Vorwurf der mangelnden Transparenz – Wie Kulturraumförderung im Leipziger Land funktioniert

Das Deutsche Fotomuseum ist in Markkleeberg ansässig (Foto: Artefakte)
Das Deutsche Fotomuseum ist in Markkleeberg ansässig (Foto: Artefakte)

Im Leipziger Land werden Museen über Fördermittel des Freistaats Sachsen gefördert. Über das sogenannte Kulturraumgesetz fließen die Gelder in die Museen. Im Leipziger Kulturraum wird das auch so gehandhabt. Doch wie transparent ist die Verteilung eigentlich?

Der Blick hinter der Fotografie

Es gibt Finanzierungsprobleme bei Museen im ländlichen Raum, stellte in der Vergangenheit Katja Margarethe Mieth von der Landesstelle für Museumswesen fest. Wer dieser Tage die aktuelle Ausstellung „Paukenschlag der Moderne“ im Ende der Neunzigerjahre errichteten Bauwerk des heute dort ansässigen Deutschen Fotomuseums besucht, dürfte anfänglich keine Zweifel haben, dass hier mitten im agra-Park alles in Ordnung sei. Es könnte besser laufen, so der Gedanke, wenn man sich mit dem Direktor des Deutschen Fotomuseums, Andreas J. Mueller, über seine Institution unterhält. Bis zu seinem Einzug in die ehemaligen Ausstellungshallen des Deutschen Landwirtschaftsmuseums hieß das Deutsche Fotomuseum noch „Kamera- und Fotomuseum“ und war in einem alten Fachwerkhaus im Leipziger Ortsteil Mölkau ansässig. Wenn Fördermittel kamen, dann von der Stadt Leipzig. Seit der Eröffnung des Deutschen Fotomuseums in Markkleeberg Ende August 2013 ist der Landkreis für das Museum zuständig, welches, eigenen Angaben zufolge, mit 10.000 bis 15.000 Besuchern pro Jahr aufwartet und neben der Dauerausstellung zur deutschen Fotografiegeschichte auch mehrere Sonderausstellungen bietet.

Wer hinter das glänzende Glas der Ausstellungsvitrinen und der Rahmen der Fotografien blickt, stellt fest, dass die wenigen übers Jahr verteilten Sonderschauen verlängert werden. Dieser Sachverhalt öffne den Blick, dass dem Museum Gelder für mehr Ausstellungen oder andere Veranstaltungen fehlen. „Uns fehlen auch Vitrinen“, erklärt Museumsdirektor Andreas J. Mueller. „Uns fehlt es an Geld, neue anzuschaffen. Wir bemühen uns zudem händeringend eine Stelle für unser Archiv einzurichten.“

An den Besucherzahlen kann es nicht liegen, heißt es von ihm weiter. Das Museum arbeite wirtschaftlich. Das Problem seien die wenigen Fördermittel, die das Deutsche Fotomuseum im Vergleich zu anderen Museen im ländlichen Raum erhalte. „Insbesondere aus dem Bereich der Politik wird nicht richtig verstanden, dass Museums- und Kulturarbeit gleichzeitig Bildungsarbeit ist. Zu uns kommen ganz viele Schulklassen aus dem gesamten Bundesgebiet. Bei uns forschen auch Studierende zu den unterschiedlichsten Themen.“

Mitten im Konvent

Die Fördermittelvergabe wird über den Kulturraum Leipziger Land vorgenommen, in welchem ein sogenannter Konvent über die Fördermittelvergabe entscheidet. Diesem Konvent sei noch ein Kulturbeirat zwischengeschaltet, der Fördermittelvergabeempfehlungen ausspreche. Diese Empfehlungen werden jedoch von einer sogenannten Spartenkommission an den Beirat heran getragen. Da trete schon das erste Problem zutage, so der Direktor des Deutschen Fotomuseums. Die Spartenvorsitzenden seien gleichzeitig Beiratsmitglieder. Die Empfehlungen über die Fördermittelvergabe an die Museen im ländlichen Raum Leipzigs werden von der Spartenkommission gegeben. Acht Mitglieder seien in dieser Spartenkommission tätig. Jene Mitglieder sind gleichzeitig auch Leiter von örtlichen Museen.

