Im Musenhain der Malerei – Die 23. Leipziger Jahresausstellung findet im Westwerk statt

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Von Daniel Thalheim

 

Die ersten Anzeichen für das Gedeihen der großen Leipziger Kunstschau sind schon jetzt spürbar. Im Mai werden die Weichen gestellt, wie die Leipziger Jahresausstellung im kommenden Juni aussehen könnte. Sie ist nicht nur ein Blick auf die zeitgenössische Kunst in der Messestadt, sie lässt auch einen Blick auf die Geschichte einer Leipziger Tradition zu. Die Kunstschau steht in diesem Jahr unter dem Stern „immer & ewig“.

„immer & ewig“ im Hier und Heute

Was mit dem Ausstellungsmotto „immer & ewig“ gemeint ist, erklärt Thomas Moecker, einer der beiden Kuratoren der Leipziger Jahresausstellung 2016: „Wir wollen den Entwurf einer Stadt samt dem Leben und der Kunst, die in ihr stattfinden, zum Ausdruck bringen. Eine Stadt bildet schon jeher die Visionen und Ideen ihrer Einwohner ab. Viele Ideen und Vorstellungen sind in die Zukunft gerichtet und fordern die Gegenwart heraus. Die 23. Leipziger Jahresausstellung verpflichtet sich sie zur Diskussion zu stellen und dabei viele Künstler- und Publikumsgenerationen mit einzubeziehen. Sie ist ein Wunsch diese Diskussion Immer & Ewig zu führen, jenseits von ideologischen Zwängen.“
Zusammen mit seinem Kollegen Sebastian Gögel entwickelte und konzipierte Thomas Moecker diese Ausstellung – für die LIA nach eigenen Angaben ein Novum. Bislang sollen die Vorschläge von den Mitgliedern des Vereins durch eine Auswahlkommission bewertet und die teilnehmenden Künstler ausgewählt worden sein. Im Ablauf des vierten Quartals 2015 haben die beiden Kuratoren die KünstlerInnen in den Ateliers besucht, über die Rahmenbedingungen informiert und gebeten – sofern möglich – konkret zu dieser Ausstellung zu arbeiten. Künstlerische Arbeiten von lebenden Künstlern aller Genres wurden danach so ausgewählt, die aus Sicht der Kuratoren von ihren Intensionen und Perspektiven stellvertretend für bestimmte Künstlergenerationen in Leipzig stehen und spürbare Impulse an nachfolgende Generationen weitergeben. „In diesem Jahr hat das Kuratorenteam bestehend aus Sebastian Gögel und mir, eine Auswahl von 27 künstlerischen Positionen getroffen, die verschiedene Künstlergenerationen repräsentieren“, erklärt Thomas Moecker. „Zwei dieser Positionen sind mit dem Grassimuseum und dem Lubokverlag eher institutioneller Natur und würdigt stellvertretend Leipziger Kultur- und Kunsträume als Quelle von Inspiration. Künstler, Publikum und kulturelle Infrastruktur mit Sammlung und Bewahrung von kulturellem Ausdruck bedingen sich gegenseitig und sollen mit unserer Ausstellung eine gezielte Wertschätzung erfahren.“

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Streifzug in die Leipziger Kunstgeschichte

