Dem Glauben ein Bild geben – Dieric Bouts‘ Madonna mit Kind

Von Daniel Thalheim

 

Das Kunsthistorische Museum Wien zeigt bis Sommer 2018 ein Werk des flandrischen Künstlers Dieric Bouts. Das Bild ist eine Leihgabe, die es in sich hat. Es ist zu einer Zeit entstanden als die Habsburger begannen, ihre Hegemonie über Europa auszuweiten. Es war auch das Zeitalter als das Bürgertum erstarkte und seine Religiosität in wertvolle Bilder goss.

 

Ein altes Motiv neu gekleidet

Seit Juni 2017 wird das Gemälde „Madonna mit Kind“ von Dieric Bouts (um 1415–1475) im Kunsthistorischen Museum Wien gezeigt. Das Kunstwerk ist ein Beispiel für den Glauben im ausgehenden Spätmittelalter. Es verdeutlicht Geburt, Erkenntnis, Vorausahnung und Tod Jesu, spielt ebenfalls den Sündenfall der Menschheit an. Es zeigt aber auch weitere Aspekte, die zur Lesart des Bildes beitragen: das porträthafte Abbild der Frau, die das Kind in den Armen hält, die Kunstfertigkeit Bouts‘ Malerschaft, Stoffe malerisch nachzubilden, die Landschaft im Hintergrund des Doppelporträts. Das Werk zeigt auch, wie Bouts sich von der ikonenhaften Malerei des Mittelalters löst und einem Thema individuelle Züge verleiht. Das ist typisch für die Malerei Europas im Umbruch zum Zeitalter der Renaissance. Doch das Motiv der Madonna mit dem Kind ist älter und reicht bis ins Frühmittelalter und ins griechisch geprägte Byzanz zurück.

Wer das Bild „Madonna mit Kind“ betrachtet, dürfte nichts weiter sehen als eine Frau, die ihr Kind in den Armen hält. In dem Werk steckt jedoch wesentlich mehr als wir zunächst vermuten würden. Aufgrund des Heiligenscheins um ihr Haupt können wir die Gottesmutter erkennen. Der Strahlenkranz ist ikonographisch durch eine unendlich erscheinende Reihe von Werken belegt, die bis ins Frühmittelalter zurückreicht. Die Gottesmutter sitzt und hält ihr Kind im Arm – Christus. Der Ursprung dieses Motivs findet sich in dem überlieferten Maria mit dem Christuskind in der Mandorla wieder. Der Mandorlatypus taucht im 6. Jahrhundert auf byzantinischen Kaisersiegeln auf. Oft ist die „Sphäre“ um beide Akteure in Blau dargestellt und soll womöglich auf die materielle und spirituelle Welt und den Himmel verweisen. Einen anderen Verweis zeigt uns Bouts’ Madonnenbild mit der Haltung des Kindes in den Armen der Gottesmutter. Frühe Darstellungen der Maria lactans (die stillende Mutter) sind in diese Zeit zu verorten, wurden später abgewandelt. Im 9. und 10. Jahrhundert tauchten vermehrt im griechisch-byzantinischen Bereich achsial-frontale Darstellungen der Maria mit dem Kind auf. Als Kathedra Christi schützt sie das Kind, zeigt es aber auch dem Betrachter zugleich. Im Hochmittelalter sehen wir Abwandlungen beider Typen, die in die sogen. Hodegetria münden. Diese Form des Gnadenbildes wurde nach seinem ersten Standort im Kloster der Hodegon (Wegführer) benannt. Im Spätmittelalter entwickelt sich dieser Typus zu einer sehr beliebten Mariendarstellung. Maria hält, wie in der Mosaikikone im Chilandar von Athos um 1200 dargestellt, das Kind auf dem linken Arm. Christus und Maria haben über ihren Köpfen Nimben, Heiligenscheine. Das Christuskind segnet mit seiner rechten Hand. Bouts’ Variante steht diesem Typus sehr nahe, obwohl er diesen stark verfremdet. Maria blickt mit ernstem Gesicht auf das Christuskind, das mit seiner rechten Hand den großen Zeh festhält anstatt den Betrachter zu segnen. Ihm fehlt auch der typische Heiligenschein, besitzt aber eine kreuzartige Abwandlung dessen – ein Hinweis auf seinen Kreuztod. Stattdessen umschließt seine linke Hand einen Apfel – laut KHM ein Sinnbild für den Sündenfall der Menschheit. Der Apfel könnte jedoch auch auf den weltlichen Anspruch der Kirche auf die Erde und seine Bewohner hinweisen, die fest im Glauben an Jesus Christus umschlossen sein sollen. Interessant dürfte auch der Hinweis sein, den der Maler mit dem rechten Fuß Jesu gibt. Ikonographisch wird in Darstellungen, worin Christus die, für das Übel der Welt und den Teufel steht, Schlange zertritt, stets der rechte Fuß vorangestellt. In Bouts’ Bild scheint eine Vorahnung innezuwohnen, was dem Heiland bevorstehen wird, was Maria durch ihre Zeugenschaft an die Gläubigen weitergeben wird um so Trost zu spenden. In späteren Werken, wie u.a. von Januarius Zick im 18. Jahrhundert, sehen wir auch autonome Darstellungen des Christuskindes welches an die Weltkugel gelehnt mit dem einem Fuß die Schlange zertritt und mit der rechten Hand segnet.

