Salvator Mundi von Leonardo da Vinci – Ein Kunstkrimi über sein – mutmaßlich – letztes Gemälde

Von Daniel Thalheim

Im November 2017 wurde für 450 Mio. Dollar ein Gemälde versteigert, das Kunsthistoriker wild umher flattern lässt. Es gilt als das erste Kunstwerk, das für eine so hohe Summe den Besitzer wechselte. Es wurde vom Auktionshaus Christie’s als „zeitgenössisch“ eingestuft. Außerdem verbirgt sich das Bild hinter einem Nebel aus unsicherer Herkunft und Urheberschaft, sowie zahlreichen Makeln. Die Rede ist von dem  Salvator Mundi von Leonardo da Vinci (1452 – 1519).

Aus welcher Hand stammt der Salvator Mundi?

In seinem 2007 erschienenen Werkkatalog beschreibt der Kunsthistoriker Frank Zöllner das gesamte Schaffen des Renaissancekünstlers. Er ordnet die Arbeiten des Allround-Genies chronologisch ein, trägt Quellen und die wichtigste Literatur zusammen. Doch ein Werk klatscht er zusammen mit einer dazugehörigen Abbildung eines nach dem Original angefertigten Kupferstichs ans Ende des Katalogbandes: Salvator Mundi. Jenes Werk, das derzeit soviel Staub aufwirbelt und übersetzt soviel Retter der Welt bedeutet.

Ist das Original, wonach der im Leonardo-Werkkatalog abgebildete Kupferstich gefertigt wurde, von Leonardo da Vinci oder nicht? Warum der hohe Preis? Wieso ist dies ein zeitgenössisches Kunstwerk? Die, zur von Frank Zöllner gemachten Randnotiz, Abbildung verweist aber nur auf ein Derivat des italienischen Meisters, und zwar gemacht von Wenzel Hollar (1607 – 1677). Der böhmische Zeichner und Kupferstecher fertigte v.a. Nachbildungen von bereits bekannten Werken berühmter Künstler an. Hans Holbeins „Totentanz“ gehört zu seiner Zitatreihe wie auch eine Kopie Albrecht Dürers „Jungfrau mit Kind“.

Zeichnet man Hollars Lebensweg nach, ergeben sich die Stationen Prag (1607-1627), Frankfurt am Main (1627-1630), Straßburg, Mainz und Koblenz (nach 1630). Ab 1633 befand er sich im Gefolge des Lord Thomas Howard, Earl of Arundel. Mit ihm reiste er quer durch ganz Mitteleuropa. Ab 1637 befand Wenzel Hollar sich in England. Man muss sich zwangsläufig die Frage stellen, wann er das Original des Salvator Mundi gesehen haben mag, für wen er den Stich anfertigte und wofür?

Daran schlösse sich auch die Frage an, in welchem Besitz sich das Original in dieser Zeit befand: in der Kunst- und Wunderkammer der Habsburger, einem reichen Händler oder einem Bischof.

In Giorgio Vasaris Biografie über Leonardo da Vinci wird das Gemälde jedenfalls nicht erwähnt. Das heißt nicht, dass Leonardo da Vinci das ihm zugeschriebene und lediglich ca. 45 x 65 kleine Bild in Öl auf Walnussholz nicht gemalt hätte.

Im Katalog des Auktionshauses Christie’s heißt es jedenfalls, die „Ikone“ hätte sich zuerst im Besitz von Anne von Britannien (1477 – 1514) befunden und wäre ursprünglich im Auftrag des französischen Königs Ludwig XII. (1462 – 1515) gemalt worden. Vermutlich wurde das Werk um 1500 in Auftrag gegeben, während des 2. Italienischen Krieges.

Womöglich kam es 1625 als Heiratsgeschenk im Besitz von Henrietta Maria von Frankreich (1609 – 1669) nach England als sie im selben Jahr Karl I. von England (1600 – 1649) heiratete. Es soll sich in ihrem Anwesen in Greenwich befunden haben als Wenzel Hollar es kopierte. 1650 erschien in Antwerpen der Druck des Stichs mit der Inschrift „Leonardus da Vinci pinxit“.