Der 1992 neu gegründete, heutige, Verein der „Leipziger Jahresausstellung“ hat eine gleichnamige Vorgängerin. Der 1927 aufgelöste Verein verfolgte noch sezessionistische Ideen, die ihren Anfang bereits vor dem Ersten Weltkrieg besaßen. Es war im Mai 1913, als die erste Internationale Baufach-Ausstellung in Leipzig auf dem heutigen Alten Messegelände seine Toren öffnete. Im Fokus standen damals die Messehallen, wie das Monument des Eisens von Bruno Taut (1880 – 1938) und Franz Hoffmann (1884 – 1951), die Hallen für Raumkunst und Baustoffe, der Hof der nachgebauten Pleißenburg. Welche zur selben Zeit durch den Bau des Neuen Rathauses verschwand. Auch das Gebäude des Rumänischen Weinrestaurants, ein Musterdorf mit Schule und Kirche sowie die Betonkuppelhalle von Wilhelm Kreis (1873 – 1955) waren Blickpunkte 1913. Gleichzeitig konnten im selben Jahr realisierte Bauprojekte, wie die Gartenstadt Marienbrunn, das benachbarte Völkerschlachtdenkmal, die Brücke zwischen den Ausstellungshallen präsentiert werden. Etwas im Abseits organisierten die bildenden Künstler zum selben Zeitpunkt die „Leipziger Jahresausstellung“. Sie bot zusammen mit einem Pavillon für die Karikaturenausstellung damals einen Überblick über das künstlerische Schaffen zeitgenössischer Künstler der letzten 30 Jahre.
1913 trat die „Leipziger Jahresausstellung“ nicht zum ersten Mal in Erscheinung. Bereits 1910 veranstaltete der Verein Bildender Künstler Leipzig im Städtischen Kaufhaus die als „Sezession“ genannte erste große Schau. Am 15. Januar 1912 gründete der Verein den „Verein Leipziger Jahresausstellung e.V.“ Max Klinger (1857 – 1920), Wilhelm Schulze-Rose (1872 – 1950) und der Bildhauer, sowie der Nachlassbetreuer Max Klingers, Johannes Hartmann (1869 – 1952) hatten den Vorsitz inne. Im Städtischen Handelshof in der Grimmaischen Straße stellten im Jahr 1912 über 200 deutsche und europäische Künstler Malerei und Plastik aus. Bekannte Künstler wie Ernst Barlach, Max Beckmann, Käthe Kollwitz, Claude Monet, Max Liebermann, Henri Matisse, Max Pechstein, Pablo Picasso und Auguste Renoir nahmen mit einem oder mehreren Werken an dieser Ausstellung internationalen Ranges teil. Nahezu sämtliche Künstler der Klassischen Moderne waren vertreten. 1921 kamen Namen wie Lyonel Feininger (1871-1956) und Kurt Schwitters (1887-1948) dazu.
Heute wollen die Ausstellungsmacher mit ihren jährlich im Westwerk veranstalteten Kunstschauen einen Überblick in die zeitgenössische Kunstentwicklung der Messestadt geben. Die Organisatoren möchten so unterschiedliche Leipziger Kunstpositionen bündeln und auch weniger bekannten Malern, Grafikern, Fotografen und Bildhauern die Chance geben, dass ihre Arbeiten einem großen Publikum nahe gebracht werden. Das heutige Bestreben der Ausstellungsmacher unterscheidet sich demnach kaum von der ursprünglichen Vereinsidee von 1910. Gastkünstler haben ebenfalls Gelegenheiten, hier Anschluss zu finden, sofern sie mit Leipzig Berührungspunkte in Formen von Wirkungsstätte, Wohn- oder Studienort finden.

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Julius Hofmann, Chudchud, Acryl auf Leinwand (Bild: J. Hofmann)

