NS-Vergangenheit als Kunst – 36 Programmhefte aus der Nazi-Zeit im Haus der Geschichte

Tacita Dean "Regimentstocher" (Foto: Haus der Geschichte Bonn / Presse)Tacita Dean "Regimentstocher" (Foto: Haus der Geschichte Bonn / Presse)Tacita Dean "Regimentstocher" (Foto: Haus der Geschichte Bonn / Presse)
Tacita Dean „Regimentstocher“ (Foto: Haus der Geschichte Bonn / Presse)

Sie sehen aneinandergereiht wie ein modernes Kunstobjekt aus. Die 36 Opernprogrammhefte sind einzeln betrachtet keine Kunstwerke. Dennoch machte die britische und in Berlin lebende Künstlerin Tacita Dean aus ihnen ein Kunstwerk. „Die Regimentstochter“ nennt sie die Installation, die am 1. September im Haus der Geschichte in Bonn von Kulturstaatsministerin Monika Grütters der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

„Ein Zufallsfund inspirierte Tacita Dean zu ihrem Kunstwerk“, teilt das Haus der Geschichte mit. „Auf einem Berliner Flohmarkt entdeckte sie im Jahr 2000 36 Opernprogrammhefte aus den Jahren 1934 bis 1942. Auffällig waren die Titelblätter: Aus jedem der Hefte war ein Teil herausgeschnitten, darunter auch aus dem Programm der namensgebenden Oper „Die Regimentstochter“ von Gaetano Donizetti (Uraufführung 1840).“ Besagter Teil der Titelblätter jener Hefte war dem Hakenkreuz-Symbol vorbehalten. Das schnitten die Vorbesitzer aus. Warum, das lässt sich nur mutmaßen, so das Haus der Geschichte weiter. „War es Scham, die Angst sich strafbar zu machen oder vor dem Ende des Nationalsozialismus sogar ein „privater“ Akt des Widerstehens? Die Programmhefte scheinen in jedem Fall für den ehemaligen Besitzer von hohem kulturellem Wert gewesen zu sein.“
„Was immer die Motive waren, die den Besitzer oder die Besitzerin der Programmhefte der Berliner Opern aus den Jahren 1934 bis 1942 zur Schere hat greifen lassen, um die nationalsozialistischen Hakenkreuze vom Deckblatt der Hefte zu entfernen: Aus den Leerstellen spricht der Wunsch, abzuschließen mit einer Zeit, an die man nicht erinnert werden möchte – ein Grundmotiv deutscher Nachkriegsgeschichte, das einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Zeit des National-sozialismus lange im Weg stand“, erklärte die Kulturstaatsministerin.
Mit ihrem Werk stellt Tacita Dean Fragen nach der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Welches Motiv dahinter stand und wem die Hefte gehört hatten, bleibt bis heute offen. Tacita Dean hat aus diesen Fundstücken ein Kunstwerk geschaffen, das subtile Fragen nach der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit stellt − jedoch auf eine Art und Weise, die über die rein historische Reflexion hinausgeht und zusätzliche Assoziationen weckt. Was sagt das von der aus Canterbury stammenden Künstlerin geschaffene Objekt wiederum über das Verhältnis von Kunst und Politik aus? „Lassen sich die Opernerzählungen trennen von dem politischen Umfeld, in dem sie aufgeführt und gespielt wurden?“, fragt der Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Prof. Dr Hans Walter Hütter.
Monika Grütters weiter: „Dass der dunkle Teil unserer Identität durch Verschweigen und Verdrängen nicht verschwindet und dass er selbst dort wieder sichtbar wird, wo man ihn zu tilgen trachtete, zeigt eindrucksvoll Tacita Deans Arbeit ‚Regimentstochter‘. Deshalb begrüße ich es sehr, dass dieses einmalige Kunstwerk einen Platz in der Sammlung bekommt, in die es angesichts seiner zeitgeschichtlichen Bedeutung unbedingt gehört – einen Platz im Haus der Geschichte, das wie kein zweites Museum in Deutschland die deutsche Geschichte ab 1945 in all ihren Facetten illustriert und sich dabei auch den Auswirkungen des Nationalsozialismus auf das politische und kulturelle Leben im Nachkriegsdeutschland widmet.“
Im Haus der Geschichte wird das Kunstwerk zunächst im Rahmen der Reihe „Das aktuelle Objekt“ gezeigt. Tacita Dean, geb. 1965 in Canterbury, studierte Kunst u.a. in London und erhielt im Jahr 2000 ein Stipendium in Berlin, wo sie seitdem lebt und arbeitet. Seit dem vergangenen Jahr ist sie als Artist in Residence am Getty Research Institute in Los Angeles tätig. In ihrer Kunst widmet sie sich der Malerei, dem Druck und der Fotografie ebenso wie Klanginstallationen und insbesondere Filmen. Ihre Arbeiten waren in Einzelausstellungen u.a. in der Tate Britain, dem Solomon R. Guggenheim Museum und in der Fondazione Nicola Trussardi in Mailand zu sehen. Zur Präsentation der „Regimentstochter“ erscheint eine bebilderte, 60-seitige Broschüre mit einem einführenden Beitrag von Dr. Friedrich Meschede, Direktor der Kunsthalle Bielefeld, und einem Interview mit Tacita Dean. Sie ist für 9,80 Euro über den Museumsshop des Hauses der Geschichte zu beziehen. Das HdG wird vollständig aus dem Etat der Kulturstaatsministerin – in diesem Jahr mit einem Betrag in Höhe von über 22 Millionen Euro – finanziert.

Weitere Informationen unter Haus der Geschichte und Kulturstaatsministerium

2 Antworten auf “NS-Vergangenheit als Kunst – 36 Programmhefte aus der Nazi-Zeit im Haus der Geschichte”

  1. Hat dies auf Leipziger Kulturgeschichten rebloggt und kommentierte:

    Tacita Dean ist Britin und lebt in Berlin. Sie fand auf einem Flohmarkt 36 Opernhefte aus der Nazizeit wo das Nazi-Emblem ausgeschnitten war – Sie stellte die Hefte zu einem Kunstobjekt zusammen und seit 1. September sind sie in einer Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen. Daher ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Ausstellung „Das aktuelle Objekt“ mit der Installation „Die Regimentstochter“ im Leipziger Zeitgenössischen Forum zu sehen ist.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s