Nach der Enthauptung von Karl I. 1649 tauchte der Salvator im selben Jahr im Inventar der Royal Collection auf und wurde 1651 an einen gewissen John Stone für 30 Pfund verkauft. Das Bild kehrte nach der Restauration der Monarchie unter Karl II. von England zurück in königlichen Besitz. Danach wechselte dieses Werk mehrfach seine Besitzer. 1763 wurde es von Sir Charles Herbert Scheffield (1706 – 1774) in einer Auktion verkauft. Erst 1900 tauchte der Salvator wieder aus den Nebeln der Provenienz auf als der Händler und Kunstsammler Francis Cook, Vicomte von Monserrat (1817 – 1901) es für seine Kollektion kaufte. Zu dieser Zeit befand sich das Gemälde in einem erbärmlichen Zustand, war mehrfach übermalt worden und wurde Leonardo Da Vincis Nachfolger Bernardino Luini (1480/82 – 1532) zugeschrieben, der eine ähnliche malerische Handschrift aufweist wie sein Meister.

Er und Giovanni Antonio Boltraffio (1466 – 1516) gehörten zum engsten Kreis des italienischen Genies, der gern auch Werke zur Vollendung an Dritte weitergab, wie Giorgio Vasari den Vorgang für das Hochaltarbild der Basilica della Santissima Annunziata der Servitenbrüder in Florenz beschreibt. Damals war der Auftrag Filippino Lippi (1457 – 1504) übertragen worden, reichte diesen aber an Leonardo da Vinci weiter.

Es ist das Bild worauf die Madonna nebst Hl. Anna und dem Christuskind, das mit dem Lamm spielt, abgebildet sind. Gemeint ist das wohl 1501 entstandene Gemälde „Anna Selbdritt“ (Öl auf Pappelholz) Leonardo selbst soll nach Vasaris Ausführungen nur einen Karton mit einer Vorzeichnung angefertigt, diesen den Auftraggebern zurück gegeben haben. Diese gaben den Karton den Erzählungen nach an Filippino Lippi weiter, der aber verstarb bevor er es vollenden konnte. Der Maler Andrea Piccinelli gen. Brescianino (ca. 1486 – ca. 1525) vollendete den Entwurf.

Dass ein Teil der Provenienz des Salvator Mundi bislang ungeklärt sei, meint Michael Daley, Künstler und Direktor des Portals ArtWatch UK. Er meint, dass Salvator Mundi, welches Leonardo da Vinci zugeschrieben wird, keine Geschichte vor 1900 aufweise. Von 1763 bis zu seiner um 1900 erfolgten Aufnahme in die Sammlung von Charles Robinson of Richmond (1867 – 1932) klaffe eine Lücke.

Aufschluss über diese Provenienzlücken können nur die Quellen aufzeigen. Solange bleiben Herkunft und Besitzansprüche über die 500 Jahre Existenz des Bildes ungeklärt. Jener Streit, der aktuell stattfindet, ist und bleibt hinfällig.

Umso schwieriger wird die Deutungshoheit um das vermeintliche Original, weil rund 20 alternative Versionen dieses Bildes existieren sollen, die Anhänger und Studenten Leonardo da Vincis angefertigt hatten. Lange Zeit galt das aktuell Leonardo da Vinci zugeschriebene Bild des Salvator Mundi selbst als Kopie, weil es mehrfach übermalt wurde. Nach seinem 1958 erfolgten Verkauf bei Sotheby’s galt das Werk bis 2011 hingegen als „authentischer Leonardo“, schreibt The Guardian im November 2017. Nach einer Restaurierung im Jahr 2005 blickt uns die für den Renaissance-Maler so typische Handschrift in den Porträtzügen des abgebildeten „Salvators“ an. Mit Hilfe einer Infrarot-Methode kam das Original zum Vorschein und zeigt wie sehr die neue Restaurierungsfassung dem Original nahe steht. Aber untypisch für den Meister sind die offensichtlichen Makel, die vor der jüngsten Restaurierung noch offensichtlicher waren als jetzt. Das erklärt auch, weshalb Frank Zöllner 2007 dem Bild scheinbar keine so große Gewichtung in seinem Werkkatalog beigemessen hat und stattdessen den Kupferstich abbilden ließ. Im Detail wird deutlich warum.

