Besucherzahlen sind nicht alles – Im Museum der Bildenden Künste blickt man nach vorn

Manaf Halbouni, Nowhere is Home, 2015 - 2016, © Manaf Halbouni, Foto: Punctum/B. Kober (im Hintergrund: Wolfgang Mattheuer, Mann mit Maske, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016)
Manaf Halbouni, Nowhere is Home, 2015 – 2016, © Manaf Halbouni, Foto: Punctum/B. Kober (im Hintergrund: Wolfgang Mattheuer, Mann mit Maske, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

Die Staatsgalerie Stuttgart kann auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Das Kunstmuseum in der baden-württembergischen Landeshauptstadt vermeldet für das Jahr 2015 einen Besucherrekord von knapp 200.000 Menschen, die Ausstellungen des Museums sehen wollten. In Leipzig zeichnet man kleinere Nummern.

An den Grenzen des Wachstumsglaubens

„Um 70 % steigerten wir unsere Besuchszahlen“, freut sich Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart. Im Vergleich zu 2014 erlebte die Staatsgalerie Stuttgart 2015 einen enormen Anstieg des Interesses. Publikumslieblinge waren hier die großen Rückblenden auf die große Zeit der Modernen Kunst in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg. Zu den Höhepunkten des Ausstellungsjahres 2015 zählte die Große Landesausstellung »Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt«. Mit insgesamt rund 163.000 Besuchern erfuhr der Bauhauskünstler in seiner ersten Retrospektive nach fast 40 Jahren eine überwältigende Aufmerksamkeit.

Ein Publikumserfolg war auch die Schau »Poesie der Farbe«, die schon wenige Wochen nach ihrer Eröffnung am 23. Oktober bereits 32.267 Besucher sahen. Die Ausstellung sei nicht nur ein Defilée bekannter Namen der Klassischen Moderne wie Kandinsky, Macke, Marc, Nolde u.a. gewesen, hebt die Stuttgarter Staatsgalerie hervor, sondern demonstriere vor allem eindrucksvoll, welche Schätze die Sammlung der Staatsgalerie beherberge.

Und Leipzig? Knapp über 134.000 Besucher kamen in das Haus am Sachsenplatz. Klar ist schon seit Jahren, dass das MdBK mit seinen Ausstellungen um die 100.000 Besucher anzieht und somit ganz gut dabei ist im deutschen Museumsbetrieb. Während die Staatsgalerie in Stuttgart 2015 mit einem Spitzenergebnis bei eng an die eignen Ausstellungsbestände geknüpften Schauen über die Klassische Moderne abschließt, muss das MdBK für das letzte Jahresquartal zugeben, dass v.a. die auf eine internationale Kooperation basierende und bei den Kritikern gut angenommene Schau zu den beiden großen Franzosen des 19. Jahrhunderts – Delaroche und Delacroix – nicht so gut vom Publikum angenommen wurde. Dagegen zog die Schau zum Bauhausexpressionisten Paul Klee umso mehr Menschen ins Museum. Bis September kamen 105.880 Kunstbegeisterte ins MdBK. Im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um knapp 30.000 Besucher. 2014 waren es so gesehen nur 72.214 Menschen, die im selben Zeitraum ins Museum wollten.

Stefan Koppelkamm, Verwaltung IV
Stefan Koppelkamm, Verwaltung IV

Das Leipziger Kunstmuseum blickt auf schwankende Besucherzahlen zurück. Für 2010 werden vom Amt für Statistik und Wahlen Leipzig 180.174 angegeben, 2011 waren es nach dem Amt nur noch 121.971 Leute, die das Museum aufsuchten, 2012 nur noch 112.030, 2013 gar 96.264. Erst 2014 konnte das Bildermuseum wieder knapp über 100.000 Besucher verzeichnen.

2013 büßte das MdBK an Besuchern ein. Woran könnte das gelegen haben? Waren es die Sonderschauen zu Leipziger Künstlern wie Bernhard Heisig, Max Klinger, die Werke aus der Sammlung der Deutschen Bank, die Pressefotografien aus dem Popbereich und die Grafik aus der Zeit der Hochzeit der Pop-Art, die weniger Menschen in die Räume des Museums lockten? Im Vergleich dazu zeigte das MdBK im Spitzenjahr 2010 Zeichnungen von Ernst Ludwig Kirchner, Grafiken des Leipziger Expressionisten Rüdiger Berlitt, Arbeiten der Leipziger Künstler Volker Stelzmann und Max Schwimmmer, Mathieu Molitor und vor allem des derzeit lebenden Malerstars Neo Rauch. Dann war noch der Jahresausklang mit dem Fokus auf die Kunst in Leipzig seit 1949. „Leipziger Schule“, und so. Vor allem Neo Rauch erwies sich als Besuchermagnet.

