Boom und Buch – Wie ein Kulturkampf den Buchdruck beförderte

 

Hans Holbein d.J.: Luther als Hercules Germanicus, 1522.
Hans Holbein d.J.: Luther als Hercules Germanicus, 1522.

Der Papst als Hure Babylons, Martin Luther als keulenschwingender Herkules oder von Dämonen besessener Ketzer. Im Zuge der Reformation sparten die Menschen nicht mit drastischen Bildern. Schon im Mittelalter wurden Kirchenfürsten und ihre Gegner karikiert. Die Bildsatire gehört zur Kultur Europas wie das Buch. Bücher gab es zwar schon im Mittelalter. Mit der Erfindung des Buchdrucks konnten auch Laien drucken. Leipzig war neben Wittenberg auch ein Zentrum des Buchdrucks. Nimmt man den durch Pest- und Spielkarten ausgelösten Boom im Druckverfahren im späten 15. Jahrhundert beiseite, gelten Satire- und Spottbilder als weit verbreiteter Indikator für die Entwicklung des Buchdruckverfahrens. Martin Luther hat nicht unerheblich dazu beigetragen.

 

Von Daniel Thalheim

An wen richtete sich die Bildpropaganda?

Satire rief schon immer heftige Reaktionen hervor. Dass jemand für eine Zeichnung töten würde, ist mit dem terroristischen Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 ein niederschmetterndes Novum der Jetztzeit.

Komische Bilder besaßen schon immer ihre Feinde, spielten sie doch mit Feindbildern, Zuspitzungen und Verzerrungen. Adressant und Adressant bilden eine Gegnerschaft. Sie versteht die Bildgeschichten, die in Spottbildern wie das des Hercules Germanicus von Hans Holbein d.J. erzählt wurden. Der Widerstreit zweier Parteien geschah auf Augenhöhe, wenn auch diese verlassen wurde und ideologisch nicht ins Weltbild passende Texte und Bilder auch vernichtet wurden, manchmal auch die Urheber selbst. Dann kann man davon ausgehen, dass die betroffene Gegenseite die verbreiteten Spottgeschichten ein wenig zu ernst genommen hat.

Heftige Auseinandersetzungen gab es schon zur Zeit Martin Luthers. Sie wurden größtenteils verbal und bildhaft ausgetragen. Bildsatire und Karikatur waren schon im Mittelalter Bestandteil in der  Literatur Europas. Die massenhafte Verbreitung von Flugschriften tauchte in Europa erst um 1500 im Zuge des Booms des Buchdruckverfahrens auf. Das gilt auch für groteske, diffamierende und komische Bilder, die leicht verständlich und mit kurzen Erklärungen versehen, auch dem des Lesens unkundigen die verkürzte Botschaft des textlichen Inhalts nahe brachten – natürlich auf Papier.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde an mehr als 250 Orten in Europa gedruckt. In vielen Städten konkurrierten mehrere Druckereien miteinander. Entsprechend groß war das Bestreben sich in Auflagenhöhen zu übertreffen. So war die Zahl der im 15. Jahrhundert gedruckten Inkunabeln, von gedruckten Handzetteln und Formularen nahezu unüberschaubar. Überall fanden die Menschen diese Druckerzeugnisse vor, in Form von öffentlichen Anschlägen und Bekanntmachungen. Auch politische und ideologische Kräfte bedienten sich rasch diesem Medium, besonders im Zeitalter der Reformation.

Mit Masse erreicht man Massen

Das Buch wurde im frühen 16. Jahrhundert auch in den deutschsprachigen Territorien zu einem Massenmedium, worin sich die Reformatoren in ihren Zielsetzungen und Positionierungen verständigten und mit Hilfe der deutschen Sprache einem weitaus größeren Publikum zuwandten, als es beispielsweise die Humanisten mit ihrem klassischen Latein taten. Luthers Flugschriften erlebten einen rasanten Absatz. Alles, worauf „Luther“ stand und worin er sich verschriftlichte, wurde innerhalb kürzester Zeit verkauft. Seine Flugschrift An den christlichen Adel deutscher Nation war innerhalb von fünf Tagen vergriffen. Immerhin erreichte sie in der ersten Auflage eine Höhe von viertausend Kopien. In weiteren fünfzehn Auflagen wurde sie wieder veröffentlicht. Ebenso verhielt es sich mit Luthers Neuem Testament, das in kurzer Zeit mit 100.000 Exemplaren vertrieben wurde. Allein der Wittenberger Erstdruck erreichte eine Auflagenstärke von 3.000 Exemplaren, die innerhalb von drei Monaten ausverkauft waren. Es folgten Nach-Testamente in verbesserter Ausführungen. In der Zeit von 1522-1526 kamen auf einen Wittenberger Originaldruck fünf auswärtige Nachdrucke dieser Publikation. Die Lutherübersetzung bestimmter Teile des Alten Testaments wurden 1522-1532 als kostspielige Folioformate herausgebracht. Dennoch waren Teilausgaben billiger produziert und verkauft als die Gesamtausgabe. Die Luthersche Vollbibel wurde innerhalb von 90 Jahren, 1534-1626, vierundachtzigmal aufgelegt. Im Gegenzug traten wissenschaftliche Publikationen in der Auflagenstärke weit zurück. Der Humanist und Reformator Philipp Melanchton brachte es mit seinen erschienenen Schriften auf nahezu 2.300 Druckausgaben, die an 70 verschiedenen Orten, wie Lyon und Basel, von 270 Druckwerkstätten veröffentlicht wurden. Allein in Wittenberg konnten seine Schriften 13 unterschiedliche Werkstätten beschäftigen, wo bis 1560 ungefähr 650 Druckausgaben verschiedener Werke erschienen. Luther konnte in Wittenberg drei Druckwerkstätten mit einer Tagesleistung von 3.000 Kopien des Neuen Testaments sowie den 1. und 2. Teil des Alten Testaments beschäftigen. Innerhalb von vierzig Jahren wuchs die Zahl der in Wittenberg ansässigen Buchhändler von sechs auf 15 an.