Infrarotaufnahme von Leonardo da Vinci (1452-1519) Salvator Mundi oil on panel 25 7/8 x 18 in. (65.7 x 45.7 cm.) Painted circa 1500. (Foto: Christie's Presse 2017 / Aus dem Leonardo da Vinci Salvator Mundi Catalogue)
Infrarotaufnahme von Leonardo da Vinci (1452-1519) Salvator Mundi oil on panel 25 7/8 x 18 in. (65.7 x 45.7 cm.) Painted circa 1500. (Foto: Christie’s Presse 2017 / Aus dem Leonardo da Vinci Salvator Mundi Catalogue)

Vom Trugschluss des Augenscheins

Der Kupferstich von Wenzel Hollar zeigt ein en face einer männlichen Person. Sie ist bärtig und blickt den Betrachter nicht direkt an. Über dem über seine Brust gespannten Gewand sind zwei Gurte über Kreuz geschlagen. Der Mann hat lange Haare, die im Schulterbereich lockig aufliegen. Des Mannes linker Arm ist angeschnitten und führt perspektivisch über den Bildrand hinaus. Zu seiner linken hält er eine gläserne Kugel in der Hand. Lichtreflexionen lässt die Kugel plastisch erscheinen. Seine rechte Hand hält der Mann in Brusthöhe in Richtung Betrachter. Es scheint als würden Zeige- und Mittelfinger sich kreuzen. Dass sie sich nicht kreuzen, ist bei näherem Hinsehen offensichtlich. Die Haltung der Finger sind der perspektivischen Verkürzung unterworfen, der Zeigefinger bleibt auch dunkler als der Mittelfinger. Spötter unken, Christus verlange eine Zigarette. So sehen wir es auch im aktuell verkauften Gemälde von Christie’s. Die aktuelle Restaurierungsfassung weist Details auf, die nicht auf Leonardo da Vincis Handschrift verweisen, sondern auf die der Restauratorin.

Mehrere Details an der neuen Restaurierungsfassung fallen auf. Durch die angeschnittene linke Körperseite mit der Glaskugel erscheint die Haltung des Salvator Mundi an den Rand gequetscht. Der erhobene Arm besitzt nahezu keine Verkürzungsperspektive wegen der unglücklich gemalten Faltenwürfe. Der Umhang, der über die linke Körperhälfte geworfen ist, fällt nicht locker vom Körper herab, sondern scheint unnatürlich gespannt zu sein. Ein Gurt scheint sich in der unteren Hälfte schmaler nach der Überkreuzung fortzusetzen als im oberen Teil des Brustbereichs. Weitere Unsauberkeiten erkennen wir am Faltenwurf unter den Gurten. Die Falten werden nicht gequetscht und aufgeworfen, so wie Stoff bei Stauchen und Pressen anstellt. Wer an der linken Brusthälfte des Salvators genauer hinblickt, so setzen sich einige Falten unter dem Gurt fort. Dies könnte zumindest ein Indiz sein, dass die Gurte später hinzugefügt wurden. Klarer das Bild im Kupferstich von Wenzel Hollar. Dass hier die Perspektiven zu stimmen scheinen, könnte wohl auch am künstlerischen Geschick des Kupferstechers gelegen haben und nicht an dem vielleicht schon damals im 17. Jahrhundert überarbeitenden Original?

Viele Experten sehen die neuen Makel als Beweise an, dass das im November versteigerte Objekt nicht (mehr) das Original des italienischen Meisters sei. Neben Michael Daley äußerte sich auch Todd Levin, Kurator der Levin Art Group in New York, skeptisch über eine genaue Zuweisung des Bildes an Leonardo da Vinci. Niemand könne dieses Werk definitiv dem Renaissance-Genie zuschreiben und schiebt das Bild dem Werk des Da-Vinci-Schülers Giovanni Boltraffio zu.