Im vergangenen Jahr zeigte das MdBK wie Lucas Cranach d.Ä. und d.J. gearbeitet hatten, welche Schätze die Sammlung von Christian Böhm bereithält und welche Leipziger Sammlungen noch für Kleinodien beinhalteten. Wieder mit dabei war Max Klinger, eine Sonderschau zum Expressionisten Paul Klee, ein Kabinettsstück über den Barockzeichner und -architekten Bernini und die Historienbilderschau des 19. Jahrhunderts über Eugéne Delacroix und Hippolite Delaroche. Die Anfänge des MdBK im 19. Jahrhundert wurden mit der Sammlungsausstellung des Leipziger Kunstsammlers Adolf Heinrich Schletter beleuchtet.

Ist das wirklich so einfach zu erklären – können wirklich allein die Ausstellungs-schwerpunkte für die Besucherzahlschwankungen verantwortlich sein? Die Zahlen aus dem Jahr 2010 machen eins deutlich: wenn das MdBK sich mit ihren Ausstellungen stärker auf Leipzig und seine Künstler bezieht, dann gehen die Zahlen nach oben. Diesen Zusammenhang sieht die Staatsgalerie-Direktorin Lange für ihr eigenes Museum. Es sei wichtig, „Themen zu finden, die mit der eigenen Sammlung in Verbindung stehen. Nur so sind die Kernaufgaben des Museums – Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln – neben den immer wichtigeren Wechselausstellungen weiter zu leisten.“

So hält das MdBK es auch. Es gibt aber auch Ausnahmen. Die 2015 stattgefundene Paul-Klee-Ausstellung zog mehr Besucher an als die Leistungsschau um die beiden französischen Maler aus dem 19. Jahrhundert – Delaroche und Delacroix, obwohl beide Franzosen sammlungsbezogen und historisch gesehen mehr mit Leipzig zu tun haben als Klee. Dennoch steht die Frage im Raum: Muss Wachstum auch im Museumsbereich ein Anzeiger für Qualität sein?

Emil Nolde, Maler Schmidt-Rottluff, 1906, Nolde Stiftung Seebüll © Nolde Stiftung Seebüll
Emil Nolde, Maler Schmidt-Rottluff, 1906, Nolde Stiftung Seebüll © Nolde Stiftung Seebüll

Wie weiter ohne Wachstumsglauben?

„Nö“, sagt MdBK-Direktor Hans-Werner Schmidt, ob die Qualität der Ausstellungen mit den Besucherzahlen zusammenhängen könnte. „Wenn ich daran denke, dass wir 2017 Werke von Emil Nolde und der Gruppe von Dresdner Expressionisten „Die Brücke“ zeigen werden und dass vor einigen Jahren eine ähnliche Schau im Frankfurter Städel 140.000 Besucher gesehen haben und seine erste Ausstellung bei seinem Dresdner Galeristen 1906 rund 30 Leute waren, tun sich ganz andere Zusammenhänge auf. Dass damals noch seine Kollegen Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner anwesend waren, muss so gesehen die Ausstellung von 1906 erfolgreicher gewesen sein als die im Städel.“

Der MdBK-Chef spielt auf die Gründung der Dresdner Expressionistengruppe „Die Brücke“ von 1905 an. Schmidt-Rottluff wollte Nolde unbedingt in seiner Künstlergruppe dabei haben und warb um ihn mit einem überschwänglichen Brief. Nolde fühlte sich geehrt, trat bei und stieg 1907 wiederum aus. Das MdBK ist im Besitz einiger Nolde-Arbeiten.