Der Wucherteufel der Drucker

Urheberrecht in der Frühen Neuzeit? Fehlanzeige. Es wurde gedruckt, was die Pressen herhielten. Auf Qualität wurde nicht geachtet. Wer was auf sich hielt, wollte sich von den minderwertigen Nachdrucken seiner Schriften abheben, und achtete auf Qualität. Von Hans Lufft ist bekannt, dass er hochwertige Drucke zu Papier brachte, konnte aber nichts gegen seine Nachahmer unternehmen, die fröhlich Luffts Bücher nachdruckten und billig verramschten, so der Lufft’schen Druckerei sowie den mit kurfürstlichen Privilegien ausgestatteten Verlegern die Einnahmequellen streitig machten.

Der Reformator Martin Luther selbst setzte sich schon sehr früh für Grundsätze des Urheberrechts ein. Er wollte das Verhältnis zwischen Autor und Druckerei vertiefen, zudem eine drucktechnische Infrastruktur in Wittenberg aufbauen und aufrecht halten. Der enge Kontakt zwischen Autor und Drucker hielt Luther für notwendig, da er oft noch während des Druckvorgangs Korrekturen und Nachträge in seinen Schriften vornahm. So verlangte er, dass Arbeit und Kosten des schriftstellerischen Einsatzes besonderer Sicherung bedarf. Er wollte keine Bevormundung der Wittenberger Drucker, sondern sie vor existenzgefährdenden ökonomischen Schaden schützen. Ein umfangreiches Nachdruckverbot wollte er nicht erreichen, sondern einen Ausgleich der verschiedenen Druckinteressen. Bei wichtigen, kostenintensiven Büchern, wollte der Reformator den Nachdruckern eine Frist einräumen, damit die Originaldrucker ihre Kosten über den Erstvertrieb abdecken konnten.

Beredtes Beispiel hierfür ist sein gebrochenes Verhältnis zwischen ihm und dem Drucker Johann Rhau-Grunenberg (+ 1525 in Wittenberg). Luther beklagte sich 1521 in einem Brief an seinen Freund Georg Spalatin über Rhau-Grunenbergs schmutzige, nachlässige und wirre Druckerzeugnisse und betrachtete dies als Unzulässigkeit. Offenbar wuchs Luthers Anspruch, wie ein Traktat von ihm auszusehen hat. Das Erscheinungsbild eines Buches sollte für seinen Inhalt sprechen. Angesichts der Rasanz von nacheinanderfolgenden Veröffentlichungen von Luther und der Wittenberger Universität war Rhau-Grunenberg dem nicht mehr gewachsen.

Luther erteilte die Druckaufträge keineswegs willkürlich. Der Reformator folgte strikten Grundsätzen zur Auftragsvergabe. So vergab er ganz bestimmten Druckern, die Aufgaben Bibeln und Betbüchlein (Hans Lufft), Gesangsbücher (Joseph Klug), den kleinen Katechismus (Nikolaus Schirenz) sowie den großen Katechismus (Georg Rhau) herzustellen. Die Spezialisierung der Drucker auf ein ihnen zugewiesenem Aufgabenbereich, ließ sie erfahrener und sicherer im Umgang mit den Texten werden. Sie konnten auch so effektiver arbeiten und schneller veröffentlichen. Für Luther sollte der Druck sauber, fehlerfrei und ordentlich sein. Gegen diesen Grundsatz verstieß Rhau-Grunenberg. Martin Luther wollte lediglich, dass seine Drucke stets gleichförmig aussahen und eine niedrige Fehlerquote aufwiesen. Dem konnte, oder wollte, der geschasste Drucker anscheinend nicht nachkommen.

Am 26. September 1525 schrieb der Reformator einen Brief an den Bürgermeister und dem Rat der Stadt Nürnberg. Dort wurden ebenfalls Luthers Schriften in geringer Qualität nachgedruckt. Der Stadtrat sollte hierin eingreifen, damit seine offiziellen Wittenberger Drucke nicht Schaden nehmen. Anlass für ihn waren nicht seine Sermone und andere mitunter nachlässig publizierten Schriften, sondern kosten- und zeitintensive Arbeiten. So verlangte Luther, dass Arbeit und Kosten des schriftstellerischen Einsatzes besonderer Sicherung bedarf. Er bekräftigte er wollte keine Bevormundung der Wittenberger Drucker, sondern sie vor existenzgefährdenden ökonomischen Schaden schützen. Ein umfangreiches Nachdruckverbot wollte er nicht erreichen, sondern einen Ausgleich der verschiedenen Druckerinteressen. Bei wichtigen, kostenintensiven Büchern, wollte der Reformator den Nachdruckern eine Frist einräumen, damit die Originaldrucker ihre Kosten über den Erstvertrieb abdecken konnten.

