Maler der Maler – Velázquez als Wegbereiter der Moderne

Alte Frau beim Eierbraten, 1618  Edinburgh, National Gallery of Scotland
Alte Frau beim Eierbraten, 1618
Edinburgh, National Gallery of Scotland

Wer war Diego Velázquez? Der spanische Maler des 17. Jahrhunderts war einerseits ein stiller Beobachter des menschlichen Zusammenlebens, bildete die königliche Familie ab, erzählte Geschichten aus der Antike. War Velázquez mehr als nur ein Auftragsmaler im Dienste des Adels? Kann der Spanier als Impulsgeber für die Kunstströmungen der Moderne sein? Diese und mehr Fragen versucht derzeit eine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien und ein pompöser Backstein aus der Feder der Velázquez-Forscher José López-Rey und Odile Delande zu beantworten. (Von Daniel Thalheim)

Es war ein sonniger Oktobertag, als Königin Letizia von Spanien nach Wien kam. Was war der Grund ihres Kommens? Zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum widmete die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums dem spanischen Maler Diego Velázquez (1599–1660) eine Ausstellung. Velázquez hatte zeitlebens nichts mit den Bourbonen gemeinsam, dessen spanischer Stammhalter eigentlich ein Franzose war. Philipp V. (1683–1746) war noch nicht einmal geboren als Velázquez starb. Der Herzog von Anjou übernahm 1700 den spanischen Thron. Seitdem haben die Bourbonen die Königsmacht inne, wohingegen die französische Linie während der Französischen Revolution fast schon wortwörtlich über die Klinge sprang. Die 1615 mit Philipp IV. von Spanien mit Élisabeth de Bourbon (1602–1644) sicherte den Franzosen bis heute die Königslinie, wenn auch nur in Spanien.
Mit Velázquez’ Werk hatten diese Umstände nichts zu tun, aber sein Schaffen beeindruckt Generationen nach seinem Leben eben auch die spanische Königin. Velázquez steht für Spanien. Neben Goya, Salvador Dali und Pablo Picasso ist der in Sevilla geborene Maler der wichtigste Künstler der Iberischen Halbinsel.
Warum ist das so? Die Hauptwerke des spanischen Hofmalers verdeutlichen seine Meisterschaft. Velázquez beherrschte sowohl das damals moderne Küchenstillleben, althergebrachte religiöse und mythologische Themen, betätigte sich aber auch als Historienmaler und Porträtist. Sein bekanntestes Werk ist „La Minenas“, eine Szene, in der der Maler in einem Spiegelbild dem Betrachter gewahr wird, der zugleich eine private Szene des spanischen Königshofes zeigt. Weil seine Bilder nicht nur das höfische Leben zeigen, sondern auch den „kleinen Mann“, das Elend, die Armut und auch die Unzuänglichkeiten der damaligen Ständegesellschaft offenbarten, ebnete er den Weg für den späteren Realismus im 19. Jahrhundert. Der französische Realist Édouard Manet (1832-1883) sagte: „Velázquez ist der Maler der Maler.“
Wie kam es dazu? Velázquez’ Karriere startete zunächst unspektulär. Nach seinem Studium bei Francisco Herrera dem Älteren schuf Velázquez fortan im Auftrag von Kirchen und Klöstern diverse Porträts und Altargemälde. Erst mit der Inthronisierung Philipps IV. von Spanien (1605-1665) wurde Velázquez am Hofe vorstellig. Der Erzherzog von Sevilla, Don Gaspar de Guzman, vermittelte den Kontakt. der adelge Kunstfreund war mit der Thronbesteigung des letzten Habsburgers auf Spaniens Königsstuhl dessen rechte Hand und sein späterer Premierminister. Durch einen weiteren Kontakt öffneten sich dem spanischen Maler neue Horizonte. Kein Geringerer als Peter Paul Rubens empfahl Velázquez eine Italienreise. Der Trip öffnete dem Spanier die Augen. Die Arbeiten von Tizian und Caravaggio schienen seine Arbeit direkt zu beeinflussen. Velázquez fing an, mit warmen und hellen Farben zu arbeiten, spielte mit Perspektiven und Ansichten, Schatten und Licht.
