Geschichte als Sensation – Meisterwerke der französischen Romantik im MdBK

Von Daniel Thalheim

Eugène Delacroix und Hippolyte Delaroche gelten als Historienmaler. Beide Maler sind gewissermaßen die Ikonen der Malerei der Französischen Revolution und seinen Nachbeben. Dass sie mehr als nur Dokumentare ihrer Zeit waren, sondern auch Romantiker, fragt die kommende Ausstellung über zwei großen Franzosen der Proto-Moderne im Museum der Bildenden Künste in Leipzig nach.

Der unromantischste Romantiker

Eugène Delacroix (1798 – 1863) und Hippolyte Delaroche (1797 – 1856) könnten gegensätzlicher nicht sein. Während Delacroix wegen seiner freizügigen Maltechnik als Vorreiter des Französischen Impressionismus und somit der Moderne gilt, steckt Delaroche wegen seiner akademischen Disziplin noch tief im Klassizismus fest. Beide Künstler gelten bei Kunsthistorikern als Vertreter der Französischen Romantik. Das sagt auch das Museum der Bildenden Künste in Leipzig, das ab Oktober beide Maler in einer Ausstellung gegenüberstellt. „Unter dem Einfluss der romantischen Strömung in der Literatur und der sich konstituierenden Geschichtswissenschaft stellten beide Maler die emotionale Wirkung von Geschichte in den Mittelpunkt“, heißt es in der jüngsten Mitteilung des Bildermuseums zur kommenden Bilderschau. Dabei lehnte Delacroix zeitlebens ab, zur romantischen Strömung zugeordnet zu werden, obschon seine Zeitgenossen sein Schaffen in denselben Topf warfen, wo sich bereits einige deutsche und britische Vertreter des kulturgeschichtlichen Epochenabschnitts, der sich aus dem lateinischen „lingua romana“ speist, sich aus dem französischen Usus ins Deutsche als „romanhaft“ herrüberrettete und durch den deutschen Dichter, Philologen und Philosophen Karl Wilhelm Friedrich Schlegel (1772-1829) im Literaturbegriff „romantisch“, und somit auch in der Malerei als solche, niederschlug, befinden. Aber romantisch waren Delacroix’ Werke nie, zumindest nach deutschem Verständnis mit Blick auf deutsche Maler wie Carl Gustav Carus (1789-1869), Caspar David Friedrich (1774-1848) und Philipp Otto Runge (1777-1810) mit ihren entrückten Darstellungen.

Eugéne Delacroix, Junge Frau von einem Tiger attackiert, Öl auf Leinwand, 1856, Staatsgalerie Stuttgart
Eugéne Delacroix, Junge Frau von einem Tiger attackiert, Öl auf Leinwand, 1856, Staatsgalerie Stuttgart Presse (2015 ff.)

