Die Mythenmaler – Wie Stefan Guggisberg und Sebastian Burger Materie und Mensch ergründen

Wer in den letzten Septembertagen die klimatisierte g2 Kunsthalle am Dittrichring in Leipzig betrat, war wegen der Kühle dankbar. Über Wochen wurde nicht nur die Messestadt von einer Hitze geplagt, die Meteorologen als ungewöhnlich für September bezeichnen. Ebenso ungewöhnlich sind auch die neuesten Arbeiten zweier Künstler, die seitdem mit ihrer Gemeinschaftsausstellung den Betrachter zum Grübeln, und auch Licht in die inzwischen angebrochene Dunkelheit des nasskalten Novembers bringen.

 

Von Daniel Thalheim

Maler erschaffen Mythen

„Künstler erschaffen keine Dinge, Künstler erschaffen Mythen“, meinte schon Anish Kapoor. Mit diesem Satz sagte der Bildhauer etwas fundamental wichtiges über die Arbeit von Malern, Grafikern und Bildhauern. Sie würden sich der Natur annähern, sagt Ausstellungskuratorin Anka Ziefer über das Streben von Künstlern nach Vollkommenheit. Natürlich erreichen sie dies nie, was ihnen auch bewusst ist.

Dennoch gilt die Beschäftigung des Malers mit der Materie als alchimistischer, fast schon religiös anmutender Prozess. Wer über die verwendeten Pigmente, Mineralien und Stoffe Kenntnis erlangt, die in Bildern ihre Verwendung finden, der muss eine wissenschaftlichen Duktus vermuten. Zumindest stünden Künstler den Forschern nahe, so die Ausstellungsleiterin weiter im Gespräch während des Rundgangs durch die Räume der g2 Kunsthalle anlässlich der Ausstellung „Through a Glass, Clearly“.

Dort stellen Sammlungsschwerpunkt, Interieur und Sonderausstellung ineinander verschränkt den Künstler als Suchenden, Forschenden und Archivierenden vor. Die neuen Arbeiten von Stefan Guggisberg und Sebastian Burger beschreibt die Kuratorin als Resultate von künstlerischen Forschungen, die Strukturen und Wirkungen von Stoffen zu ergründen versuchen: Stein, Stahl, Luft, Wasser, Organisches.

Dieses künstlerische Annähern nach der Textur von Stoffen umfasst das alchimistische Prinzip, das bereits im antiken Ägypten als heiliger Akt des Erschaffens galt. Sebastian Burger setzt sich mit der physischen Abwesenheit des Menschen und mit den Überresten der Popkultur auseinander. Seine Werke könnten als soziologische und anthropologische Studien gelten. Sebastian Burger friert mit seinen Arbeiten Momente ein, defragmentiert sie fast.

Stefan Guggisberg bildet in Arbeiten wie „Kollision“ geologische Prozesse ab, wo inmitten von „frottagierten“ Gesteinsmassen Edelsteine zum Vorschein kommen. Es sind Momentaufnahmen, die sich nur mit Begriffen wie Zeit und Raum erklären lassen können, worin physische Vorgänge – sei es natürlichen oder anthropologischen Ursprungs – eingebettet erscheinen. „Man kann die v.a. die Bilder von Stefan Guggisberg als kosmologische Tiefenräume sehen, oder als Versinnbildlichung des Entstehung von Materie und des Lebens“, interpretiert Anka Ziefer. Alles ist miteinander verwoben: Material, Technik, Thema. So erscheint Malerei wieder als ein Werkstattgeheimnis, das mythenumrankt den Betrachter beeindrucken kann. Die Künstler wagen sich so auf ein neues Terrain vor. Malerei ist bei „Through a Glass, Clearly“ kein Auftragen von Industriefarben auf vorgefertigten Bildträgern, auch kein schieres Abbilden von Begebenheiten, sondern eine Auseinandersetzung des Künstlers mit Stoffen und Licht.

