Relikte aus der Bodenreformzeit – Am Grassimuseum für Angewandte Kunst sind Rückforderungsansprüche weitestgehend abgeschlossen

Aus der Not geboren? "Art Déco" ist kunsthistorisch ein Verlegenheitsbegriff, wie Barock und Rokoko. Hier: Blick in die Ausstellung im Grassimuseum für Angewandte Kunst in Leipzig. Das Gebäude und die Innenräumen entstanden Ende der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts und werden ebenfalls als "Art Déco"-Architektur verstanden, obwohl dies kein Quellenbegriff ist und von zeitgenössischen Kommentaren als "modern" bezeichnet wurde. (Foto: Artefakte 2016)
Aus der Not geboren? „Art Déco“ ist kunsthistorisch ein Verlegenheitsbegriff, wie Barock und Rokoko. Hier: Blick in die Ausstellung im Grassimuseum für Angewandte Kunst in Leipzig. Das Gebäude und die Innenräumen entstanden Ende der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts und werden ebenfalls als „Art Déco“-Architektur verstanden, obwohl dies kein Quellenbegriff ist und von zeitgenössischen Kommentaren als „modern“ bezeichnet wurde. (Foto: Artefakte 2016)

Wenn von Rückforderungsansprüchen und Restitution gesprochen wird, denkt man schnell an die durch die Nationalsozialisten vorgenommenen Enteignungen deutscher Familien jüdischen Glaubens und die Zwangsverkäufe von Kulturgegenständen. Ein weiteres Feld öffnet sich rund um das Thema Sowjetische Besatzungszeit, DDR und Bodenreformen. Auch das Leipziger Grassimuseum erzählt bei näherem Hinblicken eine interessante Geschichte.

Zwischen Plünderung und Rettung

„Junkerland in Bauernhand“, lautete ein Motto aus der Zeit der Bodenreformen von 1945 bis 1948 in der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone, aus der dann später die Deutsche Demokratische Republik hervor ging. Ab dem 3. September 1945 erließen die Landesverwaltungen der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) aufgrund des „Befehls Nr. 1“ der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) Verordnungen zur Durchführung einer Bodenreform, in deren Verlauf Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar Fläche und Besitzer kleinerer Betriebe, die man ohne gerichtliche Überprüfung als Kriegsverbrecher und aktive NSDAP-Mitglieder einstufte, entschädigungslos enteignet wurden. Vorreiterin der Bodenreform war die Provinz Sachsen. Sie erließ bereits am 3. September 1945 eine Verordnung über die Bodenreform. Neben dem enteigneten und neuverteilten Grundbesitz der über 10.000 Agrarbetriebe ging den ehemaligen Großgrundbesitzern auch ihr Besitz verloren. Dies betraf sowohl Wohnhäuser und Geldvermögen als auch Mobiliar und Kleidung. Vielfach kam es zu Plünderungen und auch Beschädigungen. Auch Leipzigs Umland war davon betroffen. Die umliegenden Rittergüter und Großbesitzungen wurden verstaatlicht, Teile der Ausstattung gelangten aber auch in das Grassimuseum. Die Koordinierung des Zuflusses von Gegenständen ans Museum geschah nicht nur von Dresden aus, auch bäuerliche Vereinigungen und Kreisräte versuchten Einfluss zu nehmen, was an u.a. in das Grassimuseum und Museum der Bildenden Künste kommen sollte, sagt Olaf Thormann, Direktor des Grassimuseums für Angewandte Kunst. Es gibt auch vieles, was an die Bibliotheken und Archive Leipzigs kam. Er führt aus, dass der erste Nachkriegsdirektor am damaligen Kunstgewerbemuseum ein denkmalpflegerisch versierter Mann war, dem sehr viel an der Rettung der Kunst- und Kulturgegenstände lag. Er hieß Hellmuth Bethe. Kurz nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft wurde er Direktor am Leipziger Kunstgewerbemuseum, wo er schon in den Dreißigerjahren Volontär für die Dauer von zwei Jahren war. Dem Kunsthistoriker war der Aspekt des Bewahrens und Rettens der Kunstschätze wichtig, so Thormann weiter, denn in den Herrenhäusern und Schlössern wurden in der Nachkriegszeit oftmals Flüchtlinge untergebracht, die aus Unkenntnis viele der wertvollen Gegenstände zerstörten. Da wurde neben dem Kaninchenstall auch der wertvolle Schrank für ein Feuerchen zerhackt und verbrannt. Deswegen sind nach den Ausführungen Thormanns die Überführungen der verbliebenen Kunstgegenstände u.a. auch ins Grassimuseum als Sicherstellungen zu verstehen. „Der Begriff tauchte damals in den Akten sehr häufig auf. Dass hier durch den SMAD-Befehl Eigentumsrechte beschnitten wurden ist unstrittig, aber durch das Handeln Bethes konnten wirklich viele Gegenstände vor der Zerstörung bewahrt werden.“