Die Leipziger Sezession

Das große Kunstlexikon von Peter W. Hartmann erklärt unter „Sezession“ die Wortbedeutung, welche aus dem Lateinischen entlehnt ist. „Secessio“ bedeutet nichts anderes als „Abspaltung“ und „Trennung“. Der Lexikonartikel fasst zusammen, was im 19. und frühen 20. Jahrhundert unter Sezession verstanden wurde. In München, Berlin und in Wien wurden „Secessionen“ gegründet. 1910 hieß es in Leipzig: „Die Sezession hat es sich zur Aufgabe gemacht, alljährlich in Leipzig eine Jahresausstellung zu veranstalten. Durch diese Ausstellung bezweckt der Verein, für die Förderung der idealen und wirtschaftlichen Bestrebungen Leipziger Maler, Bildhauer und Grafiker einzutreten, andererseits auch für die Ausgestaltung unserer heimischen Kunst tätig zu sein und damit auch Leipzig im deutschen Kunstleben eine bedeutsame Stellung zu sichern. Die Ausstellung, die nicht nur Werke Leipziger Künstler enthält, sondern in der Künstler aller deutschen Kunststädte vertreten sind, zeigt, in welcher anerkennenswerten Weise das Unternehmen der Leipziger Sezession in der auswärtigen Künstlerschaft und nicht minder bei dem Leipziger Künstlerverein und dem Leipziger Künstlerbund Beachtung gefunden hat.“
1892 wurde in München die erste Sezession gegründet. Von dieser Vereinigung spalteten sich später weitere Ableger ab. 1897 wurde von Gustav Klimt (1862 – 1918), Kolo Moser (1869 – 1918) und Josef Maria Olbrich (1867 – 1908) die Wiener Sezession gegründet, die vornehmlich baugestalterische und architektonische Formensprachen zusammmenzufassen versuchte, welche wir heute als „Jugendstil“ oder „Wiener Sezessionsstil“ kennen. 1897 wurde Max Klinger Mitglied der Wiener Sezession. Im selben Jahr wurde der Künstler Professor an der Akademie der graphischen Künste in Leipzig.
Über die Leipziger Sezession ist wenig bekannt. Doch deutlich ist heute, dass Max Klinger das künstlerische Zentrum in Leipzig war. Neben ihm waren der Grafiker Alfred Leistner (1887–1950) und vor allem der Maler Eduard Einschlag (1879 – 1945) Gründungsmitglieder. Der von den Nazis zusammen mit seiner Familie deportierte und vermutlich um 1939 im Warschauer Ghetto ermordete führende Künstler der Zwanziger und Dreißiger Jahre von Leipzig war einer der Ausstellungsleiter der „Leipziger Jahresausstellung“ vor einhundert Jahren. Einschlag war nicht der einzige, in Leipzig ansässige, Künstler, der für die „Leipziger Jahresausstellung mitwirkte und sogar mit eigenen Arbeiten vertreten war. Weitere Jurymitglieder waren der Illustrator und Grafiker Louis Carl Bruno Heroux (1868-1944), der Maler und Radierer Alois Kolb (1875 – 1942) und der Zeichner Karl Ferdinand Lederer-Weida (1863-1946). Jugendstilkünstler und Schöpfer der beiden Figurengruppen „Mephisto und Faust“ und „Verzauberte Studenten“ am Eingang zum Auerbachs Keller in Leipzig und des fünf Meter breiten Ölgemälde „Osterspaziergang“, Mathieu Molitor (1873 – 1929), und der Illustrator und Grafiker Hugo Steiner-Prag (1880-1945) gehörten ebenfalls zum künstlerisch wichtigen Gepräge der Stadt. Ein Nachzittern dieser Klassischen Moderne Leipzigs findet sich im zeichnerischen und druckgrafischen Werk des Bauhaus-Künstlers Karl Herrmann Trinkaus (1904-1965) wieder, dessen Nachlass 2017 eine Wiederentdeckung erfährt und 2019 in eine Ausstellung im Museum der bildenden Künste münden soll.  Sein Schaffen ist insbesondere interessant, weil Fehleinschätzungen es in den Bereich der Fälschungen abdriften ließ. Die Neubewertung des Künstlers und sein Oeuvre dürften zu den spannenden Kapitel Leipzigs gehören, denn, wie auch Elisabeth Voigt (1883-1977), überwarf er sich mit der politischen Linie, die in der DDR der Kunstwelt aufgedrückt wurde. Seine Biografie scheint gebrochen und noch wenig durchleuchtet zu sein. Genauso spannend dürfte auch die Beschäftigung mit der Expressionistin Anna Babette Erkes-Conrady (1894-1986) ausfallen. Auch für sie plant das Museum der Bildenden Künste 2019 eine Gesamtschau auf ihr Werk.
Die Leipziger Sezession besaß ein von Buchkunst und Malerei beeinflusstes Gepräge. Man kann sagen, dass das Leipziger Beispiel das Nachbeben einer Kunstentwicklung war, worin zeitgenössische Künstler sich vom vorherrschenden Akademiestil abzusetzen versuchten, aber schon bald von den vielen Künstlergruppen von Expressionisten, Dadaisten und Surrealisten in seiner Bedeutung gemindert wurde.
Dennoch reichte der Einfluss der in der „Leipziger Sezession“ organisierten Künstler weit in die Geschichte der Entwicklung der nach 1945 gegründeten Hochschule für Grafik und Buchkunst bis heute hinein, wobei populäre Begriffe wie „Leipziger Schule“ und „Neue Leipziger Schule“ in eben diesen Entwicklungsstrang einzuordnen sind. Das Selbstverständnis der Leipziger Künstler der DDR und Nachwendezeit ist mit dem Nachklang der „Leipziger Sezession“ eng verbunden.