Acht Museen entscheiden über die Fördermittelvergabe für ihre eigenen Museen und für vierzehn Museen, die nicht in der Spartenkommission sind. Unter den Museen, die nicht in der Spartenkommission sind, befindet sich auch das Deutsche Fotomuseum. „Das hat zur Folge, dass die Museumsdirektoren ihre eigenen Museen bevorteilen“, kritisiert Mueller. Als das Fotomuseum noch in Mölkau war, wurde die Fördermittelvergabe über den Kulturausschuss und das Kulturamt der Stadt Leipzig geregelt. Der Leipziger Kulturausschuss besteht aus Abgeordneten des Leipziger Stadtrat. „Eben aus unabhängigen Personen“, betont Andreas J. Mueller. „Die Spartenkommission des Leipziger Kulturraums ist aber nicht unabhängig. Diese Kommission hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren nur marginal verändert. Da sind immer die gleichen Leute und Institutionen.“

Die Leiterin der Spartenkommission ist die Direktorin des Schlossmuseums in Frohburg, Konstanze Jurzok. Ihr Stellvertreter ist der Museumschef Andreas Flegel, vom Stadtmuseum Eilenburg. Laut noch unbestätigten Informationen empfehlen die acht „Spartenmuseen“ im Jahr 2016 sich 503.000 EUR Fördermittel aus dem Kulturraum, bei einer Gesamtsumme von 847.500 EUR. Das sind 60 % des Gesamtetats an Kulturraummitteln für Museen im Landraum Leipzig. Für die vierzehn Museen, die nicht der Spartenkommission angehören, blieben 40 % der zugewiesenen Mittel, also 344.500 EUR. Beirat und Konvent übernahmen in der Vergangenheit diese Empfehlungen. Zum Vergleich: laut einer Liste im November 2015 veröffentlichten Evaluierungsbericht des Sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur haben die Museen, einschl. der Gedenkstätten, Sammlungen und Ausstellungen im Jahr 2014 363.100 EUR für die institutionelle Förderung und 746.010 EUR für die Projektförderung bekommen. Bestätigte Zahlen für das Förderjahr hat das Kulturamt in Grimma auf Nachfrage der LZ bei der Referentenstelle des Leipziger Landrats als Informationen noch nicht herausgegeben. Außerdem lägen für die Antragsteller die Fördermittelzahlen nur eine Woche zur öffentlichen Einsichtnahme aus. Information dürfe man nur ansehen oder abschreiben, aber nicht fotografieren. Online kann man die Zahlen nicht abrufen. Ganz anders in Leipzig. Wenn Förderzahlen feststehen, findet jeder sie sofort im Internet, oder kann sich problemlos die Informationen direkt im Kulturamt beschaffen. Im Leipziger Kulturraum wird dies sehr geheimnisvoll gehandhabt Wie subjektiv dieser Eindruck sein kann, zeigt die Aussage des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst (SMWK). Bei den Angaben, die im Kultursekretariat in Grimma bis zum 2. Juni ausgelegt wurden und nicht mitgenommen und kopiert werden durften, handele es sich um eine förmliche Auslegung der Haushaltssatzung nach § 76 SächsGemO, so das SMWK und sei ein notwendiger Bestandteil des Satzungserlasses. Die Einwohner und Abgabepflichtigen hätten schon so vor einer endgültigen Entscheidung die Möglichkeit zur Einsichtnahme. Zudem können sie innerhalb bestimmter Fristen Widersprüche zum ausgelegten Entwurf geltend machen.

Was sagen Landratsamt und Politik?