Der damalige Direktor besaß zu verschiedenen Schlössern und Güter Kontakte im Umland Leipzigs, wie z.B. Frohburg und Störmthal und Wiederau, woher dann auch u.a. Gegenstände von Gegenständen ins Grassimusseum kamen. Hinzu kam die knifflige Lage des Museums selbst. Durch die Bombenangriffe ging auch ein Teil des Bestands verloren, ebenso durch Transporte in die Sowjetunion. Bei letzterem gingen 60 bis 70 % des Museumsbestandes 1946 nach Moskau. Das Museum war zum Teil ausgebrannt, die Lagerung der Kunstgegenstände konnte ebenfalls nur unter schwierigen Bedingungen gewährleistet werden. Die  Sicherstellung und Verwahrung der Gegenstände aus den Enteignungswellen von 1945 bis 1948 sei angesichts der Nachkriegssituation zudem die dominierende Prämisse des damaligen Direktors gewesen. Noch heute zeugen einzelne Lücken in der Bestandsaufnahme von der Problematik, so der Grassidirektor weiter, denn zusammenhängende Möbel- und Geschirrgruppen wurden oft lediglich in ihrer Gesamtheit erfasst. Dafür gibt es verschiedene Gründe, führt er aus, der Not der damaligen Zeit war es geschuldet, dass „blutige Laien“ die Gegenstände listeten. Man habe die Dinge aus Fremdbeständen zwar separat zum eigentlichen Museumsbestand aufbewahrt, aber es seien aus Raum- und Personalmangel trotzdem Durchmischungen mit dem Altmuseumsbestand geschehen. „In den Neunzigerjahren wusste man zwar, dass es Enteignungsbestände gab, sind aber nicht von dem museumseigenen Bestand konsequent getrennt verzeichnet worden.“

Noch schwieriger herauszufinden, welche Kunstgegenstände aus den Enteignungswellen der Bodenreformen und welche aus dem Museumsbestand stammen, gestaltet sich die Situation, die aus den staatlich erzwungenen Museumsbestandsverkäufen an den Kunsthandel in den Sechzigerjahren entstand. Quellen dazu sind im Stadtarchiv ausfindig zu machen. „Mitte der Sechzigerjahre ist das Museum in eine große Bringepflicht gekommen“, erklärt Thormann die Schwierigkeit, enteignete Kulturgüter ausfindig zu machen. „Hunderte Stücke gingen an den Kunsthandel.“ Die Listen sind sehr ungenau geführt worden: Herkunftsgeschichte und Nummern wurden nicht vermerkt. „Es gibt kaum eine Chance, diese Dinge zu identifizieren, außer wenn eine Inventarnummer dazu geschrieben wurde.“

Hinzu kommt die Schwierigkeit der in die Sowjetunion abtransportierten Altbestände des Museums. Zwar sind Ende der Fünfzigerjahre Kunstgegenstände wieder in die DDR gebracht worden, aber diese wurden aufgrund von Zuordnungsproblemen durch fehlende Akten von Berlin aus in verschiedene öffentliche Sammlungen in der DDR verteilt. Die in der Sowjetunion verbliebenen Stücke aus Leipzig werden z.T. im Puschkin-Museum in Moskau noch ausgestellt.

