Zurück zum Beton – Warum der Baustoff noch immer in Mode ist

Von Daniel Thalheim

Teil 1 – Betonbauwerke – weitaus mehr als „nur“ DDR und Brutalismus

 

Oft wird Beton mit „Platte“ gleichgesetzt. Menschen, die in der DDR aufwuchsen und lebten, wussten „ihre“ Platte zu schätzen und zu hassen. Was in den Siebzigerjahren im Wohnbau des ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaates einsetzte war verschiedenen Faktoren unterworfen. Einerseits knüpfte die SED-Regierung an den Arbeiterheimstätten-Bauprogrammen der Weimarer Republik und Nazi-Deutschland an. Andererseits verfielen die Städte in der DDR zusehends. Die „Platte“ war so gesehen Beruhigungspille und Arbeitsbeschaffungsprogramm in einem. Der Bau von Plattenbauwohnungen galt als das Planerfüllungsprogramm überhaupt. Nur so konnte die SED deutlich sichtbar für die „Errungenschaften des sozialistischen Staates“ werben. Platte war Propaganda.

Erst als in der Nachwendezeit klar wurde, dass die Gründerzeithäuser im sanierten Zustand weitaus komfortabler zu bewohnen und nicht so beengt sind wie die Plattenbauwohnungen, wurde die Platte mit der SED gleichgesetzt und damit auch mit allen schlechten Umständen, die das Leben in der DDR mit sich brachte. Mit den in den Neunzigerjahren einsetzenden Schrumpfungsprozessen der Städte und Gemeinden im Osten Deutschlands, fielen auch zahlreiche Plattenbauwerke aus der Kombinatsproduktion den Abrissbaggern zum Opfer. Im Zeichen der nun beginnenden Wachstumsprozesse in den Ballungsräumen, bspw. Halle-Leipzig, erinnern Planer und Architekten sich wieder an die gute, alte Platte. Die DDR-Wohnanlagen werden derzeit im großen Stil umgebaut und saniert. Mit ihren neuen farbigen Wärmedämmungskleidern verschwindet aber auch der raue Charme, der die Platte einst so charakterisierte. Die Ansichten der einst so stadtbildprägenden Modulbauweise sind bald nur noch auf alten Fotos sichtbar.

Aber Betonbauwerke bedeuten mehr als nur „DDR“ und „Brutalismus“. Schauen wir in die Geschichte der Entwicklung des Betonbauwerks, erblicken wir ein Panoptikum aus kühnen Kuppeln und geschwungenen Körpern. Betonbauwerke können mehr sein als nur modulare Körper in LEGO-Bauweise. Das sehen wir allein schon an der um 126 v. Chr. gebauten Kuppel des Pantheons in Rom mit einem Durchmesser von knapp über 43 Metern in Leichtbetonbauweise. Schon die alten Ägypter benutzten schon eine Verbindung aus Kalk und Gipsmörtel. Ihre monumentalen Tempel und Statuen sprechen von diesem Innovationsschub in der Antike. Die Römer verwendeten Sand, Vulkanasche und gelöschten Kalk. Im Fall des Pantheons kam noch leichter Naturstein hinzu. Bereits der römisch-antike Philosoph Vitruv behandelte das Thema Beton in seinen „Zehn Büchern über Architektur“. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Werkstoff wieder populär, auch für den Wohnbau. Die Franzosen machten es vor.

Tadao Ando, Roberto Garza Sada Center for Arts, Architecture and Design (Copyright: © Shigeo Ogawa / TASCHEN / Presse 2014-2017)
Tadao Ando, Roberto Garza Sada Center for Arts, Architecture and Design (Copyright: © Shigeo Ogawa / TASCHEN / Presse 2014-2017)

Das Buch 100 Contemporary Concrete Buildings von Philip Jodidio

Ein großer grauer Pappschuber. Darin eingelegt zwei Bände. Sie fassen 100 Betonbauwerke zusammen, die nach Auffassung des Architekturexperten und Publizisten Philip Jodidio Maßstäbe für das Bauen mit Beton sein sollen. Philip Jodidio, auch bekannt durch seine zahlreichen Veröffentlichungen zur zeitgenössischen Architektur, umreißt skizzenhaft die Entwicklung des Betonbauens im 19. und 20. Jahrhundert mit einigen wenigen Referenzwerken, konzentriert sich verstärkt auf Bauwerke der Postmoderne – also Gebäude, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Was fehlt ist der Beton im Wohnungsbau in den Staaten des Warschauer Paktes, der derzeit eine Renaissance erfährt und von Architekten neu entdeckt wird.

100 Zeitgenössische Bauten aus Beton Philip Jodidio Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24 x 30,5 cm, 730 Seiten TASCHEN € 39,99
100 Zeitgenössische Bauten aus Beton Philip Jodidio Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24 x 30,5 cm, 730 Seiten TASCHEN € 39,99

Die beiden Bände geben atemberaubende Einblicke, wie kühn verschiedene Architekten mit dem Werkstoff umgehen. Sie flüstern aber jedoch auch viele Details und Hintergrundinformationen, die eher viel lauter in Fachzeitschriften zu finden sind. Vielmehr möchte der Papierbrocken mit dem Aussehen eines Betonklotzes eine Lanze für das Material brechen, das viele Menschen als kalt und eintönig ansehen würden. Um die Vorteile gegenüber dem „flüssigen Stein“ zu widerlegen und auch wegen seiner Übersichtlichkeit ist dieses Buch eine Empfehlung wert. Es bietet aber zugleich Anregungen, sich weitgehender mit der Materie auseinanderzusetzen.

 

 

100 Concrete Buildings

Philip Jodidio

Hardcover, 14 x 19,5 cm, 730 Seiten

 

 

Lesen Sie im 2. Teil mehr zu den Betonpionieren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

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