Expressionist Emil Nolde: Wirklich frei von Kontroversen?

Von Daniel Thalheim

1867 erblickte Emil Nolde das Licht der Welt. 150 Jahre später würdigte das Museum der bildenden Künste in Leipzig ihn und seine frühe Schaffensphase mit einer Sonderausstellung, ab November 2017 zeigt dann auch in der Kunsthalle Kiel die Ausstellung. Als Maler brachte er im Zuge der von den Fauves angestoßene Entwicklung der Malerei hin zu einer expressiven Flächigkeit gemeinsam mit anderen Künstlern seiner Zeit zum Expressionismus. Er wird auch kontrovers diskutiert. Seine Verstrickungen mit dem NS-Regime und seine spätere Leugnung dessen werfen im Nachhinein Schatten auf seine Biografie, aber auch auf seine Bilder? Zwei große Ausstellungen in Leipzig, später im Jahr dann auch in Kiel zu sehen, sowie in Seebüll, würdigen den Avantgardisten Emil Nolde – den Vorreiter des Expressionismus um 1900 in Deutschland, als noch nichts von seiner völkisch-nationalen Gesinnung zu spüren war.

Max Pechstein, Blumengarten, 1907, Privatsammlung © 2017 Pechstein Hamburg/TökendorfErich Heckel, Marschland (Dangast), 1907, Brücke-Museum Berlin © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Erich Heckel, Marschland (Dangast), 1907, Brücke-Museum Berlin © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen

Braun statt bunt? 

Vor einigen Jahren schlug Emil Noldes Einstellung zum Nationalsozialismus Wellen. Forschungsberichte tauchten auf, dass der Expressionist stärker mit den Nazis kungelte als zuvor nur vermutet. Denn der Maler „outete“ sich schon vor 1933 als glühender Verehrer der Nazis und Antisemit. Mit der Gründung der BRD wurde über seine NS-Verehrung ein Mantel des Schweigens geworfen.

Reicht der Vorwurf an Emil Nolde, sich mit den Nazis eingelassen zu haben, ihn gänzlich frei vom braunen Fleck des Nationalsozialismus’ und der Taten, die unter dem Zeichen des rechtsdrehenden Hakenkreuzes gemacht wurden, freizusprechen? Nein, und ja. Diese Argumentation käme einerseits der Diskussion gleich, Verschwörungstheoretikern und NS-Anhängern innerhalb der gegenwärtigen Popsubkulturszenen ihre Musik vom nationalsozialistischen und antisemitischen Gedankengut zu trennen. Denn wer politisch denkt und agitiert, benutzt künstlerische Medien für die Verbreitung von politischem Gedankengut. Auf der anderen Seite stehen seine farbenfrohe und -intensive Bilder, die gänzlich frei von ideologischen Inhalten sind. Nolde – er malte Landschaften, Menschen, Blumen.

Als nationalsozialistischen Propagandisten sehen einige Kunsthistoriker Emil Nolde. Seine Beziehung zu nationalsozialistischen Kreisen zwischen 1933 und 1945 spräche für sich. Briefe würden dies belegen. Bis zu seiner Verfemung 1937 war Emil Nolde bei den Nazis salonfähig. So beschreibt die Gerda-Henkel-Stiftung das Forschungsvorhaben des Kunsthistorikers Bernhard Fulda zum Maler Emil Nolde (1867–1956), dass die Begeisterung von Nazi-Größen über seine Malerei nach dessen Berufsverbot nicht abnahm. In zwei, 1931 und 1934 erschienenen, Biografien, leugnete Nolde seine Verehrung für den Nationalsozialismus nicht. Auch nach der NS-Kunstschau „Entartete Kunst“ 1937 sei dies nicht der Fall gewesen.