Weitere Infos zur LIA 2016

Ein wichtiger Bestandteil der Leipziger Jahresausstellung soll auch in diesem Jahr das Erscheinen des umfangreichen Kataloges sein, der Angaben zu den Künstlern und ihren ausgestellten Arbeiten dokumentieren will. Weiterhin soll ein großes Angebot von kostenfreien Führungen und Gesprächen fortgeführt werden. Die Kooperation mit dem Institut für Kunstpädagogik an der Universität Leipzig wird mit Prof. Dr. Ines Seumel, Lehrerin im Bereich Theorie und Didaktik der bildenden Kunst sowie Multimediale Aktion am Institut für Kunstpädagogik der Universität Leipzig fortgesetzt. Sie will mit ihren StudentInnen auch in diesem Jahr an sieben Terminen für Schulklassen von der 5. bis zur 11. Klasse aus fünf verschiedenen Schulen Vermittlungsprogramme entwickeln und vor Ort praktisch arbeiten. Zusätzlich werden sechs weitere Führungen während der Öffnungszeiten von der Kunsthistorikerin Sabine Elsner durchgeführt.
Der „Preis der Leipziger Jahresausstellung“ wird auch im Jahr 2016 von der Sparkasse Leipzig, der Elke-und-Thomas-Loest-Stiftung sowie der Doris-Günther-Stiftung gestiftet und zur Eröffnung der 23. Leipziger Jahresausstellung vergeben. Aus dem Kreis der anonymisierten teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler wählt eine unabhängige Jury von Kunstexperten und Kunstliebhabern den Preisträgerbeitrag. Der Träger des 18. Preises der Leipziger Jahresausstellung erhält ein Preisgeld sowie eine Personalausstellung. Der Namenspatron des 18. LIA Preises ist der sächsische Künstler Klaus Hähner-Springmühl.

Die 23. Leipziger Jahresausstellung findet vom 3.6. bis zum 26.6.2016 unter dem Titel „immer & ewig“ im WESTWERK statt. 

Liste der teilnehmenden KünstlerInnen:

Laura Bielau, Johannes Eckhardt, Benjamin Dittrich, Falk Gernegroß, Sighard Gille, Andreas Grahl, das Grassimuseum, LUBOK-Verlag, Christian Herzig, Jule Hoffmann, Julius Hofmann, Mirjam Jacob, Corinne von Lebusa, Tobias Lehner, Marian Luft, Johannes Makolies, Holger Mandel, Manfred Martin, Jana Müller, Gudrun Petersdorff, David Röder, Christoph Ruckhäberle, Erasmus Schröter, Annette Schröter. Kristina Schuldt, Joscha Steffens, Sophie von Stillfried

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