Eine Ruheort für die Kunst – Der Louvre in Abu Dhabi

Von Daniel Thalheim

Mitte November 2017 wurde nach zehn Jahren Bauzeit der Louvre in Abu Dhabi eröffnet. Leihgaben aus dem Pariser Louvre und u.a. dem Musée de Moyen Age und Musée d’Orsay werden mit Kunstschätzen aus dem Besitz der arabischen Investoren zusammengewürfelt. Die Idee dieses Museums scheint sich weg von der vernunftorientierten Sammlungsidee des aufgeklärten Europas zurück in Richtung mittelalterlicher Wunderkammern feudalistischer Herrscher zu bewegen. Dennoch ist die alles überspannende Kuppel aus Maßwerk ein Faszinosum der Baukunst. Ihr Erschaffer ist kein Geringerer als Jean Nouvel.

Der islamischen Bautradition verpflichtet

„Menschen vertragen Temperaturschocks nicht so gut“, äußert sich der französische Architekt Jean Nouvel zum Standort des neuen Louvre auf einer künstlich angelegten Insel in Abu Dhabi. „Auch Kunstwerke vertragen Temperaturschwankungen nicht.“ So ein grundlegendes Anliegen habe den Bau des Neubaus in den Vereinigten Arabischen Emiraten beeinflusst, und natürlich auch die regional typische Architektur. Der Architekt und Designer räumt mit diesem Argument die letzten Zweifel europäischer Kuratoren aus, die Kunstwerke würden in dem arabischen Staat nicht pfleglich behandelt. Jean Nouvel wollte von Anfang an Licht mit Schatten, Reflexionen mit Ruhe verbinden. Darüberhinaus greife der Architekt seinen Worten nach auch die Geschichte des Landes und seine Geographie auf.

Dass ihm sein Ansinnen hundertprozentig gelungen ist, beweist seine netzartige Kuppelkonstruktion, die die in einzelnen Kuben befindlichen Sammlungen mit einer Durchmesser von 180 Metern und in drei Schichten von insgesamt 97.000 QM gewebeartig überspannt. In den einzelnen Kuben befinden sich die Räume für die permanenten und temporären Ausstellungen, ein Kindermuseum, ein Auditorium, ein Verkaufsraum, Restaurierungswerkstätten, öffentliche Räume, Verwaltungsgebäude, ein Café und ein Restaurant. Netzsterne lassen einen Regen aus Licht auf die Innenräume fallen. Sonnenlicht bricht sich tagsüber im filigranen Netzgewebe, nachts erscheint die Kuppel wie eine Oase aus Licht. Jean Nouvel ließ sich von den Lichtspielen, wenn Sonnenlicht in den Palmwedeln bricht, inspirieren. Dass in dem Sammlungskomplex aus mehreren autarken Gebäuden auch ein inneres Meer in die Kunstgestade schwappt, erklärt der Architekt und mehrfache Preisträger mit der kühlenden Wirkung, das Wasser im Zusammenspiel mit Schatten besitzt. Man könne dieses Phänomen auch in Venedig wahrnehmen.

Dieses grundlegende Prinzip muslimischer Architektur hat Jean Nouvel mit seinem Team aus verschiedenen Architekten und Designern (u.a. Damien und Athina Faraut, Raphael Renard, Reda Slaoui, Youssef Tohme) zu neuen Höhen konstruiert: kühle und helle Räume, Licht und Schatten nebeneinander, Wasser, Erde und Himmel miteinander künstlerisch verwoben. Dieser Kontrast und diese Komplexität machen islamische Architektur zu etwas besonderen.

Jean Nouvel fand einen Weg, den sakralen Charakter, der islamischen Bautraditionen ohnehin innewohnt, neu zu definieren. Sein Bauwerk dürfte als Geniestreich gelten. Der Begriff Kunsttempel wird sozusagen wortwörtlich genommen.

