Ein Kabinettstück für Cranach – Wie entsteht ein Gemälde?

Herzog Georg der Bärtige von Sachsen, um 1534, Öl auf Holz (Foto: MdBK/Presse)
Lucas Cranach d.Ä., Herzog Georg der Bärtige von Sachsen, um 1534, Öl auf Holz (Foto: MdBK/Presse)

Die Werkstatt der Cranachs besaß einen hervorragenden Ruf. Das sächsische Herrscherhaus, der Kardinal Albrecht von Brandenburg, Reformatoren und Bürger ließen sich im 16. Jahrhundert Bilder von ihnen anfertigen. Über die Zeit gelangten viele dieser Bilder aus privater Hand in die öffentlichen Sammlungen. Das Museum der Bildenden Künste Leipzig besitzt 18 Gemälde, zehn Zeichnungen und 59 Druckgrafiken. Ein beeindruckender Bestand, der mit einer Kabinettausstellung bis Ende November zeigen soll, wie die sächsischen Renaissancemalerfürsten arbeiteten.

Ein Jahr Arbeit an der Wand

Nicht vielen Künstlern wird so viel Ehre zuteil. Lucas Cranach der Ältere und der Jüngere erleben in diesem Jahr ihre eigene Renaissance. Mit Recht können sie in einer Reihe mit Leonardo da Vinci, Raffael, Rembrandt und Albrecht Dürer genannt werden. 2015 ist bespickt mit Ausstellungen rund um die Malerfamilie aus Sachsen. Anlass für den Rundumschlag ist der 500. Geburtstag Lucas Cranachs des Jüngeren. Die Malerfamilie im Dienste des Kurfürsten von Sachsen betrieb in Wittenberg eine Manufaktur. Sie saßen nicht einsam im Atelier, sie unterhielten ein Familienunternehmen. Man riss sich förmlich um ihre Werke. Über 5.000 Arbeiten sollen Wittenberg verlassen haben. Über einen Mangel an Aufträgen haben sie sich nicht beklagen müssen. Um die Auftraggeber soll es aber in der aktuellen Ausstellung „Cranach – Von der Idee zum Werk“ nicht vorrangig gehen. Vielmehr geht es dem Leipziger Bildermuseum um die Veranschaulichung wie die Reformationskünstler arbeiteten. Im ersten Obergeschoss des Beton- und Glaskubus am Sachsenplatz haben Gemälde- und Grafiksammlung einige Schätze zum Vorschein gebracht. Bei der Schau geht es um die Frage, warum die Künstler der Renaissance ihre Werke schufen und vor allem wie.

Ein Mann ist für das Wie zuständig. Rüdiger Beck ist Chefrestaurator des Museums der Bildenden Künste. Er steht am 3. September, umringt von einer Presseschar, im Werkstattraum der Kabinettausstellung, die bis zum 15. November Einblicke über das Schaffen der Cranachs, aber auch zum Wirken der Restauratoren des Bildermuseums geben soll. Dort werden Forschungsergebnisse präsentiert, die in Folge der Restaurierung des 1518 für nachweislich 60 Gulden geschaffenen Altarbildes „Die Heilige Dreifaltigkeit“ erzielt wurden. Fotos zeigen, wie fleckig und teilweise zerstört die Oberfläche des vom Leipziger Schützenbrüderschaft in Auftrag gegebenen Werkes war. Weitere Abbildungen verdeutlichen auch, dass Gemälde von 1993 bis 1994 aufwendig restauriert wurde. Ein Jahr harte Arbeit, wie aus den Abbildungen und Ausführungen des Chefrestaurators hervorgeht.

Kunstgeschichte ist mehr als nur eine Hilfswissenschaft

Historiker degradieren Kunstgeschichte gern als Hilfswissenschaft. Dabei ist die spezielle Beschäftigung mit der Geschichte der Kunst weitaus mehr als eine rein auf Beschreibung und Vergleichen reduzierte Wissenschaft. Kunsthistoriker wie Hans Belting und Willibald Sauerländer stellten heraus, dass es zur Kunstgeschichte mehr bedarf als schöne Worte zu verlieren. Zu den Methoden der Befundsicherung und Quellenrecherche gesellten sich neue Verfahren hinzu. Seit 2011 ist das Museum der bildenden Künste Leipzig eine Partnerinstitution des weltweit angelegten Projekts “Cranach Digital Archive”. Man setzt sich das Ziel sämtliche Gemälde und Zeichnungen aus der in Wittenberg einst ansässigen Manufaktur mit Hilfe von Infrarotaufnahmen, UV-Aufnahmen, Röntgenaufnahmen zu untersuchen. So will man mehr über die Maltechniken in der Werkstatt erfahren. Beck verweist auf einen Bildausschnitt aus dem Gemälde „Dreifaltigkeit“. Durch so eine Infrarotuntersuchung konnte man feststellen, dass Cranach der Ältere selbst Hand angelegt hatte. Für die Annahme sei der typische Pinselschwung, bei dem die gezeichneten Gesichtspartien mit Endhäkchen vom „Alten“ ausgeführt wurden, beweiskräftig. Anhand der neuen Technologien versuchen Forscher an den   Unterzeichnungen festzustellen, welche Veränderungen während des Malvorganges sichtbar werden. Änderte der Meister über einen Zeitraum seine Handschrift, welche Methoden wandte er an?

