HGB-Jubiläum – Verschenkte Chancen?

250 Jahre hat die einstige Kunstakademie in Leipzig auf dem Buckel. Während andere Institutionen feiern, was das Zeug hält, Retrospektiven schaffen und kräftig die Werbetrommel rühren, bleibt es in der Hochschule für Grafik und Buchkunst erstaunlich ruhig. Große Biografien über einstige Rektoren wie Veit Hanns Schnorr von Carolsfeld bleiben aus, ebenso eine kritische Historie über die Rolle der Leipziger Kunsthochschule im Dritten Reich und in der DDR. (Von Daniel Thalheim)

Die Hochschule gibt sich sichtlich Mühe, wenigstens innerhalb von Leipzig auf ihre vierteljahrtausendjährige Geschichte hinzuweisen. Als 1764 die Akademie in der Messestadt aus der Taufe gehoben wurde, war sie ein Ableger der Dresdner Akademie. Ihre Rektoren waren Künstler von Rang und Namen. Im 19. Jahrhundert emanzipierte sich die Leipziger Akademie, indem sie sich neuen grafischen Techniken zuwandte, in dem Fall waren es neue Drucktechniken und die Fotografie. Nach dem 20. Jahrhundert ist die Hochschule für Grafik und Buchkunst noch immer eine Akademie, die sich mit dem Hier und Jetzt auseinandersetzt. Medienkunst heißt die Devise, die neben Buchkunst, Grafik und Malerei aufblüht. Die nahezu 50-jährige Episode der „Leipziger Schule“ scheint mit dem Weggang von Neo Rauch als Professor an der Hochschule als Begriff erschöpft zu sein, Malerei hat dennoch in der Wächterstraße sein Zuhause, wenn auch nicht mehr so viel Federlesen darüber veranstaltet wird.
Ebenso wenig Aufsehen erregt das HGB-Jubiläum in diesem Jahr. Keine Retrospektive, die allumfänglich über die Historie der Akademie berichtet, die mit Namen wie Adam Friedrich Oeser, Johann Friedrich Tischbein und Veit Hanns Schnorr von Carolsfeld ebenso eng verknüpft ist wie mit Grafikern und Malern des 20. Jahrhunderts wie Hugo Steiner-Prag, Max Schwimmer, Bernhard Heisig, Werner Tübke und Arno Rink. Über die Maler und ihr Schaffen ist viel bekannt. Ihr Wirken an der Leipziger Kunstakademie ist aber nicht ausreichend erforscht. Eine Lücke klafft in der Forschungsgeschichte für die Zeit des Dritten Reichs und der Zeit während der Sowjetischen Militäradministration. Welche Rolle spielten die damaligen Professoren Max Seliger und Walter Tiemann? Vor allem Tiemanns Geschichte wirft viele Fragen auf, als er 1944 von Adolf Hitler persönlich in die so genannte „Gott-Begnadeten“-Liste aufgenommen worden war, was den Gebrauchsgrafiker und Typograph vor dem Kriegseinsatz an der Heimatfront bewahrte. Die HGB beklagt heute noch den Verlust wichtiger Unterlagen von Studenten und Professoren aus der dunklen Zeit der Akademiegeschichte, weil aufgrund der teilweisen Zerstörung der Akademie bei der Bombennacht 1943 und wahrscheinlich in den letzten Kriegstagen vorgenommenen Aktenvernichtung die nationalsozialistischen Hintergründe mancher Mitarbeiter für immer verloren gingen und so eine lückenlose Aufarbeitung nahezu unmöglich gemacht wird.
Dass aus den Reihen der HGB nicht ausreichend genügend Publikationen erscheinen, wurde im Vorfeld des Jubiläums mit Geldmangel „gerüchtet“. Für eine wissenschaftliche Publikation dieser Art fehle das Geld. Fürs Jubiläum wurden zum Unmut der Hochschule zu wenig Finanzmittel vom Freistaat Sachsen freigeschaufelt, hieß es auch. Verschenkte die HGB wegen dieser Zwangslage zwei Chancen? Einerseits, sich gegenüber den Sächsischen Ministerium für Kultus und Wissenschaft zu behaupten, handfesten Aufarbeitung ihrer Geschichte zu überraschen?
„Das kann nicht bestätigt werden“, so Rektorin Ana Dimke. Sie legt auch auch im Interview dar, dass die Geschichte von Walter Tiemann nicht einseitig betrachtet werden darf. Dazu die Rektorin: „Generell erschwert die Archivlage die Forschungen zum Nationalsozialismus.