Eine große Detektivarbeit

Thormann stellt heraus, dass das Herausfinden welches Stück aus welcher Sammlung stamme, eine ernstzunehmende Detektivarbeit sei. Zuerst müssen die Quellen für die Gegenstände eruiert werden, dazu kommt der Vergleich anhand von Fotos und Bestandslisten, sofern sie vorhanden sind.

Seit Anfang der Neunzigerjahre können alle Antragsberechtigten an den Landesämtern für Offene Vermögensfragen ihre Anfragen richten. Die Stadt Leipzig unterhielt ein Amt zur Regelung für offene Vermögensfragen, das sich mit den Landesämtern abstimmte. „Das Gros der offenen Fälle konnten wir bereits in den Neunzigerjahren klären“, sagt er und fügt hinzu: „Mitunter kann man wegen der Zuordnungsproblematik auch von einem detektivischen Puzzlespiel reden. Dennoch konnten wir die Gesamtheit eines Bestandes, der aus Enteignungen zu uns kam, nicht zu 100 % aufklären.“

Der Direktor des Museums für Angewandte Kunst stellt auch heraus, dass man wenigstens zum Teil nahe der Hundertprozentmarke gekommen sei, einen Großteil der Rückforderungsansprüche bereits erledigt habe und betont die freundschaftlichen Beziehungen, die aus der Arbeit entstanden ist. „Paradebeispiel sind unsere seit 2007 im Sammlungsteil „Antike bis Historismus“ die Tapeten aus dem Römischen Saal“, erklärt er. In diesem Raum befinden sich auf Leinwand gemalte „Tapeten“, die 1945 von den Wänden des in den 1985 gesprengten Schlosses Eythra geschnitten wurden, als Rollen im Grassimuseum lagerten und deswegen restaurierungswürdig waren. „In den Neunzigern war die Stadt Leipzig sehr gut darin, uns sowohl für die Restaurierung als auch für den Ankauf Mittel zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam mit dem Alteigentümer entwickelten wir das Konzept, das 2007 in die Präsentation des römischen Saals mündete. Für beide Seiten war diese Lösung zum Vorteil.“ Auch in anderen Fällen hat das Grassimuseum für Angewandte Kunst sich mit Alteigentümern geeinigt. Sonst habe man Restitutionsansprüche weitestgehend geregelt, wenn auch da hin und wieder ein Nachzügler auftaucht.

Nicht jedes Stück war kostbar und gut erhalten

Das zumindest sagt Thormann unter Berufung der alten Quellen. In der Nachkriegszeit seien Möbel und andere Gegenstände aus Schlössern geholt worden, die z.T. in einem sehr verwahrlosten Zustand waren. „Es kam vor, dass die Dinge im Keller, auf dem Hof oder auf dem Dachboden standen, Wind und Wetter ausgesetzt waren“, weiß der Grassi-Direktor über den Zustand der ins Museum gekommenen Stücke zu berichten. „Wir haben auch Möbelruinen, wo wir gern klar Schiff gehabt hätten“, meint er zu ihrer vermeintlichen Herkunft.

Ende der Neunzigerjahre wurden im Grassimusum für Angewandten Kunst alle Fremdgegenstände, die nicht zum Altbestand des Museums mit einer Inventarnummer versehen, so der Direktor weiter. So werden die Gegenstände verwaltbar. Die Herkunft und Identität wurde so überschaubar. Im Einzelfall mag es aber noch eine Grauzone der Zuschreibung geben, meint der Kunsthistoriker und verweist auf die lange Geschichte des Leipziger Kunstgewerbemuseums, die bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreicht und auf ein bürgerliches Engagement zurück geht. „Es war auch eines der ersten Museen, die in den Dreißiger Jahren begonnen hatte, seinen Bestand zu fotografieren.“ Damals seien knapp 95 % des Gesamtbestandes des Grassimuseums für Angewandte Kunst bereits abgelichtet worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten Objekte im Museum erst seit den Achtzigerjahren fotografisch erfasst werden – denn vorher gab es keine Stelle für einen Fotografen.

