Der Ölflüsterer – US-Maler Don Harger

Von Daniel Thalheim

 

Er sagt von sich, er ist nur ein einfacher Mann aus einfachen Verhältnissen. Für ihn haben die Kunstgötter ein Geschenk offenbart, wie er sich als Künstler von industriell gefertigten Malprodukten emanzipieren kann. Er stieß auf alte Techniken der Malerei und wendet sie für seine Gemälde an. Don Harger verschlug es von New Jersey nach Leipzig. Nur eine Ausstellung lang als „Artist in Residence in Kultúrny dom“, aber auch diese Zeit war für ihn inspirierend.

Es war spät, als ich am Abend des 16. Mai die Galerie in der Bornaischen Straße betrat. Die Nacht schlug sein kühles Zelt über Connewitz. Durch eine Durchfahrt gelangte ich auf den Hinterhof, wo ich an einem Feuer eine Frau saß und sich wärmte. Licht und elektronische Sounds von der mexikanischen Klangkünstlerin Vero Mota drangen aus den Fenstern des Erdgeschosses des Hintergebäudes, wo vor einhundert Jahren die Tusche-Manufaktur von Rohrer und Klingner untergebracht war, von der sich sogar ein Pablo Picasso beliefern ließ. Vor 25 Jahren bündelte an dieser Stelle die Galerie „Eigen + Art“ den Aufbruch in eine freie Kunstwelt. Ein Vierteljahrhundert nach der vielversprechenden Aufbruchzeit schlug die Galeristin Barbara Lamoot ihre Zelte an dem geschichtsträchtigen Ort auf.

„Handmade is my Mantra“

Die Vernissage zu „Matter Materialist“ widmete sich dem Schaffen des US-amerikanischen Künstlers Don Harger, der extra aus den Staaten angereist war, um der Ausstellung beizuwohnen. Wenig später erzählte er in seiner Werkstatt sitzend, Werkstatt sitzend, die einst mal ein Lager war und er liebevoll herrichtete, dass er Leipzig noch gar nicht kannte. Erst durch Barbara Lamoot erfuhr er von der Geschichte Leipzigs und der Kunstszene in der Stadt. Der aus New Jersey stammende Maler gestand zugleich: „Noch nie war ich so kreativ wie hier!“ Dabei zeigte er auf die an der geweißten Wand auf Gasbetonsteinen stehenden Bilder, die wie von Eiskrem und Lippenstift bestrichen zu sein schienen. In der benachbarten Galerie befanden sich andere Werke, von großformatigen Bildern bis zu kleinen Werken, die wie von buntem Fett bestrichenes Brot aussahen. Auf die Frage, wie die Bilder entstanden seien, gab Harger seine Geschichte zum Besten.
Alles fing an, als er noch als Technologe der Metallgießerei und Holzwerkstatt bei der SCI-ARC, wo er auch studierte, arbeitete. Lamoot zu seinem Werdegang: „Er hat sich seit seiner Studienzeit  mit Technologien beschäftigt, neben mit Metall und Holz auch mit Papierverarbeitung als Künstlermaterial beschäftigt, sowie Stoff und Material in allen Formen.“
Sie führt auch aus, das sein Kollege Tad Spurgeon ein Buch über alte künstlerische Techniken schrieb. Es heißt „Living Craft – A Painter‘s Process“. Das bekam Harger in die Finger und las es begierig. Im Buch wurde auch die Technik beschrieben, die der spanische Vertreter des Manierismus, Diego Velázquez, anwandte, dessen Resultat Harger um eigene Experimente erweiterte und als „Sun thickend oil“ bezeichnete, sich auch patentieren ließ. Lamoot: „Hargers Schutzmarke bezieht sich an seine spezielle Rezeptur von Malmedium, auf Basis von den sonnenverdicktem Öl und Marmormehl und Kieselsäure und anderen natürlichen Substanzen.“
Sieben Jahre entwickelte er die Technik, bei der Malöl von seinen Lipiden befreit wird, indem er es mit Sand und Meersalz wusch, dann das gereinigte Öl in ein Aquarium goss und auf das Dach seines Häuschens stellte, das sich inmitten in den Wäldern von New Jersey befindet. Dort, wo Waschbär und Fuchs sich „Gute Nacht“ sagen, beschreibt es die Galeristin lächelnd. „Das Öl bekommt durch die Sonneneinstrahlung diese pastose Konsistenz, wie du sie hier siehst“, holte Harger freudestrahlend aus und präsentierte mir einen Topf mit der weißlich-cremigen Masse, die fast schon wie Eiskrem aussah und Harger als „X-Medium“ definierte. „Es ist unglaublich, wie damals die Maler ihre Werke schufen!“, sagte der Künstler begeistert. „Wir wissen, warum die Arbeiten von Velázquez und Rembrandt ihre Brillanz erhalten haben. Sie kannten ja industriell gefertigte Farben und Acryl noch nicht.“ Aber wenn Öl von seinen Lipiden befreit wird, kann sie noch Ölfarbe genannt werden?
Harger verzog seine Miene und unterstrich seine Erläuterungen mit der Gestik und den Geräuschen, wie aus einer Ölfarbenmaltube zuerst das Öl rausspritzt, wenn man sie auf eine Palette oder direkt auf die Leinwand ausdrückt. Auch schien er angesichts seiner Mimik zu verstehen zu geben, dass er auch die Ausdünstungen der Industriefarbe nicht mag. „Schau dir die Werke zeitgenössischer Maler an! Ihre Farben verblassen, sie verändern ihre Brillanz und Farbigkeit, weil die Industrie nichts von den Reaktionen von Ölen mit Pigmenten versteht.“ Um seine Rede so dick zu unterstreichen wie er auch seine Farbe auf die Leinwand aufträgt, fügte er mit tiefem Blick hinzu: „Handmade is my Mantra!“

