Deutschlands Picasso? – Welche spannenden Rückblicke auf Gerhard Richters Werk es gibt

Gerhard Richter, 5 Türen (I), 1976, Öl auf Leinwand, 5tlg, je Bild: 2ß5 x 100 cm, Museum Ludwig Köln, @Gerhard Richter, Repro: Rheinisches Bildarchiv Köln.
Gerhard Richter, 5 Türen (I), 1976, Öl auf Leinwand, 5tlg, je Bild: 2ß5 x 100 cm, Museum Ludwig Köln, @Gerhard Richter, Repro: Rheinisches Bildarchiv Köln.

Nachdem er in den Sechzigerjahren von der DDR in die BRD auswanderte nannte er seine Arbeit – entgegen dem sozialistischen Weg in der Kunst – nun dem „kapitalistischen“ Realismus verpflichtet. Inzwischen hat Gerhard Richter sich von allen stilbildenden Korsetts befreit. Weil in diesem Jahr der Maler aus Dresden 85 Jahre alt wurde, blicken verschiedene Museen noch bis Ende 2018 auf sein Schaffen zurück.

Von Daniel Thalheim

Von der DDR in die BRD

Der Mauerbau in Ost-Berlin muss einer der Auslöser gewesen, dass Gerhard Richter in die BRD ausreiste. Die Bevormundungen seitens des SED-Staates, gerade im Hinblick auf die Durchsetzung des sogenannten Bitterfelder Weges, um die Kluft zwischen Werktätigen und Künstlern zu vermindern, indem man versuchte, die künstlerische Arbeit, den ästhetischen Bedürfnissen der Arbeiterklasse anzupassen, trugen womöglich auch ihren Teil dazu bei, dass Gerhard Richter in den Westen floh.
Im Zusammenhang mit seiner Flucht steht wahrscheinlich sein früher, im 2015 erschienenen Werkverzeichnis gänzlich ausgeschlossener, künstlerischer Beginn in Westdeutschland der Sechzigerjahre, als er zunächst an der Kunstakademie Düsseldorf zusammen mit u.a. dem DDR-Geflüchteten Sigmar Polke, HA Schult und Kuno Gonschior studierte, dann als als Kunstlehrer arbeitete, Gastdozent wurde und dann an der Düsseldorfer Akademie die Professur für Malerei übernahm. Das Kunstmuseum Bonn thematisiert seit Mitte Juni 2017 die Startphase des Künstlers, der – wie kein anderer – gegenständliche und ungegenständliche Malerei so strikt voneinander trennt, wie kein anderer. Was Realität und was Realität nicht sind, steht im Mittelpunkt seines Schaffens, das wohl am deutlichsten in seinem – bislang kaum berücksichtigten – Frühwerk zum Tragen kommt. Präsentiert werden etwa 25 Schlüsselwerke, als sich Richter gerade aus der DDR in den Westen abgesetzt hatte. Dabei will die Schau sich unter dem Titel „Über Malen – Frühe Bilder“ auf Richters Darstellungen von geöffneten Türen, Vorhängen und Fenstern fokussieren. Es heißt: „Zu sehen gibt es dahinter aber nichts: Richter glaubt nämlich nicht, dass Bilder die Wirklichkeit verlässlich abbilden können.“
Der Rückschauen nicht genug: nach der Präsentation in Bonn wird die Ausstellung im S.M.A.K. in Gent (21.Oktober – 18. Februar 2018), anschließend im Museum Wiesbaden (23. März – 24. Juni 2018) zu sehen sein.

Gerhard Richter, Portrait Dieter Kreutz, 1971, Öl auf Leinwand, 150 x 125 cm, @Gerhard Richter, Kunstmuseum Bonn.
Gerhard Richter, Portrait Dieter Kreutz, 1971, Öl auf Leinwand, 150 x 125 cm, @Gerhard Richter, Kunstmuseum Bonn.

Serielles Arbeiten, wie vom Fließband

Die Bildserie ist nicht etwa eine Erfindung von Gerhard Richter, oder von Andy Warhol. Bildserien entstanden v.a. im Aufkommen des Impressionismus. Vor allem Claude Monets Spätwerk ist von dem Schaffen von Bildserien bestimmt. Seine Seerosen sind wahrscheinlich bekannteste Beispiele. Andere Impressionisten haben ebenfalls ein und dasselbe Motiv in unterschiedlichen Stimmungen wiedergegeben. Vor ihnen haben Malerwerkstätten von Lucas Cranach d.Ä. und Rembrandt ebenfalls seriell gearbeitet. Gerhard Richters Ansinnen war mit dem Verfolgen seiner „Multiples“ das Erreichen eines größeren Publikums. Das sagt das Museum Folkwang in Essen zu seiner aktuell noch bis zum 30. Juli laufenden Ausstellungen „Gerhard Richter. Die Editionen“. Die Institution trug über 170 Arbeiten zusammen und vereint zum ersten Mal alle künstlerischen Gebiete, in denen der Maler tätig war: Grafik, Malerei, übermalte Fotos, Künstlerbücher. „Richters Umgang mit verschiedenen Drucktechniken und Stilmitteln der Malerei ist von einer großen Offenheit und Experimentierfreude gekennzeichnet. Immer wieder hinterfragt er dabei auch sein Selbstverständnis als Künstler“, so das Museum Folkwang über das Wirken des Künstlers, der aufgrund seiner Experimentierfreude und Finden neuer Ausdrucksformen mitunter bereits als „Picasso Deutschlands“ bezeichnet wird. Er selbst sagt: „Manchmal denke ich, ich sollte mich nicht Maler nennen, sondern Bildermacher. Ich bin mehr an Bildern interessiert als an Malerei.“