 

Zur Herkunft des Bildes

Politisch könnte das Bild ebenfalls aufgeladen sein. Eleonore von Portugal (1436 – 1467) gebar 1459 ein Kind – der spätere Maximilian I. (1459 – 1519), der aufgrund eines Erbfolgestreits 1477 Burgund gemeinsam mit Flandern durch Heirat an die habsburgische Krone band. Könnte diese Darstellung von Dieric Bouts einen Hinweis auf den Auftraggeber aufzeigen?

Viel eher bestehe der Bezug der flämischen Leihgabe zu Margarete von Österreich (1480–1530). Sie war Regentin der Niederlande. Die Tochter von Kaiser Maximilian I. und Maria von Burgund, übernahm 1507 als junge Witwe für ihren Vater die Regentschaft in den Niederlanden. Sie verwahrte in ihrer Residenz in Mecheln, die sie zu einem Zentrum für Künstler und Gelehrte werden ließ, in eigenen Räumen ihre Bibliothek sowie ihre Sammlung von Kunstwerken und Naturgegenständen ‒ dies stelle laut KHM den Beginn der Entwicklung der Kunstkammern nördlich der Alpen dar, worunter womöglich die bedeutendsten Sammlungen Kaiser Rudolf II. und Kurfürst Friedrich der Weise zuzuordnen sind.

Madonna mit Kind, Dieric Bouts (um 1415–1475), Nachfolge Niederländisch, um 1500 Öl auf Eichenholz Leuven, M – Museum Leuven, Inv.-Nr. S/47/B © KIK-IRPA Brussels x064912.
Madonna mit Kind, Dieric Bouts (um 1415–1475), Nachfolge Niederländisch, um 1500 Öl auf Eichenholz Leuven, M – Museum Leuven, Inv.-Nr. S/47/B © KIK-IRPA Brussels x064912.

Margarete war zugleich die Erste in der Reihe jener bedeutenden Sammlerpersönlichkeiten aus dem Hause Habsburg, deren Leidenschaft für Kunst den Bestand der Kunstkammer Wien bis heute prägt. Schon frühere Leihgaben aus der Serie „Flandern zu Gast“ haben ihre zeittypische Marienfrömmigkeit thematisiert. Sie ist in der Kunstkammer zwei Räume weiter in Gestalt eines Porträtmedaillons ihres Hofbildhauers Conrat Meit (1475/80–1550/51) präsent. Aus einem Inventar ihrer Sammlung in ihrem Palast in Mecheln gehe hervor, informiert das KHM über die Herkunft des Bildes, dass die kunstsinnige Erzherzogin tatsächlich auch ein Marienbild von Bouts besaß. Vielleicht war es dieses. Endgültig geklärt scheint die Entstehungszeit und Werkzuordnung nicht zu sein. Offenbar wird die nahe Verwandschaft und das Wesen zu zeitgenössischen Malerkollegen Bouts‘, Robert Campin und Rogier van der Weyden, erkannt, aber auch in dessen Nachfolge bis 1500 vermutet. Offenkundig fehlen hierzu eindeutige Schriftquellen, die die Urheber- und Auftraggeberschaft endgültig bezeugen könnten. Dass es sich bei den Abgebildeten um zwei Vertreter_Innen des Habsburgergeschlechts handelt, kann man allein an den typischen physiognomischen Eigenschaften in den Porträts erkennen.

Das Tafelbild befindet sich nicht umsonst in Saal 34 der Kunstkammer in unmittelbarer Nachbarschaft zu skulpturalen Andachtsbildern des 15. Jahrhunderts aus italienischer Frührenaissance und deutscher Spätgotik. Als Beispiel für den zeitgleichen niederländischen Realismus runde laut KHM das in diesem Saal vermittelte Bild von den zukunftsweisenden Neuerungen in der Kunst dieser Zeit ab. Die Madonnenreliefs Donatellos (1386–1466) und seines Umkreises etwa böten sich zu einem Vergleich an. Sie veränderten althergebrachte Schemen durch einen neuen Antikenbezug. Antonio Rossellinos (1427–1479) halbfiguriges Marmorrelief von Madonna und Kind besitze eine außerordentlich plastische Wirkung, die verdeutlichen soll, worum es dem altniederländischen Maler in seinem Medium ging. Rossellinos virtuose Marmorbehandlung ließe den harten Stein allerdings weich erscheinen. Tilman Riemenschneiders (um 1460–1531) aus Lindenholz geschnitztes großes Standbild der Maria mit dem Kind bleibe wiederum sehr stark mittelalterlichen Konventionen verbunden. Aber warum nicht auch in Richtung Leonardo da Vinci und Raffael blicken, die ebenfalls den Topos des Landschaftsbildes in ihr Werk haben einfließen lassen…

Das Kunsthistorische Museum und die Flämische Regierung präsentieren im Rahmen einer Partnerschaft jeweils für ein Jahr eine Leihgabe aus einer flämischen Sammlung in der Kunstkammer. 2017/18 ist nun als fünfte Jahresleihgabe ein wertvolles Tafelgemälde des M – Museum in Leuven aus Flandern zu Gast. Das Tafelbild wird ein Jahr lang im Saal 34 der Kunstkammer präsentiert.

 

 

Flandern zu Gast

Madonna mit Kind – Dieric Bouts (um 1415–1475), Nachfolge

Aus dem M – Museum Leuven, Inv.-Nr. S/47/B

30. Juni 2017

bis 30. Juni 2018

Kunstkammer Wien

Hochparterre, Raum XXXIV

Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien

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