Auf Hermann Nitschs Spuren – Michael Riedel tritt die Nachfolge von Astrid Klein als Professor für Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig an

Skandalumwittert ist der Auftritt des Wiener Konzeptkünstlers Hermann Nitsch zum Abgang von Centraltheater-Chef Sebastian Hartmann gewesen. Nun kommt sein Schüler nach Leipzig. Michael Riedel übernimmt zum 1. April 2017 die Professur für Malerei im Studiengang Malerei/Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Riedel tritt damit die Nachfolge von Prof. Astrid Klein an, die nach mehr als 23 Jahren Lehrtätigkeit die Leipziger Kunsthochschule verlässt.

Wer ist das – Michael Riedel?

Was ist über den Neuen bekannt? Der 1972 geborene Konzeptkünstler ist international bekannt als Mann, der mit dem Prinzip „Aufnehmen – Labeln – Abspielen“ seit Ende der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts eine Kunst des Zwischenfalls im Kunstbetrieb veranstaltet. Er studierte von 1996 bis 2000 an der Kunstakademie Düsseldorf, der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris und der Städelschule in Frankfurt am Main. Dort wurde er Meisterschüler bei Hermann Nitsch.

Er arbeitet mit Bity und Bytes. Ob aus Zufall oder künstlich verfremdet, erschafft er am Rechner Bilder, die er an Wände bringt. Seine Arbeit ähnelt sehrdem, was die Musiker des Klangkollektivs von Autechre in Töne gießen, bzw. ein HGB-Absolvent wie David Schnell malerisch umsetzt: Räume und Körper zerstückeln und wieder zusammensetzen: eine Kunstform, die seit dem Aufkommen des „digitalen Zeitalters“, Glitch Art genannt wird. Riedel experimentiert so mit Fotografie, Grafik, Film, Texten und Malerei; setzt sich mit der Kunstgeschichte auseinander.

Michael Riedel ist neuer HGB-Professor (Foto: Wolfgang Guenzel, HGB Leipzig/Presse 2017)
Michael Riedel ist neuer HGB-Professor (Foto: Wolfgang Guenzel, HGB Leipzig/Presse 2017)

Ein neuer Bruch in der Tradition, und ein Blick nach vorn?

Mit dem Zugang des neuen HGB-Professors ändert sich das Gesicht der Hochschule für Grafik und Buchkunst endgültig. Denn mit dem Weggang von Astrid Klein und der Übernahme der Malklasse durch einen Vertreter der ungegenständlichen „Malerei“, wird der Eindruck gewonnen, dass sich nun endgültig der Traditionsbruch mit der Leipziger Schule vollzieht. Nicht die einzige Zäsur, im übrigen, den die Leipziger Kunstakademie seit seiner Gründung vollzogen hat. Nach seiner Gründung als eine der ältesten Kunstakademien in Deutschland – die HGB wurde 1764 von Prinz Xaver von Sachsen als Zeichnen- und Malakademie ins Leben gerufen – erfuhr die Hochschule mehrere Neuausrichtungen: von der Akademie für die Lehre des Zeichnens und Malens unter Adam Friedrich Oeser (1717-1799), unter späterer Hinzunahme der Akademie für Baukunst und ihrer nachfolgenden Auflösung über eine stärkere Fokussierung auf Illustration, Fotografie und grafische Techniken wechselte sie im 19. Jahrhundert die Bezeichnungen von der Zeichnungs-, Malerey- und Architectur-Academie zur Königlichen Kunstakademie und Kunstgewerbeschule und Königlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe, um schließlich im 20. Jahrhundert als Staatliche Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe nach dem 1. Weltkrieg und als Hochschule für Grafik und Buchkunst nach dem 2. Weltkrieg weiter geführt zu werden. Mit jedem Namenswechsel wurde auch gleich eine Zweckbestimmung bzw. künstlerische Ausrichtung in Szene gesetzt: das Kunstgewerbe mit den Schwerpunkten Grafik, Illustration und Fotografie. Insgeheim wuchs die Malerei nach dem 2. Weltkrieg zum Nonplusultra an der HGB: ein Impuls, der bis heute noch anhält und in die Bezeichnungen Leipziger Schule und Neue Leipziger Schule mündete. Trotz dieser scheinbaren Überlagerung der grafischen Künste durch die von Elisabeth Voigt, Werner Tübke, Bernhard Heisig, Arno Rink, Hartwig Ebersbach, Sighard Gille und Neo Rauch geprägten Malerei, bleibt die Hochschule auch nach der Wiedervereinigung offen für neue Entwicklungen in der Kunstwelt. Die Professur von Michael Riedel steht stellvertretend als Beweis dieser Entwicklungsschübe an der HGB im Raum.

Ist dieser Bruch aber auch die klügste Wendung, welche die Hochschule unternimmt?

Scheint doch die erzählerische Kraft, welche die HGB illustratorisch und malerisch in den vergangenen 70 Jahren hervorgebracht hat, der Vergangenheit anzugehören und der technologische Fortschrittsglaube als Impuls weg vom handwerklichen Impetus der Kunst zu führen. Hoffentlich nur eine schwarzzeichnerische Dystopie, worin dennoch Inseln des Umgangs mit Farbe wie fantastisch blühende Anachronismen Platz haben könnten.
Aber ehrlich: wer fällt angesichts der Wendungen nicht vom Glauben ab, dass Malerei noch etwas gegen die Technikgeilheit entgegenzusetzen hat, und dass die vermeintliche Kritik am Technologieglauben mit der Verwendung von digitaler Technologie nichts weiter ist als Verflachung und Nichtskönnen einer Gesellschaft ist, die nichts mehr anderes kann als auf Displays zu wischen und sich mit Selfies selbst darzustellen. Ausgedruckte Bilder als Malerei – doch nur Augenwischerei? Oder doch was ganz anderes…?

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