Emil Nolde, Maler Schmidt-Rottluff, 1906, Nolde Stiftung Seebüll © Nolde Stiftung Seebüll
Emil Nolde, Maler Schmidt-Rottluff, 1906, Nolde Stiftung Seebüll © Nolde Stiftung Seebüll

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die Vertuschung. Der braune Fleck musste weg gewaschen werden. Nolde sah sich als Verkörperung des verfolgten Künstlers und seine so genannten »ungemalten Bilder« als Beispiel unbeugsamer Kreativität in Zeiten totalitärer Diktatur galt. „Im Zusammenspiel mit Ausstellungsmachern, Verlegern, Journalisten, Kunsthistorikern und Kunsthändlern gelang es Nolde, seine nationalsozialistische Vergangenheit weitestgehend aus der Öffentlichkeit zu halten und vollkommen von seinem künstlerischen Werk zu trennen.“

Doch NS-Ideologie und Malerei seien durch die Bestrebungen Noldes untrennbar vereint gewesen, so das Fazit nach den neuesten Erkenntnissen in der Kunstforschung. Der US-amerikanische Kunstforscher James van Dyke veröffentlichte 2012 Dokumente, die Noldes Geistesverwandschaft mit nationalsozialistischem Gedankengut nicht nur offen legen, sondern auch fett unterstreichen. Vor der Veröffentlichung eines Briefes, welcher im Getty-Museum lagert, war Noldes Nazi-Begeisterung bereits bekannt. Der Maler wollte sogar gemeinsam mit Joseph Goebbels, einem großen Verehrer Ernst Barlachs und Emil Noldes Kunst und die der Expressionisten, den Expressionismus als ureigene deutsche Kunst etablieren. Von diesem Vorhaben wich der Künstler bis 1941 nicht ab.

Dass diese Vision kurz gedacht war, offenbart der Blick in die Kunstgeschichte, in der expressive Strömungen bereits in der Malerei von El Greco im 17. Jahrhundert zum Tragen gekommen sind und um 1900 von den französischen Fauves in Abkehr von dem Impressionismus ins Leben gerufen wurde. Ein norwegischer Künstler wie Edvard Munch gilt sogar als Wegbereiter dieser Kunstströmung. Sein dänischer Kollege Jens Ferdinand Willumsen (1863-1958) wird dieser Vorreiterrolle ebenso zugesprochen. Eine für sich allein stehende Rolle der deutschen Maler im Bezug auf die Entwicklung des Expressionismus’ gibt es nicht, hat es nie gegeben – diese Strömung kann im Hinblick auf seine Nachzüglerschaft auch nicht als typisch „deutsch“ gesehen werden. Dennoch hat Emil Nolde versucht, dies so den Nazis zu verkaufen, bis in die Vierzigerjahre hinein: mit einem persönlichen Besuch bei Baldur von Schirach in Wien.

Nach seiner Verfemung im Zuge der Ausstellung zur „entarteten Kunst“ 1937 zeigte Joseph Goebbels als sein größter Protegé ihm, Emil Nolde, sogar die kalte Schulter. Im Reich der Nazis galt eine andere Kunst als staatstragend – die akademische, die der Muskeln und Athleten, der blauäugigen und blonden Herrenmenschen – ohne blaues Haar, ohne schwarze Umrisse und eckige Gliedmaßen. Alles das, was Adolf Hitler als Kunst betrachtete.

Emil Nolde bekam 1941 Mal- und Ausstellungsverbot und schuf nach dem NS-Regime den Mythos vom NS-Opfer. So titelte zumindest das Hamburger Abendblatt unter Berufung auf die neuesten kunstgeschichtlichen Forschungen. Schon 1937 wurden viele seiner Arbeiten aus den Museen verbannt. Das wollte Nolde nicht wahrhaben. Sein Versuch, dennoch sich und seine Kunst als „norddeutsch“ zu verkaufen, schlug fehl.

Max Pechstein, Blumengarten, 1907, Privatsammlung © 2017 Pechstein Hamburg/Tökendorf
Max Pechstein, Blumengarten, 1907, Privatsammlung © 2017 Pechstein Hamburg/Tökendorf

Wie gehen Museen mit dem Nazi-Erbe von Emil Nolde um?

Die Nolde-Retrospektive in Hamburg 2015/16 warf auf die Nazi-Vergangenheit des Künstlers Licht. Ebenso eine Ausstellung im Frankfurter Städelmuseum ein Jahr zuvor. 2016 wurde die Parteinahme des Malers zuletzt in der Öffentlichkeit thematisiert, die Forschungen darüber gehen weiter. Die Emil-Nolde-Stiftung verweist auf das Forschungsprojekt „Emil Nolde und der Nationalsozialismus“ und darauf, dass die Rezeption des Künstlers, seine schnelle Rehabilitation in der Bonner Republik und sein Wirken bis heute noch merkliche Kratzer in der NS-Aufarbeitung vorhanden sind. Quellen wurden jahrelang unbearbeitet liegen gelassen. Nolde ließ sich als Maler der bunten Welt vermarkten. Seine Werke erzielen auf dem Kunstmarkt hohe Gewinne. Ein, in seiner verfemten Zeit entstandenes, Sonnenblumen-Aquarell erzielte 2010 beim Auktionshaus Sotheby’s 1,5 Mio. Dollar. Besucher strömten zuhauf in Nolde-Ausstellungen – 2015/16 in Hamburg wollten knapp 16.000 Menschen Noldes Bilder sehen. In Leipzig wird dies ab dem 12. Februar nicht anders sein, ebenso ab 1. März zur Nolde-Ausstellung in Seebüll sowie ab November 2017 bis April 2018 in Kiel, wo die Leipziger Ausstellung beim Kooperationspartner in der Hansestadt nochmals gezeigt wird.