Kunsthistoriker Frank Zöllner stellt klar, dass eine Zuschreibung deswegen unklar bleibe, weil in der Vergangenheit die massiven malerischen und restaurativen Eingriffe dem Bild eher schadeten als halfen, wie er in seinem Vorwort einer 2017 neu edierten Fassung des Werkkatalogs beschreibt. Auch er stellt das Werk Da Vincis Werkstattbetrieb näher und datiert es in seiner Entstehung ab 1507 oder viel später ein. Grund für seine Zuordnung sei die viel stärker entwickelte Sfumato-Technik, was eher auf die Schüler verweise als auf den Meister selbst.

In den 500 Jahren seiner Existenz habe das Bild so viele Übermalungen und vermeintliche Restaurierungen erhalten, dass es wie eine Kopie seiner selbst erscheine, so zumindest sagt Galerist Robert Simon. Letztlich sei inzwischen auch inzwischen Konsens, dass aufgrund der fast schon zerstörerischen Übermalungen und Restaurierungsversuche die Urheberschaft nahezu unerheblich sei. Das Gemälde sei in keinem verifizierbaren Originalzustand zu erfahren. Wer vor dem Werk stehe, würde erkennen, kein Meisterwerk von Leonardo da Vinci vor sich zu haben, sondern etwas anderes.

Das Problem des Restaurierens läge in der Vergangenheit, dass Restauratoren oft die Arbeit des vorigen Restaurators entfernten und ihre eigene Handschrift einbrächten. Die Restauratorin, die 2005 den Salvator Mundi unter ihre Fittiche nahm, widerspricht, dass das Bild überbordend übermalt wurde, aber ziemlich zerstört gewesen wäre. Dianne Modestini meint, bei ihrer Arbeit und der vorher erfolgten Durchleuchtung einen echten Leonardo vor sich gehabt zu haben. Sie bezieht sich auf winzige Details, die nur aus des Meisters Hand stammen können: der Glanz der Locken, die feine Ausarbeitung der Hände und die Technik mit der Leonardo die Lichtreflexionen auf der Kristallkugel mit Leichtigkeit und Eleganz auftrug, das Sfumato im Vergleich zu den Gemälden Mona Lisa und Johannes der Täufer. Hinzu komme, dass Salvator Mundi, wie die Mona Lisa auf Holz gemalt wurde.

Martin Kemp, ebenfalls Kunsthistoriker, spricht die Urheberschaft des Bildes ebenfalls Leonardo da Vinci zu und sieht die meisten in der Frühneuzeit vorgenommenen „Restaurierungen“ auch im kritischen Licht. Viele schlechte Effekte in dem Bild seien Ergebnisse von zu gründlichen Reinigungs-, Sicherungs- und Nacharbeiten gewesen. Auch die Zuordnung des Salvator Mundi an den Leonardo-Schüler Giovanni Boltraffio sieht Kemp skeptisch und verweist auf eine nebulöse Indizienkette und Gerüchte aus zweiter Hand. Für ihn und Modestini ist der Salvator Mundi definitiv das letzte Meisterwerk von Leonardo da Vinci. Die noch vorhandenen Fehler im Faltenwurf, z.B. unterhalb der segnenden Hand, der aktuellen Restaurierungsfassung sehen wir in der Abbildung aus der radiographischen Methode so nicht. Auch andere Mängel, wie die über der Schulter hängende Tunika, sind in der Neufassung im Vergleich zum Abbild in der Infrarot-Methode nahezu dilettantisch umgesetzt worden. Der an den Rand geklatschte Schulter- und Armabschluss der linken Körperhälfte Christi taucht so in der radiographisch festgestellten „Ur-Version“ so nicht auf. Jedoch kann jetzt die schmale Gurtfortsetzung am Brustabschnitt als Überlappung durch das Tuch verstanden werden.

Dennoch: nach seiner Restaurierung 2005 blicken wir auf ein Bild, das verblüffend dem ähnelt, was wir von Leonardo da Vinci kennen. Verwischte Konturen, unklarer Lichteinfall, zarte Ausführungen der Linien und Konturen – typisch für seine Sfumato-Technik. Hinzu kommt die feminine Erscheinung des Mannes mit seinen weiblichen Gesichtszügen und nur angedeutetem Bart. Außerdem wölbt sich unter seinem Gewand die Brust hervor, die eher auf eine Frau schließen lassen als auf einen Mann.