Dass dieses gigantische Kunstzelt in einer seichten Bucht von Meereswasser um- und durchspült wird, ließe jedoch aufgrund von weltweitem Meeresspiegelanstieg und Erderwärmung befürchten, das auf die künstlich angelegte Insel errichtete Himmelszelt überdauere nicht länger als den Zeitraum der Namensrechteübertragung des Louvre auf sein arabisches Pendant mit seiner Dauer von 30 Jahren.

Bild: Artefactory (TASCHEN Presse 2017)
Bild: Artefactory (TASCHEN Presse 2017)

Wie ist der Louvre in Abu Dhabi zu verstehen?

Es erscheint wegen der beflügelnden Architektur, dass die gezeigten Sammlungsstücke beinahe schon eine Nebenrolle spielen. Denn anders ließe sich der Inhalt des neuen Museums am arabischen Golf nicht lesen. Der Islam verneint das Abbilden des Menschen und der Natur, weil der Mensch das Göttliche nicht annähernd abzubilden vermag. Architektur und Künste waren im islamischen Raum seit dem Mittelalter stets dem Wort Gottes verpflichtet. Schrift, Baukunst, Literatur und Musik ordneten sich diesem Prinzip unter.

Als in 1977 in Teheran das Tehran Museum of Contemporary Art eröffnet wurde, lautete die Frage ähnlich, wie sie für das New Louvre gelten könnte: warum und für wen? Die Malerei, die in Teheran gezeigt wurde, blieb zeitgenössischen Strömungen und auch themenorientierten Ausstellungen und Sammlungsschwerpunkten verpflichtet. Anders in Abu Dhabi: hier wird europäische, asiatische und afrikanische Kunst nebeneinander so präsentiert als wären sie Trophäen.

Kritikwürdig ist auch, wie die arabischen Investoren sich der Louvre in ihrem Kulturquartier in Abu Dhabi sicherten. Die Scheichs sicherten der französischen Regierung Fördermittel in Höhe von 1 Mrd. EUR für den Erhalt und das Bespielen französischer Museen zu. Für das arabische Louvre wurden – scheinbar wahllos – auch extra Kunstwerke mit einem Gesamtwerk von 40. Mio. EUR jährlich eingekauft.

Strittig scheint aus Sicht der französischen Museumsorganisatoren auch ihr Aufgabenbereich zu sein. Können sie für einen arabischen Feudalherrscher die museumspflegerische Arbeit übernehmen wie sie es auch für die französischen Museen unternehmen?, steht als Frage im Raum. Wohl eher nicht, so ihre Antwort, wie sie in der französischen Zeitung Le Monde abgedruckt wurde. Denn das arabische Louvre ignoriert die für Museen so typische Pflege und Archivierung von Kunstwerken, ebenso die Rückverfolgung ihrer Herkünfte.

Stattdessen verfolgt der zuständige Kurator Jean-Francois Charnier das Prinzip, dass der Louvre Abi Dhabi ein Zentrum der internationalen Kunst von der Vorgeschichte bis heute sein will. Er setzt sich mit seinem Konzept über geschichtliche, geographische und epochale Einordnungen der Kunstwerke hinweg, stellt Werke unterschiedlicher geographischer Herkunft nebeneinander und will so Zusammenhänge schaffen, wie z.B. Menschen der selben Epoche und unterschiedlicher Herkunft ähnlichen philosophischen Fragen nachgingen.

Zielt aber die Konzeptionierung nicht eher auf das Selbstverständnis der Herrscher ab, sich als kunstsinnige Mäzen zu generieren? Wenn das Museé du Louvre in Paris aus einem bürgerlich-freiheitlichen Verständnis gewachsen ist, sich aber in einem Bauwerk des Absolutismus befindet, so stellt das arabische Louvre den Antipoden dar. Tatsächlich investieren reiche Ölscheichs in Fußballklubs und -stars, europäische Kunst und Kultur, Tourismus, weil irgendwann die Ölquellen versiegen könnten. Am Ende sichern sich Menschen mit viel Geld ihre Macht und ihren Wohlstand für die Zukunft ab.

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