Zwischen Anpassung und Selbstverwirklichung – Wie in der DDR versucht wurde, Architekten zu kollektivieren

Von Daniel Thalheim

Tobias Zervosen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU München. Architektur und Architekturtheorie sind seine Forschungsschwerpunkte. In seiner 2017 erschienenen Publikation „Architekten in der DDR – Realität und Selbstverständnis einer Profession“ wirft er einen Brennpunkt in die Archive und bringt so Sachverhalte ans Licht, welches die starke Reibung zwischen Architekten und SED-Politikern beleuchtet. Es geht um die spannende Frage, wie Architektur und der Berufsstand des Architekten von den Regierenden in der DDR aufgefasst wurde.

Dissertationen sollen neue Kenntnisstände zu einem Thema bewerten und analysieren. Das wird sofort deutlich, wenn Tobias Zervosen seine Doktorarbeit von den Veröffentlichungen abgrenzt, die sich mit der Frage, wie Heimatschutz in der Architektur der frühen DDR Eingang fand, beschäftigen. Ihm geht es in 470 Seiten um eine andere Frage: Wie kamen Architekten mit den DDR-Machthabern und ihrer Auffassung von Arbeit, Architektur und Kunst klar?

Tobias Zervosen Architekten in der DDR Realität und Selbstverständnis einer Profession (Bild: transkript Verlag 2017)
Tobias Zervosen Architekten in der DDR Realität und Selbstverständnis einer Profession (Bild: transkript Verlag 2017)

An mehreren Beispielen, angefangen von der Zeit in der Sowjetischen Besatzungszone und den Vorgaben bzw. Befehlen der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) kurz nach dem Zweiten Weltkrieg über die Frühphase der DDR und dem etappenweise vollzogenen Kollektivierungsprozess der Architekten sowie den sich stärker durchsetzenden Normierungen und Planvorhaben im Sinne einer in der DDR fortgesetzten Kriegswirtschaftspolitik, wird die Erosion des individuellen Architekten, der mit dem Selbstverständnis eines Künstlers arbeitet, deutlich. Neben Anpassungszwängen gab es eben auch Anpassungsschwierigkeiten. Der Staat war Hauptauftraggeber für Bauvorhaben jedweder Art: Wohnanlagen, öffentliche Gebäude, stadt- und verkehrsplanerische Projekte. Der SED-Staat, bzw. seine Regierung und Regierungsorgane, war auch das Hauptproblem für Architekten, die bspw. noch vorm Weltkrieg selbstständig arbeiteten, wenn es um das Selbstverständnis ging. Individuelle Positionen wurden nicht, und wenn nur mit großem Zögern, zugelassen. Das führte soweit, dass noch 1990 darüber nachgedacht wurde, wie Architektur ohne Architekten zu verwirklichen sei. Planspiele, die abrupt ihr Ende fanden und erst heute im Zusammenspiel mit der wachsenden Digitalisierung und freien Verfügbarkeit von Programmsoftware wieder diskutiert werden. Dennoch prägten Architekten den Verlauf der DDR-Architekturgeschichte mit, nahmen Einfluss auf die Bauausführungen. Ganz so ent-individualisiert war die Architekturauffassung im Arbeiter- und Bauernstaat dann doch nicht gewesen. Der Autor selbst sagt, dass die Architektur der DDR bislang vor allem als politisch gesteuert und bestimmt verstanden worden ist. „Handeln und Einfluss der Architekten selbst, ihr berufliches Selbstverständnis und ihr Umgang mit politischen Leitlinien, aber auch ihre Vorstellungen und Visionen von einem veränderten Planen und Bauen wurden jedoch kaum wahrgenommen. Ohne die Bedeutung des Politischen zu schmälern, zeichnet das Buch erstmals ein umfassendes Bild von der vielfältigen Arbeit der Architekten und Stadtplaner.“

Dennoch muss aber auch hinzugefügt werden, dass Architekten bis Ende der Achtzigerjahre in Bau- und Planungskollektive zusammengeschlossen wurden, um Bauprojekte zu realisieren. Gerade am Beispiel der ehemaligen Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig wird klar, dass Architektur ihr individuelles Gesicht verlieren sollte. Beton und Formvorgaben ließen das Bauen zum Umriss einer funktionslosen und austauschbaren Ansinnen werden. Aber ohne ihre geschickten Antworten und ihre behutsame Einflussnahme auf politische Vorgaben, ihren kreativen Eigensinn und ihr Eintreten für fachliche Belange ließe sich die DDR-Baugeschichte aus Sicht des Autors in all ihren Facetten und Brüchen nicht verstehen. Insofern ist das Buch von Tobias Zervosen als Standardwerk zu sehen, wer sich mit der Architekturgeschichte der DDR auseinandersetzen will.

Tobias Zervosen

Architekten in der DDR

Realität und Selbstverständnis einer Profession

10/2016, 474 Seiten, kart., zahlr. Abb.

ISBN 978-3-8376-3390-0

Weiterführende Links zum Thema:

Die Katholische Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig

Alte Propsteikirche in Leipzig – Vom bevorstehenden Abriss eines Kulturdenkmals der DDR

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