Leonardo da Vinci (1452-1519) Salvator Mundi oil on panel 25 7/8 x 18 in. (65.7 x 45.7 cm.) Painted circa 1500. (Foto: Christie's Presse 2017)
Leonardo da Vinci (1452-1519) Salvator Mundi oil on panel 25 7/8 x 18 in. (65.7 x 45.7 cm.) Painted circa 1500. (Foto: Christie’s Presse 2017)

Der Salvator Mundi in der Kunstgeschichte

Leonardos Salvator Mundi steht in einer Reihe eines Motivs, das weit verbreitet war und weit in die Geschichte zurückgeht. Erste Brustbilder von Christus tauchten bereits in der spätantiken Periode unter den Kaisern Theodosius II. (401 – 450) bis Justinian I. (482 – 565) und im Frühmittelalter auf. Der Typus wurde im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Vermutlich findet dieser Typus seine direkten Vorläufer in den auf Münzen geprägten Kaiserbildnissen der byzantinischen Periode. Zumindest muss der Herrscher-Christus-Typus einer geradeaus blickenden Person früh in reger Wechselbeziehung zueinander gestanden haben. In der Basilica S. Vitale in Ravenna und in der Basilica Sant’ Apollinare in Classe sehen wir frühe Christus-Bilder in Bogenlaibungen und an Stirnwänden. Dies ist auch die Zeit, wo auch Globuli im Zusammenhang mit dem Christusbild auftauchen. Im 7. Jahrhundert unter Justinian II. (1688 – 711) wird der Typus des Christusbildes weiterentwickelt, u.a. mit Kosmosglobuli, wallendem Haar, Bart. Ein Typus, woraus auch der Salvator Mundi abgeleitet werden kann, ist das Deesis-Mosaik in der Südempore der Hagia Sophia zu finden und womöglich im frühen 13. Jahrhundert entstanden. Hier wird ein segnender Christus gezeigt, der in seiner Linken eine Bibel statt eines Kosmosglobus’ hält, eine Darstellung, die an das Evangeliar von Princeton (9. Jahrhundert) erinnert. Auch in der Kirchenskulptur des Mittelalters wird der Typus des segnenden Christus aufgegriffen, wie wir es am Beau-Dieu-Portal an der Kathedrale von Amiens sehen können.

Im Spätmittelalter zur Schwelle zur Frühneuzeit tauchen verstärkt die Salvator-Mundi-Motive in Reinform auf. Hans Memling (1430 – 1494) gilt neben dem Meister von Flèmalle und Rogier van der Weyden als einer der Innovatoren des Bildtypus‘, den wir heute Salvator Mundi nennen. Spiegelungen bzw. Lichtreflexionen, die ein Fensterkreuz abbilden oder generell ein Kreuz darstellen, werden als Lux Mundi gedeutet. In abgewandelter Form sehen wir das Kreuz an den Brustgurten in Leonardos Version des Salvator Mundi.

Neben Leonardos Beispiel haben Künstler wie Antonello da Messina (1430 – 1476), Carlo Crivelli (1430 – 1495), Hans Baldung Grien (1480 – 1545), der Meister von Mansi Magdalen (1490 – 1530), Andrea Previtali (1480 – 1528), Tizian (1488 – 1576), Albrecht Dürer (1471 – 1528), El Greco (1541 – 1614) und viele weitere den Typus aufgegriffen und individuell weiter entwickelt.