Seinen Höhepunkt sollte er aber erst 1652 erreichen. Sein Porträt der Porträt der Infantin Maria Teresa im Alter von 14 Jahren, welches sich heute in Wien befindet, machte den Anfang. 1656 folgte das Gemälde „Las Meninas, Die Infantin Margareta im Atelier des Velazquez“. Hofzwerge, der noch im Kindesalter verstorbene Infant Philipp Prosper (1657-1661) und weitere Sujets folgten. Sein Blick für die Armut und das Elend seiner Zeit hatte er bereits vor dieserSchaffensphase. Velázquez frühes Werk kann heterogener nicht sein. „Die Alte beim Eierbraten“ entstand 1618, „Die Anbetung der Hl. Drei Könige“ wurde ein Jahr später fertig gestellt, das Bildnis des Herzogs von Olivares (Gaspar de Guzmán, Conde de Olivares) entstand 1624. Nebenbei schuf Velázquez die Figurengruppe „Die Trunkenbolde oder Der Triumph des Bacchus“, begründete seinen späteren Ruhm mit dem Bildnis der Infantin María von Österreich, bildete Don Pedro de Barberana als Mitglied des Calatrava-Ordens ab und zeigte Philipp IV. bereits 1632 als stattlichen Mann, obwohl er, wie alle Habsburger, wegen eines genetischen Defekts alles andere als attraktiv war. Die Dreißiger Jahre des 17. Jahrhunderts waren für Velázquez das Porträtjahrzehnt. Sein Erfolg als Porträtmaler setzte sich im Folgedezennium fort.
In Wien werden andere Bilder von ihm der Öffentlichkeit präsentiert: darunter Arbeiten, wie „Rokeby Venus“, „Apoll in der Schmiede des Vulkan“, die „Anbetung der Könige“, die ergreifenden Bildnisse der Hofnarren wie „Don Juan de Austria“ oder „Calabazillas“. Das Museo Nacional del Prado in Madrid, die National Gallery in London und das Boston Museum of Fine Arts sind die Hauptleihgeber der imposanten Bilderschau im Herzen der österreichischen Hauptstadt. Ein Ausstellungskatalog begleitet die Ausstellung.
Ein anderes Buch ist jedoch der wahre Hingucker. Eingepackt in eine Künstlermappe, veröffentlichte der „Taschen“-Verlag im Herbst viereinhalb Kilo Velázquez-Forschung. Kein geringerer als der inzwischen verstorbene Kunsthistoriker José López-Rey widmete sich zeitlebens den spanischen Künstlern Francisco de Goya und Diego Velázquez. Der Forscher hatte ein bewegtes Leben verbracht, flüchtete nach dem spanischen Bürgerkrieg in die USA, wo er seit 1939 Professor bis zu seiner Emeritierung 1947 am Institut der Schönen Künste in New York war. 1963 erschien der erste vollständige Werkkatalog des Barockmalers Velázquez, gefolgt von der Monographie „Work and World“ 1968. 1979 erschien „Velázquez : the Artist as a Maker with a Catalogue Raisonné of the Extant Works“.

Francisco Pacheco (?) (Detail), 1620–1622  Madrid, Museo Nacional del Prado (Bild: TASCHEN/Museo Nacional del Prado, Madrid)
Francisco Pacheco (?) (Detail), 1620–1622 Madrid, Museo Nacional del Prado (Bild: TASCHEN/Museo Nacional del Prado, Madrid)

