Der Malerei verpflichtet – Christian Bussenius blickte ins Elsterland

Christian Bussenius gehört zu den Malern der neuen Leipziger Generation nach Arno Rink, Hans Aichinger und Neo Rauch. (Foto: Artefakte)
Christian Bussenius gehört zu den Malern der neuen Leipziger Generation nach Arno Rink, Hans Aichinger und Neo Rauch. (Foto: Artefakte)

Wer sind die Menschen, die hier leben? Was machen sie und wie verhalten sie sich. In der aktuellen Ausstellung in der Leipziger Galerie Potemka öffnet der Maler Christian Bussenius dem Besucher seinen Blick auf die Menschen in der Pleißemetropole. „Elsterland“ hieß die Versammlung von neuesten Gemälden, die bis zum 15. Mai gezeigt wurde.

Im Elsterland

Es war der Abend der Ausstellungseröffnung der Leipziger Jahresausstellung. 2. Juni – Sommersonne, Hitze. Die Kühle der verregneten Tage wich fast schon in Zeitraffer einem Vorgeschmack des Hochsommers, der eine Woche lang anhalten sollte – bevor nun dann die Schafskälte für Abkühlung sorgen sollte. An diesem frühen Abend galt das Ausstellungsschild einer polnischen Künstlerin. Vor wenigen Tagen noch kündigten an dieser Stelle eine andere Schau an. Der Künstler, der mit der Soloshow beglückt wurde, lädt nun seine letzten Gemälde in seinen großen Kombi aus den frühen Nullerjahren. Das ganz große Gemälde zurrt er mit Gaffa auf dem Dach fest. Christian Bussenius heißt der Mann mit dem jungenhaften und in sich gekehrten Wesen.

„Elsterland“ hieß die jüngste Galerieschau des Hauskünstlers der Potemka-Galerie. Dieser Titel leite sich vom Umstand ab, dass durch Leipzig die Elster fließe, gibt die Galerievertretung Alma Beck zum Ausstellungsnamen Auskunft. Sie ist an diesem sommerlichen Abend ebenfalls anwesend. Leipzig sei nach der Definition des ausstellenden Künstlers eben das Elsterland. Kein Fluß präge demnach die Messestadt so sehr wie die Weiße Elster. Sein Lauf durch den Leipziger Auwald, dann seine Kanalwerdung am Tor zum Clara-Zetkin-Park, wo viele Leipziger an den Ufern flanieren, oder eben „Summer In The City“ auf der Sachsenbrücke zelebrieren, welche den Kanal wie viele andere Brücken überspannt. Vorbei an Stadion, Kleingartenanlagen, Landschaftsschutzgebieten und dem Auensee zieht der Strom unaufhörlich durch Leipzig. In seinem Einzugsgebiet geschehen tagtäglich tausende Geschichten. „Elsterland“ zeige einige von ihnen. Aufgemalt vom Artist himself. Ein Stück weit erzählen die neuen Arbeiten des 1978 in Magdeburg geborenen Malers auch seine eigene Geschichte.

Unscheinbar ist der Meister in der Tradition, die gern mit dem Label „Neue Leipziger Schule“ gebrandmarkt wird, als er in den Galerieräumen steht. Der ehemalige Schüler von Malerstar Neo Rauch ist zurückhaltend, höflich und freundlich. Kein wildes Partytier. Familienmensch sei er inzwischen geworden, sagt er, und wolle ganz in seiner Familie aufgehen und seine Rolle als Maler ausfüllen. Nur das. Warum er dennoch Schlaglichter auf junge Menschen auf einem Moped, an eine Fensterwand lehnend oder auf eine Bank wartend malt, erkläre sich mit dem Abschluss dieses Lebensabschnitts, den er auch er durchschritt – die Pubertät und Post-Adoleszenz. Seine Arbeiten sind Rückblicke auf ein gelebtes Leben und natürlich wie sehr auch Menschen im Leben einem Wandel unterworfen sind – Momentaufnahmen des Seins. Geschichten, die in Leipzig geschahen, die der Künstler erlebte und abbildete. Wie die drei Jungs auf der Bank sitzend. Der Künstler beschreibt die Bildsituation wie sie sich zugetragen haben soll. Drei junge Männer warten mit ihren Bewerbermappen auf die Aufforderung zum Bewerbungsgespräch. Daraus ergab sich die Situation wie die drei sich gegenseitig abtasteten, bevor einer von ihnen dann zum Gespräch aufgefordert wurde und ging. Eigentlich wolle keiner von ihnen den täglichen Kampf um das wirtschaftliche Durchkommen bestreiten, sagt er, dennoch schätzten sich alle drei gegenseitig ab, um im Bewerberwettstreit besser als der andere dastehen zu können. „Im Erblicken und Erfahren der Situationen und Dinge um mich herum erkenne ich die Wahrheiten, nicht im Lesen von Büchern. Nur in Bildern kann ich das erzählen wofür andere Worte gebrauchen.“

