Wider die Selfie-Kultur – Inka Perl hinterfragt das Leben zwischen zwei Aktendeckeln

 

Die Leipziger Künstlerin Inka Perl (Foto: ARTEFAKTE)
Die Leipziger Künstlerin Inka Perl (Foto: ARTEFAKTE)

Das Gefühl kennt jeder. Das Leben scheint von der Wiege bis zur Bahre von bürokratischen Regeln fremdbestimmt zu sein. Eine Leipziger Künstlerin veranschaulicht dieses Gefühl mit ihren jüngsten Arbeiten, die sie noch bis zum 1. Juli in im „Inter Disciplinary Shop“ auf dem Alten Baumwollspinnereigelände gezeigt hat. Ihr gelingt mit ihren neuen Arbeiten auch der Kniff, die grassierende Selfie-Kultur zu hinterfragen.

Der Weg zur „Inter Disciplinary Shop“-Galerie ist wegen des alten Kopfsteinpflasters auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei beschwerlich. Der Ort sprüht geradezu vor Authentizität. Der spröde Charme der Industriekultur des späten 19 und des 20. Jahrhunderts ist in den Galerie- und Atelierräumen noch spürbar. Wer würde aber angesichts der schweren Stahltüren, hohen Gussfenster, den fleckigen Decken an Internet und Selfie-Kult denken? Dass Menschen auch anders arbeiten und gestalten konnten, ist überall noch erkennbar. Diese Zeugnisse der vergangenen Industriewelt zeigen, dass dieser Platz laut, dreckig und trist war. So auch die Halle 10 gegenüber dem Komplex, wo u.a. „maerzgalerie“ und „eigen+art“ untergebracht sind. Wo es einst grau und öde war, ist es jetzt farbenfroh auf weißem Grund.

Wer den holprigen Weg in Richtung Alte Salzstraße entlang geht, entdeckt weitere Kunsträume. Neben der Galerie „The Grass Is Greener“ befindet sich ein weiterer Ort für die Kunst. Der „Inter Disciplinary Shop“ ist nicht jedem ein Begriff, obwohl es ihn schon einige Zeit gibt. Der Raum ist auch keine Galerie im eigentlichen Sinn. Viel eher sehen seine Betreiber ihren „Shop“ als Refugium für Hybridprojekte der Angewandten und Bildenden Künste. Im „Inter-Disciplinary-Shop“ können Designer, Künstler und Wissenschaftler an gemeinsamen Projekten arbeiten, die in Ausstellungen münden. Das ist bei der am 1. Juli geendeten Ausstellung „Gott spielen“ anders gewesen. Diese Kunstschau von Objekten war ein gemeinsames Anliegen des Designers Stefan Höllobler, der Medienkünstlerin Inka Perl und der Künstlerin Joanna Grzybek. Dabei spielte neben dem Thema auch der Umgang mit Stoff als netzwerkbildendes Element eine wichtige Rolle. Aus Sicht der Ausstellungsmacher war die Verknüpfung des einstigen Industriestandorts für die Gewebeproduktion mit dem heutigen feinen Geflecht aus Künstlern, Gewerbetreibenden und Galerien auch ausschlaggebend für das Spannungsfeld der Ausstellung.

Die Leipzigerin Inka Perl beschäftigt sich seit langem mit dem Ich in der Welt. Diese Frage hat sie bereits in mehreren Ausstellungen zu beantworten versucht. Was für den einen „schillernde Denkobjekte“ sind, ist für den anderen die Beschäftigung mit dem sakralen Aspekt im profanen Kontext. Inka Perl bedient sich seit ihrem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst von der Formensprache christlich geprägter Kunst – Altäre, Ikonen, Reliquiare. Für ihre Arbeiten sammelt und setzt sie Dinge, die sie findet, zusammen und verblüfft so den Betrachter mit ihren Objektcollagen aufgrund ihrer Vielschichtigkeit und ihres augenzwinkernden Witzes.

Die Leipziger Künstlerin Inka Perl hebt u.a. das "Selfie" in das Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. (Foto: ARTEFAKTE)
Die Leipziger Künstlerin Inka Perl hebt u.a. das „Selfie“ in das Zentrum ihres künstlerischen Schaffens. (Foto: ARTEFAKTE)

Bei der Ausstellung „Gott spielen“ setzte sie sich zusammen mit Stefan Höllobler und Joanna Grzybek mit der Frage nach Voyeurismus und Individualität in der heutigen Gesellschaft auseinander. Für Inka Perl spielt dabei das „Selfie“ eine große Rolle. Denn heutzutage wird das eigene Leben im World Wide Web ausgebreitet – und das kann mitunter ziemlich banal sein.

Mit ihrer Objektreihe „Selfies“ hinterfragte die Künstlerin dieses Entblößen des Privatlebens im öffentlichen Raum und bot dem Betrachter eine eigene Sicht an – im öffentlichen Raum. Sie lieferte in ihren „Guckkästen“ ein Kaleidoskop privater Einblicke. „In ihrer äußeren Form erinnern sie an Büroordner. In ihnen sind phantastische Räume zu sehen, durch welche ich meine Innenwelten darzustellen versuche“, erklärt sie ihre neuen Arbeiten.

Ihre „Reliquiare“ sollen demnach den Selfie-Wahn auf die Schippe nehmen. Die technologischen Möglichkeiten, hinter denen machtvolle wirtschaftliche Interessen stehen, begünstigten eine Entwicklung, die auch sie mit Sorge betrachtet. Mit der Massenveröffentlichungen von Selfies im Internet ginge auch ein Verfall des künstlerischen Wertes eines Bildes einher, meint sie. Dadurch verlöre das Werk seine Einmaligkeit. Als Gegenposition zur im Internet grassierenden Selbstentblößungskultur schwebten ihre „Selfies“ als einmalige Objekte im Raum, sozusagen „ge-uploaded“ in einer analogen „Cloud“.

Inka Perl brachte noch eine weitere Sichtweise in ihre Arbeiten mit ein. Sie blickte zu ihren Arbeiten und erzählte, dass sie das Leben eines Menschen zwischen zwei Bürokladden organisiert sieht. Bilanzen, Zahlen, Verwaltung, Formulare – für die Künstlerin nicht unbedingt das, was als Leben bezeichnen sollte. Dennoch würden sich Menschen im bürokratisch geregelten Leben gemütlich machen, und so von der Wiege bis zur Bahre im geregelten Tagesablauf der Wirtschaftswelt bis zur Abnutzung „funktionieren“. Die individuelle Freiheit bekäme so eine überschaubare Grenze gesetzt. Oder setzen die Menschen ihre Grenzen selbst und engen sie sich mitunter ein?

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