Städtische Sonnenschirme – Das Metropol Parasol als urbaner Ruheraum

Daniel Thalheim

Dass es in Großstädten kaum Ruheräume gäbe, wird oft beklagt. In Sevilla wurde eine Lösung gefunden. Der deutsche Architekt Jürgen Hermann Mayer (*1965) gestaltete die Entwürfe für das Metropol Parasol, einer gigantischen Anlage aus sechs sonnenschirmartigen Strukturen, die an Feigenbäume und an die Oberfläche der Kathedrale von Sevilla erinnern sollen. Was sich darunter und darin verbirgt, klingt nach einem Freizeit- und Kulturquartier der Superlative.

Kultur, Shopping, Chilloutzone – Alles unter einem Dach

2011 wurde ein Bauwerk in der spanischen Hafenstadt Sevilla errichtet, das Ruheraum und Kulturort in einem in sich vereint. Das Metropol Parasol ist nicht nur ein Bauwerk, sondern ein ganzes Quartier, das auf dem Platz La Encarnación ein innerstädtisches Scharnier bildet. Die aus Holz bestehende und wabenartige Struktur überspannt mit einer Länge von 150 Metern, einer Breite von 70 Metern und einer Höhe von 26 Metern einen Stadtraum, in dem im 19. Jahrhundert – ähnlich wie in anderen Großstädten Europas und in den USA – eine Markthalle errichtet wurde. Im Zuge der urbanen Umgestaltung Sevillas kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Markthalle teilweise abgerissen, in den Siebzigerjahren vollständig. Stattdessen plante die Stadtverwaltung einen Parkhauskomplex zu errichten. Bei den Fundamentarbeiten wurden jedoch alte Ruinen aus der antik-römischen und muslimischen Epoche der Stadt entdeckt, die Arbeiten blieben stecken. Stattdessen begann die Stadtverwaltung 2004, das Areal komplett neu zu entwickeln. 2005 bekam Jürgen H. Mayer, deutscher Architekt und Designer, den Auftrag den Platz neu zu bespielen.

Das Metropol Parasol von Jürgen Mayer H. & Architekten, Sevilla 2011 (Bild: Hatje Cantz / Presse 2017)
Das Metropol Parasol von Jürgen Mayer H. & Architekten, Sevilla 2011 (Bild: Hatje Cantz / Presse 2017)

Der mehrfache Preisträger verschiedener Design- und Architektur-Awards und für kühne Entwürfe bekannte Architekt (u.a. Sonnenhof in Jena, Bürohaus ADA1 in Hamburg, das FOM-Gebäude der Düsseldorfer Universität, das OH3-Quartier in Berlin, Mensa Moltke in Karlsruhe) hat sich für Sevilla etwas besonderes einfallen lassen. Das Kulturquartier vereint auf vier Ebenen Geschichte, Kultur, Freizeit und Einkaufen.

Das unterste Level erlaubt einen Blick in die Geschichte dieses Ortes. Im Antiquarium liegen die antik-römischen und mittelalterlich-maurischen Wurzeln frei, die während der Bauarbeiten an dem ursprünglich geplanten Parkhaus entdeckt wurden. Dort wurde auch ein Museum eingerichtet. Darüber befindet sich im Souterrain eine Shopping Mall, genauer gesagt eine Wiedergeburt der Markthalle im ursprünglichen Sinn. Ihr Dach bildet gleichzeitig die Platzoberfläche, die von den überdimensionalen „Pilzstrukturen“ vor der Sonne geschützt wird. Hier finden v.a. öffentliche Veranstaltungen wie Theateraufführungen und Konzerte statt. In den Parasols befinden sich zwei weitere Ebenen, worin Terrassen und ein Restaurant untergebracht sind.

Zukunftsweisende und innovative Raumlösungen statt klassischer Blockrandbebauungen

Im Hinblick auf die Diskussion des Leuschnerplatzes in Leipzig und den von Pelčák & Partner in ihrem Wettbewerbsmodell vorgeschlagenen Raumlösungen einer katasterten Blockrandbebauung mit dem Aufgriff der Bruno Taut’schen Stadtkrone in Form einer Hochhausscheibe, wird die Dimension klar, wie innovationsarm vonseiten mancher Investoren und Verwaltungen urbaner Raum gedacht wird. Weltweit ist eine Abkehr vom herkömmlichen, klassischen Bauen sichtbar. Statt die Flächenverdichtung voranzutreiben, geht der Trend zu einer Auflockerung des Stadtraums zugunsten von Freiräumen. Zwischen diesen Freiräumen ist dennoch ein maximal mögliches Bespielen mit Wirtschafts- und Wohnräumen machbar.

Da auch der Markthallenneubau und der damit verbundene Neubau von daran angeschlossenen Quartieren als offen strukturierte Einheit weltweit einem Boom unterworfen ist, entstanden in verschiedenen Städten zahlreiche architektonische Beispiele, die das Zusammengehen von Funktion und Ästhetik verdeutlichen. Allen voran steht die vom Architektenkollektiv MVRDV entworfene und zwischen 2004 und 2014 gebaute Markthal in Rotterdam. Sie vereint auf 100.000 qm 228 Apartments, 100 Marktstände, Vorbereitungs- und Kühlungsräume und 1.200 Parkplätze und stellt im eigentlichen Sinne ein ganzes Quartier dar, dass sich im und unter dem gewaltigen Bogen überspannt wird. Im städtebaulichen Sinne steht das inwändig verglaste und mit Projektionen bunt bespielte Quartiersgebäude für Innovation, Zugkraft und Pracht. Die Architektur gibt dem umgebenden Platz Charakter.