Woran die in den letzten Jahren die Besucherzahlschwankungen gelegen haben, ist ihm zufolge am schwankenden Interesse der Gäste an den gebotenen Kunstschauen zu erklären. „Wir können nur das bieten, was wir finanzieren können“, sagt er mit einem klaren Verweis daran, dass hochwertige Ausstellungen auch seinen Preis haben. „Wir haben keinen institutionellen Partner, der jährlich uns ein Drittmittelvolumen zusichert. Wir müssen immer wieder projektorientiert arbeiten. Unsere Projektmittelpartner sagen natürlich: ‚Wenn wir 2015 so engagiert bei Ihnen im Haus zugange waren, dann geht es nur aus Solidarprinzipgründen, weil wir in die Fläche arbeiten. Von unserer Seite geht das nicht 2016.’“

Eine museumseigene Stiftung zur Förderung der Forschungs- und Ausstellungsarbeit gibt es laut Schmidt nicht. In Deutschland würden seiner Kenntnis nach „unehrliche“ Stiftungen arbeiten, die nach wie vorstaatliche und private Haushalte gefördert werden und nicht, wie in den USA, eigenwirtschaftlich die Ausstellungsarbeiten von Museen stemmen und nur in sich einen Zweck erfüllen würden, um die Personalkosten innerhalb einer Stiftung zu decken. Stiftungsarbeit wie in Amerika sei in Deutschland nicht möglich. Dazu müsste man die Steuergesetzgebung ändern.

Die Stuttgarter Staatsgalerie will in diesem Jahr die Diskussion zur Zukunft der deutschen Kunstmuseen fortsetzen. Der Deutsche Museumsverband vermeldete zumindest für 2014 einen Besucherzahlenanstieg bundesweit.

Ausstellungen 2016 am MdBK

Während das Museum der Bildenden Künste 2015 einen Wechsel aus zeitgenössischer Kunst, Klassischer Moderne, Barock und 19. Jahrhundert gezeigt hatte, wendet sich 2016 der Fokus auf das 20. und frühe 21. Jahrhundert. Fünf große Schauen werden von Februar 2016 bis Januar 2017 gezeigt. Der LVZ-Kunstpreisträger Via Lewandowski von 1995 konzipierte eine große Ausstellung für die Leipziger. Fotograf Stefan Koppelmann stellt Architekturfotografien gegenüber, die u.a. vom Wechsel des politischen Systems in Ostdeutschland künden – er hat mit einem Abstand von 20 Jahren Verfall und Aufblühen alter Gebäude dokumentiert. Mit Anselm Kiefer bringt das MdBK einen der ganz Großen der westdeutschen Nachkriegskunst nach Leipzig, der auch höchstpersönlich bei der Ausstellungseröffnung am 26. Februar anwesend sein wird. Erstmals werden die Arbeiten der drei FotografInnen Ursula Arnold, Arno Fischer und Evelyn Richter zusammen ausgestellt. Besucher können so auf die miteinander verschlungenen Lebensläufe und Lebenswerke dreier Künstler blicken, die in der DDR arbeiten und unabhängig voneinander eigene künstlerische Wege einschlugen.

Eine Retrospektive des malerischen Werkes von Sighard Gille zeigt das Museum am Ende des Jahres. Ein Schlaglicht wird auf sein Wirken in der DDR gerichtet als der Maler das alltägliche Leben im real existierenden Sozialismus ironisch blinzelnd kommentierte.

Die Kabinettausstellungen um die Werke von Imi Knoebel und Thomas Scheibitz sowie die Fotografien von Harald Kirschner drehen sich im Groben um Religiosität. Der aus den frühen Neunzigerjahren von Knoebel geschaffene Werkblock „Rot Gelb Blau“ ist als Konzeption für seine Gestaltung der Chorfenster der Kathedrale in Reims zu verstehen. Kirschner bildete das religiöse Leben in der DDR der Achtzigerjahre ab.

 

Manaf Halbouni – Nowhere is home
5. April bis 26. Juni 2016

Credo Kirche in der DDR – Fotografien von Harald Kirschner
22. Mai bis 28. August 2016

Arnold, Fischer, Richter – Gehaltene Zeit
3. Juli bis 3. Oktober 2016

Albert von Zahn – Grenzgänger zwischen Kunst und Wissenschaft
7. September bis 8. Januar 2017

Sighard Gille – Ruhelos
30. Oktober bis 22. Januar 2017

Nolde und die Brücke
12. Februar bis 18. Juni 2017

 

Mehr Informationen unter: www.mdbk.de 

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