Raubkunstforschung – Wie Grafiken von Ernst Ludwig Kirchner in die Staatsgalerie Stuttgart kamen

Sandra-Kristin Diefenthaler untersucht das Blatt »Drei Akte im Tannendickicht«, 1926, Kohle und Aquarell auf gelblichem, dünnen Karton, 46,2 x 34,8 cm, Staatsgalerie Stuttgart. (Bildquelle: Staatsgalerie Stuttgart, Presse, 2016)
Sandra-Kristin Diefenthaler untersucht das Blatt »Drei Akte im Tannendickicht«, 1926, Kohle und Aquarell auf gelblichem, dünnen Karton, 46,2 x 34,8 cm, Staatsgalerie Stuttgart. (Bildquelle: Staatsgalerie Stuttgart, Presse, 2016)

Unter wirtschaftlichem und politischem Druck mussten Europäer jüdischen Glaubens in der Nazizeit ihre Kulturgegenstände unter Wert verkaufen. Nutznießer waren damals die Kunsthändler, Privatsammler und und auch so manches Museum. Oftmals war es so, dass die Besitzer von alten Möbeln, Skulpturen, Geschirr und Gemälden sich direkt an die Museen wandten. Noch heute werden die Bestände in den Museen eingehend zur Besitzgeschichte erforscht. Nun meldet die Staatsgalerie Stuttgart das Ende einer Forschungsarbeit zu Grafiken des wohl bekanntesten deutschen Expressionisten.

Wie die Stuttgarter Staatsgalerie am 8. August mitteilt, präsentieren zwei Forscherinnen ein weiteres Ergebnis ihrer Arbeit. Von August 2015 bis Juli 2016 arbeitete die  Kunsthistorikerin Sandra-Kristin Diefenthaler unter der Leitung von der Historikerin Dr. Anja Heuß an der Erforschung einer speziellen Fragestellung innerhalb des Sammlungsbestandes des Museums. Sie untersuchten die Herkunft von 143 Grafiken des deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) – um einen möglichen verfolgungsbedingten Entzug auszuschließen, heißt es von der Staatsgalerie Stuttgart. Was die beiden Forscherinnen nicht herausfanden, war die Herkunft für einen großen Teil der grafischen Arbeiten. Bislang war bekannt, dass die 1957 ans Kunstmuseum gekommenen Arbeiten aus der »Sammlung Dr. Gervais, Zürich / Lyon« stammen würden. Doch Ziel der Arbeit war, den bisher unbekannten Sammler „Dr. Gervais“ zu identifizieren und mögliche jüdische Vorbesitzer der Werke zu recherchieren sowie weitere Informationen zu ihrer Provenienz zu ermitteln. Die Existenz des Sammlers Dr. Gervais ließe sich hingegen in keiner Weise belegen, so das Stuttgarter Museum. Ein Erklärungsversuch sollte wenigstens etwas Klarheit schaffen. Weder in Zürich noch in Lyon wäre ein Dr. Gervais nachweisbar. Aufgrund der historischen Umstände – Kirchners künstlerischer Nachlass galt nach dem Zweiten Weltkrieg als deutsches Feindvermögen und sollte in der Schweiz liquidiert werden – halten es die Experten der Staatsgalerie für wahrscheinlich, dass das Ehepaar Gervais eine Erfindung der Verkäufer war, um Kirchner-Werke aus dem Nachlass nach Deutschland verkaufen zu können.