Ort des Zusammenlebens, der Kultur, Geschichte, Wirtschaft und Demokratie - das Metropol Parasol in Sevilla (Foto: Hatje Cantz Presse 2017)
Ort des Zusammenlebens, der Kultur, Geschichte, Wirtschaft und Demokratie – das Metropol Parasol in Sevilla (Foto: Hatje Cantz Presse 2017)

Noch größer ist die 2014 verwirklichte Marly-le-Roi-Markthalle vom Architekturbüro Ameller Dubois & Partner mit einer Gesamtfläche von 164.000 qm. Dieses Großprojekt ist eher als ein City-Center zu verstehen, das neben den Einkaufsmöglichkeiten auch Parkplätzen und Wohnungen Raum bietet. Unter dem wellenförmigen Design aus Holz erstreckt sich die riesige Marktfläche. Das Dach der Markthalle fügt sich aufgrund seiner Begrünung samt Regenwasser- und Thermalmanagement in die Umgebung des ehemaligen Schlossparks Ludwigs XIV. sowie der naheliegenden Siedlung ein, indem die Dachstruktur der Markthalle die verwinkelt erscheinende Dachstruktur der Wohnsiedlung aufgreift. Die Fassade besteht vertikal gestellten Holzplanken.

Nicht weniger spektakulär ist die Markthalle in Ghent (Belgien) des Architekturteams aus Marie-José Van Hee und Robbrecht & Daem. Die eher winzig erscheinende und längliche Anlage (24.000 qm) ist lediglich ein auf vier Stützen gestelltes Dach, deren Giebelfronten die mittelalterliche Fassadenstruktur des Marktes aufgreifen. Das Bauwerk erscheint wie die auch aus Erfurt bekannten Brückenhäuser, Gebäude, die im Mittelalter auf Brücken errichtet und worin Ladengeschäfte Reih an Reih untergebracht wurden an denen die Menschen vorbei flanieren konnten. Diese Markthallenstuktur ist bewusst offen gestaltet, um neben dem Markttreiben auch Raum für Kulturevents bieten zu können.

Diese auffällige Struktur birgt auch einige Kniffs und Tricks in sich. So ist die hölzerne Außenhaut mit verspiegeltem Glas bespannt. Der gefaltete Innenraum erscheint wie von tausend Fenstern durchbrochen. Das Innenleben wird aber auch vom Rhythmus von Tageslicht und künstlicher Beleuchtung bestimmt. Das Gebäude wurde 2012/2013 auch nach den Prinzipien des Niedrigenergiehauses errichtet – samt Regenwasserauffangbecken. Unterhalb des Bauwerks ist u.a. ein großes Fahrradparkhaus untergebracht. Heute stellt die Markthalle aufgrund seiner Lage und offenen Nutzung ein soziales Zentrum in Ghent dar. Sie ist aber auch ein Beispiel dafür, wie ökologische Standards, Ästhetik, Struktur und Nutzung ineinander greifen können.

Tipp: Das Buch zum Metropol Parasol

2011 erschien dieses Buch im Verlag Hatje-Cantz. Inzwischen dürfte das Werk der Standard sein, um sich über das Metropol Parasol zu informieren. Es beleuchtet u.a. die Entwicklung der metabolischen Megastrukturen, wie sie durch Jürgen Mayer H. mit dem Metropol Parasol in Sevilla verwirklicht wurden.

Metropol Parasol, ersch. 2011 über Hatje Cantz (Bild: Hatje Cantz / Presse 2017)
Metropol Parasol, ersch. 2011 über Hatje Cantz (Bild: Hatje Cantz / Presse 2017)

Aber es zeigt auch auf, dass die rhythmische Redundanz von Bauformen im frühen 20. Jahrhundert ihre Anfänge besitzt. Beispiele, wie die von El Lissitzkys entworfenen Wolkenbügel (1923-1925) und japanischen Architekten wie u.a. von Arata Isozaki gebauten Clusters in the Air (1960-62), machen deutlich, dass Kühnheit und Intelligenz in der Architektur immer einer Vorreiterrolle zukommen. Das reich bebilderte Buch ist auch anhand seiner Fotografien informativ. Sie zeigen die Realisierung des Parasol von seinen Entwürfen bis zu seiner Nutzung sowie Einbettung im Stadtraum. Hier finden neben Kulturveranstaltungen auch Demonstrationen statt. Das macht das Metropol Parasol mit seiner bienenwabenartigen Struktur zu einem wahrhaft demokratischen Kunstwerk.

J. MAYER H.Metropol Parasol

Text(e) von Andres Lepik, Thomas Wagner, Anja Thurik, Volker Schmid, Tobias Cheung, Jan-Peter Koppitz, Alfredo Sánchez Monteseirín, Georges Teyssot, Hrsg. Andres Lepik, Andre Santer, Gestaltung von Saskia Helena Kruse

Englisch, Spanisch

2011. 160 Seiten, 166 Abb.

Broschur

24,10 x 27,20 cm

ISBN 978-3-7757-2837-9

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