Tradition trifft auf Klassische Moderne mit Themen aus der Gegenwarts- und Popkultur - Christian Bussenius (Foto: Artefakte)
Tradition trifft auf Klassische Moderne mit Themen aus der Gegenwarts- und Popkultur – Christian Bussenius (Foto: Artefakte)

Können wir tatsächlich?

Der aus Magdeburg stammende Maler stellt schon mehrmals in der Galerie Potemka in der Lindenauer Aurelienstraße aus. Seine Stimme ist hell, leise und fast schon jungenhaft. Das Haar des 1978 geborenen Künstlers ist ergraut. Seine 2013 ausgestellten Arbeiten zeigen jugendliche Männer, die kühl und selbstbewusst in die Ferne schauen, oder im „Superman“-Kostüm den Anflug von Unsicherheit verbreiten.

„Können wir“ stand als Frage und als Aussage im Raum. Warum? Bussenius antwortet: „Der Titel ist mir wichtig, weil er sowohl Unsicherheit als auch Entschlusskraft mit einschließt.“

Zu seinen damals gezeigten Bildern sagt Galeristin Lu Potemka, dass Bussenius sich mit dem zeitgenössischen Männerbild auseinandersetzt. „Der Künstler malt Männer, die liebenswert sind, die träumen, Zigarre rauchen, … , … und ohne dass sich Abgründe auftun, scheinen sie einfach ihr Leben in ihren Möglichkeiten zu genießen.“

Bussenius ergänzt: „Inhaltlich geht es mir darum, dass heutzutage Mädchen einem klassischen Männerbild etwas entgegensetzen müssen, das es so gar nicht mehr gibt. In der Musik haben wir Beck, der „I’m a loser“ sang, … Ich frage mich: Haben Männer das Männliche verloren, oder die Männlichkeit auf eine neue Ebene getragen? Ich finde die Emanzipation der Frau hervorragend. Jetzt sind aber die Männer dran. Ich suche eigentlich die Entsprechung für mich als Typ. Deswegen sind die jungenhaften Männer die Akteure in meinen Bildern.“

Bussenius geht es mit seinen Arbeiten nicht um das Finden von Antworten. Für ihn ist der Macho, wie ihn noch Film und Fernsehen vor dreißig Jahren zeigten, tot. Selbst der Marlboro-Mann wird alt. Rambo ist es schon längst. Und „Spider-Man“ wird von einem Schauspieler verkörpert, der im „wirklichen“ Leben ein verhuschter Typ ist.

„Wo ist dieses klassische Männerbild noch?“, fragt der Künstler bevor einen letzten Zug von seiner Zigarette nimmt, um nach Hause zu Frau und Kind zurückzukehren, „Wenn es noch in einer Daimler-Chefetage sitzt, dann stirbt es innerhalb von zehn Jahren an Herzinfarkt.“

Reine Malerei!

Doch allen thematischen Ausladungen zum Trotz: im Grund gehe es Christian Bussenius ums Malen. Der Prozess, wie der Künstler Farbe auf die Leinwand auftrage sei von einem Bauchgefühl bestimmt, so der Künstler weiter. Das Thema spielt bei ihm eine untergeordnete Rolle. Von perfekt ausgearbeiteten Sujets hält er nicht viel. Man müsse nicht jeden Menschen mit der Kunst mitnehmen. Er möchte den Betrachtern aber Interpretationsspielraum lassen. Im Fall eines weiteren Bildes, wo zwei junge Typen auf einem Moped umher kurven, könnte sich der Ereignishorizont auf eine unbestimmbare Zukunft fokussieren, die den beiden Burschen noch nicht klar wurde. Auf die Frage, inwieweit er als Künstler die Realität zu einer für den Betrachter erlebbaren Fiktion filtert und Fragen offen lässt, entgegnet der Maler, dass die Beschäftigung des Betrachters mit dem Bild für ihn viel spannender sei als dass er die Antworten vorgeben will. Viel wichtiger sei für ihn der Vorgang des Malens. Darin sieht er sich verpflichtet. „Das Material birgt so viel schon in sich, dass davon allein der Malprozess schon beeinflusst wird.“ Allein dieser Schaffensprozess bereichere ihn.

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