Dass Nazis Kunstwerke aus jüdischem Besitz entwendeten und gezielt über Schweizer Galerien gewinnbringend verkaufen und versteigern ließen, haben sich auch aus der Arbeit der beiden Forscherinnen ergeben. Die einzelnen Werke, die Gegenstand des Forschungsvorhabens waren, wurden von S.-K. Diefenthaler eingehend geprüft. Die Staatsgalerie beschreibt ihre Vorgehensweise so, dass sie in der Datenbank von „lostart.de“ die Suchmeldungen mit dem Bestand der Stuttgarter Staatsgalerie abglich. Es wurde auch geprüft, welche Kunstgegenstände bspw. über die Kunsthandlung Schames in Frankfurt verkauft wurde, oder welche Grafiken auf Ausstellungen zu Lebzeiten Kirchners gezeigt wurden.
Allgemein gesprochen: Die meisten Kunstgegenstände, die die Nazis ab 1937 entwendeten, konnten nach dem Zweiten Weltkrieg den ehemaligen Besitzern oder ihren Erben zurückgegeben werden. In den westlichen Besatzungszonen der Alliierten existierten dementsprechend Gesetze. Artikel 1 Nummer 2 des Gesetzes Nr. 52 der Alliierten Militärregierung legte eindeutig die Rückgabe gestohlener Kulturgegenstände durch die Händler fest. Nach 1945 kam fast keiner von ihnen dieser Meldepflicht nach, fand schon die Rechtsanwältin Sabine Rudolph heraus. Sie ist es auch gewesen, welche die Objektdatenbank „Lost Art“ gründete.

Aufgrund der Recherchen der beiden Kunsthistorikerinnen in in- und ausländischen Archiven und Museen ließe sich nach ihren Angaben die sogenannte »Sammlung Gervais« mit einer ursprünglichen Größe von über 900 Werken benennen. Anhand der Inventarnummern konnten dieser Sammlung zugehörige Werke in anderen Museen wie der Staatlichen Graphischen Sammlung in München, dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, dem Ulmer Museum und weiteren Häusern in Deutschland identifiziert werden, heißt es von der Staatsgalerie weiter. Die Forschungsergebnisse würden daher auch anderen Museen in Deutschland weiterführende Erkenntnisse über ihren Sammlungsbestand ermöglichen.

Trotz dass die genauen Erwerbungsumstände der Sammlung laut Staatsgalerie angeblich nicht eindeutig geklärt werden können, schließe die Institution in der baden-württembergischen Landeshauptstadt aus, dass es sich bei den Blättern um verfolgungsbedingt entzogene Werke handeln könne. Vielmehr sei davon auszugehen, dass die Sammlung aus dem Nachlass des 1938 verstorbenen Künstlers stamme. Ursprünglich gingen die Kunsthistorikerinnen von einem Bericht von Roman Norbert Ketterer, einem Stuttgarter Kunsthändler und seit 1954 auch offizieller Nachlassverwalter Ernst Ludwig Kirchners, aus, dass die Werke der Sammlung „Gervais“ möglicherweise aus jüdischen Sammlungen stammen könnten. Diese Herkunft könne nach Mitteilung der Staatsgalerie nunmehr nicht bestätigt werden. Denn die Forscherinnen kamen zu anderen Ergebnissen. Ihre Arbeit schlösse andere Lücken in der Provenienzforschung an weiteren deutschen Museen.

Zum Stuttgarter Kunsthändler und dem Kirchner-Nachlassverwalter muss aber auch ein pikantes Detail wissen. Ein Großteil der von Ketterer erstellten Sammlung im von ihm gegründeten und in den Sechzigerjahren geschlossenen“Stuttgarter Kunstkabinett“ stamme laut Buchautor Stefan Koldehoff von der Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937. Damals beauftragten die Nazis sogenannte Säuberungskommissionen, um etwaige Kunst der Impressionisten, Expressionisten, Dadaisten und Surrealisten  als „entartet“ zu kennzeichnen und aus den deutschen Museen zu entfernen. Roman Norbert Ketterer dürfte wegen seines offenkundigen Handels mit NS-Raubkunst nach 1945 nicht unbedingt zu den verlässlichsten Quellen gehören. Der Kunsthändler arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg mit ehemaligen NS-Ideologen wie dem Kunsthistoriker Wilhelm Rüdiger zusammen, ebenso mit dem Verlagsbuchhändler Wilhelm Friedrich Arntz. Seit der Gründung des Stuttgarter Kunstkabinetts 1947 galt es vornehmlich, die Herkunftsdaten der dort gehandelten Kunstgegenstände zu verwischen, um sie besser verkaufen zu können. Beide Forscherinnen in der Staatsgalerie Stuttgart konnten durch ihre Arbeit Herkunft der Kirchner-Blätter eindeutig aufklären. Dass die Grafiken einen wichtigen Teil ihrer  Vorgeschichte bei der Räumung von Museums- und Sammlungsbeständen im Rahmen der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ einnehmen könnten, wird nun verneint. Die Kirchner-Grafiken stammten demzufolge nicht aus der Ketterer-Sammlung. Denn die sog. »Sammlung Dr. Gervais« befand sich bereits seit 1948 in der Staatsgalerie, seit 1957 ist sie im Besitz des Museums, stellt die Stuttgarter Staatsgalerie klar, sagt aber auch: „Es gibt keine Listen der gesamten Kirchner-Werke, die nach seinem Tod auf dem Wildboden noch lagerten und von seiner Lebensgefährtin Erna verwaltet wurden. Hieraus gab es Verkäufe, aber diese sind nicht einzeln dokumentiert.“

