Zurück zum Beton – Warum der Baustoff noch immer in Mode ist

Teil 3 – Boom des Beton – Oskar Niemeyer, Frank Lloyd Wright, Erich Mendelsohn…

Von Daniel Thalheim

 

Zu einer Zeit als mehrere Modernen nebeneinander existierten, experimentierte der Architekt Paul Kossel mit einem Vollgussverfahren im Bereich der Reformarchitektur. Architekten wie u.a. Erich Mendelsohn gingen einen Schritt weiter, um Ästhetik und Funktion zu einem neuen Ausdruck zu bringen. Die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg und die Zeit der Weimarer Republik gebar viele Einsatzmöglichkeiten des Betonherstellungsverfahrens im deutschsprachigen Raum.

1911 bis 1913 wurde in Breslau die Jahrhunderthalle errichtet. Stadtbaurat Max Berg schuf hierfür die Pläne für die Stahlbetonausführung. Pate für dieses Projekt stand das Pantheon in Rom. Mit einer Spannweite von 65 Metern ist die Jahrhunderthalle größer als ihr direktes Vorbild. Bis in die Zwanzigerjahre hinein wurde mit Beton als Werkstoff für Kuppeln experimentiert. Eisenbetonkonstruktionen wurden insbesondere für Industriebauten verwendet, wie u.a. für Konstruktionshallen für die Luftschifffahrt, einer um 1909/1910 geplanten und auf einem Stichbogengewölbe ruhenden, elf Meter messenden Treppenhauskuppel am Oberlandesgericht in Düsseldorf, oder auch die Eisenbetongewölbekonstruktion des um 1905/1906 Stadtbades in Annaberg (Erzgeb.).

Eisenbetonkonstruktionen rückten bei Industriebauten in den Hintergrund, bzw. besaßen einen funktionalen Charakter. Beim sogenannten Einsteinturm in Potsdam ist das anders. Das zwischen 1919 und 1922 entstandene Observatorium stellt ein revolutionäres Bauwerk aus Stahl und Stahlbeton dar. Sein Architekt Erich Mendelsohn (1887 – 1953) hat das elastische Potenzial erkannt, welches Beton innewohnt und ein expressives Kulturdenkmal geschaffen. Auch hier rückt Beton in den Hintergrund. Das Bauwerk wurde von außen komplett verputzt. Im Wohnungsbau sollte Beton bis in die Dreißigerjahre nur eine untergeordnete Rolle spielen. In Deutschland wurde das Material zwischen 1937 und 1940 als Deckenverstärkung für die Keller genommen, um so Luftschutzkeller zu schaffen.

BNKR, Sunset Chapel, © Estaban Suarez (TASCHEN Presse 2017)
BNKR, Sunset Chapel, © Estaban Suarez (TASCHEN Presse 2017)

In den USA trat Frank Lloyd Wright auf den Plan. Sein 1934 bis 1937 verwirklichtes Wohnhaus Fallingwater besteht aus einer Mischung aus Naturstein und Stahlbeton, fügt sich organisch in die umgebende Landschaft ein. Beton wurde in diesem Bauwerk nicht nur als funktionales Material verwendet. Der Stahlbeton der Kragbalkone wurde deutlich sichtbar in Szene gesetzt – Beton als Ästhetik. Frank Lloyd Wright zwang dem Material „seinen Willen auf“. Am Beispiel der auskragenden Balkone aus Stahlbeton lassen sich bspw. noch heute baustatische Fehler herauslesen, die der Architekt bewusst in Kauf nahm. Diese Fehler sollte er am Guggenheim Museum in New York 1959 nicht noch einmal wiederholen. An diesem Bauwerk wird der Werkstoff deutlich sichtbar inszeniert; ebenso wie am Whitney Museum of American Art von Marcel Breuer 1966 und Salk Institute von Louis Kahn 1965. Für das Salk Institute griff der Architekt auf die Ursprünge des Materials zurück indem er Vulkanasche verwendete. Sie verleiht dem Bauwerk eine warme Tönung.

Richtig zur Geltung brachten Architekten wie Oscar Niemeyer den Beton. Seine Bauten in Südamerika zeugen von seiner Einstellung, dass frei fließende und kurvige Baukörper besser für den Wohnbau geeignet seien als gestreckte Winkel und unflexible, gerade Linien. Deutlich wird sein Ansinnen im House at Canoas, in Rio de Janeiro 1953 errichtet. Der Beton fließt um die natürlichen Felsstrukturen herum anstatt diese zu brechen. Niemeyers Vorbild angesichts der geschwungenen Formen, Le Corbusier, soll gegenüber den brasilianischen Architekten gesagt haben, er mache „Barock aus Stahlbeton“.

 

Das Buch 100 Contemporary Concrete Buildings von Philip Jodidio

Ein großer grauer Pappschuber. Darin eingelegt zwei Bände. Sie fassen 100 Betonbauwerke zusammen, die nach Auffassung des Architekten Philip Jodidio

100 Zeitgenössische Bauten aus Beton Philip Jodidio Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24 x 30,5 cm, 730 Seiten TASCHEN € 39,99
100 Zeitgenössische Bauten aus Beton Philip Jodidio Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24 x 30,5 cm, 730 Seiten TASCHEN € 39,99

Maßstäbe für das Bauen mit Beton sein sollen. Philip Jodidio umreißt skizzenhaft die Entwicklung des Betonbauens im 19. und 20. Jahrhundert mit einigen wenigen Referenzwerken, konzentriert sich verstärkt auf Bauwerke der Postmoderne – also Gebäude, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Was fehlt ist der Beton im Wohnungsbau in den Staaten des Warschauer Paktes, die derzeit eine Renaissance erfahren und von Architekten neu entdeckt werden.

Die beiden Bände geben atemberaubende Einblicke, wie kühn verschiedene Architekten mit dem Werkstoff umgehen. Sie flüstern aber jedoch auch viele Details und Hintergrundinformationen, die eher viel lauter in Fachzeitschriften zu finden sind. Vielmehr möchte der Papierbrocken mit dem Aussehen eines Betonklotzes eine Lanze für das Material brechen, das viele Menschen als kalt und eintönig ansehen würden. Um die Vorteile gegenüber dem „flüssigen Stein“ zu widerlegen und auch wegen seiner Übersichtlichkeit ist dieses Buch eine Empfehlung wert. Es bietet aber zugleich Anregungen, sich weitgehender mit der Materie auseinanderzusetzen.

100 Zeitgenössische Bauten aus Beton

Philip Jodidio

Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24 x 30,5 cm, 730 Seiten

TASCHEN

€ 39,99

Lesen Sie im 4. Teil zur Entwicklung des Betonbauens in der Postmoderne.

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