Frisst Profitdenken unkommerzielles Engagement? – Kunstraum Westpol A.I.R. Space verlässt Westwerk

Ausstellungsdetail Ottmar Hört
Ausstellungsdetail Ottmar Hörl „Der Künstler Kaspar Hauser“, Skulpturengruppe 2016. (Foto: ARTEFAKTE 2016)

Nimmt die Story eines wichtigen Kunstraums im Leipziger Westen ein Ende? Zumindest sein Verbleib steht noch in den Sternen. Das Westpol A.I.R. Space, seit fünf Jahren Ort wichtiger Ausstellungen sowie Einblickgeber in die Leipziger Kunstszene, verlässt die ehemalige Mensa im Westwerk. Wohin die Reise geht, wissen die Macher noch nicht.

Ein trauriger Verlust

59 Ausstellungen wurden seit der Eröffnung des Westpol A.I.R. Space in der ehemaligen Mensa des Westwerks 2011 durchgeführt. Damit soll nun Geschichte sein. Wie der Kunstraum am 12. Oktober mitteilt, wurde der bestehende Mietvertrag aufgrund von „Umstrukturierungsmaßnahmen“ zum 1. Dezember 2016 fristgerecht gekündigt. „Ein neuer potentieller und scheinbar finanzkräftiger Mieter“ will diese Räume sanieren und an dieser Stelle einen neuen Veranstaltungsort etablieren, heißt es weiter in der Mitteilung. Schon im Vorfeld der Kündigung sollen mit dem Geschäftsführer des Westwerks, Peter Sterzing, Gespräche über die aktuelle Situation des Kunstraums, der u.a. vom Institut Francais, von den Kulturämtern der Städte Leipzig und Dresden, den Hochschulen HGB Leipzig, Akademie Dresden, UDK Berlin sowie dem Amt für Stadterneuerung und Wirtschaftsförderung Leipzig gefördert wurde, geführt worden sein. Die Gespräche führten zur unumgänglichen Kündigung des Mietvertrags seitens der Westwerk GmbH.
„Wir bedauern diesen Umstand sehr, da wir im laufenden Betrieb von mehr als einer Ausstellung pro Monat auch viele Ressourcen und Liebe in den Ausbau einer verbesserten Raum- und Ausstellungsinfrastruktur investiert haben. Unsere Arbeit hat den Westpol als Freiraum für Experimente und zeitgenössische Positionen so akzentuiert, daß die Halle in ihrer jetzigen Gestalt mit ihren Ausstellungen als untrennbare Einheit erlebt werden konnte“, erklärt der künstlerische Leiter Sebastian Denda. „Das ist ein trauriger Verlust, den zu kompensieren nicht einfach fallen dürfte.“ Peter Sterzing wird sich zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle detailliert äußern, was genau in den zu sanierenden Räumlichkeiten entstehen soll. Unbestätigt ist jedoch noch die Information, dass an der Stelle des Westpols eine Billardhalle eingerichtet wird. Außerdem ist nach noch unbestätigten Angaben auch bekannt geworden, dass neben dem Westpol auch ca. zwölf Ateliers ihre Pforten schließen müssen, u.a. auch das von Stephan Murer.

Suche nach Neuanfang

Die Organisatoren des Kunstraums müssen feststellen, dass ein Kunstraum trotz des hohen ehrenamtlichen Engagements vieler Mitwirkender und ohne eine wirtschaftlich solide Basis nicht dauerhaft geführt werden könne. „Aus diesem Grund werden wir neben der Raumsuche auch eine grundsätzliche Neustrukturierung des Westpol A.I.R. Space angehen, um in Zukunft mit sicherer Perspektive arbeiten zu können“, so Sebastian Denda weiter.
Die Suche nach Alternativen im Westwerk selbst führte bislang zu keinem konkreten Ergebnis, heißt es vom Westpol A.I.R. Space weiter. Die Sondierung anderer Räumlichkeiten außerhalb des ehemaligen Armaturenwerks würden aber nach eigenen Angaben weiterhin laufen. „Wir werden Sie zu gegebener Zeit über etwaige Neuerungen informieren. Über Unterstützung, Hilfe und Hinweise jeder Art freuen wir uns sehr“, wird außerdem mitgeteilt.

Die letzten Atemzüge im Westwerk

Außerdem bedanken sich die Westpol-Organisatoren bei allen Menschen und Kooperationspartnern, die in den vergangenen fünf Jahren dazu beigetragen haben, dass der Westpol A.I.R. Space als Kunstraum zu einem Leuchtturm im nicht-kommerziellen Ausstellungsbetrieb der Stadt Leipzig werden konnte. „Wir schätzen uns glücklich, dass wir u. a. vom Institut Francais, von den Kulturämtern der Städte Leipzig und Dresden, den Hochschulen HGB Leipzig, Akademie Dresden, UDK Berlin sowie dem Amt für Stadterneuerung und Wirtschaftsförderung Leipzig gefördert wurden“, heißt es von ihnen. „Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen Freunden und Besuchern unserer Halle.“
Im Oktober finden am alten Standort noch zwei weitere Ausstellungen statt. Vom 21. bis 23. Oktober 2016 werden malerische Positionen von Marlet Heckhoff, Philipp Orlowski und Marc Jung zu sehen sein. Am darauffolgenden Wochenende, vom 28. bis 30. Oktober 2016, wird die letzte Ausstellung in den Räumlichkeiten im Westwerk mit dem ersten Projekt der „Initiative Arbeitskunst“ von Thorsten Blume (Bauhaus Dessau) und Stephan Eurer über die Bühne gehen. Der letzte Tanz wird am 11. November 2016 mit der Veranstaltung „Kunstfell bevorzugt IV“ gegeben. Aus dem Westwerk heißt es indes, dass die getrennte Wege nicht ein Ende der Zusammenarbeit beider Institutionen bedeuten soll. „Das Westwerk hat den Westpol stets gefördert und unterstützt“, teilt die Geschäftsführung des Westwerks via Facebook mit. „Das Westwerk hat die „Mensa“, den Ausstellungsraum und weitere Räume viele Jahre kostenfrei zur Verfügung gestellt. Weitere personelle, wirtschaftliche und sonstige Hilfe wurde geleistet und der Westpol gefördert. Es ist bedauerlich, dass das Westwerk dies nicht weiter durchhalten kann. Wir stehen aber in Kontakt und suchen weiter nach Alternativen.“

Kurzporträt des Westpol A.I.R. Space

Der Kunst- und Ausstellungsraum Westpol A.I.R. Space wurde im September 2011 gegründet. Der Ort zählt zu den größten Off-Spaces der Stadt und befindet sich bis Ende Oktober 2016 im Westwerk Leipzig im Stadtteil Plagwitz. Mit monatlich einer Ausstellung bzw. Aufführung der Bildenden, Angewandten sowie der Darstellenden Kunst und diversen Ergänzungsveranstaltungen lotet der „Westpol“ zeitgenössische Positionen im Kontext der ästhetischen Debatten aus. Nach nunmehr fünfjährigem Bestehen und über 59 erfolgten Ausstellungen mit ca. 400 beteiligten Künstlern aus aller Welt, steht der Westpol auch für eine große Kontinuität im Ausstellungsbetrieb der Stadt Leipzig.

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