Ein weiteres Beispiel wie man auch versuchte, gegen den Billigkram gegenzuhalten, zeigt das Vorgehen des Humanisten Erasmus von Rotterdam. Er gab Anweisungen an die Drucker heraus nach denen sie drucken sollten. Auch Martin Luther trat gegen den sogenannten Wucherteufel der Drucker in seinem an Herzog Heinrich von Sachsen gerichteten Schreiben von 1539 auf. Auch sein an Nikolaus Amsdorf gerichteter Appell  in Bezug auf die Nachdrucke der Lutherschen Prophetenübersetzungen des Leipziger Druckers Michael Lotther, die Luther zu verhindern versuchte, gibt einen Einblick über die Vorgehensweise des Reformators gegen illegal verbreitete Schriften und seine Sichtweise auf diese: „[…] schendlicher diepstall, dass wir uns schie zu tode gearbeit haben, und unser Drucker die grossen kosten darauff gewant haben, und solt darnach ein solcher sudler und humpler, der es nachdruckt, den unsern vorkommen und unser arbeit und kosst uns so dieplich stelen […] allein dass er villeicht weniger papier und kleinern druckt nympt und darumb baß feyl geben kan. […]“. Der Appell blieb ungehört.

Wenn der Reformator mit der Keule schwingt – Martin Luther als Hercules Germanicus von Hans Holbein d.J.

So sehr der Reformator sich bemühte, Einfluss auf sein Image zu nehmen, er konnte nicht verhindern, dass Karikaturen über ihn verbreitet wurden. Die Grafik Hans Holbeins d.J. (1497-1543) mit dem Titel Hercules Germanicus ist so eine Satire. Ursprünglich handelt es sich um einen farbig gefassten Holzschnitt, der 1519 von dem Züricher Drucker Hans Herman nach Entwürfen Hans Holbeins umgesetzt wurde und nur eine von sieben Einblattholzschnitten ist. Dieser Holzschnitt erschien in der Schweizer Chronik von Heinrich Brennwald und Johannes Stumpf.

Was zeigt das Bild? Mit äußerster Energie schlägt der Reformator mit seiner Keule auf seine Kontrahenten ein. Dominikanermönch Hochstraten wird verprügelt. Am Boden liegen die scholastischen Symbolfiguren Aristoteles, Thomas von Aquin, Wilhelm von Ockham, Nikolaus von Lyra, Peter Lombard sowie Duns Scotus. Gelehrte u.a., die zum Zeitpunkt Luthers schon nicht mehr am Leben waren. Ein weiterer Mönch flieht angesichts dieser Gewaltorgie in die linke Bildhälfte. An Luthers Schulter hängt ein Löwenfell herunter. Der Papst pendelt als weitere Trophäe wie eine Puppe an dem Nasenring Luthers. Sie haben ihm nichts entgegenzusetzen.

Die Herkules-Rezeption ist ein Paradigma der Renaissance und steht elementar als politisch-ideologische Identifikation für den Auftraggeber und dessen Taten. Sie kann auch spöttisch angelegt sein. In der kämpfenden Herkules-Figur steckt zugleich der Siegertypus, der in wenig tugendhafter Haltung sich Bedrohungen und Ungerechtigkeiten stellt und diese im Kampf überwindet.

Kann auch Holbeins Bildidee aus der Florentinischen Bildschöpfung abgeleitet werden? Vermittelt die Satire Holbeins auf eine implizit siegreiche Auseinandersetzung mit seinen Gegnern? In der Malerei des späten 15. Jahrhunderts in Florenz unter der Familie di Medici galt Herkules als Sinnbild für die politischen Auseinandersetzungen. Der Kämpfer tauchte stellvertretend für den kriegerischen Machtanspruch der Medici auf.

Doch warum Martin Luther als Herkules? Herkules stand je nach Situation und Geschichte symbolisch für Tugendhaftigkeit, aber auch für Laster. In der Renaissance erreichte die Herkules-Rezeption ihren vorläufigen Höhepunkt. Darstellungen und Interpretationen fanden sie ausschließlich in humanistisch geprägten Kreisen. Nur Kenner wussten, worum es bei solchen Darstellungen geht. Die antike Sagengestalt Herkules musste von den Göttern gestellte Aufgaben lösen um als Gott in den Olymp ziehen zu dürfen. Bevor es dazu kam, erschlug er im Wahnsinn seine eigenen Kinder. Der Überlieferung nach kleidete sich Herkules mit einem Löwenfell, das in der bildenden Kunst variantenreich dem Helden angezogen wurde. Auch Holbeins Luther trägt ein Löwenfell an seiner Schulter. Eine Keule verweist ebenfalls neben der Bezeichnung Hercules Germanicus auf den kämpfenden Götterhelden. Ist die Keule gesenkt, wie bei den Darstellungen von Herkules am Scheidewege, impliziert sie Friedfertigkeit, Müdigkeit und Passivität. Ist die Keule erhoben, gilt sie als Zeichen für Aktivität. Desweiteren gibt es Interpretationen, die diese Keule mit dem Phallussymbol gleichsetzen. Zwiespältig ist Holbeins Darstellung von Luther als Hercules allemal. Auf der einen Seite steht der tugendhafte Charakter, der zu kämpferischen Mitteln greift um sich gegen untugendhafte Gegner durchzusetzen. Auf der anderen Seite impliziert Holbein das dumpfe Verhalten, alles und jeden niederzumachen, sei es in Bezug auf Aristoteles oder Hochstraten. Luthers Streitschriften erscheinen aus der Sicht des humanistisch vorgeprägten Malers in der Tat als argumentative Keule gegen seine Gegner. Vor allem die bereits verstorbenen können sich dagegen nicht wehren.