Ernst Ludwig Kirchner, Liegender weiblicher Akt am Fehmarnstrand, 1912, Bleistift und Aquarell auf weißem Papier, 46 x 59 cm, Staatsgalerie Stuttgart (Foto: Staatsgalerie Stuttgart, Presse 2016)
Ernst Ludwig Kirchner, Liegender weiblicher Akt am Fehmarnstrand, 1912, Bleistift und Aquarell auf weißem Papier, 46 x 59 cm, Staatsgalerie Stuttgart (Foto: Staatsgalerie Stuttgart, Presse 2016)

Seit Oktober 2009 prüft Dr. Anja Heuß die Bestände an der Staatsgalerie Stuttgart auf ihre Herkunftsdaten. Dabei sind Fragen spannend, wann und wie die Kunstgegenstände an das Museum kamen, oder von hier aus die Besitzer wechselten. Die Provenienzforschung war schon seit dem Entstehen des Faches Kunstgeschichte im 19. Jahrhundert ein wichtiges Betätigungsfeld für Kunsthistoriker, bekam aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine größere Bedeutung zuteil – eben weil viele Herkunftsfragen von Kunstwerken aufgrund der Shoa, den einhergehenden Enteignungen und Zwangsverkäufen ungeklärt blieben. Provenzienzforscher sind meist Kunsthistoriker, die eben der Herkunftsgeschichte von Kunstwerken nachgehen. Aber auch an Bibliotheken und Kunstgewerbemuseen wird in diesem Feld geforscht, u.a. an den Grassimuseen und der Universitätsbibliothek in Leipzig. Wegen des von der Kultusministerkonferenz festgelegten Forschungsschwerpunkts auf NS-bedingten Raubguts konzentrieren sich die Forschungen auf den Zeitraum von 1933 bis 1945. Dabei wird insbesondere geprüft, ob in dieser Zeit möglicherweise ein aus heutiger Sicht unrechtmäßiger Besitzwechsel stattgefunden hat. Ursprung hat die Restitution von zwangsenteigneten und -versteigerten Kunst- und Kulturgegenständen aus jüdischem Besitz im Washingtoner Abkommen von 1998. Seit dieser Zeit übergab das Stuttgarter Museum sieben Werke an ihre ehemaligen Besitzer bzw. ihren Nachkommen. In der Staatsgalerie Stuttgart sind von dieser Schwerpunktsetzung ca. 1.500 Gemälde und 4.500 Grafiken betroffen. Nach dem Stand von Juli 2016 wurden bisher 650 Kunstwerke überprüft, eingeschlossen die Werke aus der sogenannten »Sammlung Gervais«. derzeit wird von Museen und Kunsthistorikern angeregt, sich eingehender mit der Kunst und den Kulturgegenständen zu beschäftigen, die nach 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR, u.a. im Rahmen der Bodenreformen sowie im Zusammenhang mit Republikflüchtigen entwendet und eingezogen wurden.

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