Resultate des "Sun thickened oil" (Foto: Artefakte - Archiv)
Resultate des „Sun thickened oil“ (Foto: Artefakte – Archiv)

Joy Of Craft

Seine Ausführungen unterlegte Harger weiterhin mit seiner vielsagenden Gestik und Mimik. Er begann die Struktur der Farbpigmente zu beschreiben, wie sie heute verkauft werden. Er schien ein kleines Stück Knetmasse zwischen seinen Fingerspitzen zu rollen, und stellte fest: „Heute sind die Pigmente rund, aber sie müssen kantig und gebrochen sein, um sich wirkungsvoll mit dem Malträger und dem Bindemittel zu verbinden. „Seine Ölfarbe bricht das Licht auch vollkommen anders auf den mikroskopischen Flächen, im Gegensatz zu den runden Oberflächen von industriell gemahlenen Pigmenten, wo der höhere Druck und das längere Rollen die Pigmentteilchen rund formen“, führte Lamoot zur Materialbeschaffenheit des „Sun thickend oil“ aus. Harger ergänzte, dass die im Öl gebundenen Lipide verantwortlich seien, dass die Farbbrillanz abklingt und sich verändert. Auch sei die Wahl des Malträgers wichtig, dass ein Gemälde den Zahn der Zeit übersteht. Velázquez’ Technik sei aber der Schlüssel dafür, dass auch die Arbeiten von Harger selbst in fünfhundert Jahren noch die selbe Farbigkeit besäßen wie am Entstehungstag. Der Künstler blickte auf seine Arbeiten und bemerkte, dass er innerhalb von fünf Monaten fünfzig Werke schuf. Dann prägte ihn sein Leipzigaufenthalt, was zu einer künstlerischen Kollaboration mit der Galeristin Lamoot führte, die ebenfalls Kunst und Malerei studierte. So kreativ sei er zuvor nicht gewesen.
„Harger ist schon zuvor irre kreativ gewesen“, bemerkte Lamoot lächelnd. „In Leipzig hatte er einfach Zeit, um nur als Künstler tätig sein zu können, deswegen die Produktivität. Das von ihm geschaffene „Sun thickend Oil“ war für seine künstlerische Entwicklung enorm wichtig. Aber auch, dass er sich aus dem Großstadtleben zurückzog und fortan in seinem Haus am Rande der Zivilisation die Kunstwelt um neue Malerei erweitert.“
Der Künstler wirkte zufrieden als ich den Hof verließ und noch zuschaute, wie der kleine Hund der Galeristin über die Pflastersteine sprang. Verkaufte Harger bereits zwei Gemälde und einen Topf seines eigens geschaffenen „Malfetts“.

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