Repräsentationskultur zur Reformationszeit – Luther & die Fürsten auf Schloss Hartenfels

Lucas Cranach d.J., August Kurfürst von Sachsen (1553 - 1586) Foto: Jörg Schöner / SKD 2015
Lucas Cranach d.J., August Kurfürst von Sachsen (1553 – 1586) Foto: Jörg Schöner / SKD 2015

Bis zum 31. Oktober ist eine Ausstellung in Torgau zu sehen, die sich mit den sächsischen Herzögen und Kurfürsten beschäftigt. Die Vorausschau auf das 500-Jahr-Jubiläum des Beginns der Reformation mit dem Thesenanschlag Martin Luthers an der Wittenberger Schlosskirche von 1517 zeigt das Repräsentationsverständnis der Adeligen in dieser Zeit. Mehr auch nicht.

Ausgelutschte Wurstpelle

Eigentlich ist das Thema zur Repräsentationskultur der Herrscherhäuser in Europa eine ausgelutschte Wurstpelle im Veranstaltungstrubel im Hier und Heute. Würde man zurück in die Zeit gehen, fände man erste Repräsentationskulturen im heutigen Vorderasien, Indien und Nordafrika. Eigentlich ist schon immer klar gewesen, dass die Mächtigen und Reichen sich Prunkbauten, Bilder und Skulpturen anfertigen ließen. Das war im Sachsen des ausgehenden Mittelalters nicht anders. Vergleicht man Herrscherporträts der Cranachs, die sie von den sächsischen Fürsten anfertigten, mit den Arbeiten anderer Künstler ihrer Zeit, fällt eines auf: wer Macht und Reichtum hatte, wollte sie auch zeigen. Dazu gehört auch das Schloss Hartenfels in Torgau, wo bis zum 31. Oktober eine Ausstellung zum Thema Repräsentationskultur zu sehen ist.

Der omnipotente Herrscher

Natürlich kann man das Thema Repräsentation historisch betrachten, dem Ansinnen und Willen des Herrschers zum Selbstbild als Demonstration seiner Macht deuten. Man könnte auch moderner an die Sache herangehen. Frei nach dem Motto; seht her, so bin ich, könnte man fast behaupten, Herrscherbildnisse waren während der Renaissance „Selfies“. Der digitale Raum war das Schloss, wo ausgelesene Freunde „gefällt mir“ sagen konnten. Betrachtet man das Porträt Augusts von Sachsen, sieht man die Betonung auf seine potente Stärke in Form der Handschuhe, die August in seiner Hand als Andeutung seines Phallus tragen könnte. Die herunterhängenden Zipfel seines Überwurfes würden demnach seine Potenz in Form seiner Geschlechtsorgane andeuten.

Reformationsfeier in Sachsen – eine Frage der Perspektive

Im Freistaat Sachsen die Reformation mit der willkürlich gewählten Zäsur 1517 festzusetzen, entbehrt schon ein wenig die Grundlage zur Diskussion über die Reformation. Das heutige Sachsen befindet sich auf dem ehemaligen Territorium des Herzogtums Sachsen, das erst nach dem Tod Georg des Bärtigen 1539 unter Landesherrn Moritz die Reformation einführte. Zuvor wurden hier Protestanten strikt verfolgt. Auch in Leipzig herrschte eine gegenreformatorische Agitation gegen die lutherische Idee. Spitzelei, Landesausweisungen und Schwert waren die Mittel gegen Lutheraner.
Dagegen reiften zum Zeitpunkt der Verfolgungen von Protestanten durch Herzog Georg im Kurfürstentum Sachsen und im Herzogtum Heinrichs von Sachsen bereits reformatorische Ideen zum politischen Handeln. Das Herzogtum Georgs, das nach seinem Ableben das der Kurfürsten Moritz und August wurde, ist ein Nachzügler, aber für kurze Zeit auch ein Katalysator für die Reformation. Aber dicke feiern – gebürt das eher nicht Sachsen-Anhalt?

Boulevard-Geschichtsvermittlung mit viel Tannengrün

Auf Schloss Hartenfels gebärdet die Schau sich zu einem Boulevard aus einem Verweis einer „prunkvollen Hochzeit“ zwischen August und Anna von Sachsen im Jahr 1548, Martin Luther als indirekter Trauzeuge, weil er vier Jahre vorm Fest die Schlosskapelle der Torgauer Feste als reformierte Kirche weihte. Die Sachsen und ihr verblichenes Fürstenhaus – eine Soap-Opera vorm Tannengrün der Geschichte. Weist man doch dem jungen Kurfürsten August doch wertvollere Verdienste zu als nur eine Frau geheiratet und mit ihr Kinder gezeugt zu haben: „Sein Verdienst ist es, die lutherischen Lehren nachhaltig gefestigt zu haben“, heißt es von den Ausstelungsmachern. Klar, ist so. Dennoch tappen Historiker gleich reihenweise blauäugig in die Zuschreibungsfalle zur Entstehung des Augsburger Religionsfriedens, wenn man denkt, dass August dafür verantwortlich gewesen sei, dass im Augsburger Religionsfrieden das Zusammenleben von Protestanten und Katholiken im Reich gesichert wurde. Natürlich hat er den Frieden mit unterzeichnet.

