Rheinländische Avantgarde – Wie der Sammler Wolfgang Hahn den Blick auf die Kunst veränderte

Von Daniel Thalheim

 

„Kunst ins Leben“ war in den 60er-Jahren ein Schlagwort. Um sich von einer überholten Malereitradition zu distanzieren verwendeten Künstler Alltagsgegenstände, Texte und Partituren anstatt klassischer Malerei und Bildhauerei zu frönen. Derzeit findet im Museum für Moderne Kunst der Stiftung Ludwig (MuMoK) eine spannende Ausstellung statt, die diese Avantgarde beleuchtet. Wer hätte das gedacht, dass das Rheinland ganz vorne mitmischte. Die Sammlung Wolfgang Hahn demonstriert, wie kühn und mutig die damaligen Künstler die Vorstellungen von Kunst aufrollten und umkehrten. Der Sammler half mit seiner Unterstützung für junge Künstler, dass die Kunstgeschichte neu geschrieben werden musste.

Die Avantgarden der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts dürfte unseren Blick auf die Welt der Kunst genauso verändert haben, wie die Impressionisten Frankreichs der 1860er und 1870er es taten, oder die frühen Avantgardisten der Jahrhundertwende bis weit in die Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts hinein. Es war die Zeit der Modernen, wo unterschiedliche Epochenbegriffe aufeinander prallten und nebeneinander existierten. „In den 1960er-Jahren bildete sich im Rheinland eine Avantgardebewegung, die die Grenzen der Kunstdisziplinen durchbrach und sich vom Althergebrachten distanzierte“, teilt das Museum für Moderne Kunst (MuMoK) mit. „Aus Nouveau Réalisme, Fluxus und der neuen Musik war eine international vernetzte Generation von Künstler_innen zusammengekommen.“

Joseph Beuys Tür, 1954–1956 Verbrannte Holztür, darauf montiert Reiherschädel und Hasenohren / Burnt wooden door, mounted heron skull and rabbit ears 210 x 108 x 10 cm mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln / Former Hahn Collection, Cologne, erworben / acquired 1978 Photo: mumok © Bildrecht Wien, 2017
Joseph Beuys Tür, 1954–1956 Verbrannte Holztür, darauf montiert Reiherschädel und Hasenohren / Burnt wooden door, mounted heron skull and rabbit ears 210 x 108 x 10 cm mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln / Former Hahn Collection, Cologne, erworben / acquired 1978 Photo: mumok © Bildrecht Wien, 2017

Natürlich traf die Kunst den Puls der Zeit als Popmusik (Beatles, The Rolling Stones, Bob Dylan, Kinks, The Who) die Welt eroberte und mitten im Kalten Krieg die junge Generation aufmüpfig wurde: Friedensbewegung, Hippiekultur, Umweltschutz. Auch die Kunstavantgarden der Sechzigerjahre lehnten sich gegen bestehende Verhältnisse auf. Die Kunst wurde freier. Der akademische Duktus verschwand weitestgehend aus den Akademien.

Diese Kunst fand auch ihre Sammler. Einer unter ihnen war Wolfgang Hahn (1924 – 1987), der Chefrestaurator des Wallraf-Richartz-Museum in Köln. 2017 feierte das Wallraf-Richartz-Museum ihren Restaurator mit einer umfangreichen Ausstellung und beschreibt, wie Hahn sich die junge Kunst vom Munde absparte. 1968 wurde eine erste Sammlungsschau veranstaltet. Der Sammler Peter Ludwig (1925 – 1996) wurde auf die neuen Kunstwerke und ihre Erschaffer aufmerksam. Noch heute wird darüber diskutiert, wer wen beeinflusste. 1978 kam die Sammlung Hahn mit rund 400 Werken nach Wien, wo sie heute eine der Kernsammlungen des MuMoK bildet. Der Name Wolfgang Hahn blieb geisterhaft im Hintergrund stehen.

Mit der Ausstellung „Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre“ holt das MuMoK nun die Sammlung in ihren Hauptwerken wieder ans Licht der Öffentlichkeit, beginnend mit verbrannten Tür von Joseph Beuys bis zu Wolf Vostells Aktionsobjekten. Ihre Werke sind diesem erweiterten Kunstbegriff „Kunst ins Leben!“ verpflichtet, führten ihn gewissermaßen ein und erweiterten ihn. Happenings, Aktionen und Aufführungen neuer Musik sind mit Werken von Allan Kaprow (1927 – 2006), Nam June Paik (1932 – 2006) oder John Cage (1912 – 1992) unmittelbar miteinander verbunden. Herausragende Positionen der Pop Art von George Segal (1924 – 2000), Claes Oldenburg (*1929) oder Tom Wesselman (1931 – 2004) stehen in der Ausstellung im Diskurs mit Materialbildern aus dem Nouveau Réalisme, der mit Daniel Spoerri (*1930), Jean Tinguely (1925 – 1991) oder Niki de Saint Phalle (1930 – 2002) einen Schwerpunkt der Sammlung bildet. Hahns Abendmahl ist das legendäre Hauptwerk davon, das Spoerri 1964 im Hause Hahn veranstaltete, und ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.

 

Kunst ins Leben!

Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre


Freitag, 10. November 2017 bis Sonntag, 24. Juni 2018

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