Das 2014 erschienene Buch zum kompletten Werk Velázquez’ ist posthum in die Läden gekommen und eigentlich gar nicht so neu. 1996 veröffentlichte der Verlag mit dem Sitz in Köln bereits von López-Rey eine zweibändige Monographie samt Werkverzeichnis. Längst überfällig dann auch der Anspruch, die Velázquez-Forschung auf einen aktuellen Stand zu hieven. Der französische Kunsthändler Guy Wildenstein verfasste das Vorwort zur neuen Ausgabe. Aus seiner Sicht ist der vorliegende Band die „unübertreffbare Zusammenfassung“ und ein Standardwerk über Velázquez. Das Wildenstein-Institut in Paris ist ein Zentrum für die kunstgeschichtlichen Forscher. Ihm kamen neue Forschungsstände rund um den Ausnahmemaler des 17. Jahrhunderts zu. Gemälde wurden gereinigt, neue Exposés wurden erstellt, neue Erkenntnisse kamen hinzu, ebenso neue Standorte. Seit die erste Auflage von 1996 mehrmals wiederveröffentlicht wurde, passierte einiges. Die Kunstgeschichtsprofessorin Odile Delenda, selbst Forscherin des „Goldenen Zeitalters“ in Spanien und Autorin des 1993 erschienenen Buches „Velázquez, peintre religieux“, nahm die Aufgabe an, die neuen Erkenntnisse zu sammeln und sachkundig neu zu ordnen. Delenda vervollständigte bibliographische Angaben zu Velázquez’ Werk, ließ neu entdecktes Aktenmaterial über Velázquez’ Italienaufenthalte von 1630 und 1632 zusammentragen, auswerten und analysieren. Wissenschaftliche Publikationen anderer Autoren flossen in den neu erschienenen Prachtband ein. Dem Maler neu zugeschriebene Gemälde und neue Werkeinzelheiten mussten ebenso berücksichtigt werden. Vorangig geht es bei den Neuzuordnungen und Details um die Identifizierung der Porträtierten sowie die Provinienz der Gemälde. 2003 wurde ein Bild für 23 Millionen Euro versteigert. Bislang nahmen Experten an, es handelte sich um die abgebildete Person um einen namenlosen Hofnarren. Das 1650 entstande Bild hat nichts mit dem 1645 gemalten Porträt des Zwerges gemein. Zunächst wurde vermutet, dass das Porträt den Barbier von Papst Innozenz X., Miguel Angelo Augurio, zeigt. Das sich in einer Privatsammlung befindliche Bild bildet nach neuestem Kenntnisstand von Marta Rossetti und Francesca Curti einen gewissen Ferdinando Brandani (1603-1654) ab, dem Kirchenrichter beim päpstlichen Sekretariat. Weil zu dem Bild keine Urkunden ausfindig gemacht wurden, stellten beide Kunsthistorikerinnen die kunstgeschichtliche Methode des Bildvergleichs an. Als gesichert kann ein von Angelo Caroselli geschaffenes Porträt des Richters aus dem Jahr 1654 gelten. Daraus schlossen beide Damen ihre Schlüsse, der Zwerg war doch ein „hohes Tier“. In ihrem Vorwort führt Delenda viele weitere Neuzuschreibungen und Kenntnisstände auf, die auf über 400 Seiten versammelt wurden. Eine umfangreiche Biografie begleitet die hochbrillanten Abbildungen.
Mit diesem Kraftpaket an wissenschaftlicher Forschung ist wohl jeder (werdender) Kunsthistoriker bestens gerüstet, sich weiterzubilden. Das heißt aber nicht, dass die Velázquezforschung abgeschlossen ist. Für die kommenden zehn bis 15 Jahre wird am Backstein tatsächlich kein Weg vorbei führen. Für Künstler ist der Maler ohnehin ein Muss, sind von ihm auch handwerkliche Technologien bekannt, die selbst moderne Künstler wie den US-Maler Don Harger beeinflussen. Laien und Kunstfreunde sollten aber die noch bis zum 15. Februar dauernde Velázquez-Ausstellung in Wien nicht verpassen. So werden die Arbeiten kein zweites Mal zu sehen sein.

 
Velázquez. Das vollständige Werk
Velázquez.
Das vollständige Werk
José López-Rey, Odile Delenda, Wildenstein Institute
Hardcover mit Ausklapper,
29 x 39,5 cm, 416 Seiten
€ 99,99

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