Der intime Blick – Helmut und June Newton ganz privat

Nackedeis waren sein Metier. Der deutsch-australische Fotograf Helmut Newton war für sein Ablichten von nackten Frauen berühmt. Das ist er bis heute immer noch. Regelmäßig erscheinen neue Bildbände über sein Schaffen. „Us And Them“ heißt die jüngste Retrospektive über den Künstler. Doch es gibt einen kleinen Unterschied: das neue Buch zeigt Helmut Newton ganz privat, und mit der Australierin Alice Springs – seiner Ehepartnerin.

Schwarz-Weiß ist sein Blick. Dieser Blick altert nicht, ist zeitlos. Aber der ehemalige Fotoreporter Helmut Newton kann man beim Altern zuschauen, ebenso seiner Frau. Das sieht man in „Us And Them“, einem Bildband aus dem Haus TASCHEN. Bildbände haben etwas persönliches. Sie sind vom Wissenschaftlichen befreit, die abgebildeten Fotografien erklären sich selbst, erzählen ihre eigenen Geschichten. Es sind Fotografien, die im Berliner Helmut-Newton-Museum bereits zum Tode Helmut Newtons 2004 in der Ausstellung „Us And Them“ gezeigt und bereits in der ersten Auflage 1999 dieses Buches einem großen Publikum herangetragen wurden. Nach 17 Jahren steht die Neuauflage in den Regalen.

„Us“ – das ist der junge Helmut Newton (1920 – 2004) bei der Arbeit, der gereifte Newton lachend zwischen jungen Models, ein nackter Newton beim Duschen. Seine Gattin June Newton (*1923), besser bekannt unter ihrem, nach einer australischen Stadt benannten, Pseudonym Alice Springs, ist diejenige, welche diese intimen Momente festhielt und den Starfotografen ganz privat zeigt. „Selfies“ machte die Künstlerin – und das in Zeiten, wo die Selfie-Kultur des Digitalzeitalters noch in weiter Ferne gerückt war oder sich zumindest auf das eigene Abbild vor irgendeiner Sehenswürdigkeit beschränkte. Der Spiegel war für sie dabei das technische Hilfsmittel, welches noch immer von den unterschiedlichsten Mädchen für ihre Facebook-Profile verwendet wird. Alice Springs fotografierte aber cleverer. Selbst wenn sie mal keinen Spiegel verwendet hat, sehen ihre „Selfies“ nicht wie „Selfies“ aus. Und dann sind noch die Fotos, die Helmut Newton von Alice Springs gemacht hatte. Angefangen von einem Porträt im Jahr 1947 bis in die Neunzigerjahre hinein. Auch der Meisterfotograf hielt sich selbst fest. Das ist der erste Teil des Buches, welches sich nur am Zeigen von Fotografen beschränkt. Helmut Newton und Alice Springs als Paar, in einer von wenigen Farbfotografien aufgelockerten Homestory, die über 50 Jahre anhielt.

Die Fotografien von Helmut Newton und seiner Frau Alice Springs auch in der Neuauflage von "Us And Them" vereint. (Foto: TASCHEN/Presse 2016)
Die Fotografien von Helmut Newton und seiner Frau Alice Springs auch in der Neuauflage von „Us And Them“ vereint. (Foto: TASCHEN/Presse 2016)

„Them“ werden im zweiten Teil des Buches gezeigt. „Sie“, das sind die Modelle der beiden Fotografen. Die Werke der beiden Fotokünstler werden gegenübergestellt. Dies verdeutlicht die unterschiedliche Herangehensweise der beiden im Umgang mit den selben Modellen. Oft liegen Jahre zwischen diesen Arbeiten. Genau das öffnet neue Perspektiven auf die Geschichte der abgelichteten Menschen und natürlich auch auf die Arbeit der beiden Fotokünstler. Nach all den Jahrzehnten gelingt dies natürlich nur in einer Rückschau. Zumal Helmut Newton 2004 verstarb, seine Gattin hochbetagt nicht mehr als Fotografin tätig ist.

Der fotografische Rückblick verdeutlicht umso stärker, wie im ersten Teil des Buches, die Welt der Bohême und vielleicht auch die Zeit eines zweiten Fin de Siècle vorm Hintergrund des Kalten Krieges. Mal sieht man Karl Lagerfeld dick, liegend und vollbärtig durch Helmut Newtons Linse fotografiert, knapp zehn Jahre später im Jahr 1983 ist der Modezar bereits schlank, mit Zopf und Wasserglas von Alice Springs festgehalten worden. Oder das Model Loulou de la Falaise: ebenfalls von Helmut Newton 1975 vor einem Spiegel halbnackt abgelichtet, 1986 dann schon fast madonnengleich mit Töchterchen Anna in Paris von Alice Springs inszeniert. So geht es Seite für Seite weiter. Hier eine Fotografie von Helmut Newton, wie die von Brigitte Nielsen, dort ein Bild neueren Datums von derselben Schauspielerin einige Jahre später aufgenommen – mit Kind.

Das Konzept funktioniert auch ohne Nachwuchs. Die beiden Fotografen haben sich im selben Jahr den österreichischen Modedesigner Rudi Gernreich vorgeknöpft und völlig unterschiedlich vor die Linse drapiert. Helmut Newton ließ ihn auf eine Ledercouch platzieren, neben einem weniger zugeknöpften Model. Alice Springs zeigt ihn als „Man in Black“ in erotischer, fast weiblich wirkender, Pose an einem Tisch.

Das Interessante bei dem Werk ist aber, dass beide Fotografen trotz ihrer Ehe unabhängig voneinander eine eigene Bildsprache formulierten. Hinzu kommt der Wechsel aus persönlicher, fast schon intimer, und öffentlicher Schau. Erklärende Beiträge zu dem Buch braucht es eigentlich nicht. Wenngleich ein Zitat von Helmut Newton aus dem Jahr 1999 die Beziehung des Künstlerpaares in einer Einleitung kurz erklärt. Doch die Fotografien sprechen für sich. Dass sie – wie eingangs erwähnt – zeitlos sind, braucht keiner Worte. Alles andere hätte nur von ihnen abgelenkt. Eins muss auch angemerkt werden: auch wenn viele der Bilder als Ikonen der Gegenwartsfotografie gelten, von ihrem Anblick ist man nicht übersättigt. „Us And Them“ ist ein inniges Buch, das in keiner Kunstbuchsammlung fehlen sollte.

Helmut Newton and Alice Springs. Us and Them

Helmut Newton, June Newton

Hardcover, 23 x 27 cm, 200 Seiten

€ 39,99

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