Wie die Fördermittelvergabe im Leipziger Kulturraums des Leipziger Landes gehandhabt wird, sei durch das Kulturraumgesetz gedeckt. Dies bestätigt auch das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK). Die Vergabe von Fördermitteln erfolge durch die Kulturräume mit Beirat und Konvent. In dieser Vergabefreiheit läge die „Qualität der Kulturfinanzierung in den Kulturräumen, so das SMWK. Die Fördermittelvergabeproblematik sei dem 2015 frisch gewählten Landrat bewusst. Henry Graichen (CDU) habe in einer Rede im Deutschen Fotomuseum Besserung versprochen und eine gerechtere Verteilung zugesichert. Gegenüber ARTEFAKTE wollte der Landrat sich nicht dazu äußern. Sein Referat teilt indes mit, dass die Vergabeverfahren auf Grundlage der Fachförderrichtlinie des Kulturraums Leipziger Raums erfolgen.

Doch am Kulturraumgesetz habe die Spartenkommission in Vergangenheit auch aktiv mitgewirkt, lautet ein weiterer Vorwurf. Die Sitzungen des Konvents und damit die Beschlüsse über die Förderung seien öffentlich, widerspricht das Landratsamt. Somit sei das Vergabeverfahren transparent. Bei Einzelanfragen würden Informationen zu einzelnen Förderungen gegeben, wenn nicht überwiegende schutzwürdige Rechte Dritter entgegenstehen, heißt es außerdem. Die Förderkriterien seien im Internet abrufbar. Doch es sei, so heißt es weiter aus dem Landratsamt, in Sachsen bisher nicht üblich, Förderlisten im Internet zu veröffentlichen. Der Kulturraum Leipziger Raum wird nach Auskunft aus dem Landratsamt in Borna die Veröffentlichung der Förderliste ab dem Haushaltsjahr 2017 in der nächsten Runde fokussieren. Dies wird von dem Evaluierungsbericht des SMWK auch empfohlen, vielerorts in Sachsen ist dies bereits schon Praxis. Mehr als Empfehlungen aussprechen kann das SMWK jedoch nicht.

Außerdem befände sich laut Informationen aus dem Landratsamt der Kulturraum derzeit in einer schwierigen Situation. „Die Kürzungen sind aufgrund der jährlich immer geringer ausfallenden Mittelzuweisung des Freistaates Sachsen an den Kulturraum Leipziger Raum unvermeidbar. Die notwendige Kürzung der beantragten Zuwendungen begründet sich u.a. aus der Differenz des Gesamtantragsvolumens zum verfügbaren Budget des Kulturraumes Leipziger Raum im laufenden Jahr sowie aus der Erfüllung der Mindestkriterien der Förderrichtlinie über die fachliche Prüfung in den Sparten. Der Konvent beschließt die Förderung der Einrichtungen in Umfang.“ Und dieser setzt sich am 16. Juni zusammen. Genaue Zahlen mitzuteilen, in welcher Art die Verteilung der Fördergelder erfolge, wäre erst nach der Sitzung möglich.

„Förderentscheide müssen auf demokratischen, transparenten Prozessen beruhen“, bekräftigt hingegen Claudia Maicher, MdL für Bündnis 90 / Die Grünen. „Dazu zählt neben der Veröffentlichung von Förderentscheiden auch, Kriterien, Richtlinien und Fristen der Antragstellung öffentlich zugänglich zu machen. Bürgerinnen und Bürger sowie Antragsteller haben ein Recht darauf zu erfahren, welche Projekte und Institutionen in welcher Höhe mit öffentlichen Geldern gefördert werden.“

Sie drängt darauf, dass alle Kulturräume ihre Förderlisten veröffentlichen müssen. Im Hinblick auf die im Kulturraum Leipzig gängige Praxis, Förderlisten ohne Ankündigung nur für eine bestimmten Zeitraum auslegen zu lassen fordert sie ganz klare Transparenz bei der Förderpraxis in den Kulturräumen. Nun sei die Novellierung des Kulturraumgesetzes in Arbeit. Dies wäre die Chance, eine ausgewogene Beteiligung und regelmäßige, transparente Neubesetzung der Fachbeiräte im Gesetz zu verankern. Dies ist bislang nicht der Fall. „Die Aufnahme weiterer, legitimierter stimmberechtigter Mitglieder in den Konvent kann die Vergabe von Fördermitteln demokratischer gestalten. Hoffentlich nutzt die Staatsregierung die bevorstehende Novellierung des Kulturraumgesetzes um die Förderpraxis in den Kulturräumen künftig demokratischer und transparenter aufzustellen.“