In dem Kupferstich Albrecht Dürers dem Herculem zeigt sich ein jung dargestellter Herkules als passiver Held, der in sogenannter Bereitschaftsgeste Stellung zu dem Verhalten der personifizierten Tugend (Virtus) bezieht. Nackt zeigt sich dort Herkules, der deswegen dem wollüstigen Paar zugehörig scheint. Virtus holt in der Darstellung mit einem Knüppel gegen die vermeintlichen Unholde aus. Genau dieses Bild transferiert Holbein in seine graphische Darstellung Martin Luthers als Herkules. Wie auch in anderen kämpferischen Herkulesdarstellungen erscheint Luther-Herkules als personifizierte Tugend. Zumindest übernahm Holbein den ikonographischen Gegenstand der kämpfenden Tugend für seine Satire. Diese Bilderfindung grenzt sich einerseits von den plakativen Spottbildern päpstlicher Schriften ab, wo Luther als Gefolgsmann des Teufels abgebildet wird.

Andererseits erscheint bei Holbein Luther nicht als frommer Mönch, wie es oftmals in der Frühphase der Lutherdarstellungen in den Zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts zu sehen ist. In anderen Holzschnitten aus der Zeit um 1500 ist Herkules ebenfalls in kämpferischer Pose zu sehen. Darunter auch Hercules und Geryones.

Der Titelholzschnitt zu B. Chelidonius’ Voluptatis cum Virtute discretatio beschreibt einen heranstürmenden Herkules mit einem Wappen vor seinem linken Arm. In seiner rechten hält er die bekannte Keule, die er entschlossen zum Ausholen gegen den barbarischen, doppelköpfigen Feind erhebt. An seiner rechten Seite hängt ein weiteres Wappen mit zwei aufrecht stehenden Fischen, an dessen Flanken neun Kreuze abgebildet sind. Der in Wien 1515 erschienene Holzschnitt scheint auf die Wehrhaftigkeit des Reichs abzuzielen bzw. den Herrscherhauses Habsburg. In dieser Zeit wurde gegen die Türken mobilisiert, aber auch gegen Franz I. von Frankreich, der zu dieser Zeit Italien mit Krieg überzog. Wie bei Holbeins Darstellung des Hercules Germanicus steht der tugendhafte Hercules für eine vereinnehmende Politisierung eines bestimmten geschichtlichen bzw. besonders herausragenden zeitgenössischen Ereignisses.

Ist es denn tugendhaft auf Theologen, Philosophen und Scholastiker einzuprügeln? Offenbar will Hans Holbein etwas anderes verdeutlichen. Scholastische Lehren und ihre Bezugnahme zu Aristoteles, Wilhelm von Ockham und anderer Gelehrter scheinen mit dem Auftauchen Luthers dem Untergang geweiht. Wen Luther da angreift ist der scholastisch gebildete Geistliche, die Kirche, die sich auf diese Lehren beruft und die damit zur Bewegungslosigkeit erstarrte Struktur. Und so entsteht der Anspruch auf die Kirchenkritik Luthers und auch Holbeins, der Luthers Kampf gegen die Kirche verbildlicht. Doch auch der eloquente Reformator wurde mit den scholastischen Lehren erzogen und gebildet. Er muss Aristoteles gelesen, die Schriften Ockhams gekannt und sich mit Duns Scotus auseinandergesetzt haben, bevor er sich trotzig gegen diese scholastische Verkrustung auflehnte. Luther war und ist volkstümlich. Wenn der einst so fromme Mann in einem Bild wie wahnsinnig die Keule schwingend dargestellt wird, erscheint er einem aufgebrachten Bauern näher als einem eloquenten Mann. Hans Holbein befreit Martin Luther in Hercules Germanicus von seinen „Lehrern“. Er verwirft demnach die damals noch gängigen Lehren der kirchlichen Institution. Eine weitere – aber spekulative – Deutungsebene wird mit dem wahnsinnigen Herkules geöffnet, der seine eigene Kinder erschlägt. Im Falle Luthers sind es aber die „Väter“ der scholastischen Lehre.

In dem ursprünglich 1519 erschienenen Holzschnitt wird die Maulkette deutlich, die auf das Ketzerverfahren nach der Leipziger Disputation hinweist. Somit handelt es sich bei der Satire nicht nur um ein komisches Bild, sondern auch um die Schilderung zeitgenössischer Ereignisse, die damals lebhaft in den entsprechenden Kreisen diskutiert wurden. Luther wird auch nicht mit Herkules gleichgesetzt sondern mit ihm spezifiziert, bzw. charakterisiert.

