Der Symbolist aus Bern – Was Ferdinand Hodlers Werk so einzigartig macht

 

Ferdinand Hodler Genfersee mit Salève und Schwänen um 1914 © Privatsammlung Schweiz Foto: Peter Schälchli, Zürich
Ferdinand Hodler Genfersee mit Salève und Schwänen um 1914 © Privatsammlung Schweiz Foto: Peter Schälchli, Zürich

Er muss ein schwieriger Charakter gewesen sein, dessen Zeitgenosse Sigmund Freud an ihm eine wahre Freude gehabt hätte. Ferdinand Hodler (1853-1918) gilt als der wichtigste Maler der Kunst der Klassischen Moderne in der Schweiz. Sein Werk steht autark neben dem seines österreichischen Malerkollegen Gustav Klimt und des Leipzigers Max Klinger, irgendwo zwischen spätem Symbolismus und Romantik und der versachlichten Formensprache des „art noveau“. Die Bundeskunsthalle widmet von Herbst 2017 bis Anfang 2018 dem außergewöhnlichen Maler eine große Ausstellung anlässlich seines Todesjahres.

Von Daniel Thalheim

Antrieb Ehrgeiz

„Hodler, erfüllt von unbedingtem und unduldsamem Ehrgeiz, empfindlich gegenüber jeder Kritik, anfällig auf Lob und abhängig von Zuspruch und Unterstützung, suchte den grossen Erfolg und die allgemeine Anerkennung mit Provokationen, Beziehungen, fanatischer Arbeit, unablässigen Ausstellungen und beliebiger Wiederholung von verkäuflichen Bildern“, schreibt der schweizerische Kunsthistoriker und Experte für die Kunst der Klassischen Moderne Oskar Bätschmann über den Ansporn des Malers, sich aus dem Elend seiner Zeit und seiner Familie freizumachen.

Denn er wuchs in drückender Armut auf und musste schnell auf eigenen Füßen stehen, um sich und, nach Möglichkeit, den Geschwistern zu helfen. Bereits bis 1885 verstarben alle seine Angehörigen, meist an Tuberkulose. Doch schon im zarten Alter von 14 Jahren um etwa 1867 nahm ihn ein Anstreicher zur Lehre auf. In seiner Werkstatt wurden auch Ansichten beliebter Orte als Reise-Souvenirs serienmäßig hergestellt. So kam Ferdinand Hodler in Kontakt mit der angewandten Kunst. Seit 1871 wohnte er in Genf und begann Veduten zu malen, was er aber schnell aufgab.

Er widmete sich dem Selbststudium und erweiterte sein künstlerisches und kunsthistorisches Verständnis und entwickelte bald eine eigenwillige Ausdrucksweise in seiner Malerei, die z.T. auf geringes Verständnis beim geläufigen Kunstpublikum stieß.

Sein eigenwilliger Weg machte sich in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts bezahlt. In seiner Heimat eher achtlos links liegen gelassen, begann Hodlers künstlerischer Stern im Ausland zu steigen. Eine Ausstellung in Paris schien den Durchbruch für ihn zu bedeuten. Doch schon vorher beteiligte er sich intensiv an regionalen und nationalen Kunstschauen, Ausschreibungen und Wettbewerben. Sein unermüdlicher Wille, mit Kunst ein besseres Leben zu haben schuf bereits in seinem Heimatland eine Basis, auf die Hodler später aufbauen konnte. Die 1891 erfolgte Pariser Ausstellung im Salon du Champ-de-Mars muss als vorläufiger Gipfel einer Entwicklung gesehen werden, die nahezu 25 Jahre lang dauerte.

Sein in Paris gezeigtes Bild „Nacht“ sorgte hingegen in der Schweiz für Anstoß. Fortan verursachten einerseits Hodlers Werke in der Schweiz Empörung und öffentliche Kritik, die oftmals in Polemik abdrifteten. Andererseits zahlten Sammler hohe Summen für seine Bilder, die Hodler mitunter auch seriell anfertigte. Er erlangte so zu finanzieller Unabhängigkeit. Um die Jahrhundertwende stand Hodler wirklich auf dem Gipfel seines Erfolges. Die Zahl der Ausstellungen erhöhte sich weiterhin. Skandale um seine Bildmotive blieben ebenso nicht aus wie die Verkäufe von Landschaften und Repliken von ausgestellten Bildern. Eine Krise seines Schaffens muss während des Ersten Weltkriegs festgehalten werden. In Deutschland wurden Hodlers Werke aus Museen und Sammlungen verbannt, weil der Maler mit seiner Unterschrift gegen die Beschießung der Kathedrale von Reims durch deutsche Truppen protestierte. Er wurde in Deutschland als „Verräter“ beschimpft, ein von 1907 bis 1909 geplantes und ausgeführtes Wandbild in der Aula der Universität Jena mit Brettern zugenagelt. Hodler zog sich in Arbeit zurück.