Lucas Cranach d.Ä., Hofjagd, um 1540, John L. Severance Fund, Cleveland Museum Of Art
Lucas Cranach d.Ä., Hofjagd, um 1540, John L. Severance Fund, Cleveland Museum Of Art

Die Vorarbeit leisteten ganz andere Typen

Allen voran Moritz von Sachsen, der die sächsische Kurwürde des Kaisers Karl V. und die Kurgebiete zugesprochen bekam, weil der „Judas von Meißen“ im Schmalkaldischen Krieg an der Seite des Habsburgers gegen die Protestanten kämpfte. Berechnendes Kalkül war es, dass er zur Kurwürde aufsteigen wollte, um ein stärkeres Mitspracherecht unter den Kurfürsten zu bekommen. Nach dem gemeinsamen Ritt mit dem Kaiser sicherte er beim „Geharnischten Reichstag“ von Augsburg 1547/48 den vorläufigen Konfessionsfrieden – das Augsburger Interim. Als Sprecher des Fürstenstandes bot er Kaiser Karl V. in konfessionellen Fragen die Stirn. Er war es, der die protestantischen Fürsten zusammen mit dem französischen König Heinrich II. gegen den Habsburger zu Felde führte. Das Motto fürstliche Libertät, immerwährender Religionsfriede, Solidarität mit den vom Kaiser gefangenen Fürsten Philipp von Hessen und Johann Friedrich von Sachsen, könnte fast schon ein rebellisch-aristokratische Vorläufer der Revolution von 1789 sein. Mit dem Konfessionskonflikt tarnten Moritz und seine Standesgenossen aber einen anderen, viel längeren Konflikt. Ihnen ging es um die Souveränität ihrer Territorien gegenüber den Habsburgern. In den Konfessionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts stecken die Wurzeln des Nationalismus und die Entstehung der Nationalstaaten im 18. und 19. Jahrhundert.

Die innere Konsolidierung – Augusts Verdienst

Von Kurfürst August war damals nicht die Rede. Er trat von 1553 bis 1586 in Erscheinung – nach dem Tod von Moritz. Sein Bruder August zeichnete sich für die Einigung der lutherischen Kirche verantwortlich. August „erbte“ die Probleme, die zu seinem Antritt als Fürst ungelöst blieben – Religionsfrieden und innerer Frieden. Gründe für den „inneren Religionszwist“ waren die theologischen Ausrichtungen der Universitäten von Leipzig und Wittenberg sowie Jena. Die Spannungen zwischen ihnen rühren daher, dass Leipzig und Wittenberg den Lehren Philipp Melanchtons nachgingen, Jena hingegen die des Matthias Illyricus’ – Melanchtons schärfstem Gegner. Wieder mal geht es um die Reinheit der Konfession und die Abendmahlslehre. Dennoch erfolgte unter August, trotz Gefährdung, der Aufbau und Festigung der lutherischen Landeskirche.

Ein wenig Nostalgie auf Sächsisch

Der Anfang dieser Konflikte und regen Geschichten wurde zwar mit 1517 gesetzt. Doch ein Grund zum Feiern ist er für den heutigen Freistaat Sachsen dennoch nicht. 1517 war die Zäsur für Verfolgungen der Protestanten, bis die Reformation tatsächlich erst 1539 begonnen wurde, einzuführen. Eine Reformationsfeier, bezogen auf 1517, sicher nur eine Frage der Perspektive.
Das Zeigen hochherrschaftlicher Gegenstände demonstriert nur den Prunk eines Adelshauses, das konfessionelles Engagement mit Territorialpolitik zu verknüpfen verstand – nicht mehr, und auch nicht weniger. Seltsam nur, dass die sächsische Ausstellungskultur stärker auf das Wirken der Albertiner im ausgehenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit fokussiert zu sein scheint, und weniger auf tatsächlich revolutionäre Ereignisse, wie den Revolutionen von 1830, 1848 und 1989.
Gerade im Hinblick auf 1830 läuft in Stuttgart eine Ausstellung zur Satire und Pressefreiheit im 19. Jahrhundert. Themen, für die die Sächsische Regierung sich in den vergangenen Jahren weniger rühmen durfte. Da sehnt man sich doch schnell in die goldenen Zeiten als Sachsen noch als „glanzvoll“ dastand. Ein bisschen dürftig für eine kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und dem Heute.

Torgau Schloss Hartenfels
Luther und die Fürsten
15. Mai bis 31. Oktober 2015

  1. Hat dies auf Leipziger Kulturgeschichten rebloggt und kommentierte:

    Von Leipzig nach Dresden – halbe Strecke: Torgau. Martin Luther & der Adel. Ein ausgelutschte Geschichte. Jede Menge Vitrinen, alte Schinken und viel Boulevard. Eigentlich ein Weg, den man sich sparen kann. Der Rest steht auch nicht besser vermittelbar in den Geschichtsbüchern. Eigentlich nervt die ewige Lutherei.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s