Geniale Denkfiguren – Renaissancemaler Raffael in Wien

von Daniel Thalheim

Die Hochzeit von Alexander und Roxane, Rötel über Metallgriffelvorzeichnung, um 1517, Albertina Wien, Inv.-Nr. 17634 (Bild: Presse / Repro / Albertina Wien 2017)
Die Hochzeit von Alexander und Roxane, Rötel über Metallgriffelvorzeichnung, um 1517, Albertina Wien, Inv.-Nr. 17634 (Bild: Presse / Repro / Albertina Wien 2017)

Dass Raffael neben Leonardo da Vinci und Michelangelo zu den bedeutendsten Meistern der Renaissance zählt, sind sich die Kunsthistoriker einig. Auch er zählt als Universalgenie der Hochrenaissance, ob als Maler und Architekt in Florenz und Rom oder im Auftrag von Päpsten und Fürsten. Mit Abschluss der großen Ausstellung im Ashmolean Museum in Oxford wird zum Teil die Ausstellung „Raphael – The Drawings“ ab Herbst in Wien in anderer und erweiterter Form zu sehen sein.

 

Eine besondere museale Kooperation

Schon der Renaissance-Biograf Giorgio Vasari (1511 – 1574) stellte Raffaels Talent über das vieler anderer Künstler dieser Zeit heraus. Raffael, nicht Leonardo Da Vinci, beeinflusste viele nachfolgende Künstlergenerationen bis ins 19. Jahrhundert hinein. Die Bilder des umbrischen Künstlers wurden schon frühzeitig als hochwertige Sammlerstücke gehandelt. Im 19. Jahrhundert begann auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung und Beschäftigung mit seinem Werk. Von Johann David Passavant (1787 – 1861) bis Jürg Meyer hat eine Schar von Kunsthistorikern eine Fülle von Veröffentlichungen geschaffen, an die wohl niemand vorbei kommt, wenn er sich mit dem Meister der Renaissance beschäftigen möchte. Heute ist das nicht anders.
„Die Ausstellung ist ja eine Kooperation mit dem Ashmolean Museum in Oxford, das die größte Anzahl von Raffael-Zeichnungen überhaupt besitzt. Ich habe die dortige Kuratorin gefragt, ob wir unsere Bestände als Kern einer gemeinsamen Schau nehmen wollen – und sie war davon begeistert. Das Ergebnis beider Ausstellungen ist aber vollkommen anders, da die Konzepte verschieden sind und wir in der Albertina auch Gemälde zeigen“, sagt Kurator Dr. Achim Gnann, der vor vier Jahren das museale Kooperationsprojekt mit dem Ashmolean Museum in Oxford anstieß. Denn so eine monografische Schau, wie diese, hat es in Österreich in dieser Form so noch nicht gegeben.
Mit rund 130 Zeichnungen und 18 Gemälden versammelt die Ausstellung sämtliche bedeutende Projekte des Künstlers: von der frühen umbrischen Periode (bis 1504) über die Jahre des Florenz-Aufenthaltes (1504/1505-1508) bis hin zur römischen Zeit (1508/1509-1520) sind beeindruckende Werke aus allen Schaffensphasen zu sehen.
Zahlreiche Werke aus der eigenen Sammlung sowie aus namhaften Museen veranschaulichen die Arbeit des Meisters der Hochrenaissance. Raffaels Denk- und Arbeitsprozesse vom Entwurf bis hin zur endgültigen Komposition illustrieren sowohl meisterhafte Zeichnungen als auch die Gemälde, welche zugleich einen Überblick über das malerische Schaffen des Künstlers geben.

Raffael, Die heilige Familie mit dem Lamm. Öl auf Holz, 1507, Museo Nacional del Prado Madrid (Bild: Presse / Repro / Albertina Wien 2017)
Raffael, Die heilige Familie mit dem Lamm. Öl auf Holz, 1507, Museo Nacional del Prado Madrid (Bild: Presse / Repro / Albertina Wien 2017)

Wie die Kooperation mit dem Ashmolean Museum zustande kam, schildert Dr. Achim Gnann, Spezialist für italienische Kunst und Kurator der Ausstellung. Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit dem Renaissance-Genie. Er hat die Zusammenarbeit mit dem Ashmolean Museum angestoßen. Die Verantwortliche für Western Art, Dr. Catherine Whistler war begeistert, dass das Museum auch eine großen Bestand an Zeichnungen des Renaissancegenies aus Umbrien hat. „Das Konzept der Ausstellung der Albertina ist anders, es geht darum, Raffaels Entwurfsprozess anhand der Zeichnungen zu analysieren und nachzuvollziehen und die kompositionellen Veränderungen mit dem ausgeführten Werk zu vergleichen“, vertieft der Kurator weiter die Unterschiede zwischen beiden Raffael-Ausstellungen in Oxford und Wien. Das Ashmolean Museum besitzt etwas mehr als 90 Zeichnungen, die Albertina kann um die 50 vorweisen. Mit so einer Sammlung gehört die Wiener Albertina schon zu einem der führenden Museen in dem Bereich. „In Oxford gibt es keine Gemälde, in Wien ca. 20. Ein Kernbestand von Zeichnungen Raffaels aus dem Ashmolean Museum und der Albertina ist in beiden Ausstellungen gemeinsam. Darüber hinaus gibt es aber noch viele Leihgaben aus allen bedeutenden Museen Europas, die in Oxford und in Wien unterschiedlich sind. Die beiden Kataloge sind vollkommen verschieden, lediglich die die einleitenden Aufsätze erscheinen in beiden.“

