur noch im Recyceln in Landhausstilmagazinen wiederzufinden sind.

Die Wiener Sezession

Die größte kontinentale Entsprechung der neu erfundenen Formensprache in England fand sich in Wien und Österreich-Ungarn. Die einstige Boomtown an der Donau gehörte zur wichtigsten Spielwiese von Otto Wagner (1841-1918), Koloman Moser (1868-1918), Gustav Klimt (1862-1918), Josef Hoffmann (1870-1956) und Joseph Maria Olbrich (1867-1908). Ihr Anspruch von Verknüpfung von Kunsthandwerk, Bildenden Künsten und Architektur schlug sich in zahlreichen Bauwerken innerhalb des damals ebenfalls entstandenen Ringstraßensystems nieder. Diese Designer und Künstler verstanden sich auf das Erschaffen von Gesamtkunstwerken. Exotik, Ruhelosigkeit und Dekoration zeichnen die Bauwerke noch heute aus, was einem Adolf Loos (1870-1933) seine Streitschrift „Ornament und Verbrechen“ 1908 veröffentlichen ließ. Im Gegensatz zu den ornamental überfrachteten Bauwerken seiner Zeit blickte er noch vor Bauhaus & Co. auf klarere Formen in der Architektur. Warum nicht das Material für sich sprechen lassen anstatt es mit Bauschmuck vollzukleben, schien er in seiner Schrift gefragt zu haben, die nicht nur Freunde fand. Angefangen von der Evangelischen Waldkirche St. Aegyd am Neuwalde in Österreich 1902-1903, über das Sanatorium Purkersdorf 1904 (bde. von Josef Hoffmann) und bis hin zur Villa Karma 1904-1906 im schweizerischen Clarens bei Montreaux von Adolf Loos, dem Krematorium von Henri Robert (* – +) und Robert Belli (+1923) 1908-1909 im schweizerischen La Chaux-De-Fonds und den prachtvollen Bauwerken Otto Wagners in Wien, wie die Stadtbahnstation am Karlsplatz, das Postsparkassenamt, die Kirche am Steinhof und die Kaiserbadschleuse; alle Bauten schienen, v.a. die von Adolf Loos und Josef Hoffmann, den Geist der Arts-&-Crafts-Bewegung förmlich zu atmen. Somnabul entrückt scheinen heute noch die von Otto Wagner entworfenen Gebäude zu sein.

Henri Robert & Robert Belli Crematorium, La Chaux-de-Fonds Schweiz, 1908–09 (Copyright: © Keiichi Tahara / TASCHEN Presse 2017)
Henri Robert & Robert Belli Crematorium, La Chaux-de-Fonds Schweiz, 1908–09 (Copyright: © Keiichi Tahara / TASCHEN Presse 2017)

Reformstil und Werkbundbewegung in Deutschland

Die Architektur Deutschlands zwischen 1900 und 1933 stand ganz im Einfluss der englischen Reform- und Gartenstadtbewegung, und zum Teil auch unter dem Stern der Wiener Sezession. Die von u.a. Herrmann Muthesius (1861-1927) gegründete Werkbundbewegung mit seinem Epizentrum in Dresden wollte, wie die englische Arts-&-Crafts-Bewegung, Form, Design und Architektur zu einem Gesamtkörper verflechten. Ökonomische Zwänge beeinflussten in Deutschland den ästhetischen Anspruch viel stärker und endete in der Typisierung im Wohnungsbau. Dies führte – sowohl in den Bauten der Industrie als auch der Öffentlichkeit und die des Wohnens – zu einer Versachlichung mit einer monumentalen Überspitzung, deutlich sichtbar z.B. an der Garnisonskirche in Ulm und dem Stuttgarter Bahnhof, die in ihrer Wirkung heute noch beeindruckt, und eine komplette Loslösung von den Sezessionen in Wien, Frankreich und England bedeutet. Zu eigenwillig, zu „deutsch“ erscheinen uns die Bauwerke. Während Peter Behrens und Joseph Maria Olbrich die materielle Schwülstigkeit der Wiener Sezession fortsetzten, finden wir bei Paul Bonatz (1877-1956), Fritz Höger (1877-1949), Wilhelm Kreis (1873-1955) und Bruno Taut (1880-1938) die Hinwendung zur monumentalen Materialwirkung, auch unter Hinzunahme historisch anmutender Formen aus der sog. Gotik. Im Wohnungsbau ist die Tendenz zur Vereinfachung von Formen deutlicher ablesbar. Während noch vor dem Ersten Weltkrieg noch stark mit Ornamenten und ihrer Wiederholung gearbeitet wurde, trat im Zuge des Sozialen Wohnungsbauprogramms in Deutschland das Ornament zugunsten farbiger Flächen und zunehmend schmucklos werdender Fassaden zurück.