Ein Symbolist der besonderen Art

Ferdinand Hodler (1853–1918) zählt laut der jüngsten, anlässlich der Ausstellung zu seinem Schaffen veröffentlichten, Mitteilung aus der Bundeskunsthalle zu den bedeutenden und erfolgreichen Schweizer Künstlern des Fin de Siécle und der Jahrhundertwende um 1900. Die erste umfangreiche Werkschau seit nahezu 20 Jahren will mit über 100 Gemälden einen Einblick in das Schaffen des Do-It-Yourself-Künstlers geben.

Ferdinand Hodler Tanne bei Chamby 1905 © Privatsammlung Schweiz Foto: Peter Schälchli, Züric
Ferdinand Hodler Tanne bei Chamby 1905 © Privatsammlung Schweiz Foto: Peter Schälchli, Züric

Hodlers Sonderrolle zwischen dem Ausklingen der Spätromantik und Klassischer Moderne wurde bereits in der Vergangenheit ausgiebig ausgeleuchtet und fand Niederschlag in zahlreichen Aufsätzen und Bücher, doch seine Stellung innerhalb der europäischen Kunstgeschichte wurde noch nicht in Gänze herausgestellt. Durch seine neuartige Verwendung von Figuren, Flächen und Farben positionierte er sich selbstbewusst zwischen dem Schaffen von u.a. Gustav Klimt, Arnold Böcklin, Franz von Lenbach, Ludwig von Hofmann, Auguste Rodin, Lovis Corinth und Max Klinger. Neben Arnold Böcklin und Giovanni Battista Emmanuele Maria Segantini gilt Hodler laut Bundeskunsthalle als „dritter künstlerischer Sendbote aus dem Alpenland“, dessen Formensprache im kaiserlichen Deutschland als Vertreterin einer neuen „germanischen Stilkunst“ angesehen wurde. Die Tendenz dieser robusten Interpretation seiner Ästhetik um 1900 könnte u.a. Ferdinand Hodlers Werk in Vorläuferschaft einer nationalsozialistisch verbrämten Staatskunst stellen. Er selbst hätte sich gegen eine politische Vereinnahmung gewehrt, genauso wie er sich dagegen wehrte, als Symbolist bezeichnet zu werden.

„Die Figurenbilder sind von äusserster Einfachheit des Gedankens und der Komposition, sie sollen nicht ein geheimes Wissen sichtbar machen oder bedeuten, sondern ihren Sinn (zum Beispiel Tag, Empfindung, Unendlichkeit) durch die einfache Form, die Gesten, den Ausdruck und die rhythmische Verbindung der Figuren unmittelbar zeigen“, heißt es aus der Bundeskunsthalle zu Hodlers Bildsprache. Dennoch standen viele Themen seiner Figurenbilder den Bildinhalten der Maler nahe, die Geheimlehren und ihre Symbolik zu verbildlichen versuchten. Werke wie etwa „Eurhythmie“, „Tag“, „Empfindung“, „Heilige Stunde“ und „Blick in die Unendlichkeit“ seien demzufolge auf unmittelbare Verständlichkeit angelegt, während etwa Wahrheit durch die konventionelle Allegorie aufgespalten ist – in Darstellung und Bedeutung.

 

Ferdinand Hodler Genfersee mit rhytmischen Wolken um 1914 © Privatsammlung Schweiz Foto: Peter Schälchli, Zürich
Ferdinand Hodler Genfersee mit rhytmischen Wolken um 1914 © Privatsammlung Schweiz Foto: Peter Schälchli, Zürich

Gleichklang und Symmetrie in Ferdinand Hodlers Bildern

Wer den Gleichklang, die strengen Figuren und die Geometrie in Ferdinand Hodlers Bildern analysiert und diese mit Zeitgenossen wie Gustav Klimt vergleicht, muss sich zwangsläufig mit der aufkommenden Arts&Crafts-Bewegung beschäftigen. Vertreter dieser Strömung begannen in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts Ornamente und Dekorationen zu versachlichen und zu vereinfachen. Dieses industriell und seriell erscheinende Vereinfachungsprinzip setzte sich schnell auch in der Malerei und Grafik durch, fand v.a. seine Entsprechung in der kunsthandwerklich geprägten Strömung des „art noveau“ bzw. „modern style“. Die französischen Fauves und die deutschen Expressionisten griffen die strenge Linie und die flächige Form in ihren Bildern besonders konsequent auf. Ferdinand Hodler verband diese Strenge mit der ausgeprägten Figürlichkeit der für das 19. Jahrhundert so typischen Malerei. Mit diesem Anspruch steht er in einer Linie mit Gustav Klimt (1862 – 1918) und Max Klinger (1857 – 1920).

Was wurde durch die Vereinfachung von der Form und Farbe erreicht? Mit seinem damals umstrittenen Bild „Nacht“ und der daran folgenden Reihe versuchte Hodler romantische Vorstellungswelten zu steigern, wenn nicht sogar aus dem romantischen Licht der Verklärung zu zerren und durch Symmetrie der Bildfläche, Parallelität der Figuren und Reduktion der Farbigkeit einen verhaltenen Pathos zu erschaffen, der fast schon an Monumentalität grenzte – horizontal und auch vertikal. Selbst der Gleichklang von Bewegungen interessierte den Künstler.

