Das Museum als Speicher und Netzwerker – Wie in Stuttgart Künstler sich mit einem Kulturort auseinandersetzten

Von Daniel Thalheim

 

Seit Ende Oktober findet eine Ausstellung an der Staatsgalerie Stuttgart statt, die sich mit dem Museum als Ort auseinandersetzt. In der seit Anfang dieses Jahres eingeleiteten Reihe „Museum Matters“ nahmen Künstler  dokumentarisch, experimentell, essayistisch und narrativ die Konzepte, Präsentationen und Vermittlungsformen, die an europäischen Museen Usus sind, in den Fokus. So wollten sie die Bedingungen sichtbar machen, in denen Sammlungen aufbewahrt und gezeigt werden. Alternative Archive könnten somit die Herausforderungen der Zukunft sein.

 

Von der Kunstverwahranstalt zum globalen Netzwerker – das Museum und sein Funktionswandel

„Ist das Museum ein kollektiver Speicher von Wissen oder Plattform für Experimente? White Cube oder Werkstatt? Architekturikone oder interaktiver Ort der Kommunikation?“, wird an der Staatsgalerie Stuttgart derzeit gefragt. Lange schon habe es verschiedene Vorstellungen, Theorien und Utopien über das Museum als Spielwiese für die Künste gegeben. Wer in die Geschichte der institutionellen Sammlungen blickt, entdeckt in den Kunst- und Wunderkammern von Herrscherhöfen die frühesten Wurzeln vom Entstehen von Sammlungsbeständen. Zunächst noch ohne wissenschaftlichen Einordnungen und den heute noch so typischen Trennungen, galten die Kunst- und Wunderkammern als Sammelsurium skurriler und schöner Schätze. Das änderte sich mit der Zeit der Aufklärung und dem Erstarken des Bürgertums im 18. und 19. Jahrhundert. Der Louvre in Paris ist wohl das erste bürgerliche Kunstmuseum seiner Art, wo, nach der Französischen Revolution, Kunstsammlungen institutionalisiert wurden. Mit dem Entstehen einer bürgerlichen ‚Sammelwut‘ entstanden europaweit und in den USA auch bürgerliche Salons und Institutionen, wo Förderung und Präsentation öffentlich stattfanden.

Immer wieder habe sich diese Institution in ihrer Geschichte geändert. Künstler setzen sich stetig mit diesem öffentlichen Ort von Bildern und Bilderfahrungen auseinander, der zwischen Gegensätzen wie Geschichte und Zukunft, Konjunktur und Krise pendele. Einerseits waren Museen traditionell Ausbildungsinstrumente und mitunter Ateliers, andererseits haben Künstler sowohl in ihrer Kunst als auch in ihren Manifesten die „Verwahranstalten der Kunst“ beharrlich attackiert, ihre scheinbare Neutralität und Objektivität kritisch thematisiert und ihre Gesten des Zeigens aus verschiedenen politisch und gesellschaftlich relevanten Perspektive hinterfragt. Dass diese Entwicklung weg von einer Verwahranstalt hin zu einer Ort der Vernetzung bereits voll im Gange ist, zeigt u.a. die Staatsgalerie Stuttgart mit ihrem jungen Ausstellungsprogramm, aber auch aktuell das Museum der Bildenden Künste in Leipzig. Die Kuratorin für Gegenwartskunst der Staatsgalerie Stuttgart, Alice Koegel, bekräftigt: „Vor allem aber sind Museen auch – und damit setzen sich die Filme und Videos in der Reihe „Museum Matters“ auseinander – Orte der ständigen Neuverhandlung von Kunst und Kultur, von Bedingungen ihrer Produktion und Rezeption sowie der Praxis ihrer Ausstellung aus gegenwärtiger Perspektive.“

 

Was wird im letzten Teil der Museum-Matters-Reihe gezeigt?

Das Museum wurde als Institution auch politisch benutzt. Sei es in den beiden deutschen Diktaturen, als auch in den ehemaligen Ostblockstaaten zur Zeit des „Eisernen Vorhangs“. Schon davor galten Museen  sowohl als nationalstaatliche Instrumente als auch die des Kolonialismus’. „Auch das Königliche Museum für Zentralafrika Tervuren am Rande Brüssels war ein Instrument der Propaganda“, wird von der Staatsgalerie Stuttgart im Ausstellungstext vor dem Hintergrund der noch bis Januar 2018 stattfindenden Schau von Katarina Zdjedlar „Into the Interior (Last Day of the Permanent Exhibition“ weiter erklärt. „Von Belgiens König Leopold II. 1898 gegründet und 1910 eröffnet – ein Jahr nachdem der Kongo nicht mehr königlicher Privatbesitz, sondern eine Kolonie des belgischen Staates wurde – war es ein Museum des kolonialen Afrikas. Als solches hat es afrikanische Kunst, Ethnographika und Naturobjekte gesammelt und mit ihnen Anmaßungen, Ausbeutungen, Brutalität, aber auch Begeisterung, mit denen die Europäer lange dem Rest der Welt begegneten, originalgetreu bewahrt.“

Bevor Ende 2013 das womöglich letztes Kolonialmuseum, das  Königliche Museum für Zentralafrika Tervuren am Rande der belgischen Stadt Brüssel, schloss und zu einem Haus des zeitgenössischen Afrikas umgebaut wurde, schaute Katarina Zdjelar in ihrer 2014 erstellten Arbeit hinter dessen Kulissen. In ihrem Doppel-Video „Into the Interior (the Last Day of the Permanent Exhibition)“ hält sie mit ihrer Kamera letzte Momente des Museums vor seiner Überformung fest. Beim Sehen des Videos wird deutlich, mit welchem genauen Blick und mit welcher Aufmerksamkeit sie Akteure und Situationen beobachtete. Mit ihr wagt der Betrachter einen Lichtkegel in Depots, Dioramen und Archivmaterial zu werfen. Personal wird belauscht, das indes die Inventarnummern zerfallender Trophäen überprüft, nur um sie wieder zu verpacken. In ihrer Doppelprojektion setzt Zdjelar deutlich sichtbar Aufnahmen der Trophäen solchen gegenüber, die Ausschnitte einer verblassten Wandmalerei mit einer kongolesischen Landschaft zeigen. Vor dem Hintergrund von Zdjelars ruhigen Aufnahmen begleitet eine dissonante Tonspur aus Stimmen der Museumsmitarbeiter, Harfenmusik und Geräuschen von Glasscherben, die zusammengefegt werden. Das ehemalige Kolonialmuseum würde laut der Kuratoren der Staatsgalerie Stuttgart nunmehr ideologisch entrümpelt. Und doch klänge der Soundtrack zu „Into the Interior (the Last Day of the Permanent Exhibition)“ nach Unbehagen, ob ein Dekolonisieren des Museums überhaupt möglich sei.

Diese Ausstellung ist die letzte der seit Januar 2017 eingeleiteten Reihe, an der u.a. Künstler wie Jem Cohen, Karsten Krause Chan Hau Chun teilgenommen hatten.

Videobox »Museum Matters«

Katarina Zdjedlar
»Into the Interior (Last Day of the permanent exhibition)« 

Staatsgalerie Stuttgart

31.10.2017 – 7.1.2018

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s