Art Nouveau in Frankreich, Belgien und Spanien

Der Aufbruch in die Moderne wird heute von vielen Menschen jedoch mit Art Nouveau gleichgesetzt. Brüssel und Paris gelten noch heute – architektonisch gesehen – als Zentren dessen, was die Deutschen als Jugendstil verstehen wollen. Paris wurde nach der großen Weltausstellung 1889 zu einem Hot Spot der Moderne, nicht nur in der Architektur. Insbesondere die impressiv wirkende Bildhauerkunst und Malerei gelten als Katalysatoren der Moderne. Wie stark diese Impulse auch von der japanischen Farbholzschnittkunst beeinflusst wurde, zeigt ein Blick auf den Sammler Samuel Bing (1838-1905). Der Galerist machte auf die weltweiten Entwicklungen in der Kunst und im Design als einer der ersten Protagonisten der ProtoModerne aufmerksam. Seine 1895 eröffnete Galerie L’Art Nouveau galt als namengebend für den Pariser Stil. Die Künstler des Art Nouveau galten aber auch zugleich als Kenner der japanischen Kunst, die durch Bing Verbreitung und Aufsehen fand. Die Künstler griffen die zweidimensional erscheinende Kunstform des japanischen Farbholzschnitts auf und wandelten die darin abgebildeten Formen ab. Was für die fernöstliche Kunst damals galt, muss für die orientalische Kunst umso mehr gelten – die gezackten Formen, wie sie im frühen 20. Jahrhundert vermehrt auftauchten, finden ihre Ursprünge im antiken Ägypten und in der islamischen Baukunst. Wer genauer in das Schaffen von Samuel Bing blickt, entdeckt ein Flechtwerk von Künstlerbeziehungen von glänzenden Namen wie Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901), Pierre Bonnard (1867-1947), Maurice Denis (1870-1943), Henry van de Velde (1863-1957) und Victor Horta (1861-1947). Wie stark jedoch Orientalismus seine Auflösung in der Architektursprache fand, zeigt das Beispiel der Église Saint-Jean de Montmartre in Paris (1894-1904, Anatole de Baudot (1834-1915)). Schon der farbig eingefasste Eingangsbereich erscheint wie ein Aufgreifen der mittelalterlich-islamischen Mosaik- und Maßwerkkunst. Das in den Fenstern eingearbeitete Maßwerk findet im Kircheninnenraum im Stütz- und Brüstungssystem seine Entsprechung – aber nicht gotisierend im historistisch nachahmenden Stil, Baudot fand seine eigene Sprache mit dem alten Formenrepertoire umzugehen und schuf etwas gänzlich neues. Joseph Ferdinand Cheval (1836-1924) schuf mit dem Palais Idéal (1879 – 1912) eine moderne Groteske. Hector Guimard (1867-1942) schrieb am Beispiel des Castel Béranger (1894-1898) die Formengeschichte der Wohnhausarchitektur neu, wenn es um den Einsatz von gusseisernen Dekorelementen und farbigem Glas, bspw. im Treppenhaus, geht. Auch sein Maison Coillot in Lille (1897-1900) und sein Hotel Mezzara (1910-1911) und die Synagoge De La Rue Pavée in Paris zählen zu den herausragenden Prunkstücken der Architektur des Art Nouveau. Umso bemerkenswerter sind hingegen die Arbeiten von u.a. Antonio Gaudí (1852-1926), der die fließende Form als Ganzes begriff und seine Gebäude, bspw. die Sagrada Família sowie die Casa Milà und Casa Battló (1904-1906), wie aus einem Guss erschienen ließ. Die Vertreter des spanischen Modernismo und die der Katalanischen Bewegungen zeigen ohnehin eine Affinität zum islamischen Kunsthandwerk, was aufgrund der Geschichte und den daraus geborenen Traditionen nachvollziehbar erscheint. Und auch die Prachtentfaltung Italiens findet im Fin-de-Siècle seine Entsprechung.

Keiichi Tahara

Architecture Fin-de-Siècle

mit Essays von Riichi Miyake

Keiichi Tahara. Architecture Fin-de-Siècle Riichi Miyake Hardcover, in Leinen gebunden, 3 Bände im Schuber, 27 x 36,8 cm, 966 Seiten, in einem Karton mit Tragegriff € 250
Keiichi Tahara. Architecture Fin-de-Siècle Riichi Miyake Hardcover, in Leinen gebunden, 3 Bände im Schuber, 27 x 36,8 cm, 966 Seiten, in einem Karton mit Tragegriff € 250

Unmengen von Büchern reflektieren über die Anfänge und Entwicklungen der frühen Moderne: von den Arts-and-Crafts-Gruppierungen in Großbritannien, über die deutsch-österreichischen Sezessionen bis zum französischen Art Nouveau und ähnlichen Bewegungen in Spanien, Italien, Belgien, Osteuropa und in der Schweiz. Ein Buch scheint alle Erkenntnisse zusammenfassen zu wollen. Die Fotografien von Keiichi Tahara verdeutlichen, wie abrupt und neu die neue Strömung als Antipode zum Historismus ab den 1880er Jahren auftrat, aber auch wie variantenreich mit Materialien, Farben und Formen umgegangen wurde. Die profunden Essays von Riichi Miyake zeugen von ihrer hohen Kenntnis über die Ausgangspunkte der Modernen in Architektur und Design in Europa im ausgehenden 19. Jahrhundert, den ohnehin von technologisch und geistig geprägten Umbrüchen, Neuerungen und Umwälzungen geprägten Fin-de-Siècle. Der Werkkoloss erzählt auch von der Begeisterung beider Herausgeber über die Finesse, Kreativität und Grenzüberschreitungen der Architekten, Maler, Grafiker und Designer, die wir heute noch anhand vieler Gebäude und Entwürfen, aber auch in der Malerei sehen können. Die drei Prachtbände vertiefen aber auch, wie die damaligen Künstler ihre Gegenhaltung zur Industrialisierung verstanden und so träumerisch-schwelgende Kunstwerke schufen. Besonders bemerkenswert ist der persönliche Einstieg von Keiichi Tahara und seine 1979 begonnene Reise in die Welt der Sezessionsbewegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

 

Keiichi Tahara. Architecture Fin-de-Siècle

Riichi Miyake

Hardcover, in Leinen gebunden, 3 Bände im Schuber, 27 x 36,8 cm, 966 Seiten, in einem Karton mit Tragegriff

€ 250

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s