Ob die Aussage der Landespolitikern die ländlichen Museen, Vereine und Projekte beruhigt? Die Organisatoren des Deutschen Fotomuseums haben jedenfalls noch viel vor. Noch sei der Umzug des kompletten Magazins aus Mölkau nach Markkleeberg nicht abgeschlossen. Schon bald sollen weitere Pläne greifen, dass das Deutsche Fotomuseum expandiert. An die Ausstellungsrotunde schließen sich eine Halle mit einer Gesamtfläche von 1.000 qm an. Um diese zu bespielen und mit Leben zu erfüllen, sei eine höhere Fördermittelvergabe an das Museum unumgänglich, meint Andreas J. Mueller. Denn die Erschließung des Archivs und weitere wissenschaftliche Arbeiten könne man nicht unbezahlt vornehmen. „Wir zeigen momentan gerade einmal 5 % unserer Sammlung. Mit einer Erweiterung könnten wir enorm viel Ausstellungsfläche sowie Magazin-, Verwaltungs- und Archivräume gewinnen. Dahingehend müssten die jetzigen Fördermittelhöhen für uns mindestens verdoppelt werden. Unser Ziel ist es, das Museum auf diese Weise endgültig aus der Vereinsträgerschaft und herauszuführen und in kommunale Obhut zu überführen.“

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Bis zu 15.000 Besucher kommen jährlich ins Deutsche Fotomuseum. (Foto: Artefakte)

Aktuelle und kommende Ausstellungen im Deutschen Fotomuseum 2016 und 2017

Die Dauerausstellung „Fotofaszination“ wird seit der Eröffnung des Deutschen Fotomuseums 2013 gezeigt. Sie präsentiert in 14 Abteilungen die gesamte Fotografiegeschichte anhand von Daguerrotypien, Fotografien, Kameratechnologien und Fotoentwicklungstechniken. Angefangen von der riesigen Reprokamera aus dem Jahr 1890 in der Rotunde kann der Besucher über einen der Rotunde rundumlaufenden Gang bis zur Gegenwart diese Geschichte verfolgen. Von Zeit zu Zeit werden einzelne Exponate ausgetauscht.

Bis zum 31. Juli wird die Sonderschau „Paukenschlag der Moderne“ gezeigt. Es handele sich hierbei um Schlüsselwerke der Klassischen Moderne aus dem frühen 20. Jahrhundert aus der Sammlung Barbara und Horst Jahn. Darunter werden Fotografien von bedeutenden Künstlern wie EL Lissitzky, Laszló Moholy-Nagy, Raoul Hausmann und Man Ray gezeigt.

Im Eingangsbereich kann man noch bis zum 25. September die Kabinettausstellung „Ullrich Wallenburg – Die andere Sicht“ sehen.

Vom 6. August bis zum 4. September zeigt das Museum die Preisträger des CEWE-Fotowettbewerbs „Our world is beautiful“. Vom 10. September bis Neujahr 2017 wird die Ausstellung „Heinrich Kühn – Das bedrohte Paradies, zwischen Historismus und Moderne“ anlässlich des 150. Geburtstags des legendären Farbpinoiers gezeigt. Außerdem präsentiert das Deutsche Fotomuseum vom 1. Oktober bis zum 26. Februar 2017 die Ausstellung „Albrecht Tübke – Pitti Uomu / Opfer der Mode“. Mit den erotischen Fotografien von Karin Székessy startet dann das Museum in das neue Jahr.

  1. Hat dies auf Leipziger Kulturgeschichten rebloggt und kommentierte:

    In der Stadt Leipzig werden die Förderkriterien sowie die Fördersummen öffentlich ausgelegt. Das ist justiziables Handeln und nur fair gegenüber den Steuerzahlern. Wie das Verteilen von Fördermitteln im Leipziger Land gehandhabt wird, erfährt man auf ARTEFAKTE.

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