Zurück zum Beton – Warum der Baustoff noch immer in Mode ist

Von Daniel Thalheim

 

Teil 2 – Die Betonpioniere des 19. und frühen 20. Jahrhunderts

 

Heute steht das Maison Coignet verlassen und mit Pflanzen überwuchert im Pariser Stadtteil Saint-Denis. Der französische Bauunternehmer Francois Coignet (1814 – 1888) errichtete dieses Haus 1853 in Stampfbetonbauweise, einem Verfahren, das er selbst Beton aggloméré nannte. Er ließ sich das Verfahren für mehrere öffentliche Projekte patentieren. Sein, vom französischen Architekt Théodore Lachéz (? – 1884) entworfenes, Maison Coignet sollte dieses Verfahren repräsentieren. Bereits 1855 sagte Coignet voraus, dass künftig Beton bei fast allen Bauvorhaben den Naturstein ersetzen werde. Angesichts des rasanten Siegeszugs und seinen weiterentwickelten Verarbeitungsverfahren sollte er recht behalten. Er gilt zurecht als echter Pionier des Betonbaus, nicht wie es u.a. dem deutschen Ingenieur Max Pommer (1847 – 1915) nachgesagt wird. Ebenso Joseph Monier (1823 – 1906), einem französischen Gärtner, der 1877 ein Patent für Stahlbetonpflanzkübeln anmeldete.

Der Ingenieur Francois Hennebique (1842 – 1921) entwickelte ein anderes Verfahren als sein Kollege Coignet. 1879 begann er damit Bodenplatten aus Eisenbeton zu bearbeiten. Außerdem ließ er 1892 ein System patentieren, welches Stützen in größere Betonelemente integrierte. Dieses Verfahren setzte sich hingegen weltweit durch. In seinem Verfahren entstand 1889 die erste Stahlbetonbrücke der USA: die Alvord Lake Bridge vom britischen Architekt Ernest Leslie Ransome (1852 – 1917) mit einer Spannweite von 20 Metern. Auch er experimentierte mit dem Stahlbetonherstellungsverfahren, wie ab 1884 am Beispiel von Fußwegen. 1904 errichtete er einen der ersten Wolkenkratzer weltweit in Cincinnati in Stahlbetonbauweise.

Doch woher kamen plötzlich die Ideen, mit Betonherstellungsverfahren zu experimentieren? In diesem Zusammenhang muss man Thaddeus Hyatt (1816 – 1901) erwähnen. Der Rechtsanwalt gilt eigentlich als der Erfinder des Eisenbetonverfahrens. Denn er baute 1874 das erste Stahlbetonhaus in London. 1877 veröffentlichte er die Abhandlung „An Account of some experiments with Portland-Cement-Concrete combined with iron as a building material with reference to economy of metal in construction and for security against fire and the making of roofs, floors and walking surfaces“. Er war es, der die theoretische Basis für die Elastizität von Eisenbeton schuf. Sein, von William Ward (1827 – 1895) konzipiertes, 1871 gebautes Wohnhaus gilt als eines der ersten Stahlbetonwohnhäuser der USA. Sein Ansinnen galt vorrangig der Feuerfestigkeit von Bauwerken.

In Deutschland gilt der Bauingenieur Gustav Adolf Wayss (1851 – 1917) als Pionier zur Durchsetzung des Eisenbetonverfahrens. Seine 1887 erschienene Schrift „Das System Monier (Eisengerippe mit Zementumhüllung) in seiner Anwendung auf das gesamte Bauwesen“ ebnete für das darin beschriebene Verfahren den Weg im deutschsprachigen Raum. Darin beschreibt er u.a. auch eigene Versuchsreihen, die er mit dem Mix aus Eisen und Beton anstellte. Der Bauingenieur Paul Kossel (1874 – 1950) experimentierte in den Zwanzigerjahren u.a. in Leipzig mit einem Vollgussverfahren, das nach ihm benannt wurde, und das er deutschlandweit u.a. in Form von Wohnhäusern, Kasernen, Wassertürmen und Autobahnbrücken in Bremen, Hannover, Leipzig, Kassel und Hamburg umsetzte – auch ein 1920 gebautes Betonschiff zählt zu seinen Leistungen.

Lucio Morini + GGMPU, Bicentennial Civic Center (Copyright: © Leonardo Finotti, TASCHEN 2017 Presse)
Lucio Morini + GGMPU, Bicentennial Civic Center (Copyright: © Leonardo Finotti, TASCHEN 2017 Presse)

Das Buch 100 Contemporary Concrete Buildings von Philip Jodidio

Ein großer grauer Pappschuber. Darin eingelegt zwei Bände. Sie fassen 100 Betonbauwerke zusammen, die nach Auffassung des Architekturexperten und Publizisten Philip Jodidio Maßstäbe für das Bauen mit Beton sein sollen. Philip Jodidio, auch bekannt durch seine zahlreichen Veröffentlichungen zur zeitgenössischen Architektur, umreißt skizzenhaft die Entwicklung des Betonbauens im 19. und 20. Jahrhundert mit einigen wenigen Referenzwerken, konzentriert sich verstärkt auf Bauwerke der Postmoderne – also Gebäude, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Was fehlt ist der Beton im Wohnungsbau in den Staaten des Warschauer Paktes, der derzeit eine Renaissance erfährt und von Architekten neu entdeckt wird.

100 Zeitgenössische Bauten aus Beton Philip Jodidio Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24 x 30,5 cm, 730 Seiten TASCHEN € 39,99
100 Zeitgenössische Bauten aus Beton Philip Jodidio Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24 x 30,5 cm, 730 Seiten TASCHEN € 39,99

Die beiden Bände geben atemberaubende Einblicke, wie kühn verschiedene Architekten mit dem Werkstoff umgehen. Sie flüstern aber jedoch auch viele Details und Hintergrundinformationen, die eher viel lauter in Fachzeitschriften zu finden sind. Vielmehr möchte der Papierbrocken mit dem Aussehen eines Betonklotzes eine Lanze für das Material brechen, das viele Menschen als kalt und eintönig ansehen würden. Um die Vorteile gegenüber dem „flüssigen Stein“ zu widerlegen und auch wegen seiner Übersichtlichkeit ist dieses Buch eine Empfehlung wert. Es bietet aber zugleich Anregungen, sich weitgehender mit der Materie auseinanderzusetzen.

 

100 Zeitgenössische Betonbauwerke

von Philipp Jodidio

Hartcover im Pappschuber, 623 Seiten

15 EUR

 

Lesen Sie im 3. Teil zum Boom des Beton unter Oskar Niemeyer, Frank Lloyd Wright, Erich Mendelsohn… Teil  4 erscheint am 30. Oktober 2017.

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