Romantische Realität

Romanhaft werden die Werke von Delacroix und Delaroche insofern bezeichnet, weil beide Themen aus Literatur, Religion und Geschichte verarbeiteten. Aber Zunftgenossen, die einhundert oder dreihundert früher als die beiden Franzosen wirkten, hatten denselben Anspruch für sich erhoben, mit Akribie Stoffe aus der Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verschmelzen, erfanden Blumenbilder, ließen Faunen und Feen über Wiesen streifen und malten Landschaften. Die Romantiker schafften es, die Natur und den Mensch auf besondere Art zu erhöhen und so ureigene Stimmungen zu erzeugen. Delacroix aber verarbeitete zudem zeitgenössischen Stoff in seinen Bildern. Auch das unternahm er mit der Glorie des Pathos, des Heroenhaften. Seine Revolutionsikone „Die Freiheit führt das Volk“ von 1830 ist so in den Gewehrsalven der Revolution im selben Jahr entstanden und auch als Kommentar zu den blutigen Revolutionstagen zu verstehen. Delacroix’ Gemälde ist sein politisches Statement für die Französische Republik und gegen das, nach der endgültigen Verbannung Napoleons, wieder etablierte System des Königsgeschlechts der Bourbonen. Trikolore und Jakobinermütze stehen für die Revolution 1789.
41 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille sorgten diese Symbole erneut für den Sturz der Bourbonen. Doch nur halb. Der eingesetzte Bürgerkönig Louis-Philippe – ebenfalls ein Bourbone – galt zwar als revolutionstreu, sein Vater stimmte für die Hinrichtung Ludwigs XVI., aber mit seiner Ernennung zum Bürgerkönig 1830 schwanden die hehren Ziele bis Louis-Philippe während der Februarrevolution 1848 ebenso gestürzt, ins Exil geschickt und die Zweite Republik errichtet wurde. Delacroix’ Revolutionsgemälde wurde seit seiner ersten Ausstellung nur selten gezeigt. Erst seit 1863 wird es dauerhaft ausgestellt. Die Juli-Revolution von 1830 blieb so auch im Bildgedächtnis der Kunstgeschichte erhalten. Sensationsheischend war der Künstler trotz seiner Gewaltdarstellungen, „Der Tod des Sardanapal“ und „Inderin, von einem Tiger zerfleischt“ sicherlich nicht – nur geschichts-, realitäts- und literaturtreu. Delacroix‘ Skizzenbücher, die während seiner reise durch die Maghreb entstanden, stehen im Licht des Realismus und des erlebten Historismus, wie 2018 eine Dokumentation über den französischen Maler erzählt. Delacroix begab sich mit seinen Reisen auf die Suche nach der Schönheit der römischen Antike, die ihm zufolge noch in den orientalischen Ländern zu finden sei. Seine Skizzenbücher, seine Ölskizzen gleichen dem, was andere Künstler vor ihm auch unternahmen, um Eindrücke in großartige Bilder zu bannen und die späteren Impressionisten zur hohen Kunst erhoben.
Delaroche gehörte er einer Schule an, die den Erzählstoff – so drastisch und dramatisch er auch inszeniert wurde – verhaltener darstellten. Anders als Delacroix, und sein britischer Zeitgenosse William Turner (1775-1851), die mit dem Hervorheben der Farbtonwerte einen Fingerzeig in Richtung Zukunft der Malerei schufen, gilt Delaroche als Klassizist. Ihn als Romantiker zu bezeichnen, wäre zuweit ausgeholt. Weniger romantisch ist hierbei die Tatsache, dass der französische Chemiker Michel-Eugéne Chevreul (1786-1889) ab 1828 als Farbtheoretiker in Erscheinung trat und mit seinen Schriften vor allem die Neo-Klassizisten um Horace Vernet und Hippolyte Delaroche beeinflusste. Delacroix interessierte sich erst ab 1850 für Chevreuls Theorien. Tatsächlich änderte sich die Malerei des als Vorreiter des Impressionismus bezeichneten Künstlers seitdem. Ihm ging es um das Malen mit unmodulierten Farbtönen, wie man es aus dem Kunsthandwerk kennt. Zuvor war Malerei von Hell-Dunkel-Kontrasten geprägt, eben wie sie Ingres und Delaroche umsetzten. Kurz gesagt, bei Delacroix geht um die Reinheit der Farbigkeit und dem Material der Farbe überhaupt. Das ist auch der entscheidende Punkt, warum später die Impressionisten so malten wie sie malten: die Farb- und Tonwerte verhalten sich absolut gleichrangig zueinander, weswegen die Lichtwerte auch so echt und flimmernd wirken. Mit Romantik hat das Malen mit reinen Farben demzufolge nichts zu tun.

Franzosen in Klein-Paris

Leipzigs Kunstmuseum stellt mit seiner kommenden Ausstellung erstmals das Werk von Hippolyte Delaroche in Deutschland vor. Die Gegenüberstellung mit seinem Zeitgenossen Eugène Delacroix ermögliche laut dem MdBK einen außergewöhnlichen Einblick in die als romantisch bezeichnete Malerei aus Frankreich. Es ist nicht ganz richtig, wie das MdBK ankündigt, dass Delaroche heute nahezu in Vergessenheit geraten ist aber sein Werk von den Zeitgenossen für seinen erstaunlichen Realismus in der Wiedergabe historischer Ereignisse weitaus mehr gefeiert wurde. Delacroix bekam viele Ehrungen, galt aber auch als zurückgezogen. Delacroix war es auch, der nahezu mit staatlichen Aufträgen überhäuft wurde. Seine Gemälde wurden aber wegen ihrer Dramatik heftiger diskutiert. Delaroches Arbeiten wurde hingegen bestaunt.
Mit über 35 Gemälden, 50 Zeichnungen sowie 50 Grafiken von zahlreichen Museen in Frankreich, Deutschland, Holland, England und Dänemark will „Eugène Delacroix und Paul Delaroche – Geschichte als Sensation“ eine neuartige Perspektive auf die französische Malerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bieten. Leihgeber und Kooperationspartner sind u.a. das Musée du Louvre in Paris, das Musée des beaux Artes des Nantes und die Kunsthalle Bremen. Was aber neuartig – außer dem Präsentieren Delaroches Arbeiten und seiner Gegenüberstellung mit Delacroix – sein soll, verbirgt die Ausstellungsbeschreibung jedoch. Aber es könnte sein, dass den Klein-Parisern gezeigt werden soll, dass die europäische Romantik ein heterogeneres Bild abgibt als man es aus deutscher Perspektive wahrhaben will.