Im Februar 2017 lief eine große Leistungsschau in Leipzig an. Im Museum der bildenden Künste wird der Fokus auf die Frühphase des Malers gelegt – als er sich der Dresdner Künstlergruppe „Die Brücke“ anschloss, sie aber nach zwei Jahren wieder verließ. Wie Kurator Marcus Hurttig gegenüber mehreren Medien betonte, ging es den Leipziger Ausstellungsmachern mit der Leistungsschau nicht um politische Zerwürfnisse und Kontroversen, die nach dem Zweiten Weltkrieg über Nolde kursierten, sondern um das fruchtbare Miteinander zweier Künstlergenerationen der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts im Zusammenhang der Künstlergruppe „Die Brücke“ – weit von der dunklen Periode des Künstlers entfernt. Die über 180 Exponate aus verschiedenen deutschen Sammlungsbeständen und Archiven zeigen erstmals das Verhältnis Noldes zu seinen jüngeren Künstlerkollegen. Ausgestellte Briefe, Grafiken, Drucke und Findmittel beleuchten den engen Kontakt, der damals untereinander gepflegt wurde.

Die Messestadt nahm Emil Nolde und die Expressionisten zwiegespalten auf. Einerseits anhand durch die frühe Verbindung Noldes zu Leipzig mit dem Verweis auf die erste Nolde-Einzelausstellung in Leipzig 1904, die der Leipziger Kunstverein als letztes Nachzittern der Sezessionsbewegungen in Europa organisierte. Andererseits die Unterstützung vieler Leipziger, welche die „Brücke“-Mitglieder als „stille“ Vereinsmitglieder unterstützten und im Gegenzug auch Jahreskünstlermappen geschenkt bekamen. Zeitungsberichte offenbaren im ausstellungsbegleitenden Katalog ein vielschichtiges Bild über die jungen Avantgardisten aus Sachsen: selten wohlwollend, häufiger erklärend, mal auch polemisierend. Vor allem will die Ausstellung „Nolde und Die Brücke“ einen Brennpunkt auf die frühe Netzwerkarbeit mit Galeristen, Sammlern und Museen werfen. Arbeiten von „Brücke“-Künstlern ergänzen die Schau. Anders gibt es die Geschichte nicht her. Inwieweit Emil Nolde oder auch andere deutsche Künstler eine anti-jüdische Gesinnung hatten, sie privat oder in einer der zahlreichen reformbündlerischen Vereinigungen auslebten, sitzt im Nebel der Zeit fest und gilt als unerforscht. Die Fokussierung des MdBK auf Noldes Phase vor dem Ersten Weltkrieg muss seine erst später offen zutage tretende antisemitische und autoritäre-nationalistische Geisteshaltung nicht thematisieren. Haben das Städel Museum in Frankfurt/Main und die Hamburger Kunsthalle noch vor wenigen Jahren Finger in diese Wunde gelegt und in aller Tiefe ergründet. Das NS-Thema mit Noldes Früh- und Blühphase zusammenzubringen wirft nur Sand in die Augen des Betrachters.