Inwieweit die Spezifizierung des Lutherischen Hercules in die Kunstgeschichte verweist, kann anhand weiterer Herkulesdarstellungen verdeutlicht werden. Die Darstellung Hercules und Cacus von Giovanni Andrea Valvassori (1530 – 1573) zeigt Herkules mit erhobener Keule und in Bewegung mitten im Kampf gegen den riesenhaften Mörder und Räuber sowie dem Sohn der antik-römischen mythologischen Figur Vulkanus. Cacus kann sich in sitzender Pose den Angriff mit seiner gegen Herkules gerichteten Keule nur schwach wehren, da er sich bereits mit dem linken Arm abstützen muss. Hier taucht, wie bei Dürers kämpfenden Tugend, die bekannte Pose des wild bewegten Menschen auf. Über die Datierung des Holzschnitts von Valvassori ist nichts bekannt. Auch der Holzschnitt eines unbekannten Meisters zu der Szene, wie Herkules Cacus erschlägt, weist eine gesteigerte Dynamik auf. Nur dass Herkules sich zur linken Bildhälfte bewegt und im Profil zu sehen ist. Das Gesicht ist wütend verzerrt. Albrecht Dürer schuf einen weiteren Holzschnitt zu Herkules’ Lebensweg. Die gewalttätige Szene in Hercules und Cacus, dahinter Caca, von der Erinys fraterna verfolgt besitzt einen ähnlichen Bildaufbau, wie Holbeins Hercules Germanicus. Neben den zahlreichen Bildfiguren können wir bei Dürers Hercules vs.Cacus eine verwandte Panoramaperspektive beobachten, wie bei Holbeins Luthersatire. Neben Bäumen, Landschaft und Architektur, die auch in Dürers Hercules als Paladin… zur Schau gestellt werden, besitzt der Kampf gegen Cacus eine auf dem Gesicht liegende Person. Auch Valvassori bediente sich diesen Ausfüllelementen um die szenische Dramaturgie zu unterstreichen. Bei ihm gibt es keine weiteren Personen, welche die brutale Szene ausfüllen, doch die Dynamik der beiden Kämpfenden ist unübersehbar. Holbein schien, nach diesen Vergleichsbeispielen zu urteilen, den genretypischen Erzählweisen zu folgen. Es ist demnach eine Rezeption und Umformung des Herkuleskampfes gegen Cacus unbestreitbar. Auch die Auseinandersetzung der Tugend gegen das Laster wird bei Holbein übernommen, ohne auf die satirischen, übersteigerten Elemente, wie den am Nasenring hängenden Papst, zu verzichten.

Passend erscheint auch der Vergleich der Kampf der mythologischen Figur Hercules’ mit der neunköpfigen Hydra. Die niedergeschlagenen Scholastiker und Reminiszenzen des kirchlichen Weltbilds im ausklingenden Mittelalter würden so für das alles verschlingende Ungeheuer stehen. Hans Holbein d.J. arbeitete im engen Umfeld des Erasmus von Rotterdam. Beide besaßen den selben Verleger. Desweiteren porträtierte der Maler Erasmus dreimal. Außerdem schuf Holbein für die humanistische Schrift Erasmus’ Lob der Torheit (1515) zahlreiche Illustrationen, die einen ähnlichen Spott aufweisen, wie ebenjene ironische Illustration zu Martin Luther.

Da sich nun Holbein als humanistisch geprägten Künstler sah und mit fein ausgeprägtem Humor umzugehen wusste, kann der Grafik Hercules Germanicus eine weitere Sinnebene verliehen werden. Es ist bekannt, wie die römischen Bürger in der Antike während der Völkerwanderungszeit über den Furor Germanicus sprachen. Zwar bezieht sich dieser Vergleich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, dem Wort Germanicus, doch Luthers Schriften schienen zumindest bei den päpstlichen Anhängern einen ebensolchen Schrecken auszulösen, wie das barbarische Gebaren der germanischen Völker während der Plünderungen Roms und anderen römischen Gebieten.

Buch und Propaganda im Reformationszeitalter

Das Satirebild ist ein wichtiger Bestandteil in der humanistischen und reformatorischen Literatur der Frühen Neuzeit. Satirische Darstellungen gab es freilich bereits im Mittelalter, ebenso die literarische Persiflage in der Prosa ist keine Erfindung der Humanisten und Reformatoren, bzw. der Künstler, die mit ihnen zusammenarbeiteten. Die Gründe für die Ausbreitung der propagandistischen Flugschriften liegen in der Entwicklung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, aber auch in dem Bedürfnis die kostengünstige Gelegenheit zu nutzen, sich der Welt mitzuteilen. Die Technisierung schriftlicher Informationen wurde im 15. Jahrhundert vorangetrieben. Johannes Gutenberg entwickelte einen neuen technischen Handapparat, der es mit Hilfe von beweglichen Lettern sowie neuer Arbeitsorganisation ermöglichte, in schnellem Verfahren Schriften zu drucken und zu vervielfältigen.

Hierbei konnten neben Pest- und Spielkarten beliebig viele Ablassbriefe, Kalender und Briefe sowie scholastisch-theologische Schriften publiziert werden, die einer breiteren Öffentlichkeit erfahrbar gemacht wurden. Noch sprachen die Texte die gebildete Gesellschaftsschicht der Lehrer, Theologen und Kleriker an, die auch interessiert waren an diesem neuen Medium, weil sie damit ein Instrument besaßen um ihre eigenen Ideen besser in Umlauf bringen zu können. Mit dem Buchdruck wurde auch die Verknüpfung von Schrift- und Bilddruck ermöglicht. Dieses Verfahren eröffnete zusätzliche Benutzerschichten.

Die Beschränkung der Verschriftlichung auf die klösterlichen Skriptorien fiel weg. Jedermann mit hohem oder niederem alphabetischen Kenntnisstand konnte alles niederschreiben lassen, was er wollte. Der Informationsfluss, der vorher von mündlichen Überlieferungen getragen wurde, übertrug sich nun auf das geschriebene, bzw. gedruckte Wort. Die Themenkreise erweiterten sich und die Druckerzeugnisse nahmen stetig zu. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde an mehr als 250 Orten in Europa gedruckt. In vielen Städten konkurrierten mehrere Druckereien miteinander. Entsprechend groß war das Bestreben sich in Auflagenhöhen zu übertreffen. So war die Zahl der im 15. Jahrhundert gedruckten Inkunabeln, von gedruckten Handzetteln und Formularen nahezu unüberschaubar. Überall fanden die Menschen diese Druckerzeugnisse vor, in Form von öffentlichen Anschlägen und Bekanntmachungen. Auch politische und ideologische Kräfte bedienten sich rasch diesem Medium, besonders im Zeitalter der Reformation.