 

Neuzuschreibungen und zeichnerisches Genie

Ein spezieller Fokus der Ausstellung solle auf den verschiedenen, klar einzugrenzenden Entwurfsschritten gelegt werden, holt der Kurator zum wissenschaftlichen Aspekt der Leistungsschau aus. „Wir möchten diesen prozessualen Charakter von der ursprünglichen Idee bis zum endgültigen Entwurf in allen Etappen dokumentieren und mit dem ausgeführten Werk vergleichen, um den kreativen Ablauf nachvollziehbar zu machen. Und es gibt doch auch einige neue Raffaels, die ich hier vorstelle.“
Dr. Achim Gnann erklärt, dass Raffael in seiner späten Schaffensphase extrem ausgelastet war und in seiner späten Schaffenszeit eine große Werkstatt besaß. Die Werkstattmitarbeiter mussten sich zeichnerisch eng an den Duktus ihres Meisters orientieren. Das führte dazu, dass die Forschung viele Werke auf diese Schüler aufteilte.

Raffael, Porträt des Bindo Altoviti, Öl auf Holz, National Gallery Of Art Washington (Bild: Presse / Repro / Albertina Wien 2017)
Raffael, Porträt des Bindo Altoviti, Öl auf Holz, National Gallery Of Art Washington (Bild: Presse / Repro / Albertina Wien 2017)

Die heutige Forschungsarbeit präzisiert diese Zuordnung. Zeichnungen wurden auf die spezifischen Charakteristika geprüft, um sie entweder Raffael oder einem seiner Schüler zuzuschreiben. Es gehe laut Dr. Achim Gnann bei jedem Künstler darum, eine Art Persönlichkeitsprofil zu erstellen und zu sagen: Wie zeichnet er? Was sind seine Stärken? Wie geht er mit dem Raum um? Wie bewegen sich seine Figuren? Dann müsse man schauen, ob sich diese Charakteristika mit jenen Werken, die bekannt und sicher sind, auch vereinbaren lassen. Dann gilt es, das Gleiche mit seinen Schülern zu machen, ihre Vorzüge, aber auch ihre Begrenzungen zu erkennen. Er ergänzt: „Man muss sehen, ob dieses eine Blatt für den Schüler auch möglich ist. Diese Arbeit ist auf jeden Fall zu machen, sonst wird das Ganze Spekulation.“
Was das Persönlichkeitsprofil Raffaels auszeichne, will die Ausstellung in der Albertina den Besuchern ebenso verdeutlichen wie die Bedeutungsfunktion von Zeichnung – vom ersten hingeworfenen Entwurf über die ersten Körperstudien bis hin zur gestochenen „Blaupause“ für die Ausführung eines Gemäldes. Hinzu komme noch die kunsttheoretische Aufladung aufgrund einer empirischen Methode am Beispiel der Inventarisierung antik-römischer Kunstdenkmäler und Skulpturen. Dies erweiterte er auch auf die Architektur, wozu er die Zeichnung als formbildendes Element der ersten geistigen Schöpfung näher zugeordnet sah als die Malerei. Gnann: „Das Einzigartige von Raffael war, dass er von Anfang an eine unglaubliche Fähigkeit hatte, die Figuren eigenständig und vollkommen raumhaft agieren zu lassen. Die Figuren von Raffael sind immer Figuren, die ein Ich-Bewusstsein haben, das sie völlig frei und selbstbestimmt handeln lässt. Das haben zu dieser Zeit andere Künstler in dem Maße nicht.“ So seien Raffaels Figuren immer auch Denkende, Fühlende, mit einem inneren Leben ausgefüllte Figuren und wirken als solche auf den Umraum. Wie Raffael die Linien und Schraffuren so einsetzte, dass er mit geringsten Mitteln den Körper, die Bewegung, die räumliche Anlage wiederzugeben vermochte, ohne je Überflüssiges auszudrücken, sei ein Hauptmerkmal von Raffaels Duktus. „Diese extreme Sparsamkeit der Linienführung für ein Höchstmaß an Wirkung ist einzigartig“, stellt Dr. Achim Gnann Raffaels Genie heraus. „Dann ist Raffael ein Künstler, der viel von anderen Künstlern aufnimmt, fast schon aufsaugt, und in der Verarbeitung dessen aber zu komplett neuen Lösungen kommt. Und er ist ein Künstler, der immer wieder für Harmonien sorgt. Was er macht, sind keine Sachen, die von vornherein schön sind, es gibt Spannungen, Probleme, eine Auseinandersetzung, die sich aber in der Komposition auflöst und zur Harmonie führt. Diese Harmonie hat eine unglaubliche Kraft, die weiterwirkt. Er idealisiert, er findet aber in diesem idealen Ausdruck Allgemeingültiges und Dauerhaftes. Das bringt eine Vorstellung von Harmonie und Schönheit, die vor ihm noch nie da war.“

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher und knapp 500 Seiten dicker Ausstellungs- und Werkkatalog, worin anhand von Einzelbeispielen der Weg von der Skizze zum Gemälde erläutert und Raffaels zeichnerisches Geschick analysiert wird.

 

Raffael
Albertina Wien
29. September 2017 bis 7. Januar 2018

Zur Webseite der Ausstellung

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