Mit Expressionismus lässt sich noch heute noch Museen füllen. Nicht nur Noldes Bilder sind frei von politischer Verbrämungen. Sie zeigen auf der einen Seite wild skizzierte Menschen, Landschaften, Blumen. Alles mit feurigem Strich gemalt, als ob die Farbe noch heute wie Glut in Leinwand und Papier sich brennt. Auf der anderen Seite feierte Nolde mit NSDAP- und SA-Führern, engagierte sich aktiv bei den Nazis. Das Zerrbild Noldes als Opfer des NS-Regimes schuf er nach dem Zweiten Weltkrieg selbst, und vertuschte so nachhaltig über Jahre hinweg seine wahre Rolle in der NS-Zeit. Er führte so die Öffentlichkeit in die Irre. Offenbar gab er sich einer Selbstlüge hin, dass er als Vertreter einer „nordischen Kunst“ ebenso kunstpolitisch staatstragend sein könnte wie die von Adolf Hitler protegierten Künstler. Seine Bilder sprechen eine andere Sprache. Seine Zerrissenheit im gesellschaftlichen und politischen Spannungsgefüge in der Zeit zwischen 1920 und 1945, vielleicht auch das Nichterkennen der mörderischen Tragweite des NS-Regimes ab 1933 bis 1945 schien er nicht erkannt zu haben, wenngleich auch er unverhohlen ins anti-semitische Horn blies. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brannte lediglich die Kontroverse um seine Bilder, so ähnlich, wie sie 2016 auch in Dresden angesichts drei aufgestellter Busse diskutiert wurde.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/emil-nolde-im-frankfurter-staedel-mehr-sympathisant-als-widerstaendler-12831711.html

http://www.abendblatt.de/kultur-live/article208096879/Emil-Nolde-und-der-Mythos-vom-NS-Opfer.html

http://www.deutschlandfunk.de/der-maler-und-der-reichsfuehrer-ss.691.de.html?dram:article_id=206785

http://blog.staedelmuseum.de/keine-schwarz-weis-malerei-emil-nolde-im-nationalsozialismus/

https://www.gerda-henkel-stiftung.de/emilnolde

http://www.nolde-stiftung.de/wissenschaftliche-veroeffentlichungen/

http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/174066/index.html

https://www.welt.de/regionales/frankfurt/article125350098/Emil-Nolde-und-die-Nazis.html

http://www.zeit.de/2013/42/emil-nolde-nationalsozialismus

http://www.zeit.de/2012/02/Kunstmarkt

4 Antworten auf “Expressionist Emil Nolde: Wirklich frei von Kontroversen?”

  1. spannend zu lesen. wer allerdings den thesen „das private ist politisch“ und „kunst ist immer politisch“ so wie ich anhängt, wird in den motiven noldes viel entdecken. die negation bestimmter themen ist mmn eine stellungnahme.

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    1. Man tut sich schwer Kunst von den Künstlern zu trennen. Ich denke, wer sich in der Vergangenheit politisch äußerte, zumindest auch im gesellschaftlichen Kontext eine Meinung geäußert hat, muss damit leben, dass seine Werke mit dieser Meinung verknüpft werden. An Nolde ist das besonders tragisch. An ihm und sein Wirken kann man ablesen, wie widersprüchlich er war, vielleicht auch in Verkennung dessen, mit wem er sich einließ. Seine Bilder sind – auch in der „problematischen“ Phase seines Lebens – wunderschön. Man kann in ihnen einen leidenschaftlichen Eiferer erkennen, jemanden, der brennt. Man wäre versucht, sein politisches Engagement von seiner Kunst zu trennen. Zumindest für die Phase von um 1930 bis 1945 mag das nicht recht gelingen. Nun kann man auch fragen, wenn die Kunstgeschichte von zweifelhaften Künstlerbiografien nur so angefüllt ist – warum sollte Emil Nolde dies nicht sein? Ich denke, dass gerade dieses Thema und wie die Avantgardisten Europas mit politisch-extremen Haltungen umgingen, immer noch ein interessantes und spannendes Forschungsfeld ist, und wie eng auch europäische Reformbewegungen ins extreme Lager schwenken können, und mit ihnen Architekten, Maler, Bildhauer. Was ist da passiert? Warum ist das so gewesen?

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      1. Man kann Kunst nicht vom Künstler trennen. Kunst ohne Künstler gibt es nicht. Ich finde das überhaupt nicht problematisch, nur konsequent. Nur weil jemand eine politische Meinung vertritt, ändert das nicht die Ästhetik der geschaffenen Kunst. In einer Diktatur kann man nur mitmachen oder auswandern. Das gilt auch für heute. Die Fragen, was da passiert oder warum, sind ja recht leicht zu klären. Dazu gehört aber Mut Beschönigungen wegzulassen und der simplen und harten Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Die werde ich aber sicher nicht propagieren. Genug bedroht wurden. Auswandern wäre schön. Damals wie heute.

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