Luther als Teufel 

Holbeins Bilderfindung grenzt sich von den Spottbildern päpstlicher Schriften ab, wo Luther als Gefolgsmann des Teufels abgebildet wird. Darstellungen zeigen ihn in der Gefolgschaft von teufeln und Dämonen, wie in der „Statua hereticalis“. Ihm wird mittels eines Blasebalgs heiße Luft in die Ohren geblasen, welches die Eingebung des Teufels symbolisiert. Auf dem Titelblatt P. Sylvius’ „Luther und Lutzbers eintrechtige vereinigung“ von 1535 wird Luther als frommer Gelehrter dargestellt, dem gegenüber Luzifer (Lutzber) mit geöffneten Maul sitzt und scheinbar Luther „wahre Worte“ einflüstert. Ebenso teuflisch erscheinen die Illustrationen „Martinus Luther Siebenkopff“ und die Titelseite zu Johannis Cochlaeus’ „Dialogus de bello Turcas, in Antilogias Lutheri“ (1529). 

Das Buchdruckverfahren in der Reformationszeit

Viel über das Buchdruckverfahren aus der Anfangszeit ist nicht bekannt, da die „Druckergilde“ darauf bedacht war, die neue Technik geheim zu halten. Es wird von Historikern ausgegangen, dass sich die Technik seit Beginn des Buchdrucks in Europa bis ins frühe 16. Jahrhundert nicht veränderte. Bildliche Darstellungen, die das Buchdruckverfahren zeigten, tauchten erst um 1500 auf.

Und es war teuer. Die Kosten für Material und Technik mussten kompensiert werden. Die neue Technik erforderte neue und auch mehr Arbeitsschritte. Bevor Druckerzeugnisse hergestellt werden konnten, musste erst einmal Papier und Druckfarbe  besorgt werden. Eine Druckerpresse war auch vonnöten. Erst mit einer variablen Auflagenhöhe konnten die Kosten, die in einer Druckerei entstanden, wieder kompensiert werden.

Sowohl Abbildungen als auch Beschreibungen berichten von dem drucktechnischen Ablauf und das Personal in einem Typographeum. Doch erst im 17. Jahrhundert gab es wirkliche Handbücher über die sogenannte ars secreta. So wurde der Buchdruck gemeinhin genannt. Das handwerkliche Wissen blieb bis dahin Werkstättengeheimnis. Anhand der Abbildungen ist ersichtlich, dass sich die Drucktechnologie bis ins 18. Jahrhundert hinein kaum veränderte. In einer Werkstatt gab es demnach Schriftsetzer, Drucker und Buchbinder. Lehrlinge übernahmen niedere Dienste, wie das Reinigen der Werkzeuge und der Werkstatt. Hinzu kamen noch das Herstellen von Tinte und Lettern.

Was heute mit Diddlmäusen und Schlümpfen gefüllt an der Wand als Wanddeko hängt, war noch bis vor hundert Jahren ein wichtiges Instrument der Buch- und Zeitungsherstellung. Gutenberg erfand das Handgießinstrument aus Metall. Es besteht aus zwei holzverkleideten Metallhälften, die beim Zusammenfügen in ihrem Inneren einen kleinen Hohlraum frei lassen, der mit einer erhitzten Legierung aus Blei, Zinn und Antimon durch einen Gießlöffel ausgefüllt wurde. Eine Matrize schließt die Oberkante des Hohlraums ab und gibt der erstarrenden Metalloberfläche die Form. Dann wurde die Letter geglättet und gestempelt, um es als Eigentum einer betreffenden Werkstatt erkennbar zu machen. Der jeweilige Buchstabe musste erst entworfen werden, was mit Hilfe auf gefettetem Papier geschah. Dieser Rohling wurde zunächst auf eine sogenannte Patrize gepaust, wonach ein Graveur die Konturen des Buchstabens aus dem Metall hervorhob. Erst dann erfolgte die Anfertigung der Matrize mit diesem Buchstaben und der Einsatz der Handgießform. Alle Lettern mussten die selbe Höhe des Letterkegels und des Buchstabens besitzen. Durch die Matrize eines Buchstabens konnten beliebig viele Lettern gegossen werden. Hinterher werden die spiegelverkehrten Lettern in eine Schriftform gesetzt. Diese Setzkästen kamen als Druckform zum Einsatz, indem die darin stehenden Lettern mit Tinte und zwei mit Leder überzogenen Stoffballen an Holzgriffen eingefärbt wurden. Der Ballenmeister oder Einfärber übernahm auch das Reinigen der Setzkästen und Lettern. Die bedruckten Seiten wurden zum Trocknen aufgehängt oder rückseitig bedruckt.

Die Wittenberger Druckwerkstatt

Der Buchdruck wurde im frühen 16. Jahrhundert zu einem Massenmedium, worin sich die Reformatoren in ihren Zielsetzungen und Positionierungen verständigten und mit Hilfe der deutschen Sprache einem weitaus größeren Publikum zuwandten, als es beispielsweise die Humanisten mit ihrem klassischen Latein taten. Luthers Flugschriften erlebten einen rasanten Absatz. Alles, worauf Luther stand und worin er sich verschriftlichte, wurde innerhalb kürzester Zeit verkauft. Seine Flugschrift An den christlichen Adel deutscher Nation war innerhalb von fünf Tagen vergriffen. Immerhin erreichte sie in der ersten Auflage eine Höhe von viertausend Kopien. In weiteren fünfzehn Auflagen wurde sie wieder veröffentlicht. Ebenso verhielt es sich mit Luthers Neuem Testament, das in kurzer Zeit mit einhunderttausend Exemplaren vertrieben wurde. Allein der Wittenberger Erstdruck erreichte eine Auflagenstärke von dreitausend Exemplaren, die innerhalb von drei Monaten ausverkauft waren. Es folgten Nach-Testamente in verbesserter Ausführungen.

