In den Fußstapfen der Dinosaurier – Wie Paläo Art die Welt eroberte

Von Daniel Thalheim

Oft von Kunstwissenschaftlern müde belächelt, manchmal auch von Künstlern als „flach“ abgetan, begeisterten die Bilder von Dinosauriern und Eiszeitwelten Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt. Paläo Art gewann erst wieder an Bedeutung als in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts der Steven-Spielberg-Streifen „Jurassic Park“ in die Kinos kam und ein erneuter Siegeszug von Neuentdeckungen und atemberaubenden Forschungsergebnissen über das Leben und die Entwicklung der Dinosaurier und des urweltlichen Lebens einsetzte. Das Buch „Paläo Art“ fasst erstmalig die seit 200 Jahren anhaltende Entwicklung der bildnerischen Dokumentation über das Aussehen und die Gestalt der Urzeitwelt und ihrer Bewohner zusammen.

Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte Zoë Lescaze, Walton Ford Hardcover mit 4 Ausklappseiten, 28 x 37,4 cm, 292 Seiten (Bild: TASCHEN / Presse 2017)
Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte Zoë Lescaze, Walton Ford Hardcover mit 4 Ausklappseiten, 28 x 37,4 cm, 292 Seiten (Bild: TASCHEN / Presse 2017)

Wer in der DDR aufwuchs, wurde unweigerlich mit den Gemälden von Zdenék Burian (1905 – 1981) konfrontiert. Wer war als Kind nicht begeistert von dem, was in Büchern wie „Weltall – Erde – Mensch“ abgebildet war? Kämpfende Saurier, Neanderthaler, Mammuts. Die Lebendigkeit mit der Zdenék Burian seine Geschöpfe versah, versetzte jeden unweigerlich in die Urzeit zurück, ließ fantasievolle Geschichten ausdenken. Die Zeit erschien fern und geheimnisvoll, warf auch viele Fragen auf.

Wenn ein gestandener Künstler über diese Art der Malerei spricht, die heute unter dem Begriff „Paläo Art“ firmiert, würde jenen Künstlern das künstlerische Geschick nicht absprechen. Der Verweis auf die Naivität mancher Darstellungen und ihre – mitunter – handwerklich schlechten Ausführungen bleibt.

Als der Mitteldeutsche Rundfunk in den mittleren Neunzigerjahren eine Reportage über den steinigen Weg über den Aufnahmeprozess an der Hochschule für Grafik und Buchkunst ausstrahlte, gerieten ein älterer Herr mit einem der Künstler an der Abendakademie über die Frage aneinander, ob Darstellungen unter Wasser überhaupt in Einklang mit den Geschehnissen über der Wasseroberfläche in Einklang zu bringen wären. Der Herr bezog sich erstaunlicherweise auf Darstellungen der Paläo-Art.

Man muss hinzufügen, dass die Saurier, Urmenschen und andere Urzeitviecher alles andere als ikonografisch aufgeladene Kunst darstellen. Sie dienten lediglich zur Veranschaulichung von Forschungen über Tiere, um Körperhaltung, Muskelmasse und Bewegungsabläufe zu rekonstruieren. Solche Zusammenhänge schlägt das Buch „Paläo Art“ kapitelweise, chronologisch und reich bebildert auf. Diese im Abseits der großen Kunst-Avantgarden des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts fristende Kunstgattung erhält mit diesem Nachschlagewerk eine Würdigung. Im Vordergrund von Paläo-Art steht das wissenschaftliche Interesse von Künstlern und ihre Fantasie. Paläo-Art steht aber auch für ihren Wandel vor dem Hintergrund von Entdeckungen neuer Zusammenhänge aus Forschung und Wissenschaft vom 19. Jahrhundert bis heute. Das schließt auch das Wirken der Künstler innerhalb der Sprache der Kunst-Avantgarden mit ein, aber auch ihrer politischen Vereinnahmung – skurrile Auswüchse inklusive.

Was in der Vergangenheit eher abwertend und stiefmütterlich an den Rand des Kunstschaffens gedrängt wurde, bekommt nun mit der Schilderung ihrer Geschichte eine neue Aufwertung und historische Aufladung und steht in enger Verwandtschaft zu dem, was wir von wissenschaftlichen Abbildungen von Flora und Fauna kennen.

Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte

Zoë Lescaze, Walton Ford

Hardcover mit 4 Ausklappseiten, 28 x 37,4 cm, 292 Seiten

ISBN 978-3-8365-6584-4

Ausgabe: Deutsch

€ 75