Nicht jedes Gemälde versah Cranach mit einer eigenen Unterzeichnung. Manchmal wurden die Gesichter, wie beim Bildnis des Königs von Dänemark, mit einer Schablone auf den Untergrund gebracht, dann nachgemalt und so vervielfältigt. Vor allem war das der Fall, so der Restaurator, wenn man Bilder in hoher Stückzahl malen wollte. Eins verrät der Restaurator auch. Die Werke wurden ausnahmslos auf Rotbuche oder Linde gemalt, die weiße Grundierung bestand aus Kreide und Knochenleim. Alle Gemälde hatten eine Unterzeichnung, was schon sehr viel verrät über die Werkstatt, die in flottem Tempo bestellte Bildmotive abarbeitete.

Hohes Tempo – eine Frage des Wie

„Quellen belegen, dass die Cranachs zehn Gesellen hatten“, bekräftigt der Chefrestaurator. Denn allein konnten Vater und Sohn den gewaltigen Ausstoß an Grafiken und Gemälden nicht bewältigen. Hinzu kommen noch die Lieferanten, die für das Schreinern und Zusammenfügen der Holztafeln zuständig waren sowie die Druckwerkstätten. „Die Forschung geht davon aus, dass nur mit einer klaren Arbeitsaufteilung und -disziplin es möglich war, dass große Flügelaltäre, wie die vom Kardinal Albrecht von Brandenburg in Auftrag gegebene und für die Stiftskirche in Halle gedachte Retabeln, innerhalb eines Monats fertig waren – inklusive Vorbereitungsphase.“ Daher geht man in der Forschung aus, dass die Cranachs einen Vorrat an beschichteten Maluntergründen in der Werkstatt besaßen, so Beck weiter.

Wenn auch mehrere Leute an einem Gemälde gearbeitet haben, so mindert das laut Beck nicht dessen Echtheit. „Ein Cranach ist echt, solange er aus seiner Werkstatt kommt.“ Das heißt, dass der Meister den Gesellen vorgab, wie ein Bild angefertigt werden soll – vom ersten Arbeitsschritt des Grundierens bis zum letzten Firnißauftrag. „Das war ein ganz strenger Fahrplan. Keine konnte sagen, dass man von einem bestimmten Farbauftrag abweicht.“ Weil die Malerfamilie angesichts der Auftragsflut seine Arbeiten zu Ende bringen musste er sich technisch und personell Lösungen einfallen lassen. So setzten sie die Gesellen ein, wie sie sie brauchten: zum Malen des Himmels, der Hände, des Gewands und der Haare. „Aber sie behielten sich bei verschiedenen Aufträgen vor, das Porträt selbst zu malen.“ Beim Bildnis Herzogs Georg dem Bärtigen sei der ältere Cranach so vorgegangen. Beck zeigt auf das Gemälde des Landesfürsten. Daneben hängt ein Beispiel, wie die Momentaufnahme aufgebaut wurde. Streifen für Streifen wird klar, wie der Malerfürst das Werk Schritt für Schritt von Grund auf anfertigte. „Anhand dieses Bildes wird deutlich, dass es Unterschiede in den Ausführungen von Gesicht, Oberkörper und Hand gibt. Daraus können wir die Arbeitsteilung schließen. Trotzdem setzt er sein Schlange drauf und signiert mit der Cranachwerkstatt.“

Becks Verfahren zur Nachbildung dieses Porträts verdeutlicht auch etwas anderes. Das Kunstwerk wäre nach Becks Methode mit dem Schlußfirniß innerhalb einer Woche fertig gewesen. Der Restaurator betont aber auch, dass die Gemälde bei der Fertigstellung bereits trocken und deswegen auch schon transportfähig waren.

Eine schrecklich strenge Familie

Eigentlich sollte der ältere Sohn den Betrieb übernehmen. Aber Hans Cranach starb nach seiner Italienreise an den Folgen einer schweren Krankheit. Lucas Cranach d.J. übernahm die Manufaktur, hielt sich – solange Lucas Cranach d.Ä. noch lebte – genau an den Fahrplan seines Vaters. „Nach seinem Tod hat der Jüngere sich freigestrampelt. Deswegen sind die Arbeiten von ihm bis zum Tod seines Vaters fast nicht von denen seines Vaters zu unterscheiden“, weiß Restaurator Beck zu berichten. Lucas Cranach d.Ä. schien mit strengem Regiment auf die Handwerkstechnik zu achten.

Deswegen tauchen gerade bei den Grafiken oft Zuschreibungsprobleme auf. Das wird besonders an einem Beispiel deutlich, das noch während der großen Landesausstellung über Cranach den Jüngeren in Wittenberg gezeigt wird. Die 13 Porträtzeichnungen, die als Leihgabe des Musée des Beaux-arts aus Reims (Frankreich) nach Wittenberg gekommen sind, wurden zunächst dem Vater Cranach zugeschrieben. Neueste Forschungen sollen aber zeigen, dass alle Zeichnungen von der Hand Cranach des Jüngeren stammen. Auch das MdBK verweist in seiner aktuellen Ausstellung bei einer Grafik auf so ein Zuschreibungsproblem.

„Nach dem Ableben des Vaters wurden die Gemälde des Jüngeren viel luftiger und rosiger“, erläutert Beck außerdem über die malerischen Freiheiten des jüngeren Cranachs, „er war nicht mehr so perfekt im Anfertigen der Unterzeichnung, arbeitete sozusagen ‚luschiger’. Der Jüngere verwendete fürs Wappen Vogelflügel während der Vater Fledermausflügel verwendete.“ Über den Tod des jüngeren Cranachs hinaus wurde zwar der Betrieb mit der für die Cranachs typischen Maltradition fortgeführt. Aber mit dem frühen Tod des Sohnes Augustin 1595 endete der Werkstattbetrieb.

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