In der Zeit von 1522-1526 kamen auf ein Wittenberger Originaldruck, fünf auswärtige Nachdrucke dieser Publikation. Die Lutherübersetzung bestimmter Teile des Alten Testaments wurden 1522-1532 als kostspielige Folioformate herausgebracht. Dennoch waren Teilausgaben billiger als die Gesamtausgabe. Die Luthersche Vollbibel wurde innerhalb von 90 Jahren, 1534-1626, vierundachtzigmal aufgelegt. Dafür traten wissenschaftliche Publikationen in der Auflagenstärke weit zurück. Philipp Melanchton brachte es mit seinen erschienenen Schriften auf nahezu 2300 Druckausgaben, die an 70 verschiedenen Orten, wie Lyon und Basel, von 270 Druckwerkstätten veröffentlicht wurden. Allein in Wittenberg konnten seine Schriften 13 unterschiedliche Werkstätten beschäftigen, wo bis 1560 ungefähr 650 Druckausgaben verschiedener Werke erschienen. Luther konnte in Wittenberg drei Druckwerkstätten mit einer Tagesleistung von 3000 Kopien des Neuen Testaments sowie den 1. und 2. Teil des Alten Testaments betreiben.

Die Absatzgebiete Wittenbergischer Drucke dehnte sich von Kursachsen über Böhmen, Ungarn, Siebenbürgen, Polen, Schweden, Norwegen, Dänemark, England, Schottland, Frankreich und bis in die Türkei. Innerhalb von vierzig Jahren wuchs die Zahl der in Wittenberg ansässigen Buchhändler von sechs auf fünfzehn an.

Viel über das Buchdruckverfahren aus der Anfangszeit ist nicht bekannt, da die „Druckergilde“ darauf bedacht war, die neue Technik geheim zu halten. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Technik seit Beginn des Buchdrucks in Europa bis ins frühe 16. Jahrhundert nicht veränderte. Bildliche Darstellungen tauchten erst um 1500 auf.

Die hohen Kosten für Material und Technik mussten kompensiert werden. Denn die technischen Hilfsmittel waren mehr, als die in einer Schreibstube. Außerdem erforderte die neue Technik neue Arbeitsvorgänge, die weitaus komplexer waren als in einem Scriptorium. Bevor Druckerzeugnisse hergestellt werden konnten, musste erst einmal ein hoher Materialaufwand besorgt werden, der wiederum mit hohen Kosten verbunden war. Erst mit dem Bruch der herkömmlichen Verlegerformen durch eine hohe Varianz der Auflagenhöhe konnten die Kosten für die Druckerei wieder eingenommen werden.

Einen anschaulichen Eindruck in das Innenleben Hans Luffts Druckerei können keinerlei Geschäftsbücher oder andere zeitgenössische Quellen berichten. Doch anhand der Zahl der bei Hans Lufft publizierten Werke der Reformationszeit kann auf die Größe der Druckerei und des Personals geschlossen werden, wenn auch nur annähernd. Es wird vermutet, dass mindestens sechs Druckerpressen benötigt wurden um den gewaltigen Schriftenausstoß zu bewältigen. Ebenso verhält es sich mit den Personalschätzungen. Ob bei einem Schnellbetrieb wie Hans Luffts Druckerei auch nachts gearbeitet wurde, kann ebenfalls nicht geklärt werden. Viele der bei Hans Lufft arbeitenden Gesellen wurden später auch als eigenständige Buchbinder und Buchdrucker bekannt. Andere wechselten den Berufsstand. Es bestand in Wittenberg keine Buchdruckerordnung oder irgendein Zunftsrecht für die Buchdrucker. Bei Lufft können sogenannte Zwitterdrucke beobachtet werden, die auch in anderen Druckereien üblich waren. So variieren innerhalb einer Auflage von Schriften mit mehreren Korrekturen und Ergänzungen, die dem Verfasser hinterher eingefallen sind. Der künstlerische Wert der Drucke hob sich mit Beifügen von Initialschmuck, hochwertigen Titelblättern sowie Illustrationen. Für die Werkstatt Hans Luffts war u.a. Lucas Cranach d. Ä. Hauptlieferant.

Hans Holbein d. J. in Basel

In den Jahren der frühen Reformation in Kursachsen hielt sich Hans Holbein d. J. in Basel auf. Nachdem er sich 1519 in Zentrum des europäischen Humanismus niederließ, wurde er bald zum gefragtesten Maler in der Stadt. Bereits im September des selben Jahres wurde er in die Malerzunft „Zum Himmel“ aufgenommen und war als Buchillustrator tätig.Von der Stadt erhielt er ein Jahr später das Bürgerrecht. Bis 1524 verweilte Hans Holbein in der Stadt, wo sich seit 1521 auch der Humanist Erasmus von Rotterdam aufhielt. In diese Jahre fielen die Aufträge für den Oberrieder AltarMadonna von SolothurnChristus am Grabe, acht Szenen der Passion Christi sowie drei Porträts Erasmus’ von Rotterdam.