Zu Walter Tiemann, der selbst nie Mitglied der NSDAP war, gibt es allerdings nicht nur innerhalb der HGB Forschungen, die zwar seinen bürgerlich-konservativen Hintergrund thematisieren, jedoch nicht auf eine aktive Rolle im Sinne des Naziregimes schließen lassen.“ Tatsächlich lässt sich eine Aktennotiz der Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP, die 1983 wissenschaftlich aufgearbeitet veröffentlicht wurden, dahingehend interpretieren, dass Tiemann sich zwar eine Zeit lang mit den Nazis arrangierte. Dennoch: Gegen ihn liefen vom 23. Mai 1940 bis 11. Juli 1941 Ermittlungen als er noch Direktor der Staatlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe – der Name des Vorläufers der HGB – in Leipzig war, Demnach wurde er mit dem Erreichen des Rentenalters in den Ruhestand versetzt. 1945 nahm er kurzeitig unter der sowjetischen Administrationsregierung von Leipzig den Dienst als Direktor wieder auf. Weswegen gegen Tiemann staatlicherseits ermittelt wurde, lässt sich aus den Akten nicht ablesen. Stattdessen waren Leute wie der Grafiker Walter Gasch diejenigen, die für die Linientreue der HGB im NS-Regime sorgen wollten. Gasch, selbst erklärter Verfechter der deutschen Kunstbewahrung, war seit 1930 Leiter der „Gaufachgruppe der bildenden Künste der NSDAP“ trat auch gegen den Dresdner Kunstwissenschaftler Hans Posse auf, der in den frühen Dreißiger Jahren die Dresdner Gemäldegalerie um expressionistische Werke erweiterte und so heftigen Gegenwind von Gasch aushalten musste, der 1929 als Lehrbeistand für Licht- und Tiefdruck an die Leipziger Kunsthochschule eingestellt wurde und seit 1933 als Stellvertreter Tiemanns fungierte.
Dimke untermauert, dass die Hochschule kontinuierlich an der Geschichtsaufarbeitung forscht: „Das … lebendige Interesse an geschichtlichen Fragenstellungen (sic.) ist aktuell an mindestens drei Ausstellungen ablesbar.“ Mit den Schauen meint die Rektorin die Ausstellung „Freundschaftsantiqua“ in der GfZK, das sich aus Archivmaterial der HGB – Diplomarbeiten und Studienarbeiten von ausländischen Studierenden auseinandersetzt und zusammen gesetzt wurde. Der Fokus liegt auf der Geschichte der Hochschule in der DDR im weitgehend unerforschten Gebiet der Internationalität in Kunst, Kulturpolitik und Kulturaustausch in der DDR. „Ein weiteres Projekt zum Wirken von Prof. Emanuel Goldberg an der HGB hat beim Rundgang 2014 großes Interesse gefunden und wird voraussichtlich dazu führen, dass der Nachlass des bedeutenden jüdischen Wissenschaftlers, der 1933 zur Emigration gezwungen wurde, nach Deutschland kommt“, so Dimke weiter. „2013 zeigte der Kunstverein Leipzig das Projekt „Orte, die man kennen sollte — Spuren der nationalsozialistischen Vergangenheit in Leipzig“ von Prof. Torsten Hattenkerl und Prof. Dieter Daniels, welches auch in einer sehr gelungen Publikation gefasst ist.“ Die Hochschuldirektorin blickt auch auf andere Publikationen. „Anlässlich des 250. Jubiläums der HGB erscheint eine Publikationsreihe „Journale“…“, sagt sie. „Des Weiteren erscheinen nicht nur anlässlich des Gründungsjahres, sondern kontinuierlich hervorragende Publikationen das Instituts für Buchkunst, wie die jüngst erschienene zur Architektur des Gebäudes der HGB, die sich immer wieder mit verschiedenen geschichtlichen wie gesellschaftspolitischen Kontexten auseinandersetzen.“
Zum Teil wird sich eine im Museum der Bildenden Künste stattfindende Ausstellung mit der Geschichte der Leipziger Kunstakademie beschäftigen. Es werden aber vorrangig nur die vergangenen 25 Jahre nach den Wendeereignissen beleuchtet. Die DDR und auch die Verknüpfungen de HGB mit dem damaligen politischen Apparat, sowie die Gegenpositionen der Künstler geraten nicht so ins rechte Licht der Öffentlichkeit.
Eine verschenkte Chance für die Hochschule, die in ihrer Geschichte im 20. Jahrhundert sehr viel Stoff liefern könnte, auch wenn man danach etwas länger suchen muss.

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