Erneuerer bis ins hohe Alter

Aktuell ist in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eine Ausstellung zu sehen, die sich mit Gerhard Richters spätem Schaffen auseinandersetzt. Alle 31 Werke wurden vom Künstler 2015 bis 2016 geschaffen. Ihre Leuchtkraft, Dynamik und Komposition stellen komplexe Arbeitsvorgänge dar, die an Arbeitsweisen erinnern, welche die Informel-Künstler des späten 20. Jahrhunderts auf Basis von u.a. vom Surrealisten Max Ernst eingeführten Techniken, vervollkommneten. Bis ins hohe Alter zeigt Richter sich als aufgeschlossener Reisender, der Brücken zu neuen Horizonten baut. Seine Skepsis an der Abbildungsfähigkeit der Realität aufgrund individueller Wahrnehmungsfähigkeiten hält aber weiterhin an. Auch sein in den neuen Arbeiten veranschaulichtes Zusammenspiel von Materialbeschaffenheit und Farbigkeit weitab von den gängigen Farbkreisspielereien zeigt seine Experimentierfreude. Das macht ihn zu einem Impulsgeber für jüngere Malergenerationen, wie u.a. Rachel T. Harris aus den USA.

Gerhard Richter, Zwei Fiat, 1964_67, Öl auf Leinwand, 150 x 125 cm @Gerhard Richter, Kunstmuseum Bonn.
Gerhard Richter, Zwei Fiat, 1964_67, Öl auf Leinwand, 150 x 125 cm @Gerhard Richter, Kunstmuseum Bonn.

Deutsch-deutsche Familiengeschichte

Sein malerisches und grafisches Schaffen aus der DDR-Zeit ist so gut wie nicht mehr vorhanden bzw. nicht erfasst. Seine Retrospektive kann sich daher derzeitig nur auf sein künstlerisches Werk von 1961 bis heute erstrecken. So auch in der Nationalgalerie in Prag. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft und dem Goethe-Institut werden noch bis zum 3. September 2017 bildnerische Arbeiten des Mannes gezeigt, der derzeit, wie kein anderer, als Präsentator einer offenen und weltmännischen Kunst angesehen wird. Was sein Werk so einzigartig macht ist die Tatsache, dass er die deutsche Geschichte aus drei Perspektiven reflektieren kann: deutsch-deutsch und familiär. In einer Chronologie von 60 Jahren wird dieser rote Faden der eigenen Geschichtsschreibung gesponnen. Vielleicht wird dieser Faden noch weitere Jahre weiter laufen. Wie es scheint, ist Gerhard Richter noch lange nicht am Ende seiner Schaffenskraft angelangt. Denn einen Ausblick, neben der Wiesbadener Ausstellung, auf 2018 gibt es bereits schon: das Museum Barberini zeigt, ausgehend von einem eigenen Bild, in einem Jahr bis Anfang Oktober eine Zusammenstellung aus verschiedenen Leihgaben von verschiedenen musealen und privaten Sammlungen – zu erwarten ist eine Retrospektive der Superlative. Womöglich werden auch bis dato noch nicht gezeigte Frühwerke des Künstlers der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit dem Archiv der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden.

Literatur:

Yilmaz Dziewior u. Rita Kersting, Gerhard Richter. Neue Bilder, Dresden-Köln 2017.

Gerhard Richter, Gerhard Richter. Die Editionen, 2017.

Christoph Schreier, Gerhard Richter: Über Malen – Frühe Bilder, Bonn 2017.

Dieter Schwarz u. H.D. Buchloh, Gerhard Richter. Abstrakte Bilder und Zeichnungen aus der Marian Goodman Gallery N.Y., New York 2016.

Hubertus Butin u. Stefan Gronert, Gerhard Richter – Editionen 1965 – 2013: Catalogue Raionné, 2014.

Guido Meincke, Gerhard Richter. Zeitgenossenschaft, 2013.

Camille Morineau u. Mark Godfrey, Gerhard Richter: Panorama, 2012.

Oskar Bätschmann u. Hubertus Butin, Gerhard Richter. Landschaften,2011.

Dietmar Elger, Gerhard Richter. Maler, 2008.

Markus Heinzelmann u. Siri Hustvedt, Gerhard Richter. Übermalte Fotografien, 2008.

Jürgen Schreiber, Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter. Das Drama einer Familie, 2007.

Weblinks:

Museum Folkwang mit einer Gerhard-Richter-Ausstellung

Zur Ausstellung im Museum Ludwig in Köln

Die Nationalgalerie in Prag zur Gerhard-Richter-Retrospektive

Die SKD mit ihrer Gerhard-Richter-Schau

Gerhard Richter im Kunstmuseum Bonn

Zur Retrospektive im Museum Barberini

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