Das Leipziger Bildermuseum am Augustusplatz (Foto: frei)
Das Leipziger Bildermuseum am Augustusplatz (Foto: frei)

Französische Kunst – gesammelt von einem Leipziger

Seine Faszination für französische Malerei muss aus der Zeit der Befreiungskriege gekommen sein. Als Angehöriger der sächsischen Freiwilligenarmee kämpfte Adolf Heinrich Schletter (1798 – 1853) 1813 zwar gegen napoleonische Truppen, aber der Leipziger entwickelte nicht nur als Seidenhändler ein Faible für Frankreich. Zwischen 1839 und 1853 trug er neben einer bedeutenden Samlung altdeutscher Meister auch Werke französischer Maler zusammen. 1845 erwarb er direkt von Hippolyte Delaroche dessen Bild von Napoleon Bonaparte zu Fontainebleau am 31. März 1814 nach Empfang der Nachricht vom Einzug der Verbündeten, das noch heute im Besitz des Museums der Bildenden Künste Leipzig ist. „Die infolge vieler geschäftlicher Reisen erlangte Kenntniß der französischen Verhältnisse und eine stark ausgeprägte Hinneigung zu dem zeitgenössischen französischen Kunstleben brachten es mit sich, daß er für seine Gallerie mit besonderer Vorliebe Gemälde französischer Meister erwarb“, schreibt die Allgemeine Deutsche Biographie bereits 1890 über den Sammler. Sein Verdienst war es auch, dass Leipzig sein erstes Kunstmuseum bekam. „Laut letztwilligen Vermächtnisses vermachte er seine ganze reichhaltige Sammlung von Oelgemälden älterer und neuerer Meister, von Sculpturen u. s. w. der Stadt Leipzig, zugleich mit einem auf 40—50 000 Thaler Reinwerth veranschlagten Hausgrundstücke, und zwar unter der Bedingung, daß längstens binnen fünf Jahren, von seinem Tode an gerechnet, ein geeignetes Local für das mit seiner Sammlung vereinigte städtische Museum beschafft und eingerichtet werde, widrigenfalls seine Kunstschätze der königlichen Gemäldegallerie in Dresden, das Grundstück aber seinen Erben zufallen solle.“
1854 wurde der Bau ausgeschrieben, das Geld vom Stadtrat bereitgestellt und der Münchner Architekt Ludwig Lange (1808-1868) mit dem Entwurf und dem Bau des Kunstmuseums beauftragt. 1858 wurde das Gebäude am heutigen Standort des Gewandhauses am Augustusplatz eingeweiht. Schletters Sammlung mit 89 Gemälden und acht Skulpturen bildete den Grundstock der Sammlung des Leipziger Museums.

Fußnoten

Der in Kooperation mit dem Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Leipzig entstandene Katalog enthält Beiträge von Sébastien Allard, Stephen Bann, Kristin Bartels, Thierry Laugée, France Nerlich, Jan Nicolaisen und Martin Schieder sowie ein Gesamtverzeichnis der Schletter-Sammlung. Der Band mit 384 Seiten und zahlreichen Farbbildungen erscheint im Michael Imhof Verlag und ist im Museumsshop sowie im Buchhandel [€ 49,95] erhältlich.
Ausstellung, Katalog sowie die wissenschaftliche und konservatorische Aufarbeitung der Schletter-Sammlung werden von der Kulturstiftung der Länder, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Sparkasse Leipzig, der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Hermann Reemtsma-Stiftung unterstützt.
Ausstellungsdauer: 11. Oktober 2015 bis 17. Januar 2016

  1. Hat dies auf Leipziger Kulturgeschichten rebloggt und kommentierte:

    Die kommende Ausstellung im Museum der Bildenden Künste widmet sich den beiden Großen der französischen Malerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein wenig hinkt der Vergleich mit der Romantik bei Delaroche und Delacroix. Vielmehr müsste man die farbtheoretischen Kenntnisse der beiden Künstler, die in der Hinsicht unterschiedlicher Auffassung waren, vergleichen. Dann wird es auch mit Delacroix als Vorreiter der Modernen Malerei. Was Francisco di Goya für Spanien war, William Turner für Großbritannien und Runge für Deutschland, das war Delacroix für Frankreich. Mal sehen ob die 384 Seiten des Katalogs wirklich alle Forschungsergebnisse mit einschließen, und nicht wieder von „Romantik“ rascheln.

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