Zurück zum Beton – Warum der Baustoff noch immer in Mode ist

Teil 4 – Die Entwicklung des Betonbauens in der Postmoderne – Louis Kahn und Tadao Ando

Von Daniel Thalheim

In den Nachkriegsjahren wurde Beton zum Baustoff überhaupt. Louis I. Kahn (1901 – 1974) galt als experimenteller Architekt, der Architekturgeschichte mit dem einfach zu verarbeitenden Werkstoff verband. Seine Gebäude besitzen einen sakralen Charakter, die unter der Verwendung von Sichtbeton monumentalisiert wurden. Die Verwendung des Sichtbetons gilt seither als wichtigster Fixpunkt des avantgardistischen Bauens.

Louis Kahn war auch ein Architekt, der die Fehlerhaftigkeit des verarbeiteten Materials befürwortete. Sein 1965 errichtetes Salk Institute besitzt daher ungeschliffene und ungefärbte Betonflächen. An einem anderen Bauwerk, die 1971 errichtete Bibliothek der Phillips Exeter Academy in New Hampshire, wird das an den rauen Klinkerfassaden deutlich. Die fehlerhaften Steine wurden aus einem abgetragenen Industriegebäude recycelt. Im Kontrast zu den Klinker- und Holzfassaden erhebt sich in der Mitte des Gebäudeinneren eine Art Vierungsturm aus Sichtbeton. Dadurch wird der sakrale Charakter des Gebäudes betont, aber wegen der Lesekabinen an den Fenstern auch ein Bezug zum Ursprung der Leseräume hergestellt – die mittelalterlichen Klöster.

Tadao Ando, Church of the Light, Ibaraki, Osaka, Japan (Mitsuo Matsuoka, TASCHEN Presse 2017)
Tadao Ando, Church of the Light, Ibaraki, Osaka, Japan (Mitsuo Matsuoka, TASCHEN Presse 2017)

Der japanische Architekt Tadao Ando (*1941) geht einen Schritt weiter im Umgang mit Beton. Er greift die japanische Bautradition der Tatami-Matten in seinen Bauwerken auf und gießt dieses ästhetische Prinzip in Beton, wie z.B. am Wohnhaus Azuma in Osaka (1976). Sein minimalistischer Umgang mit dem Material verleiht seinen Gebäuden eine gewisse Strenge, wie es bspw. bei den 1983 geschaffenen Wohnhäusern in Kobe zu sehen ist. Entgegen der Einstellung von Kahn legt Ando Wert auf geglättete Betonflächen. Seine 1989 bis 1990 erbaute Kirche des Lichts gilt als Inkunabel der Reduktion wie sie Tadao Ando versteht. Er ist es, der Beton zu einem edlen Werkstoff erheben will.

Wie eindrucksvoll das Bauen mit Beton sein kann, zeigt bspw. auch das 1958 bis 1973 geplante und erbaute Opernhaus in Sydney (Australien). 588 Pfeiler aus Beton wurden tw. 25 m in den Meeresboden versenkt. Das Dach aus den Betonschalen mit einem Radius von über 75 m gilt als spektakuläre Meisterleistung des 20. Jahrhunderts. Sein Architekt Jørn Utzon (1918 – 2008) wurde nicht umsonst mit den Worten ausgezeichnet, dass er maßgeblich dazu beigetragen habe, dass mit der neuen Verwendung von Beton alte architektonische Konventionen überwunden werden konnten. Ein Meisterwerk aus gefaltetem Titan, Beton und Stahl schuf Frank O. Gehry mit dem 1997 fertiggestellten Guggenheim Museum Bilbao (Spanien). Es stellt das Guggenheim Museum in New York (Frank Lloyd Wright, 1959) in den Schatten. Seit dieser Zeit ist alles möglich, um mit neuen Technologien das Material Beton zu atemberaubenden und kühnen Bauwerken gießen zu lassen.

Nicht nur in technologischer Hinsicht ist die Verwendung von Beton spektakulär, auch aus ökologischer Perspektive: Beton schluckt Lärm, kann so auch für Funktionsbauten wie Schallschutzwände dienen. Österreichische Forscher vom Institut für Materialprüfung und Baustofftechnologie der TU Graz traten 2016 mit einer wichtigen Neuerung an das Licht der Öffentlichkeit. Sie haben einen Beton entwickelt, der bei seiner Herstellung 30 % weniger Schadstoffe an die Umwelt freisetzt als herkömmlicher Beton. Denn Beton gilt als Klimakiller, wenn es um seine Herstellung geht. Die Forscher ersetzten bei ihrem Prototyp einen großen Teil des herkömmlich verwendeten Portlandzements durch regional abbaubare Stoffe. Zement wird als Füllmischung der Gesteinsmehlmixtur, woraus Beton besteht, durch regional vorkommende Mikrofüllungen ersetzt. Dies solle die CO2-Belastung beim Herstellungsverfahren verringern. So könne die Stabilität und Elastizität weiterhin gewährleistet werden. Beton ist und bleibt perspektivisch der Baustoff, der scheinbar konkurrenzlos bleibt. Doch auch Werkstoffe wie Ziegel und Holz erobern sich ihre Räume in der Architektur zurück.

 

Das Buch 100 Contemporary Concrete Buildings von Philip Jodidio

Ein großer grauer Pappschuber. Darin eingelegt zwei Bände. Sie fassen 100 Betonbauwerke zusammen, die nach Auffassung des Architekten Philip Jodidio Maßstäbe für das Bauen mit Beton sein sollen.

100 Zeitgenössische Bauten aus Beton Philip Jodidio Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24 x 30,5 cm, 730 Seiten TASCHEN € 39,99
100 Zeitgenössische Bauten aus Beton Philip Jodidio Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24 x 30,5 cm, 730 Seiten TASCHEN € 39,99

Philip Jodidio umreißt skizzenhaft die Entwicklung des Betonbauens im 19. und 20. Jahrhundert mit einigen wenigen Referenzwerken, konzentriert sich verstärkt auf Bauwerke der Postmoderne – also Gebäude, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Was fehlt ist der Beton im Wohnungsbau in den Staaten des Warschauer Paktes, die derzeit eine Renaissance erfahren und von Architekten neu entdeckt werden.

Die beiden Bände geben atemberaubende Einblicke, wie kühn verschiedene Architekten mit dem Werkstoff umgehen. Sie flüstern aber jedoch auch viele Details und Hintergrundinformationen, die eher viel lauter in Fachzeitschriften zu finden sind. Vielmehr möchte der Papierbrocken mit dem Aussehen eines Betonklotzes eine Lanze für das Material brechen, das viele Menschen als kalt und eintönig ansehen würden. Um die Vorteile gegenüber dem „flüssigen Stein“ zu widerlegen und auch wegen seiner Übersichtlichkeit ist dieses Buch eine Empfehlung wert. Es bietet aber zugleich Anregungen, sich weitgehender mit der Materie auseinanderzusetzen.

100 Zeitgenössische Bauten aus Beton

Philip Jodidio

Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24 x 30,5 cm, 730 Seiten

TASCHEN

€ 39,99

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