Erster Weltkrieg und die Kunst – Der Großbiblische

Die „Kleinen blauen Pferde“ galten wie andere Tierbilder, die 1911 und danach entstanden, als Marcs Weg zur Abstraktion, den er noch in seinen Kriegsaufzeichnungen als falsch bezeichnete. (Bild: Die kleinen blauen Pferde, Öl auf Leinwand, 61 × 101 cm, Staatsgalerie, Stuttgart)
Die „Kleinen blauen Pferde“ galten wie andere Tierbilder, die 1911 und danach entstanden, als Marcs Weg zur Abstraktion, den er noch in seinen Kriegsaufzeichnungen als falsch bezeichnete. (Bild: Die kleinen blauen Pferde, Öl auf Leinwand, 61 × 101 cm, Staatsgalerie, Stuttgart)

Wassily Kandinsky sagte 1935 über den bayrischen Maler Franz Marc, dass er ein sehr ausgeglichener Mensch, dem selbst München zu klein war. Der russische Vorreiter der abstrakten Malerei beschrieb Marc als Naturburschen, der im Pelzmantel, mit Pelzmütze und selbst geflochtenen Strohschuhen vor der Staffelei stand und den „Turm der blauen Pferde“ malte. Im März 1916 fiel Franz Marc im Ersten Weltkrieg. Anderthalb Jahre vor ihm der deutsche Expressionist August Macke. Von Marc kennen wir seine Briefe und Schriften aus dem Krieg. (Von Daniel Thalheim)

Welches Licht werfen seine Briefe auf den Künstler, die der Mitbegründer der Redaktionsgemeinschaft „Der Blaue Reiter“ an seine Frau Maria, seine Mutter und seine Freunde schrieb? Bereits zu Beginn der Kriegserklärung des Deutschen Reiches an Russland und seine Verbündeten am 1. August muss Marc den Einzugsbefehl in den Händen gehalten haben. Spätestens jedoch am 3. August. Denn er verfasste an seinen Freund, den österreichischen Grafiker, Schriftsteller und Buchillustrator Alfred Kubin (1877 – 1959), eine Postkarte aus München, in der er ausführt: „…, ein letzter Gruß von hier, wo alles noch so friedlich scheint, allerdings schon totenstill, nun müssen wir einmal schweigen und die Weltgeschichte reden lassen. Ich rücke am Donnerstag ein. …“ Größte Sorge galt aber seiner Frau und seinen Zeichnungen, die Kubin womöglich an einen „feuerfesten Ort“ bringen sollte, wenn er aus dem österreichischen Zwickledt nach München kommen sollte. Von Begeisterung für den Krieg kaum eine Spur. Kein Hurra, und keine selbstherrlichen Beschreibungen wie sie der Schriftsteller Ernst Jünger (1895 – 1998) über den Weltkrieg verfasste.
Bereits am 1. September befand Marc sich mit seiner Garnison im Elsaß. Schon da schrieb er kurz von „Schlachten mitgenommenen Gegenden“ und einer „scheuen Bevölkerung“, die der Künstler als „franzosenfreundlich“ einschätzte. „Ich möchte hier nicht leben.“ Schnell ließ Marc sich vom Kriegstreiben beeindrucken. Schon am folgenden Tag befand er sich an der Feuerlinie bei Remomeix. In seinen Brief an seine Familie verfasste er auch die Zeilen: „Auf der Heeresstraße Sâles-Dié ein unglaubliches Kriegstreiben; ich fühl mich so wohl dabei, wie wenn ich immer Soldat gewesen wäre…“
Klingt so ein Künstler, der, wie Kandinsky knapp zwanzig Jahre später beschrieb, der ausgeglichen und ruhig ist, vor allem aber auch sich in seiner Kunst als unpolitisch verstand? Wäre in dem Brief vom 2. September 1914 nicht der Zusatz, als Marc sich so „wohl beim Kriegstreiben“ fühlte, dass er mit den Erlebnissen von Obstdiebstählen und Weintrinken sprach. Marc entspricht mit seinen Erlebnisschilderungen von den ersten Kriegstagen dem Bild, das Historiker wie Fritz Fischer als „Hurra-Erlebnis“ bezeichneten. Auch Marc sprach in seinen Briefen mehrfach davon, Weihnachten wieder zur Familie zurück gekehrt zu sein. Von einer „ Urkatastrophe“, wie sie später der US-amerikanische Historiker George F. Kennan analysierte, war auch bei Marc nicht die Rede. Auch politische Zusammenhänge treten in seinen Schriften nicht zutage. Stattdessen erfährt der Leser von Marcs Ausritten mit seinem Pferd durch Mondnächte, Übernachtungen auf Heuböden, das Geräusch von Kühemelken und was er aß. Er gab zwischen den Zeilen auch an, dass er oft nicht realisierte, was um ihn herum passierte. Er flüchtete sich immer öfter in die Sehnsucht nach seinem Zuhause, seiner Frau und seinen Hunden je länger der Krieg dauerte. Zunächst verharren seine Berichte im Wiedergeben von Heeresmärschen. Selbst nationalistischer Patriotismus schwingt in seinen Zeilen mit, die im darauffolgenden Schriftstück nach Ermahnen seiner Frau wieder verklangen. So sehr er sich anstrengte, die politischen Zusammenhänge zu erfassen, so blieb er bis zum Schluss Künstler. Bereits am 12. September 1914 schrieb er: „Ich denke so viel über diesen Krieg nach u(.) komme zu keinem Resultat; wahrscheinlich weil die Ereignisse mir den Horizont versperren. Man kommt nicht über die Aktion hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen. Jedenfalls macht der Krieg aus mir keinen Naturalisten, – im Gegenteil: ich fühle den Geist, der hinter jeder Kugel schwebt, so stark, dass das Realistische, Materielle ganz verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuten, als ihre Namen sagen: nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit, chiffriert, – oder meine Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die wahre Sprache der Dinge heut schon herauszuhören. Es ist unglaublich, dass es Zeiten gab, in denen man den Krieg darstellte durch Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern, stürzenden Pferden od.(er) Patroullienreitern, … Dieser Gedanke erscheint mir direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der‘s doch noch am besten gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch besser, – aber wir werden es doch noch ganz anders machen, ganz anders! Wann werde ich wohl wieder malen dürfen? …“
Diese Sehnsucht und die Sorge um das Wohlbefinden seiner Frau unterfütterten bis zu seinem Tod im März 1916 den Ton seiner Briefe. Der Expressionist gab sich der Hoffnung hin, nach dem Krieg wieder künstlerisch tätig sein zu können. Schon im November 1914 erkannte er, dass der von den deutschen Militärs herbei geführte Zweifrontenkrieg Deutschlands auch die USA hinein ziehen würde. „Dieser Weltbrand ist wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte.“ Sein Ende hat der Künstler nicht erleben dürfen. Noch bis zu seinem frühen Tod arbeitete er an kunsttheoretischen Schriften. Die expressionistische und mit Marc befreundete Schriftstellerin Else Lasker-Schüler bezeichnete ihn in ihrem 1916 publizierten Nachruf zu Recht als „Großbiblischen, an dem der Duft Edens hing“.

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