Darüberhinaus schuf 1519 Holbein die satirische Darstellung des wütenden Mönchs Martin Luther in der ikonographisch belegbaren Pose des Keulen schwingenden Hercules (Germaniens). Nach immer länger werdenden Auslandsaufenthalten kehrte Hans Holbein stets nach Basel zurück um 1532 endgültig die Stadt zu verlassen. Vermutlich verringerte sich die Auftragslage seitens der Stadt, so dass er sich aus diesem und auch aus künstlerischen Gründen genötigt sah, Basel den Rücken zu zukehren. Trotz der ihm angebotenen Rente, die ihm wohl ein sicheres Leben ermöglicht hätte, wies er das Angebot 1532 und 1538 zurück und wandte sich im England Heinrichs VIII. verstärkt der Porträtmalerei zu. Zuletzt lag Holbeins Abgang wohl an der verschärften Durchsetzung der Reformation in Basel 1528, die auch zu Bilderstürmen führte.

In den Jahren 1519-1526 schuf Hans Holbein eine nahezu unendliche Menge an Druckgrafiken. Für den Verleger Johannes Froben zeichnete er Vorlagen für ca. 1300 einzelne Druckstöcke, darunter ungefähr vierzig Kompositionen für Randleisten, fünfzig figürliche Alphabete mit geschätzten eintausend Initialen sowie nahezu zweihundertachtzig Illustrationen.

Zusammenfassung

Vor dem humanistischen Hintergrund Holbeins erscheint die Satire Hercules Germanicus als feinsinniges und zweideutiges Spottbild auf Luther. Zum einen ist Bewunderung für den Einzelkämpfer aus Wittenberg ablesbar und zum anderen wahrscheinlich Furcht vor weiteren reformatorisch bedingten, aber nonverbalen, Ereignissen, die bildlich weitaus weniger kommentierbar sind als die Leipziger Disputation zwischen Johannes Eck und Martin Luther von 1519. Desweiteren verwob Holbein seine Satire mit dem humanistischen Bild des Herkules’. Dabei vermied er es, den Reformator als Humanisten darzustellen – was sicherlich auch falsch wäre – sondern als streitwütigen Mönch mit direktem Ereignisbezug: Die Leipziger Disputation von 1519, welche von den Humanisten durchweg positiv aufgenommen wurde.

Hans Holbeins Malerei löste sich von der mittelalterlichen Darstellungsweise seines Vaters Hans Holbein d.Ä. und ging einen eigenständigen Weg. Die Orientierung zur italienischen Renaissance offenbart sich schon im Frühwerk des Sohnes. Die Betonung des Porträthaften, stofflichen und körperlichen mit Perspektive, goldenen Schnitt sowie die Verbindung von antiker Architektur mit biblischen Szenen ist völlig zeitgebunden und nichts ungewöhnliches. Interessant für die Antikenrezeption Hans Holbeins d.J. ist die Darstellung Erasmus’ von Rotterdam von 1523.

Dort wird dem Porträtierten eine antik wirkende Stütze mit korinthisch anmutenden Kapitell beigefügt sowie ein Buch Erasmus’ (ERASMUS ROTERO(-DAMI) mit der griechischen Aufschrift HPAKELOI ΓONOI, was soviel heißt, wie: Die Taten des Herakles. Der nationalistische Blick des 19. Jahrhunderts, die Satire behandele einen nationalen Charakterzug, ist widerlegbar. Weder in Luthers Handeln um 1519 noch in der Darstellung Holbeins, worin Luther als „deutscher“ Herkules mit spöttischem Blick heroisiert wurde, liegt ein nationaler Gedanke. Zwar handelte es sich bei der Ablehnung der päpstlichen Doktrin und Prunk um ein „deutsches“ Phänomen, fand aber bald auch in Spanien, Frankreich, England und Italien mehr oder weniger erfolgreiche Nachahmer.

Die offensichtliche Bewunderung des Wittenberger Mönchs, der sich „allein“ gegen die Kircheninstitution stellt, besitzt gewiss den Hauptanteil an dieser Illustration. Diese Darstellung erschien weder in einer Spottschrift noch als Flugblatt mit diffamierenden Tendenzen, sondern in einer reflektierenden Abhandlung über den Reformator. Die Grafik impliziert das Bild des streitwütigen Luthers, der neben seiner Löwentrophäe auch den Papst als Trophäe mit sich trägt. Die Leipziger Disputation und auch die Verbrennung der päpstlichen Bannbulle 1520 ließen Luther als eine erfolgreich kämpfende Lichtgestalt erscheinen. Als einfacher Mönch besaß Luther offensichtlich erschlagende Argumente, welche die der Scholastiker und der päpstlichen Kirche aushebelte. Die Illustration von Hans Holbein zeigt aber auch, wie populär sein antipäpstliche Haltung in der Eidgenossenschaft war und welche faszinierende Ausstrahlung der Reformator besaß.

Die Tatsache, dass Hans Holbein Basel verließ und in England Heinrichs VIII. tätig wurde, scheint aus Angst vor der Entwicklung, welche die Reformation in zunehmenden Maße einschlug, zusammenzuhängen. Dem Ausgang der Reformation in Basel durch Bilderstürmerei und Brandschatzung ging er aus dem Weg, indem er die nicht minder rigide Herrschaft Heinrichs VIII. akzeptierte, dessen Hofmaler er wurde. Der Humanist Thomas Morus entkam, wie manche Ehefrauen des englischen Königs, dem willkürlichen Tod nicht. Offensichtlich ist anhand Holbeins Schaffen eine gewisse Freiheit ablesbar, die er in Basel nicht besaß.

Auf der Webseite Denkwege zu Luther wird ein Teil des Beitrags seit 2015 ausgehend einer 2006 am Historischen Seminar der Universität Leipzig erschienenen Seminararbeit zitiert und verwiesen. 

 

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