Die unio mystica in Leonardos Salvator Mundi

Die mystische Hochzeit ist ein altes Motiv in der Kunst. Sie trifft die religiöse Vereinigung von Gott und Mensch am ehesten. Eine weibliche Seele wird demnach mit Gott bzw. dem Messias vermählt. In Leonardos Bildnis des Salvator Mundi scheint diese Verschmelzung in einer Person stattzufinden: männliche und weibliche Attribute können wir in seinem Gemälde erkennen. Diese im Mittelalter entstandene und weiterentwickelte Allegorie besitzt im Judentum ihre Wurzeln und fand im Mittelalter Eingang in den christlichen Mystizismus. Wir brauchen nur in die Kunstgeschichte schauen, um Aspekte dieser Vermählung zu finden, u.a. in Giovanni di Paolos (1403 – 1482) um 1460 entstandenes Bild „Die mystische Hochzeit der heiligen Katharina von Siena mit Christus“. Der Darstellungstypus der Hochzeit wurde größtenteils beibehalten. Doch die Vereinigung von Seele (Frau) und Christus (Mann) ist in Leonardos spätem Schaffen augenscheinlich, v.a. auch in seinem Salvator Mundi.

Die Verwendung einer Glaskugel statt eines plastischen Globus‘ erscheint untypisch und neu für die Salvator-Mundi-Darstellungen. Glas ist als ein Symbol für die Durchlässigkeit der Materie für das Licht Gottes bekannt und taucht oft in Mariendarstellungen auf. In Leonardos Fall können wir die Lesart um den Aspekt erweitern, dass sich das Licht Gottes, vielleicht auch das Licht der Erkenntnis, in der Glaskugel bricht. Darüber hinaus können wir ablesen, dass die zarte Glashülle bzw. Atmosphäre auch ein Sinnbild für den allumfassenden Kosmos darstellen könnte und sich der Wille und die Kraft Gottes dem Irdischen entzieht, somit auch der Glaube.

Der Kunstkrimi geht in die nächste Runde

Wie die New York Times im März 2019 berichtet, ist der „Salvator“ verschwunden. Vom teuersten Gemälde der Welt soll jede Spur fehlen. Die Ansprechpartner weder im Louvre in Paris noch im Louvre-Ableger in Abu Dhabi wissen, wo sich das Jesus-Porträt „Salvator Mundi“ von Leonardo da Vinci derzeit befindet.

Das mutmaßlich letzte Gemälde von Leonardo da Vinci wurde am 15. November 2017 für umgerechnet 400 Millionen Euro in New York versteigert und gilt als teuerstes ersteigerte Bild aller Zeiten. Damals war nur bekannt, dass der Bieter anonym ist. Später  stellte sich heraus, dass der Käufer wohl Prinz Bader bin Abdullah bin Mohammed bin Farhan al-Saud aus Saudi-Arabien war. Als das bekannt wurde gab das saudische Kultusministerium an, das Jesus-Porträt erworben zu haben.

Der Louvre in Abu Dhabi kündigte außerdem nur drei Wochen nach der Versteigerung an, das Gemälde aus dem frühen 16. Jahrhundert ausstellen zu wollen. Doch als die für September 2018 geplante Ausstellung näher rückte, wurde sie abgesagt – der „Salvator Mundi“ war unauffindbar!

Nun am 11. Juni 2019 wurde die Meldung veröffentlicht, es sei wieder aufgetaucht – und zwar auf der Yacht des saudischen Prinzen Mohammed Ibn Salman. Kunsthändler Kenny Schachter teilte auf „Artnet“ mit, dass das Werk während einer „Nacht und Nebel“-Aktion in das Flugzeug des Thronfolgers, dann auf seine Yacht gebracht wurde. Schachte rberuft sich auf mehrere Quellen. Sicher sei jedoch nichts.

Inzwischen ist auch ein Buch über Da Vincis mutmaßlich letztes Bild erschienen. Ben Lewis erzählt in „The secret lives of the world’s most expensive painting“ die Geschichte des Werkes.

Leonardo – Das Buch zum Genie

In den vergangenen Jahren stand Leonardo Da Vinci hoch im Kurs der Kunsthistoriker. Neben den Monografien von Frank Zöllner haben Leonardo-Liebhaber auch die Biografien von Martin Kemp und Charles Nicholl auf dem Plan. Doch um Vollständigkeit, Recherche- und Quellensicherheit schlägt niemand Frank Zöllner.