Das Problem mit den Inventarnummern

1896 gingen die Sammlungen das Kunstgewerbemuseum in städtischen Besitz über. Im Zuge der Übernahme wurde ein neues Inventarnummernsystem eingeführt. Dann passierte etwas, was man wohl als einen großen Verlust in der Museumsgeschichte bezeichnen würde. Weil die alte Sammlung u.a. auch zu großen Teilen aus Exponaten aus der Zeit des Historismus stammte und um die Jahrhundertwende diese Epoche verpönt war, weil sie bereits vergangene Epochen wie Barock und Renaissance imitierte, trennte sich das Museum von diesen Dingen. Wer heute also zu diesen Gegenständen forscht, kann über das Inventarsystem des Museums auch seine Geschichte ablesen. „Dieser Überführungsprozess wurde jedoch nie richtig vollendet“, so Thormann weiter. „In Einzelfällen haben wir heute noch Stücke aus z.B. dem Jahr 1875, die nie richtig dokumentiert wurden. Aus der Anfangszeit des Museums gibt es aus heutiger Sicht nur mangelhafte Aufzeichnungen. Manchmal kann man feststellen, wann so ein Gegenstand in unsere Sammlung kam, oftmals aber auch nicht.“ Bei nicht-identifizierbaren Beständen gäbe es eine sogenannte Abgleichpflicht, um Fremdbestand von Altbestand trennen zu können. Mitte März erst ist es einer Volontärin am Grassimuseum für Angewandte Kunst gelungen, eine im Museum eingelagerte Predella mit der Darstellung einer Gregorsmesse aus dem 15. Jahrhundert seine Herkunft wiederzugeben. „Wir hatten beim damaligen Inventarisieren keinen Beleg, der Auskunft über seine Herkunft geben konnte“, erklärt Thormann. Die Museumsmitarbeiterin forstete alle Quellen durch und stellte fest, dass dieser noch 1881 in Münchner Privatbesitz sich befand, vom Grassimuseum aufgekauft und in Leipzig hätte inventarisiert als Predella werden müssen, und nicht als Truhe. Das Stück soll 2017 im Reformationsjubiläumsjahr ausgestellt werden.

Die Ausstellungen im Grassimuseum für Angewandte Kunst (Auswahl)

Angewandte Kunst aus den Niederlanden und Flandern

Präsentiert werden nicht nur die berühmten kobaltblau bemalten Fayencen und Fliesen der Delfter Manufakturen, sondern auch Metall- und Glasarbeiten des 18. Jahrhunderts.

Dauer: 16.04. – 16.10.2016

 

Tapio Wirkkala

Die Kühle und Natur des Nordens des finnischen Designers Tapio Wirkkala (1915–1985) zeigt das Grassimuseum ab Juni.

Dauer: 02.06. – 03.10.2016

Gottes Werk und Wort vor Augen – Kunst im Kontext der Reformation

Innerhalb der Dauerausstellung „Antike bis Historismus“ zeigt das Museum Objekte mit Bezug zur Reformation und dem Zeitalter der Konfessionalisierung. Neben Skulpturen, Werken der Goldschmiedekunst, keramischen Arbeiten, Objekten aus Zinn, Plaketten und Medaillen werden auch Objekte gezeigt, die im Zusammenhang mit  Reformationsjubiläen im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Zusätzlich werden weitere Objekte aus dem Bestand, insbesondere Grafiken und Bücher, präsentiert. Darunter auch die Predella aus dem 15. Jahrhundert.

Dauer: 24.11.2016 – 01.01.2018

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