Die Kosmologie des Materials

Beide Künstler, Stefan Guggisberg und Sebastian Burger, definieren ihre Positionen über eine sehr aufwendige Arbeitsweise. Sebastian Burger ist ein Künstler, der mit seiner Malweise sich mit einer nahezu wissenschaftlichen Akribie der Oberflächentextur von Kreidewandtafeln und der Oberflächenoptik von Kacheln und Fliesen annähert. Die Flächen versieht der Künstler mit Graffiti. Anders als der US-amerikanische Maler Robert Rauschenberg geht es Sebastian Burger mit seinen aktuellen Arbeiten nicht darum, Originalmaterial in die Bildobjekte zu integrieren, sondern mit einer Trompe-l’œil-Technik verblüffend echt nachzubilden.

 

Ausstellungsleiterin Anka Ziefer betont zu den Arbeiten von Stefan Guggisberg ihre Eigenständigkeit. Sie beschreibt anhand seiner bislang großflächigsten Arbeit „Nabel“ – einem riesigen zweiteiligen, an ein Diptychon erinnerndes, Gemälde in Blau ihn als einen jungen Künstler, der seine Arbeit sehr ernst nimmt und mit einer erstaunlichen innerlichen Reife an seine Arbeiten heran geht. „Nabel“ sei die größte künstlerische und technische Herausforderung für ihn gewesen. Allein das Papier besäße eine hohe Spannung wegen der großen Fläche – auch deswegen sei eine Zweiteilung notwendig.

Auch weil Arbeiten in dieser Größe – „Nabel“ misst 300 x 370 m – nicht mehr mit Rahmen versehen werden können. Der mehrfache Kunstpreisträger konzipierte zusammen mit einem Rahmenbauer eine neue Alternative. Die aus zwei Teilen bestehende Zeichnung wurde auf Alu-Dibond kaschiert und anschließend mit einem Metallrahmengerüst verstärkt. Die aufwändige und spezifisch für diese Arbeit entwickelte Konstruktion erforderte einige Aufbauzeit. Neben dem Konstruktionsaufwand ist das Bild selbst gleichzeitig auch ein Verwirrspiel aus optischer Wirkung und tatsächlich verwendetem Material.

Stefan Guggisberg und Sebastian Burger eint die Technik, mit Ölfarbe auf Papier zu malen. Trotz ihrer unterschiedlichen regionalen Herkunft – Guggisberg stammt aus der Schweiz, Burger aus Magdeburg – haben sie schon zu Studienzeiten und als Meisterschüler von Neo Rauch unabhängig voneinander diese Technik intensiv angewendet. Großflächig wird Farbe aufgetragen und danach wieder radiert. Die Formen bei entstünden nicht durch malerische Prozesse, sondern sind bildnerische Vorgänge, so Anka Ziefer weiter zu Guggisberg’ Arbeiten. Er spachtelt Schicht um Schicht Farbe auf, überstreicht diese und trägt sie in Teilen wieder ab.

Stefan Guggisberg und Sebastian Burger haben auch lange mit Papier als Bildträger experimentiert und so auch die für sich jeweils optimale Lösung gefunden. Um zu erkennen dass für diese Technik säurehaltiges Papier problematisch ist, bedarf es grundlegende chemische Kenntnisse. Nach dem Farbauftrag zersetzt sich das Papier in kürzester Zeit. So bleibt die Technik, mit Ölfarbe auf Papier zu arbeiten, auch eine Frage nach der Kosmologie des Materials und bleibt (vorerst) ein Geheimnis der Künstler.

Am 17. November findet um 18.30 Uhr in den Räumen der g-2-Kunsthalle ein Künstlergespräch mit den beiden Künstlern statt.

G2 #5

T H R O U G H   A   G L A S S ,   C L E A R L Y

Sebastian Burger / Stefan Guggisberg

9. September 2016 – 15. Januar 2017

Die Kunsthalle g2 im Internet

Stefan Guggisberg Online

Sebastian Burger Online

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s