Die Coverabbildung der Leonardo-Jubiläumsausgabe (Foto: TASCHEN 2019)
Die Coverabbildung der Leonardo-Jubiläumsausgabe (Foto: TASCHEN 2019)

Der Kunsthistoriker, der seit knapp zwei Dezennien an der Universität Leipzig Seminare und Vorlesungen zum Jahrtausendgenie abhält und wie kein anderer mit Geist und Humor die Studierenden in die Welt der Renaissance einführt, hat im TASCHEN Verlag seit über 20 Jahren Schriften über Leonardo publiziert. Angefangen in der Kleinen Taschenbuchreihe hin zu den dicken Sonderausgaben bis zur Jubiläumsausgabe 2019. Was die diesjährige Publikation so einzigartig macht, ist das Vorwort. Anders als in den vorangehenden Büchern beschäftigt sich Zöllner mit der Herkunft, der Restaurierung und Verbleib des 2017 versteigerten, vorher restaurierten und nunmehr wieder vermissten „Salvator Mundi“. 

Es ist jenes Bild, das wie der Künstler selbst, ein Mysterium erscheint. Zöllner umreißt mit seiner lebendigen Erzählsprache den Entstehungszeitrahmen des „Salvators“ und das persönliche Umfeld des Meisters aus Florenz. Es gibt unterschiedliche Fassungen des Motivs, worauf Christus als Erlöser mit dem Segensgestus abgebildet ist; ikonographisch eng mit der Entstehung des Bildtypus in der Renaissance verbunden, wenngleich die Wurzeln dieses Bildtypus tiefer liegen. Der Kunsthistoriker verweist auf eine Entstehungsgeschichte des „Salvators“, ausgehend von ersten Skizzen, bis hin zu Abwandlungen des Christusporträts. Zöllner zweifelt nicht an, dass der Entwurf des Werks auf Skizzen Leonardos zurückgehen. Problematisch sieht er die Auslegung, das 2017 versteigerte Gemälde sei vollständig aus Leonardos Hand entstanden. Kritisch steht er der lückenhaften Provenienz gegenüber, aber auch gegenüber mehreren Restaurierungsversuchen, die das ursprüngliche Gemälde nahezu vollständig überformt hatten. Frank Zöllner belegt seine Thesen mit einer Fülle an Bildmaterial und -vergleichen, Ableitungen aus dem religiösen Gebrauch dieses Motivs in der religiösen Buchmalerei. Schon wegen des Vorwortes allein, ist der neue Band anschaffenswert. Auch diejenigen Leonardo-Jünger unter den Kunstbegeisterten, die bereits alle Publikationen von Frank Zöllner besitzen, sollten bei dieser Ausgabe zugreifen. 

Doch wer weiß, vielleicht wird bald noch eine aktualisierte Ausgabe seines zeichnerischen Werkes erscheinen. Denn in London ist Anfang Mai 2019 eine Skizze aufgetaucht, die künftig im Buckingham-Palast ausgestellt werden soll. Angeblich soll die Zeichnung mit dem Antlitz eines älteren bärtigen Mannes aus der Hand eines unbekannten Schülers Leonardos stammen, der Porträtierte soll Leonardo selbst darstellen.

Leonardo – Sämtliche Gemälde und Zeichnungen / Da Vinci im Detail – Jubiläumsausgabe zum 500. Todestag

703 Seiten

40 EUR

Artnet

https://news.artnet.com/opinion/kenny-schachter-on-the-missing-salvator-mundi-1565674

Christie’s

http://www.christies.com/features/The-last-da-Vinci-Salvator-Mundi-8598-3.aspx

The Guardian

https://www.theguardian.com/artanddesign/2017/nov/20/artistic-license-experts-doubt-leonardo-da-vinci-painted-450m-salvator-mundi

https://www.theguardian.com/artanddesign/2017/nov/16/salvator-mundi-leonardo-da-vinci-most-expensive-painting-ever-sold-auction

Youtube Channel von The Guardian

Zeit Online

http://www.zeit.de/kultur/kunst/2017-11/salvator-mundi-leonardo-da-vinci-gemaelde-versteigerung

Dokumentationen über Leonardos „Salvator Mundi“, u.a. vom CNN

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