Der Begriff des Parallelismus geht auf Designer und Architekten wie Charles Blanc und Gottfried Semper zurück, die mit ihren Schriften „Grammaire des Arts du Dessin“ (Blanc, 1867) und „Der Stil“ (Semper, 1860/62) die Grundlagen für Hodlers Arbeit bilden sollten. Dieses Prinzip passt auch zur der Arbeitsmethode des Seriellen, die er während seiner Anstreicherlehre kennengelernt hatte. Er konkretisierte seine Arbeitsmethoden hin zu dem Arbeiten mit Durchschlägen und Repliken von Schattenwürfen bzw. Umrisszeichnungen an Glasscheiben. Seine maschinell wirkende Entwurfsarbeit galt als sehr ausgefeilt, fast schon akribisch. Er schuf von einem Bild mehrere Entwürfe und Modellstudien, was zur Herstellung unterschiedlicher Bildfassungen führen konnte.

Auch sein unermüdliches Arbeiten mit Ornamenten und geometrischen Figuren passt in das Bild, das wir von Ferdinand Hodlers Zeit während seiner kunsthandwerklichen Prägephase kennen. In der Landschaftsmalerei beschäftigte Hodler sich mit Farbe und Licht, griff häufig geologische Motive auf. Ebenmäßigkeit und Gleichklang beherrschen seine Sujets, wie in seinem 1911 entstandenen Bild „Genfersee mit Jura“ oder auch im „Der Grammont“ (1905) sowie im Bild „Genfersee mit rhythmischen Wolken“ (1914). Wie vor ihm Arnold Böcklin versuchte Ferdinand Hodler in seinen letzten 20 Lebensjahren Landschaften für mystische oder religiöse Bedeutungen zu nutzen. Er überhöhte die Landschaften, indem er sie mit Wolkenornamente umkränzte oder „auratischen Lichträndern“ mystisch auflud. Ihm ging es zuletzt um die absolute Darstellung von Licht. Auch die Farbe Blau spielte in diesen späten Werken eine besondere Rolle. Als Farbe der Ferne, Sehnsucht und Ungreifbarkeit hat Johann Wolfgang von Goethe in seiner Farbenlehre das Blau umschrieben. In der Romantik wurde deshalb die Farbe zum zentralen Motiv der Ungreifbarkeit, für die Surrealisten galt Blau als Farbe des Traums und des Unbewussten. Sie steht aber auch für Klarheit und Intellektualität. In diese Zusammenhänge müssen die Werke der Symbolisten gestellt werden, auch die von Ferdinand Hodler.

FERDINAND HODLER

MALER DER FRÜHEN MODERNE

8. September 2017 bis 28. Januar 2018

Literatur

  • C. A. Loosli, F. H., 4 Bde., 1921-24 (P); E. Bender u. W. Y. Müller, Die Kunst F. H.s, 2 Bde., 1923/41 (P).
  • H. Mühlestein u. G. Schmidt, F. H., 1942; W. Hugelshofer, F. H., 1952.
  • J. Brüschweiler, F. H. u. s. Sohn Hector, in: Neuj.bl. d. Zürcher Kunstges. 1966/67.
  • H. Ch. v. Tavel, F. H., Die Nacht, Werkmonogrr. z. bildenden Kunst Nr. 135, 1969.
  • Künstler-Lex. d. Schweiz, XX. Jh., 1958-61.
  • ThB; HBLS (P). – Ausstellungs-Kataloge: Bern, Kunstmus., 1921 u. 1968.
  • Wander-Ausstellung (veranstaltet v. d. Stiftung Pro Helvetia) in Köln, Hamburg, München, 1954.
  • Zürich, Landschaften d. Reife u. d. Spätzeit, 1964; Wien, Neue Secession, 1962/63.
  • Walter Hugelshofer, „Hodler, Ferdinand“ in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 299-300 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118551817.html#ndbcontent
  • Tobia Bezzola, Paul Lang, Ferdinand Hodler – Landscapes, Zürich 2004.
  • Heinz Bütler, Peter Bichsel, Robert Walser, Ferdinand Hodler – das Herz ist mein Auge: Blicke auf Bilder von Mensch, Natur, Liebe und Tod, 2004.
  • William Hauptmann, Ferdinand Hodler, 2007.
  • Oskar Bätschmann, Paul Müller Ferdinand Hodler: Catalogue raisonné der Gemälde, Band 1, 2008.
  • Ulf Küster, Ferdinand Hodler, 2012.
  • Beatrice Meier, Ferdinand Hodler, in: Historisches Lexikon der Schweiz; URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D19084.php
  • SIKART, Lexikon zur Kunst in der Schweiz, Ferdinand Hodler; URL: http://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4000055
  • Bundeskunsthalle, Ferdinand Hodler – Maler der frühen Moderne, Ausstellungstext; URL: http://www.bundeskunsthalle.de/ausstellungen/index.html

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